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Morgen-Bettage der Wiesbadener Tagblatts. i»—==»)

Nr 96. Sonntag, 25. flprtl. *915.

(3. Fortsetzung.)

Klippen.

Roman von Helene Schede-Heller. '

Nachdruck verboten.

III.

Ter kalte Winter hatte nun auch in Berlin seine Herrschaft angetreten. Der Schnee schmolz auf den Straßen; aber auf den Dächern behauptete er sich stolz und hing in weichen Flocken an den entblätterten Lin­den auf dem Potsdamer Platz.

Die Menschen froren und schimpften und bahnten sich mühsam zwischen ausgespanuten ' Regenschirmen, Elektrischen, Automobilen und Fuhrwerken einen Weg.

Es war ja in Berlin immer dasselbe Hasten und Hagen, dasselbe Bild starken Lebens und Schaffens, ob die Julisonne über den Häusern brannte oder der Winternebel über den Straßen lagerte, ob die Men­schen, die ihrer Arbeit nacheilten, über Hitze, über Regen oder Kälte klagten. Das Riesenrad des Lebens stand nie still.

Ricklings Augen schweiften über den Platz; er blieb stehen, ohne sich um den kalten Regen zu kümmern, der setzt zu fallen begann. Er liebte dies buntüelvegte Treiben, das gärende Leben und horchte auf den raschelt, kräftigen Pulsschlag der Großstadt.

Ihm war heute auch besonders froh zumute, denn cs war der Tag, cm dem er jede Woche Hilde Roswald besuchte.

Rlckting war ein anderer Mensch geworden.

Die Welt fühlte es und schrieb diese Wandlung dein durchschlagenden Erfolg seines letzten, in den Sommer­monaten oerfaßten Romans zu. Er war uim der ge­feierte Dichter, nin dessen Gunst sich jeder bewarb. Frauen schwärmten für ihn und sandten ihm Blumen und zärtliche Briese. Journalisten bateir ihn um „JnterviÄvs", angehende Schriftsteller um Protektion, Wohltätigkeitsseste um seinen Namen und seine Mit­wirkung.

Das Kupsergeld der Volkstümlichkeit muhte mit dein lauteren Gold de-s Ruhms in Kauf genommen werden.

Der Schaffensdrang, der ihn unter Hildes Einfluß erfaßt hatte, hielt stand. Er arbeitete wie noch nie und gab kein Manuskript mehr in Druck, ohne es vorher mit ihr besprochen zu haben.

Sie gehörte nicht zu den engherzigen Frauen, die eifersüchtig auf die Zeit sind, die der Mann nicht ihnen, sondern anderen Interessen widmet. Sie hemmte ihn nict.t in seinem Fluge, sie trieb vielmehr durch ihren Glauben an ihn seine Gaben und Kräfte zur vollen Entfaltung.

Rickling war sich der Wandlung, die in ihr» vor- ging, bewußt.

„Ist es nicht seltsam", hatte er iroch bei ihrer letzten Begegnung gesagt, „ein Mann in meinen Jahren, mit meiner Erfahrung, mit dem Gefühl, in sieh gefestigt sind über alles hrnweggewachsen zu sein, was die Men­schen in Liebe.und Leidenschaft durcheinander wirft — ein solcher Mann wird bis auf den tiefsten Grund seines Wesens durchdrungen von einer Liebe, deren er sich

selbst nie-für fähig gehalten hätte. Hilde, das ist mehr als seltsam, das ist ein Wunder."

Und als ein Wunder hielt er es heilig, und als ein Wunder füllte es die Einsamkeit seiner Seele mit der Hochflut der Leidenschaft und de» Sonnengeweben der Liebe. .

Er war nicht mehr der Stürmer und Dränger, der Grübler und Träumer, der in sich gekehrt ans dunklen Pfaden schritt. Wenn ihn' die alte Verzagtheit »Her­mannen wollte, ging er in Hildes Wohnung — dort wartete das 'Glück.

Sie saß am Fenster und uralte mit Seidenfäden Heckenrosen auf eine weiße Deche. Röschen machte Schularbeiten im Nebenzimmer. Und er hatte immer denselben Platz Hilde gegenüber, mit dom Blick ans den Garten, in dem die Sonnenstrahlen durch die Kuppeln der Kastanienbäume zitternde Kreisel ans den Rasen warfen.

Manchmal auch ging sie zu ihm, rrnd ihm war jedes­mal dabei, alS ließe sie in seinem Haus den Frühling zurück.

Aber die zwischen ihr nird seiner Frau im Ranental angeknüpften Beziehungen waren nicht weiter fortge- schritteri. — Erna Rickling schien auf ihrer Meinung, Hilde Roswald sei eine unbedeutende Frau, beharren zu wollen, und ihrerseits hatte Hilde für die Schrnetter- lingsnatur der anderen nicht viel Verständnis. So blieben sie sich innerlich fremd, während mit jodein Tag das Verhältnis zwischen Rickling und Hilde sich tiefer und fester gründete.

Woche ans Woche verging. Der Frühling kam und gut ihm das Liebesjauchzen der Natur.

Rickling schien es, als erlebte er ihn zum ersten Male.

Er sah, wie die Vögel ihre Nester bauten und wurde wehmütig und dachte: „Ob wir nie zusammen

bauen werden — sie und ich?"

Er hörte, wie sie sangen, und ihre Lieder jubelten in seiner Seele nach und erfüllten sie mit Liebe und Sehnsucht.

Ave Morgen, weün er erwachte und die Sonne ihm ins Zimmer strahlte, .ward sein erster Gedanke: „Sie ist meine Sonne: ich bin selbst durch sie ein Stück

Sonne geworden!"

Wie nmgewandelL war das Leben so sachensatt — so melodienreich! Die Klippen verschwunden — der Nebel gehoben — alles Licht, Wärme und Glück.

Und das alles durch sie!

sie hatte das vollbracht — dem Märchen vom Glück, das heimatlos unter den Menschen iimherirrt, in ihrem Herzen eine Heimat gegeben.

Es gab Augenblicke, wo er auf dem Leben ruhte, wie auf einem Segler/ mitten im lichtumflossenen Meer — und nichts mehr begehrte. Es kamen aber auch Stun­den, do er sich sehnte nach Zärtlichkeit, da er dachtet „Wenn ich nur einmal köincte ihre Stirn streicheln —- ganz leise — und dann die Wangen — so sanft, als fei