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1. Beilage zum Wiesbadener Tagblalt.

. 408. Morgen-Ausgabe.

Sonntag» den 2. Septemder.

48. Jahrgang. 1000.

(34. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

Inng-Uin.

Roman von A. W. Aoltinson.

Sie hatte ihm auch nichts vorgespiegelt, Hansel wusste, daß sie weit entfernt war. jene ernste Liebe für ihn zu fühlen, die in jedem gesunden Fraucnherzen wenigstens einmal im Leben aufstrigt; ihre Wahrhaftigkeit ihm gegen­über war die einzige Entschuldigung für ihre Handlungs­weise und ihr fester Vorsatz, ihm ein treues Weib zu sein.

Ich bin nicht zum ersten Mal im Gedränge!" erwiderte sie dem neuen Onkel rasch.Mein Vater hat mich regel­mässig zum Bürgermeister-Umzug mitgenommen!"

Ach? Ein ehrwürdiges Schauspiel, das aber leider ein sehr gemischtes Publikum anzieht."

O ja, gemischt genug war es," gab Lady Kane heraus­fordernd zurück.Mein Vater und ich pflanzten uns ge­wöhnlich sehr früh am Rand des Fußsteigs in der Fleetstraße auf und halten gehörig Püffe auszutheilen, um unsere Plätze zu behaupten!"

Wirklich?" bemerkte der Ehrenwerthe mit trockenem Hüsteln.Dabei hätten Sie leicht in zarter Jugend ver­unglücken können." Nin glaubte ihm anzusehen, daß er diesen Unfall nicht sehr beklagenswerth gefunden hätte es hätte dann keine Lady aus dem Tingeltangel gegeben und Hansel hätte voraussichtlich ein viel schlimmeres Frauen­zimmer gehcirathct, als sie war!

In einem Gedränge kann man immer umkommen . . . selbst in einem so gewählten wie dieses," sagte 5Jfin.Ihr Herr Rnskoff zieht wohl sehr?"

Wie Sie sehen. Ist ja auch die neueste Große . . . soll fabelhaft spielen. Ich kenne mich nicht sehr aus auf diesem Gebiete, aber meine Frau war ganz erpicht auf ihn. und koste es was es wolle."

Wahrhaftig?"

Ja ... und zwei hundert Pfund kostet er uns auch," setzte er vertraulich mit einem tiefen Seufzer hinzu.

So viel? Wie sich doch die Zeiten ändern! Das freut mich sehr ... es grenzt ans Wunderbare."

Keimen Sie ihn?"

Wir Musikanten wissen immer von einander," sagte Lady Kane ausweichend.

Meine liebe Lady Kaue, Sie dürfen sich doch nicht mehr zu diesen Leuten rechnen! Das vergißt man am besten."

Mitunter ist cs besser, sich zu erinnern."

Ich ... ich vermag Ihnen nicht ganz zu folgen . . ."

Aber ich möchte Ihnen folgen ... zu dem unbesetzten Stuhl dort neben der alten Frau mit dem strohgelb gefärbten Haar... wenn Sie die Güte haben wollten, mich hinzuführen."

Mit größtem Vergnügen! Diese Dame, meine liebe Lady Kane, ist nebenbei bemerkt, die Herzogin von Grandborough!"

Da kann Einem der Herzog leid thun."

Was für originelle Bemerkungen Sie machen," sagte der Ehrenwerthe, dem fast die Haare zu Berge standen über Jung-Nins Unverblümtheit.

Als sie den gewünschten Platz erreicht hatte, sah sich Nin nach ihrem Manne um, aber Hansel war so spurlos verschwunden, wie vorher Doktor Gravatt. Nin fand, daß man sich heute Abend mit Vorliebe von ihr wegschleiche.

IV.

Was Lady Kane wohl bewogen haben mag, sich inmitten dieser aristokratischen Gesellschaft an einen Aller Blicken

ausgesetztcn Platz zu drängen? Eitelkeit gewiß nicht, obwohl ie's an Schönheit, Anmuth und auch Vornehmheit der Er- cheinung mit den blaublütigsten Damen aufnehmen konnte. Es war auch nicht der Wunsch, eine Bekanntschaft zu er­neuern, die auf einer Polizeistation ihren endgültigen tragischen Abschluß gesunden hatte. Sie hätte selbst die treibende Kraft nicht zu bezeichnen gewußt, die sie geleitet, höchstens war sie sich bewußt, oder wollte sich vorspiegeln, daß die Liebe zu dem alten Leben ihr das Blut in die Wangen treibe. Der Anblick des einstigenKollegen" ent­riß sie der neuen, künstlichen, unwahren Welt und machte sie wieder so ganz zu Jung-Nin, daß sie nahe daran war, vor Freuden in die Hände zu klatschen beim Anblick des Podiunis, auf welchem der Flügel stand.

Als ^ie ihren Platz einnahm, sah er sie. Sie war dessen gewiß, obwohl seine Züge keinerlei Ueberraschuug oder Er­regung verriethen, keinen Strahl der alten Liebe, die seine Laufbahn beeinflußt, erhellt und getrübt hatte und von der er sich frei gemacht so frei, wie die schöne junge Gräfin, die ihn so ruhig ansah, als sie sich nur ein paar Schritte weit von seinem Instrument niederließ.

Er hätte wohl vortreten und mir die Hand reichen können," dachte Jung-Nin mit einiger Bitterkeit, gänzlich uneingedenk der Art und Weise, wie sie von einander ge­schieden waren.

Die Blicke der Zuhörer waren jetzt fast mehr auf Lady Kane gerichtet, als auf den berühmten Künstler. Neugierige, bewundernde, forschende, verächtliche und erstaunte Blicke aus so vielen Augen, daß sie sich noch weit unbehaglicher hätte fühlen müssen, wäre ihr früheres Leben nicht der Oeffentlichkeit gewidmet und sie nicht von Jugend auf ge­wohnt gewesen, bewundert und benrtheilt zu werden. Man tuschelte hinter ihrem Rücken, man zeigte sich die junge Lady Kane, jeneJung-Nin", wie es auf allen Anschlagssäulcn in fußhohen Buchstaben geheißen hatte, das schöne Geschöpf, das seine Gaben nicht vergeudet, sondern Alles auf einen Wurf gesetzt und gewonnen hatte, trotz allen Widersagern.

Famoses Weib und verflucht hübsch ... der kleine Hansel hat kolossales Glück," dachte mehr als Einer, der in allen Dingen mit ihm übereinstimmte bis auf die anständige Gesinnung, die ja in der Gesellschaft nicht zum Vorschein zu kommen braucht.

Hansel, Dir kann man gratuliren!" sagte em näherer Freund, Lord Kane auf die Schulter klopfend und ihm seine Gefühle wenigstens in gedüinpftem Ton kuudgebend. Macht Deinem Geschmack alle Ehre! Rasse drin . . .

reines Vollblut!" _

Eine etwas höher gestimmte Seele als bte bcu jetzigen Lord Kane würde sich über diese Form der Anerkennung verletzt gefühlt haben, Hansel aber war nicht der Mann, sich am Ausdruck zu stoßen, wenn die Meinung gut war. Er nahm das Lob seiner Frau in jeder Form gerne an, und hier kam es aus dem Mund einesKenners".

Danke, Major, danke," flüsterte er,ich weiß, Ihnen ist's ernst mit dem, was Sie sagen. Sie ist ein Pracht­weib, nicht?"

Das will ich meinen!"

Und so brav, wie schön, und . . . merken Sie sich das . . . von jeher gewesen," setzte er hinzu.

Wer daran zweifeln wollte, dem würde ich einen Denk­zettel geben . . . falls Sie mir nicht zuvorkämen, woran ich nicht zweifle!" rief der Freund begeistert. .

Das steht fest! Machen Sie sich viel aus dem Klavier-

rastl'er?"

Mir unausstehlich! Solch ein Klimperkasten macht einen Lärm, daß man sein eigenes Wort nicht hört. Wissen Sie was, Kaue? Wir gehen ins Varie'. . . ist em Mädel dort ..." . . ^ M ...

Aber, Major, ich bin mit meiner Frau hier!' .

Versteht sich, versteht sich . . . Esel, der ich bin! Aber Ihre Frau sitzt jetzt für fünfundzwanzig Minuten fest unter Ihres Onkels Fischaügcn. Kommen Sie mit und trinken wir eins auf ihre Gesundheit."

Arm in Arm zogen diese verwandten Seelen ab, unter der Thür noch geräuschvoll lachend, und zwar gerade in dem Augenblick, als Ruskoff seinen Platz vor dem Flügel einnahm. Mißbilligende Blicke von allen Seiten suchten ihnen ihre Taktlosigkeit klar zu machen, Paul Ruskoff drehte den Kopf und warf einen drohenden Blick nach der Seite, woher die Störung gekommen war, sodaß Nin sich sagen iilußte, auch Erfolg und Wohlstand hätten den alten Hitz- topf noch nicht gebändigt.

Tiefe Stille trat nach dem Abgang der Banausen ein, und der Künster schlug die ersten Accorde an. Er spielte, wie Nin nie geglaubt hätte, daß er spielen könne, ob sie es auch gewesen war, die zuerst sein Talent gewürdigt und herausgesühlt hatte, daß er zu den Auserwählten gehöre, eine Ansicht, die sie häufig unter Spott und Hohn vertheidlgt hatte. Es war eine Genugthuung für sie, ihn zu hören und sich als die erste unter seinen Gläubigen zu wißen, die zu ihm gehalten hatte, als Alle den Ehrgeiz des kleinen Kapell­meisters verlacht hatten, des mittelmäßigen Dirigenten eines schlechten Orchesters, der überall fvrtgejagt wurde, weil er sicb auf rein musikalischem Gebiet von keinem Direktor be­fehlen und dreinreden lassen wollte. Hier stand er als fertiger Meister, der die Welt in Entzücken versetzte, den Amerika zuerst gewürdigt und mit Geld und Ruhm über­schüttet hatte.

Der heutige Abend bedeutete einen großen Sreg für Ruskoff, denn eS war sein erstes Auftreten vor hoher eng­lischer Gesellschaft. Im Konzertsaal war er eine Größe, heute öffneten sich ihm die Thore von Englands Palästen. Was er gab, entsprach der Bedeutung dieser Stunde, und die Geladenen priesen sich noch Wochen laug glücklich, dabel- gcwesen zu sein. Nin war so stolz, als hätte sie selbst einen Sieg errungen, denn dieser Mann gehörte zu ihrer Welt, und als die Gäste in jubelnden Beifall ausbrachen, gerade wie ein bürgerliches Publikum, als sie die zurückhaltende Steifheit aufgabcn, um ihre Begeisterung zu äußern, da wurden Jung-Nins blaue Augen feucht. Paul, ihr Paul war der Held dieses vornehmen Salons, und auch die Damen vergaßen ihre statuenhafte Haltung und winkten ihm stürmisch mit unzähligen Spitzentaschcntüchern.

Noch einmal hefteten sich seine dunkeln forschenden Augen auf Nin, und ihr mar, als ob er ihre Seele ergründen wollte, während eine dichtgedrängte Gruppe schöner Frauen und begeisterter Männer ihn umdrängte und zum Weiter­spielen anfeuern wollte. ^

Nur noch etwas ... nur noch eine Klcnitgkelt, Herr Ruskoff," flötete die ihrem Gatten au unschöner Magerkeit nicht nachstehende Hausfrau.Sie versetzten uns in den siebenten Himmel, theurer Meister, und werden unfern Bitten doch nicht widerstehen wollen?"

Später, meine Gnädige, später," sagte Ruskoff sichtlich geärgert.Ich bin ermüdet, sehr ermüdet . . ."

.Aber Sie werden noch einmal spielen . . . bestimmt?

Ich hab's gesagt," gab er beinahe barsch zur Antwort.

(Fortsetzung folgt.)

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