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Wo. 409. Abend-Ausgabe. Montag, den 3. September. __ 48. Jahrgang.

1900.

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Tod ist Trennung! Dreifacher Tod Trennung, ohne Hoffnung, wiederzusehen. Goethe.

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(4. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

Ein Opfer.

Noinan von H. tzstier-

Diese Vorliebe für die Kunst war cs auch, welche zwischen ihr und dem Prinzen Aribert von Kalenburg, ihren Neffen, ein innigeres Band geknüpft hatte, als es sonst wohl der Fall gewesen wäre. Prinz Aribert, der Sproß einer wenig begüterten Seitenlinie des regierenden fürstlichen Hauses, war in seiner Jugend von einem überschüumenden Lebensmnth, der ihn mit seiner Familie in manche Konflikte gebracht. Statt in Berlin oder Potsdam als Gardeoffizier zu leben, hatte er es vorgezogen, sich den künstlerischen und wissenschaftlichen Kreisen der Hauptstadt anznschließen, bald in tollen Streichen mit der lebenslustigen Küustlerwelt wetteifernd. Bald sich in geographisch-ethnologische Studien vertiefend, die ihn neben der Malerei ganz besonders anzogen. Seinem Vater, den regierenden Fürst Waldemar, war dieses Treiben des Prinzen garnicht recht, es kam öfter zu schweren Auseinandersetzungen und die Fürstin-Mutter mußte dann die Vermittlerin spielen.

Nach einer solchen peinlichen Auseinandersetzung verschwand Prinz Aribert plötzlich aus Deutschland. Nach einigen Wochen kam von ihm Nachricht ans Kairo. Er hatte sich einer wissen­schaftlichen Expedition in das Innere Afrikas angeschlossen. Seitdem waren fünf Jahre ins Land gegangen; die afrikanische Expedition war längst zurückgekehrt, nicht so der Prinz, der nunmehr auf eigene Faust mehrere Forschungs­reisen in das Innere Afrikas/ nach den Inseln der Südsee und in das Innere des ungeheuren chinesischen Nciches unternahm.

Sein Begleiter war Doktor Wisser, ein junger Gelehrter, mit dem der Prinz schon in Berlin Freundschaft geschlossen hatte. Die Berichte, welche Doktor Wisser über ihre Reisen an die geographische Fachzeitschriften schickte, erregten das Aufsehen der gelehrten Welt. Bei der endstch erfolgten Heimkehr der Reisenden wurde Doklor Wisser zum Professor an dem orientalischen Seminar in Berlin ernannt, während Prinz Aribert Ehrenmitglied und Ehrenvorsitzender mehrerer gelehrter und kolonialer Gesellschaften wurde.

Aber der Prinz machte sich wenig aus dieser Ehre. Er schrieb an seine Tante und bat um ein Asyl, wo er seinen Studien und seiner Erholung leben könne, und die Fürstin Amalie räumte ihrem wilden Liebling mit Freuden einen Flügel des alten weitläufigen Schlosses ein.

„Und so bin ich denn in diesem stillen Erdenwinkel vorläufig vor Anker gegangen, mein Fräulein, um mich einmal tüchtig zu erholen von der Unruhe und der Unrast der Welt", schloß der Prinz anfathmend seine Erzählung, während er mit Louise auf der großen Veranda stand, welche einen herrlichen Ausblick in den Park des Schlosses und den sich daranschließenden Hochwald gewährte.

Es war nach dem Diner, zu dem Louise befohlen worden war, um später der Fürstin ihre Skizzen und Studien zu zeigen.

Außer ihr waren noch Professor Schiedmann, der künst­lerische Beirath und Gallericinspektor der Fürstin, der halb- taube Geheime Archivrath von Wengern, Vorsteher deS fürst­lichen Archivs, sowie Fräulein von Wedemeycr geladen, welche fast in Ehrerbietung vor der Durchlauchtigsten Frau Fürstin erstarb.

Gräfin Harnburg, die Oberhofmeisierin, Freifräulein von Ernsthausen und der dienstthuende Kammerher Baron von Allersheim vervollständigten den kleinen Kreis.

Gräfin Harnbnrg war eine würdevolle, etwas korpulente und etwas phlegmatische Dame in den fünfziger Jahren. Ihre weißen Hände blitzten von zahlreichen Diamanteu- ringeu; große Diamanten schmückten auch ihre kleinen Ohren und eine große Brillantbroche ruhte auf ihrem hoch­gewölbten Busen. Sie sprach wenig, aß aber desto mehr und lächelte fortwährend.

„Meine gute Harnburg," nannte die Fürstin die Ober­hofmeisterin, die sehr die Bequemlichkeit liebte, mit leisem Spott, aber mit rührender Liebe und Treue an der Fürstin hing, der sie nun schon über dreißig Jahre zur Seite stand.

Fräulein von Ernsthausen war dagegen ein kleines Sprühteufelchen. Schlank und zierlich bis zur Magerkeit, mit wirrem, wie zerzaust aussehendem schwarzen Lockenhaar, und blitzenden, kecken, braunen Augen, bildete sie einen wunderlichen Gegensatz zu der großen, umfangreichen Ge­stalt der Oberhofmeisterin, mit der sie übrigens in ewigem kleinen Kriege lebte. Jetzt plauderte und kicherte sie mit dem Baron von Allersheim, einem tadellosen, korrekten Kavalier von etwa vierzig Jahren, der die Hofmarschall­geschäfte der Fürstin besorgte. Die „gute Harnburg" lehnte schweigend in einem Sessel und blinzelte müde mit den kleinen Augen; ihr fehlte augenscheiuli.ch das gewohnte Mittagsschläfchen.

Die Fürstin unterhielt sich mit Professor Schiedmann über eine Neuerwerbung für ihre Gallerte, und Fräulein von Wedemeyer hörte ehrerbietig zu.

So waren sich denn der Prinz und Louise allein über­lassen.

Louise hörte mit Interesse den launigen Erzählungen des Prinzen zu. Sie erkannte sehr wohl, daß hinter diesen Scherzen und ironischen Bemerkungen ein reiches Geistes­leben verborgen war, das äußere Verhältnisse nicht zur Ent­faltung kommen ließen. Sie hatte schon oft in ihrem Leben fürstlichen Personen gegenüber gestanden und mit ihnen ge­sprochen; Befangenheit kannte sie daher nicht und munter antwortete sie auf die Scherzreden des Prinzen.

„Ich glaube, mein Fräulein," sagte der Prinz lachend, „wir werden mit der Zeit gute Freunde werden. Ich empfinde so etwas wie GeisteSverwandischaft mit Ihnen."

„Das ist sehr schmeichelhaft für mich, Durchlaucht, aber ich wüßte wirklich nicht, worin diese Geistesverwandtschaft bestehen sollte. Ich habe noch keine bahnbrechenden Ent­deckungen in der Wissenschaft gemacht," entgegnete Louise lächelnd.

„Das ist auch nicht nöthig. Nebrigens habe ich Ihnen schon gesagt, daß der eigentliche Bahnbrecher mein Freund Doktor Wisser war. Aber die Welt will ja stets einen vornehmen Nanrrn an der Spitze von „bahnbrechenden" Er­eignissen haben, wie sie unsere Reisen nennen. Wenn eine Schlacht gewonnen wird, so hal's nicht der Gencralstabs- Offizicr verschuldet, sondern natürlich der fürstliche Genera­lissimus — wenn er auch von Strategie und Taktik kein Sterbenswörtchen versteht. So ist's auch in der Wissen­schaft heutzutage, gnädiges Fräulein. Ohne einen Prinzen geht es heute bei keiner Gesellschaft oder Ansstellung ab — ein Prinz oder eine Prinzessin mindestens muß das Pro­tektorat übernehmen, und handelt cs sich auch nur darum, einigen Dutzend Waisenkindern warme Wollstrümpfe zu stricken."

„Durchlaucht übertreiben."

„Im Gcgentheil. — Es ist nur ein Glück, daß Deutsch­land" so viele Prinzen und Prinzessinnen hervorbringt. Was sollten sonst wohl alle diese Wohlthütigkeits-Anstnlten und gelehrten Vereine anfangen? Ein einfacher Professor oder ein Kommerzieurath an der Spitze zieht nicht mehr . . selbst eine richtige Excellcnz ist längst nicht mehr gut geuug. Ein Prinz muß cs sein! Denken Sie, gnädiges Fräulein, wie das unser Standesbewußtscin heben muß! Wir sind doch nicht ganz überflüssig auf der Welt."

„Sie haben bewiesen, Durchlaucht, daß deutsche Prinzen auch noch andere Ziele erstreben, als ein solches dekoratives Dasein."

„Ich danke Ihnen, mein Fräulein. — Sie sind eine Schmeichlerin und. sollten Hofdame bei Ihrer Hochfürstlichen Durchlaucht, meiner gnädigsten Cousine, der Frau Fürstin, werden."

„Dazu habe ich wahrhaftig kein Talent, mein Prinz," lachte Louise.

„Sehen Sie, das ist wieder die Geistesverwandtschaft! Ich will Ihnen nur gestehen, daß ich auch kein Talent zu einem Hofmann habe. Das ist ja der Schmerz meiner Familie! Und dann — ich habe von Professor Schiedmann so allerlei über Sie gehört; Sie sollen ebenfalls nicht im besten Einvernehmen mit Ihrer Familie stehen. . . ."

„Durchlaucht, ich bitte . . ."

Louise erröthete, ziemlich berührt durch des Prinzen Anspielung.

„Ah, Verzeihung, mein gnädiges Fräulein," rief dieser. „Ich wollte keine unangenehme Empfindung in Ihnen wecken, sondern nur unsere Geistesverwandtschaft beweisen. Unab­hängigkeit der Gesinnung glaube ich auch bei Ihnen bemerkt zu haben."

Louise blickte rasch auf. doch ebenso schnell senkte sie die Augen wieder vor dem seltsam aufflammenden Blick der seinen. Aber sie fühlte, daß sein Blick auf ihrem Antlitz haften blieb, und langsam stieg ihr das Blut in die Wangen.

„Durchlaucht belieben zu scherzen," sagte sie streng und förmlich, indem sie sich etivas von ihm abwandte.

„Ah — bah —" sagte der Prinz. Sein Gesicht ver­düsterte sich und in heftiger Weise zerrte er an seinem langen Schnurrbart. „Ich hoffe", sagte er dann kühl, „daß mein Scherz sie nicht verletzt hat, meine Gnädige", verbeugte sich höflich, aber kalt, und schritt auf die Fürstin zu.

Der schroffe Ton seiner letzten Worte, der förmliche Abschied ließen in Louisens Herzen eine unangenehme Empfindung zurück. Was hatte sie gethan, daß er sich plötzlich so kalt von ihr nbwandte? Woher dieser jähe Wechsel in seiner Stimmung?

Doch, dann richtete sie sich trotzig-stolz empor. Sie dachte an den aufflammenden, forschenden Blick seiner Augen, und fühlte sich berechtigt, diesen kecken, fragenden Blick zurückzuweisen.

„Wie gefällt Ihnen unser Prinz, Fräulein von Warnstedt", hörte sie eine zögernde Stimme neben sich flüstern.

Fräulein von Ernsthausen stand neben ihr und blickte mit listigem Lächeln zu ihr auf.

Louise fühlte, daß Fräulein von Ernsthausen sie aus- horchen, sich über sie lustig machen wollte. Sie antwortete höflich und kühl:

„Ich kenne Seine Durchlaucht zu wenig, um mir ein Urtheil zu erlauben . . ."

„Ach. thun Sie nur nicht so, gnädiges Fräulein", kicherle Fräulein von Ernsthausen. „Durchlaucht hatte ja nur Auge für Sie — aber nehmen Sie sich in Acht. Durchlaucht ist ein ganz durchtriebener Schelm . . . mit all und Jedem bindet er an, macht seine Scherze, um sich dann plötzlich znrückzuziehcn. Aber ich bin doch froh, daß er hierher gekommen ist. Das giebt doch Abwechselung und Unterhaltung. Die Einsamkeit ist oft unerträglich, namentlich seit sich Komtesse Reibach, die zweite Hofdame Ihrer Durch­laucht, verheirathet hat. Die Gräfin Harnburg ist entsetzlich und Baron Allersheim ist zu langweilig in seiner furcht­baren Korrektheit. Apropos, wann werden sie denn als Hofdame bei Ihrer Durchlaucht einlreten?"

„Ich beabsichtige überhaupt nicht in den Hofdienst einzutreten."

(Fortsetzung folgt.)

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