eilage um Wiestla-ener Tagblatt.
Uo. 410. Morgen-Ausgabe.
Dienstag, den 4. September.
48. Jahrgang. 1900.
(85. Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
Inng-ULn.
Roman von A. ZS. Itoüinson.
Er hatte schon gelernt, den Herrn zu spielen, den Tyrannen, denn es giebt keine größeren als die Musiker. Rang und Titel machen keinen Eindruck auf sie; sie sind unumschränkte Herrscher in ihrem eigenen Reich.
„Ruskoff spielt noch einmal," ging es von Mund zu Mund, „in einer halben Stunde vielleicht ... in einer Stunde..."
Die Gesellschaft vertheilte sich in die verschiedenen Zimmer, um den Kunstgenuß zu besprechen und zu erörtern, and der große Mann stand auf und wollte, die Hände auf dem Rücken gekreuzt, hinausgehen, um sich zu erholen.
Mit einem Mal blieb er stehen, drehte sich um und sah nach Nin, die eben auch ans ihrem Stuhl eine Wendung gemacht hatte, um ihm nachzublicken. „Es hat so sollen sein" hätte sie sich sagen können, sie dachte aber gar nicht nach, sondern zitterte nur leise, als er jetzt nach kurzem Zögern auf sie zukam.
„Nin!" rief er. „Es ist Nin! Gräfin Kane. wollte ich sagen," verbesserte er sich mit einer tiefen Verbeugung. „Verzeihung ... ich bin immer noch unbesonnen und ungeschliffen."
„Ich werde immer Nin bleiben für meine Freunde . . . wenn ich noch welche habe," sagte sie, ihm die Hand ent- zegenhaltend.
Auf solch ein Zeichen der alten, grausam gestörten Freundschaft war er nicht gefaßt gewesen. Er hatte kein Recht darauf, und wenn er sich ihr Schweigen, ihre Unerbittlichkeit zurückrief, so war cs ja Thorheit, Wahnsinn von ihm gewesen, daß er im ewig währenden Verlangen nach ihrer Verzeihung den Schritt auf sie zngelenkt hatte. Er wollte ja nichts, nur jetzt, auch noch nach der elften Stunde von ihren Lippen hören, daß das Vergangene vergeben sei, und dann seine Straße ziehen. Mehr wollte er nicht, jetzt, da sie eine Gräfin war und eines Andern Weib.
Tief aufathmend ergriff er ihre Hand und beugte sich so lang darüber, daß es gut war, daß die Mehrzahl der Gäste den Saal verlassen hatte.
„Das ... das hatte ich nicht vorausgesehen! Es benimmt mir völlig den Athem," sagte er leise mit heiser klingender Stimme, „und übertrifft meine kühnsten Träume." 3*' „Was verwundert Sie denn so sehr, Herr Ruskoff?" fragte Nin. „Was war, liegt ja so weit zurück, und ich hoffe, daß wir Beide vergessen gelernt haben."
„Vergessen? Nein, niemals!" erwiderte er mit dem ihn kennzeichnenden Ungestüm, das den Stempel der Uebertreibung trug und von Jung-Nin so oft ins Lächerliche gezogen worden war. „Aber ich war so gewiß, nie Verzeihung zu erhallen."
„Woher diese Gewißheit, Paul?"
Er setzte sich auf den freien Stuhl neben ihr; sie waren wohl nickt allein, wurden aber nicht belauscht. Von der Vergangenheit durften sie sprechen, wenn sie den Milth dazu hatten, denn ein gefährliches Gebiet war es für sie. die einst Liebesworte gewechselt hatten und immer noch 'jung und schön waren.
„Das
„Woher?" wiederholte er, die Achseln zuckend, wissen Sie doch!"
„Nein, ich weiß es nicht," versetzte sie. „Es gab eine Zeit ..."
„Bitte, bitte, sprechen Sie weiter!" bat er eindringlich.
„Es gab eine Zeit, wollte ich sagen, wo es über meine Kräfte gegangen wäre, Ihnen zu verzeihen, wo es mir schien, als ob Ihre harten Worte unsühnbar wären . . . daun aber ..."
„Dann aber?"
„Nahm ich mir sie nicht mehr so zu Herzen und sagte mir, daß Sie überreizt, außer sich, rasend gewesen sein mußten."
„Das war ich, Nin . . . wahnsinnig! Darin liegt meine einzige Entschuldigung. Sic können mir die Neue nicht uachfühlen, die ich empfand, nicht die Scham und Selbstanklage, die mich uiederwarfen!" rief er. „Ich habe gelitten, o mein Gott! Und wie gelitten! . . . von jenem Tag an bis heute wie nur ein Missethäter leiden kann, ein Missethäter, dem keine Vergebung der Sünden zu Theil wird."
Jetzt war es an Nin, die Achseln zu zucken. Der Mann hatte gelitten, das war gewiß, aber sein Stolz hatte ihn abgehalten, sich auch nur mit einem Wort zu demüthigen . . . sein Leiden war reichlich verdient! Nin hatte nicht den Wunsch, die Sache näher zu erörtern, nicht unter den Angen vielleicht neugieriger Gäste und der Bedienten, die auf- und abgingen, um die Sitze wieder zu ordnen. Er bereute jene Scene und damit war es zu Ende ... sie war Gräfin geworden, er weltberühmt, ihre Wege gingen weit auseinander, sie hatten nichts mehr gemeinsam. Nach Frauenart mußte sic aber doch noch einen Pfeil abschnellen.
„Und warum kann der Mensch nicht lieber Abbitte leisten . . . nur erklären, statt so grausam zu leiden?" fragte sie.
Es war eine schicksalvolle Frage; sie hätte den Folgen nach keine unseligere stellen können.
„Sag' das noch einmal, Nin . . . Verzeihung, Frau Gräfin ... ich verstehe Sie nicht recht," stammelte er mit entfärbten Lippen. „O bitte, wiederholen Sie,'s Worr für Wort!"
„Meine Worte lohnen der Wiederholung nicht, und diese ganze Erörterung ist unser nicht würdig," versetzte Lady Kane, von seinem herrischen Ton verletzt. „Diese Thor- hcitcn liegen ja hinter uns."
„Das gilt mir gleich, nur wiederholen Sie, was Sie vorhin sagten," rief er. „Thun Sie's zu meinem Heil!"
„Zu Ihrem Heil! Und was noch?" fragte Nin entrüstet.
„Zn Ihrem eigenen Heil, meine ich, weil es nicht wahr ist ..."
„Was ist nicht wahr? Wie können Sie wagen . . ."
„Sie sprechen die Unwahrheit," rief er beinahe kreischend. HWrzcihen Sie mir ... Sie müssen sich des Briefes erinnern, worin ich Ihre Vergebung anflehte, des Briefes, worin ich Ihnen von der Wendung meines Schicksals Nachricht gab und Sie bat, meine Frau zu werden . . . und dann der Botschaft, die ich in der Nacht darauf sandte, wo ich Sie nur um ein einziges Wort bat, daß ich leichteren Herzens von dannen ziehen könnte. Sie sagen, daß «sie Alles vergessen haben, ich aber kann's nicht glauben! Sie
ergreifen die Gelegenheit, sich an mir zu rächen, mich zu demüthigen ... o ich verstehe es wohl."
„Sie sind wahnsinnig, Paul," entgegnete Nin ruhig. „Es ist mir lieb, daß wir uns nicht mehr oft sehen werden, daß dies das Ende ist. Sie sind's, der Unwahrheiten sagt, greifbare Lügen!"
„Lügen ... wie so Lügen?"
„Sie haben mir ja kein einziges Mal, nicht eine Zeile geschrieben."
„Großer Gott, sind wir Beide verrückt geworden? Was soll das heißen?" zischte er aufspringend und wie ein Richter vor ihr stehend. „Sagen Sie's noch einmal, sagen Sie mir's ins Gesicht, daß ich nie geschrieben habe!"
„Gewiß."
„Daß ich Ihnen in der Nacht nach Ihrer Verlobung keine Botschaft sandte?"
„Sie haben mir keine gesandt."
„Gräfin, ich thal's!"
„Durch wen? Sagen Sie. mir doch durch wen?"
„Durch ihre Schwester Kitty."
„Kitty! Meine Schwester," wiederholte sie, die Worte kaum hauchend, wie man im Traum sprechen mag, „meine eigene Schwester . .
Der heisere, leidenschaftliche Klang von Nuskoffs Stimme, Lady Kanes gespanntes, erregtes Gesicht Hallen nicht verfehlt, die Aufmerksamkeit der da und dort plaudernden Gäste wachzurnfen, aber man gab sich nicht die Mühe, »ach der Veranlassung ihres Streits zu forschen. Vermuthlich war es eine Meinungsverschiedenheit über die Wahl der Nummer, die Ruskoff noch spielen wollte — Beide waren sie ja Be- rufsmusiker — und Lady Kane mochte sehr bestimmt und formlos auf ihrem Willen bestehen, Ruskoff aber war wohl so eitel und reizbar, wie Alle seines gleichen. Schade, daß sie jetzt ihre Stimmen dämpften, es sing eben an interessant zu werden und man hätte aus ihrem Gespräch manches lernen können. Der Hausherr, ein wachsamer und zum Mißtrauen geneigter Mann, hatte eine etwas andere Vorstellung vom Gesprächsgegenstand dieser Beiden, er würde sie auch gern auf ihre Nichtigkeit geprüft haben, aber Lady Kane warf ihm einen Blick zu, daß er sich mit herzlich schlecht gespielter Unbefangenheit davonschlich.
„Es thut mir leid, Paul," sagte sie, als sie nach einer langen -Weile die Sprache wiederfaud, mit seltsam fremd klingender Stimme. „Es thut mir sehr leid ... ich wußte wirklich nichts davon."
„Was wußten Sie nicht?" fragte er leise, indem er sich wieder neben sie setzte. „Sagen Sie mir, was Sie nicht gewußt haben?"
„Wozu? Weshalb?" rief sie ungeduldig. „Ich hasse dieses Verhör . . . Sie haben kein Recht, mich mit Fragen zu quälen, die mich beunruhigen, demüthigen ... ich will keine Antwort geben."
„Ich will Ihnen kein Unrecht thun, Nin . . . Lady Kane," sagle er mit tief traurigem Ton, aus dem aller Groll verschwunden war, „und ich will unbedingt glauben, was Sie mir auf die einzige Frage, die ich noch stellen muß, zur Antwort geben werden."
(Fortsetzung folgt.)
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