«8. Jahrgang.
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N». 403. Ferusprecher No. 52. Io»Uerstttg» dSK 30. August. Fernsprecher No. 52. 1900.
Abend »tasgafe©.
Zwischenakt in China.
Seit der Einnahme Pekings durch die Verbündeten ist nicht bloß militärisch, sondern auch politisch eine Pause eingetreten, über die auch die Fülle von Drahtmeldungen ans Ostasien, die jeder Tag bringt, nicht hinwegtänschen kann. All diese Meldungen bringen keine eigentliche Neuigkeit, sondern nur allerhand neue Einzelheiten über die bereits längst bekannten militärischen Ereignisse, lassen aber gleichzeitig deutlich erkennen, daß im Hauptquartiere der Verbündeten noch kein Einverstündniß über die weiteren kriegerischen Unternehmungen besteht. Dieser Mangel findet wieder seine Erklärung darin, daß cs bis zur Stunde noch nicht gelungen ist, ein Einverstäudniß unter den Kabinetten über das weitere Vorgehen in China zu erzielen. Während ein Theil der Mächte seinen festen Entschluß bekundet hat, sich nicht eher mit Li-Hrmg-Tschang in Friedcnsuntcrhand- lungcn einzulassen, als bis man genau wisse, wer in China eigentlich regiere, macht Japan Miene, sich auch auf minder zuverlässiger Basis China gegenüber entgegenkommend zu erweisen, und Niemand weiß noch recht, ob das „Preußen- Ostasien" da ganz isolirt vorgeht oder etwa bei einzelnen der anderen Mächte einen Rückhalt hat. Die diplomatische Situation ist noch durchaus unklar, und es zeigt sich bereits, wie Recht wir hatten, als wir angesichts der Einigung der Mächte über das gemeinsame Oberkommando und ebenso nach der Einnahme von Peking vor einer allzu optimistischen Auffassung der Lage in China warnten. Zn einer irgendwie optimistischen Auffassung ist in der Thal fürs Erste »och keinerlei Anlaß vorhanden, denn von dem Programm der Mächte in China ist bisher nur ein Punkt erfüllt, und dieser eine Punkt, nämlich die Einnahme Pekings und die Befreiung der dort eingcschlossenen Fremden, ist, das zeigt sich schon jetzt, keineswegs der schwierigste des Programms.
Dieses Programm hat Graf Bülow in seinem Rundschreiben vom 11. Juli in einer klaren und noch heute gültigen Form dargelegt. Das Ziel, welches wir verfolgen, 1 so führte er damals aus, ist die Wiederherstellniig der Sicherheit von Person, Eigenthnm und Thätigkeit der Reichs- angchörigen in China, Rettung der in Peking eingeschlosseuen Fremden, Wiederherstellung und Sicherstellung geregelter Zustände unter einer geordneten chinesischen Regierung, Sühnung und Genugthunng für die verübten Unthaten. Von diesem Programm steht die Erledigung zweier sehr schwieriger Punkte noch aus, nämlich die Erlangung einer Genugthunng für die verübten Unthaten, wobei das deutsche Reich infolge der Ermordung seines Gesandten am meisten betheiligt ist, und die Herstellung geregelter Zustände in China unter einer geordneten Regierung.
Der erste von diesen beiden Programmpnuktcn dürfte sich immerhin noch als der einfachere erweisen, denn wenn die Erhebung in China erst einmal gründlich niedergeschlagen sein wird, wovon wir freilich heute noch recht weit entfernt sind, dann wird sich, wenn das Konzert der Mächte bis
dahin nicht vollständig verkracht sein sollte — waL hoffentlich nicht der Fall sein wird — schon ein Weg finden, auf dem die berechtigten Ansprüche aller Mächte befriedigt werden können, solange diese Ansprüche sich eben an die Sache selbst halten. Aber die nähere und dringlichere Sorge ist die Herstellung geordneter Zustände und die Einsetzung oder Wiederaufrichtung einer anerkannten Negierung in China, denn solange das nicht geschehen ist, kann auch von einer Aussicht auf Beendung des Feldzugs füglich nicht die Rede sein.
Woher aber eine Negierung nehmen, die gleichzeitig die berechtigten Ansprüche der Mächte befriedigen und doch über die nolhwendige Autorität in China verfügen könnte. Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten und diese Aufgabe nicht so leicht zu lösen. Es muß befürchtet werden, daß ein Kaiser, der von den Mächten anerkannt wird, in China keine Autorität haben wird, und daß ein Kaiser, der von den Chinesen anerkannt wird, den Mächten Ungclegcnheiten bereiten wird. Das ist eine Schwierigkeit, über die man nicht so leicht hinwegkommen wird, und zu der noch zahlreiche andere Schwierigkeiten treten werden, sobald die Mächte ernstlich an die Lösung des chinesischen Problems gehen werden.
Freilich muß dies Problem ganz überraschend leicht zu lösen sein, wenn man den zahlreichen „Chinakennern" trauen wollte, die plötzlich allenthalben wie Pilze aus dem Boden cmporschießcn und jeder ein. fertiges Rezept zur Lösung der chinesischen Frage in der Tasche tragen, das sie jeder als allcingültiges Universalmittel anpreisen. Rur schade, es giebt so viel derartige Rezepte als Chinakenner, und da die chinesische Frage nicht auf zwanzigfache Weise zugleich gelöst werden kann, werden die Mächte besser thun, auf alle theoretischen Universalmittel zn verzichten und ab- znwartelr, wie die Entwicklung der chinesischen Frage sich in der Praxis gestaltet.
Nicht minder bedenklich oder vielmehr noch bedenklicher sind die gefährlichen Nathschläge Jener, die wiederum ein Rezept zur elegantesten Theilung Chinas in der Tasche tragen und diese Theilung auf der geduldigen Landkarte bereits fix und fertig ausgeführt haben. Ganz abgesehen von der alten Wahrheit, daß man das Fell des Bären nicht theilen soll, so lange man ihn nicht erlegt hat, wobei die eifrigen Pürscher übersehen, daß China gegen 400 Millionen Einwohner hat, muß es als geradezu unverantwortlich erscheinen, angesichts des ohnehin komplizirte» Zustandes der chinesischen Frage und angesichts der allenthalben sich breit machenden Eifersucht der Mächte, ein Problem anfzurollen, das alle europäischen Mächte in einen unheilvollen und zweifellos blutigen Gegensatz zu einander bringen und nur allzu leicht einen Weltbrand entzünden würde. Auch wir glauben, daß die Zeit herannahen wird, wo das chinesische Reich schon seiner Massenhaftigkcit und der Erstarrung wegen, der es verfallen ist, anseinauderfallen wird. Aber nichts wäre gefährlicher, als diesen Prozeß, der sich im Laufe der Zeit ganz von selbst vollziehen wird, durch einen allzu heftigen Anstoß von außen zu beschleunigen. Den übereifrigen Politikern aber, welche, erfreulicher Weise mir in Zeitungsartikeln, in der Theilung Chinas schwelgen, möchten wir prüfen: „Theile mit Weile!"
Deutsches Reich.
l,. Krrttn, 28. August.
Zum Fall Dullo.
Parteimann darf man sein, so belehrt Herr v. Nhein- baben in Sachen Dullo das laufhorchcnde preußische Volk, aber „leidenschaftlicher Parteimann" sein, das ist verboten. Wer sich leidenschaftlich benimmt, hat es sich selber znzn- schreibcn, wenn er gegebenen Falls die Bestätigung als Stadtrath nicht bekommt. Die Negierung allein hat darüber zu bestimmen, was leidenschaftlich ist. Bei einem konservativen Manne sieht sie solche Eigenschaft gern, bei einem liberalen übt sie ihr väterliches Erzieheramt. Die konservative Leidenschaftlichkeit erregt nicht einmal Anstoß, wenn sie sich gegen die Negierung wendet; dasselbe Temperament bei einem Liberalen wird stirnrnnzelnd auch dann vernrtheilt, wenn es seine Spitze zn Gunsten der Negierung gegen die Hebelgriffe des Ostclbierthums kehrt, das gegen die Wirthschaftspolitik, gegen die Kanalpolitik, neuerdings auch gegen die Polen- Politik der Regierung mit erfolgreicher Gehässigkeit ankümpft. Herr v. Rhcinbaben ist kein „leidenschaftlicher Parteimann". Er hat nur ein Ziel im Auge, die Bevölkerung an Zufriedenheit mit iffisercn Zuständen zu gewöhnen, moralische Eroberungen zu machen, der Negierung das denkbar größte Maß von Beliebtheitzu verschaffen. Deshalb beschützt er weise die Einwohner von Königsberg vor dem Unglück, in Herrn Dullo einen freisinnigen Stadtrath mehr zn bekommen. Finden die Königsberger, daß ihnen damit ein schweres Unrecht zngefügt wird, so beweisen sie nur, daß sie selber nicht wissen, was ihnen frommt. Umso nothwendiger also wird es für die Regierung, fürsorglich nach dem Rechten zn sehen. Deshalb darf Herr Dullo nicht bestätigt werden. Bor der erhabenen Strenge der Rheinbabenffchen Römertngend wird selbst den Konservativen bange. Die „Krenzzeitnng" fragt, ob die Staatsregierung in diesem Einzelfall von den ihr durch das Gesetz gegebenen Befugnissen den passenden Gebrauch gemacht habe. Hinterher freilich ist dem Blatt Angst geworden vor der Kühnheit dieses Ziveifels, aber gesagt, bleibt gesagt, und es wäre ja auch unnatürlich, wenn die erschreckende Seltsamkeit im Verhalten der Regierung nicht sogar von den Gegnern des Liberalismus empfunden werden sollte. Als die konservativen Landräthe wegen ihrer Abstimmung über die Kanalvorlage gemaßregelt wurden, hielten auch die Liberalen mit ihren schweren Bedenken nicht zurück. Diese Ucber- einstinnnnng des Rechts- und Villigkeitsgefühls in so weittragenden Fragen kann ja einigermaßen für das Traurige und Niederdrückende entschädigen, das in den damaligen und den jetzigen Maßregelungen steckt, aber umso groß« muß der Unwille über eine Politik sein, die sich so unbeschreiblich schlecht auf die starken Unterströmungen der öffentlichen Meinung versteht. Man wird Herrn v. Rheinbaben den Fall Dullo nicht vergessen.
* * *
* Hof- und prrsonal-Uachrichtkr». Wie die „National- Zeilnng" erfährt, ist der Gesandte Mumm v. Schwarzenstein in Shanghai cingetraffen.
* Kretin, 30. August. Die Sich cr he i t s m a st r e ge ln zum Schutze des Kaisers werden neuerdings schärfer gchandhnbt.
(Nachdruck verboten.)
Gdmnnd Kretschmer.
Zum 70-jährigen Geburtstag des Komponisten der „Folkunger".
Von Kurt Kersten.
Edmund Kretschmers „Folkunger" sind fast an allen »rößeren Bühnen Deutschlands und Oesterreichs und auch an zahlreichen kleineren mit Erfolg in Scene gegangen, auch andere Genrewerke dieses Tondichters haben Beifall gefunden; seine Männergesangvereins-Schöpfungen sind er- klungen, wo nur irgend in der weiten Welt deutscher Männergcsang gepffegt wird, seine Kirchenmusiken haben bielcn Tausenden Erbauung und Erhebung geschafft, seine Lieder (z. B.: „Du bist wie eine stille Sternennachl" re.) und Jnstrnmenialmnsiken gehören zum Vortragsschatz zahlreicher Konzertgeber und Virtuosen, und so ist Edmund Kretschmer, der heute, ein Siebzigjähriger, noch in voller Schaffenskraft im Reiche der Töne ans verschiedenen Gebieten wirkt, sicherlich Jedem bekannt und Vieleil ein Freund geworden, wer nur irgendivie an der Musik uns ihren Schöpfungen eine Freude hat. ^
Kretschmer gehört entschieden zu den erfolgreichsten Komponisten der Gegenwart; er ist kein Sturmer und Dränger, der in genialem Vorwärtsschrcileii der Weit voranseilte, aber unter denen, die in den vom A^e vor- gezcichnelcn Pfaden tüchtig daherschritten, um diese Wege mit den Werken ihres Geistes zu bebauen, gehört Edmund Kretschmer sicherlich zn den Besten und Erfolgreichste».
Edmund Kretschmer ist ein Sachse, und Sachsen hat «'ne ganz beträchtliche Anzahl musikalischer Großen hervor- gcbracht. Gerade im neunzehnter x Jahrhundert verdank e die Tonkunst in Deutschland dem sächstiche» Volksstamm ganz bedeutende Anregung: Robert Schumann, Richard Waaner Robert Bolkmann Julius Otto
Curl Fischer.
Hans v. Bülow und andere bedeutende Männer der Tonkunst waren Sachsen. ^ t .. . „
Edmund Kretschmer wurde in dem kleinen Landstadtchen Ostritz bei Zittan in der fruchtbaren sächsischen Oberlausitz am 31. August 1830 geboren. Sein Vater war der Rektor der Ostritzer Stadtschule und ein lcidenschafilichcr Freund der Musik. Unter seiner Leitung hat sich die mnsikalische Begabung Kretschmers frühzeitig entwickelt. Mit dem Klavier- und Violinspiel ging das Orgclspiel Hand in Hand, dabei erfuhr aber auch das edelste Jilstrumciit, die menschliche Stimme, ausgiebige Pflege, und in den vom Vater veranstalteten Musikaiisitihrungen in der Schule und Kirche mußte der mit einer schönen Stimme begabte Sohn als Solist und auch im Chore tüchtig milwirke».
Im 16. Lebensjahre kam Edmund Kretschmer nach Dresden, um hier Schüler des Königlichen Friedrichstädlcr Seminars zn werden, ivo er sich für den Beruf seines VaterS, den des Pädagogen, vorbercitc» sollie. Aber die Kunst, die ihn mm einmal gepackt hatte, ließ ihn nicht los.
Er wurde der Schüler des berühmten Chormeisters Julius Otto und 'des „Orgelkönigs" Johann Schneider. Freilich, das Honorar für diesen Unterricht mußte er sich selbst oft recht mühevoll durch Stundengeber: verdienen. Wie viele Klavierstundcn mußte da der junge lehrende Schüler absol- vire», ehe er das Honorar für eine Stunde dieser Meister erschwungen hatte! Doch führten ihn diese Stunden auch in das Haus des berühmten Sängers Mitterwnrzcr, dessen Sohn, den später so berühmt gewordenen, in der Blüthe der Jahre verstorbenen Schauspieler, Kretschmer im Klavicr- spict unterrichtete, und Anton Mitterwnrzer intcressirte sich für den jugendlichen Lehrer seines Sohnes, er vermittelte ihm die Erlaubniß znm regelmäßigen Theaterbesuch und führte ihn so in die Bühneuwclt ein. Richard Wagner wirkte damals in, Dresden, sein „Tannhäuser" erblickte das
Lampenlicht, die Dresdener Oper stand in einer später nie mehr erreichten Glnnzepoche, und an diesem Glanze entzündete sich das Talent des musikbegeisterten Jünglings, der für Mittenvnrzcrs, Tichatschccks und Schnorr v. Carols- felds Prachlstimmen seine ersten Liederkompositionen schreiben "durfte.
In einer Aufführung der „Neunten" unter Wagners Leitung durfte er Mitwirken, und so stand er ganz mitten in dem reiche» Kunstleben, das damals in Dresden herrschte.
Da aber kam der Mai-Aufstand des Jahres 1849 in Sachsen. Der Sturm wehte Richard Wagner und seine Kunst von Dresden fort, Kretschmer aber, dessen ganzes Hab und Gut während der tumultuarischen Epoche ans einer Kommode und einer Geige bestand, war froh, daß er, als der Sturm sich gelegt hatte, im Jahre 1850 in ein bescheidenes Schul, amt schlüpfen konnte. Im Jahre 1854 wurde er dann als Organisten-Assistent an der Königlichen Hofkirche angeslcllt, aber erst im Jahre 1863 konnte er sein Schulamt aufgeben und sich nun ganz als Königlicher Hof-Organist, Dirigent der Vokalmusik und Instruktor der Königlicher Kapcllknaben der Tonkunst widmen.
Schon hatte er sich auf dem G-bicte des Männerchors einen Namen gemacht. Auch geheirathet Halle er bereits. Seine Anserwählte gehörte selbst auch der Kunst an. Seine Gattin betritt einst als Jcnnli Schröter die Bühne rurd war eine von Maschinka Schubert rurd der Schröder-Devrient ausgebildcte Sängerin, die nach ihrer Vcrheirathrrug der Bühne entsagte. Einige Jahre hatten die Liebenden auf ihre Vereinigung warten müssen. Für die Geliebre schuf der Komponist manche schöne Liedergabe, so auch sein „Frühlingslied", zu dem er selbst de» Text dichtete, und das von Jenny Schröter zuerst in Konzerten gesnnge», später so gern von Virtuosimuren des Gesanges vorgctiagc» wurde: „Der Frühling ist komme», der ticbliche Mar"
