1. Beilage zum Wiesbadener Tagklatt.
Us. 406. Mor-en-Ans-ove. Samstag, den 1. September.
(33. Fortsetzung.) ' (Nachdruck Verbote».)
Irmg-Nm.
Nomau von II. W. ziovluson.
„Unter der Obhut einer verständigen kleinen Frau, die sein Glück und ihr eigenes in der Hand hält."
„Glauben Sie das wirklich?"
„Ja."
„Sie denken zu gut von mir, Doktor. Ich danke es Ihnen! Wenn ich meinen Mann lieben lernte, dann wäre Alles gut . . . meinen Sie nicht?"
„Sie fangen schon an. ihn zu lieben."
„O mein Gott! Ich wollte, e8 wäre so!"
Georg Gravatt war über die Wandlung in seiner Schutzbefohlenen betroffen und fing an besorgt zu werden. Jedenfalls war es nicht leicht, diese Jung-Nin zu ergründen, da varen Unterströmungcn von Romantik und Leidenschaft, Schwachheit und Willenskraft vorhanden, die er nicht er- neffen konnte. Eine Frau, die an einem Fädchen zu lenken and mit eisernen Fesseln nicht zu halten ist, je nachdem das Schicksal sich gestaltet.
„Das ist Ruskoff!" sagte Nin, als die Gäste jetzt aus allen Zimmern nach dem Saal schwirrten. „Führen Sie mich, Doktor ... ich möchte das nicht versäumen."
„Gewiß nicht! Seinetwegen blieben Sie ja hier . . ."
„Woher wissen Sie dass"
„Instinkt, Ahnungsvermögen, Sehergabe!"
Sie lachte so herzlich, daß es ihm wohl that. Wenn eine Frau so harmlos lachen kann, hat es noch keine Gefahr mit ihr.
„Mir ist, als hätte ich diesen Klaviervirtuosen früher schon gesehen," bemerkte Doktor Gravatt.
„Wirklich?"
„Ja, ich hörte ihn neulich und sein Gesicht kam mir bekannt vor."
„Wirklich?" sagte sie abermals.
„Glauben Sie ihn schon gesehen zu haben?" fragte er plötzlich.
„Wie kann ich das sagen, ohne ihn zu sehen," erwiderte Nin. Dann blieb sie stehen und sah dem Arzt voll ins Gesicht: „Für wen halten Sie ihn?" fragte sie beinahe herrisch.
„Als er zuletzt in London war, hieß er Napclla," versetzte Gravatt offen.
„Ich dachte mir's," gab sie zurück.
III.
Der große Salon war überfüllt; Jeder wollte doch den neuen Stern sehen und begutachten, sodaß an den Eingängen förmliche Menschenknäuel entstanden.
„Gerade wie die Galleriethüre in der Negenbogenhalle, wenn die Holliganjungen mit den Ellenbogen arbeiten," sagte plötzlich eine Stimme zu Nin und ihr Mann belachte seinen Vergleich herzhaft.
„Wo hast Du denn so lange gesteckt?" fragte Nin.
„Ach! Mein langweiliger Onkel hat mich am Nockflügel gefaßt, wollte Alles über meine alte und neue Lebensweise wissen, über meine Gesundheit und die Deinige, besonders die Deinige. Und wann wir nach Datchington gingen, um . .
„Uns zu begraben!" ergänzte Nin. „Erzählte er Dir etwas von dem neuen Klavierspieler?"
„Keine Silbe! Mich ausholcn, war ihm viel wichtiger als Musik! Weißt Du, Nin, ich merke allmählich, daß mein ehren- werther Onkel ein alter Schlaufuchs ist," setzte er hastig hinzu.
„Wie so?"
„Ach ... das kann ich Dir erst zu Haus sagen," versetzte Hansel, dessen Gesicht zinnoberfarbig wurde, „'s ist gerade kein passendes Gespräch für hier."
Nin sah ihn durchdringend an; sie wollte noch etwas fragen, überlegte sich's aber und schwieg. Erst als sie sich in den Salon hineingcarbeitet hatte, bemerkte sie, daß Doktor Gravatt nicht mehr an ihrer Seite war. Er hatte Hansels Wiedererschcinen benützt, um sich sachte aus diesem adeligen Gedränge wegznschlcichcn.
„Ich dachte, der Doktor sei bei Dir," bemerkte Hansel, sich nach diesem umsehend, als ob Gravatt in Nius Schleppe versteckt sein könnte.
„Er ist verschwunden! Offenbar hielt er seinen Schuh für überflüssig, seit Du wieder aufgetaucht bist."
„Famoses altes Haus, der Doktor ... Du magst ihn auch?"
„Ja, ich glaube ... er hat uns auch gern, auf seine Weise."
„Ganz gewiß mag er uns," sagte Hansel selbstbewußt.
„Er ist übrigens ebenso neugierig wie Dein Onkel," sagte Nin, „und kann recht unbequeme Fragen stellen."
„Nin . . . was hast Du . . . Du schauderst ja . . ."
„Es kommt mir kalt vor in diesem großen Saal."
„Kalt!" rief ihr Mann verwundert. „Ich glühe wie... wie ein Hochofen!"
Der große Pianist stand am andern Ende des Zimmers und unterhielt sich mit der Dame des Hauses. Er war nicht der bezahlte Klavierspieler, sondern Ehrengast, der Löwe des Abends, denn er hatte sich zum höchsten Rang in seinem Beruf hindurch gearbeitet und alle Welt brannte darauf, ihn kennen zu lernen. Seine Erfolge ragten über das gewöhnliche Blaß hinaus, und die Kritik, die so übernatürlich scharfsinnig ist, wenn einer am Ziel ist, unterschied ihn sehr wesentlich vom Virtuosenthnm als individuellen Künstler.
„Nin, erkennst Du ihn denn nicht?" rief Lord Kaue plötzlich aufgeregt. „Zum Henker... sieh' Dir den Kerl doch nur an!"
Nin hatte ihn lang vor diesem Ausbruch des Erstaunens Seiten? ihres Gatten erkannt und Zeit gehabt, ihre Aufregung zu beherrschen, falls eine solche entstanden war.
„So viel ich sehe, ist's Napella," erwiderte sie mit großer Gelassenheit. „Er hat sich freilich sehr verändert."
„Natürlich, weil er jetzt in der Wolle sitzt," warf Hansel hin. „Weshalb er sich wohl einen andern Namen beigelegt hat?"
„Ich erinnere niich jetzt, daß er mir früher einmal sagte, er heiße Ruskoff, für die Siugspielhalle sei ihm sein Name zu gut."
„Mitunter bequem einen Schlupfwinkel zu haben," bemerkte Lord Kane mit mehr Satire, als ihm sonst zu Gebote stand.
„Gewiß! Ich fand ja auch Sonctta passender als Pickerson!"
„Bst, bst! Man kann Dich hören," tuschelte Hansel.
48. JohrSemg. I960.
„Davor brauchst Du keine Angst zu haben," erwiderte Lady Knne lauter als zuvor, offenbar zur Erbauung von zwei ältlichen Damen, die sich alle Mühe gaben, das Ehepaar zu belauschen. „Alle Welt kennt meine Geschichte, und das ist mir nur lieb. Wir segeln wenigstens nicht unter falscher Flagge, Hansel."
„Wahrlich nicht . . . wozu sollten wir's auch lhun?"
„Ja, wozu sollten wir?" wiederholte Nin.
Hansel sah sie an, als ob er einen geheimen Sinn in ihren Worten witterte, enthielt sich aber einer Erörterung. Es war nicht immer wohl gcthan, Lady Kanes Gleichmuth zu stören. Nin konnte, wie er lange vor der Hochzeit er- . fahren hatte, gehörig aufbrausen, so gut wie ihre Schwester Kitty, wenn auch in anderer Art. Einmal folgte bei Nin dem Unwetter weit rascher Sonnenschein, und dann hatte dieses immer faßliche Ursachen. Sie konnte über irgend eine Erzählung von Ungerechtigkeit oder Unterdrückung, sowie über einen gemeinen Witz oder ein höhnisches Wort gegen den Beruf, in dem sie ihre Sporen verdient hatte, anfflammen, nie aber wie die ältere Schwester aus unklarer heimlicher Eifersucht oder gar aus Neid.
Es war Lord Kane nicht lieb, daß Nin so großen Werth darauf legte, Nnskoffs Spiel zu hören ... sie waren doch wahrlich nicht in Freundschaft auseinander gegangen, und seine eigene persönliche Erinnernng an den Mann, der sich wie ein Tiger auf ihn geworfen hatte, konnte man unmöglich angenehm nennen. Sie waren damals Nebenbuhler gewesen und sein Geld und Rang hatten den Sieg davon- . getragen, wie Hansel sich ehrlich und sogar selbstgefällig sagte. Diese Ausländer haben ja in der Regel nichts und sind unzuverlässige Leute; Jung-Nin hatte das als verständiges Mädchen wohl eingesehen, und überdies hatte sie sich vor dem musikalischen Verehrer immer ein wenig gefürchtet . . . weshalb war sie nur jetzt so darauf versessen, ihn zu hören?
„Meine liebe Lady Kane, ich fürchte, Sie setzen sich ernstlicher Gefahr aus," tönte ein Stimme in Nins Ohr, eine rauhe holperige Stimme, und als Nin aufblickte, entdeckte sie den Hausherrn hinter sich. Wilhelm Markingham mar ein großer, hagerer, griesgrämiger Herr, dessen langer, sehniger Hals wie der eines Kranichs ans dem blendend- weißen Umlegekragen emporstieg, einer von den jämmerlichen Zweifüßlern, denen die Natur jeden Schimmer von Humor versagt hat. Trotzdem hatte er eine entfernte Aehnlichkeit mit dem verstorbenen Lord Kane, ungefähr die eines roh in Holz geschnitzten Abbilds, und das hatte Nin veranlaßt, ihn gnädig zu behandeln. Er war ihr Gegner, ein erbitterter Gegner von Hansels Heirathsplänen gewesen, hatte jedenfalls eine möglichst geringe Meinung von ihr gehabt und sich an den Andeutungen und Verdächtigungen der Skandalpresfe geweidet. Schließlich konnte man es ihm aber kaum verdenken, daß er sich sie als Abenteuerin, als Dirne gedacht hatte, die einem schwachköpfigen jungen Edelmaiin nachstellt. Dieser Onkel war nicht schlimmer und nicht besser gewesen, als die andern Gewalten, die gegen sie gearbeitet und sie vielleicht zu ihrem Entschlüsse angefeuert hatten. Daß sie Lord Kane nicht aus Neigung nehme, hatte Jedermann vorausgesetzt, und sie wußte am besten, daß diese Voraussetzung richtig war!
(Fortsetzung folgt.)
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