1. Anlage rum Wiesbadener Tagblatt.
Ko. 400. Morgen-Ausgabe.
Mittwoch, den 29. August.
48. Jahrgang. 1900.
(30. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Jung-Uru.
Noma» von K. W. Iiokinfon.
„Nun, zum Beispiel, daß sie sich anders besonnen hätte?" gab der ängstliche Bräutigam zur Antwort. „Oder daß sie krank geworden wäre . . . oder sonst etwas . . . ich weiß es ja nicht ..."
„Ich würde Dir rathen, etwas kaltblütiger zu sein, Hansel," ermahnte der Pathe.
„Leicht zu sagen," stöhnte Hansel. „Sie haben nie Hochzeit gehalten, Doktor! Wenn's nun schief ginge, im letzten Augenblick? Ich würde mir eine Kugel durch meinen dummen Kopf schießen!"
„Weshalb?" **
„Weil ich nicht ausgelacht werden möchte von dem Pack, Mt gefappt, nicht in ihren Couplets Vorkommen und in ihren verfluchten Mäulern . . ."
„Hans, ich bin nicht fromm, aber ich möchte Dich doch darauf aufmerksam machen, daß wir nicht an einem Ort sind, wo starke Ausdrücke hingehören!"
„Machen Sie sich nicht über mich lustig, wenn ich bitten darf."
„Das thue ich gewiß nicht."
„Insgeheim schon."
„Auch nicht insgeheim, mein Junge," sagte der Doktor, ihm die Hand auf die Schulter legend. „Deine Hochzeit ist mir wahrlich nicht komisch! Sie ist der Anfang Deines ganzen, wahren Lebens, Hans, und eines glücklichen, wie ich zu Gott hoffe."
Seine Hand glitt an Hansels Arm entlang, bis sie die des Bräutigams erreichte und mit festem warmem Druck umschloß. Hansel flüsterte gerührt: „Ich danke Ihnen."
Im selben Augenblick ertönten draußen vor der Kirchen- thüre jauchzende Jubel- und Heilrufe, wobei die „Holligan Jungen" Stimmführer waren, die Orgel setzte wuchtig ein, der Kirchenchor sang mit hellen Stimmen, und über den scharlachrothen Festteppich kam langsam und würdevoll Jung- Nin das Schiff herauf, vom reichen Schimmer der blüthen- weißen Seide und dem Duft der Spitzen umwogt am Arm ihres Vaters, der in seinem nagelneuen Frack mit einer Orchidee, so groß wie eine Untertasse im Knopfloch sein Inkognito für die Freunde seines Kreises vielleicht hätte wahren können, wenn der kleine Swilther nicht hinausgeplatzt wäre: „Hol mich der Kuckuck, wenn das nicht der versoffene Sam ist."
Stolz auf das ihm aufcrlegte Ehrenamt, seiner Vergangenheit als Eckensteher und Hinauswerfer in der Regcn- bogenhalle gänzlich uneingedenk, stolzirte der wiedergeborene Samuel das Schiff entlang, als ob diese ganze Kirche sein Privatbesitz wäre. Hinter der Braut kam das Gefolge der Brautjungfern, das sie am Eingang erwartet hatte, eine Blüthenlese aus dem Ballet, und sehr bescheiden Kitly mit der Mutter, Kitth minder strahlend, als man erwartet hatte. Frau Pickerson in Thränen schwimmend, wie das Klageweib bei einem Leichenbegüngniß.
Nin reichte Doktor Gravatt ihre leise zitternde Hand.
„Es ist sehr gütig von Ihnen, daß Sie da sind."
„Es war mein Wunsch," versetzte er mit einer tiefen Verbeugung.
Dann nahm die Ceremonie ihren Fortgang und unter Orgelklang, Chorgesang und Acitwirkung von drei Geistlichen wandelte sich Nina Pickerson in die rechtmäßige Gräfin Kane.
Mehr als einer von den Anwesenden fand diesen Vorgang märchenhaft; Georg Gravatt meinte fast, es müsse ein Traum sein so phantastisch und ungreisbar, wie Träume zu sein pflegen. Als das junge Paar und seine Zeugen dann in der Sakristei ihre Namen ins Kirchenbuch eintrugen, kam ihm die Sache wieder überaus komödienhaft vor und als dann Lord Kane unter den Klängen des Hochzeitsmarsches seine Gemahlin wieder durchs Schiff führte, wo sich Alles in den Bänken erhoben hatte, wo man Taschentücher schwenkte und sich vordrängte, um der« jungen Paar die Hand zu drücken, dünkte es ihm erst recht ein Traumgesicht.
Das Brautpaar und die geladenen Gäste stiegen in ihre Privat- oder Miethwagen, um nach dem Hotel Superb zu fahren, wo ein glänzendes Hochzeitsfrühstück ihrer harrte. Auch Doktor Gravatts Coups schloß sich dem Zug der Wagen an, sein Besitzer stieg auch vor dem Hotel aus und betrachtete sich unschlüssig und mit wchmüthigem Ernst die bunte Schaar von Damen und Herren, die lachend, schwatzend, kreischend in der Vorhalle stand und dann die breite Treppe hinanstieg, wobei einzelne Kapriolen und Balletsprünge zur Ausführung kamen.
„Ich glaube, ich gehe nach Hanse ... ich kann ihnen weiter nicht von Nutzen sein," sagte sich Doktor Gravatt, wieder in sein Coupö steigend.
Zweiter Band.
I.
Lord Kanes Flitterwochen dehnten sich ins Unendliche. Kein Mensch hätte zu sagen gewußt, wann sie zu Ende gingen oder wo das glückliche Paar ihr Hinschwinden verlebte. Volle sechs Monaten ließen sie überhaupt nichts von sich hören, dann tclegraphirte Lord Kane aus verschiedenen Städten des Festlands an seine Bank und Nin sandte ihren Angehörigen, gleichfalls telegraphisch, die Nachricht, daß sie wohl sei, aber voraussichtlich noch lange nicht nach England kommen werde.
Mehr als ein Jahr, mindestens fünfzehn Monate blieben sie aus, und Nin hatte vollauf Muße, die Welt kennen zu lernen und sich zur Dame anszubilden, worin ihre raschen Fortschritte um so mehr sichtbar wurden als keine geistige Ueberlegenheit des Gatten sie in Schatten stellen konnte. Was Lord Kane an gesellschaftlichen Feinheiten lehren konnte, hatte sie rasch nute. Hansel konnte den Edelmann leidlich herauskehren, wenn es gar nicht anders ging und er keine Spießgesellen aus der Singspielwelt um sich hatte. Im Ausland betrug er sich gedämpft und ruhig; die großen Leute, denen sie in den Weg liefen, überwältigen ihn beinahe mehr als seine Frau, und daß der Name Lord Kane und die Vergangenheit seines Hauses ihnen alle Thüren öffnete, erfüllte Hansel mit geheimem Unbehagen. Vornehme Kreise und ihre Formen waren nicht sein Geschmack; er hätte sie gern gemieden, aber ein Lord Kane hatte Englands Adel zu vertreten und konnte nicht alle Einladungen ablehnen. Nin war es anfangs sehr unbehaglich dabest aber ihr Anpassungsvermögen half ihr über viele Schwierigkeiten hinweg. Ihre Unkcuntniß fremder Sprachen hatte nicht viel auf sich, da
ihre Wirthe meist gern und gut englisch sprachen, auch wurden ihr Französisch und Italienisch bis zu einem gewissen Grad rasch geläufig. Nach einem Jahr hätte schon eine besondere Beobachtungsgabe dazu gehört, um es herans- znbringen, daß Jung-Nin in keinem adligen Haus geboren war. Hansel nahm diese Fortschritte wohl wahr, staunte sie an und war entzückt. Er war ungeheuer stolz auf Lady Kane und am Ende dieser zwölf Monate noch ebenso sehr ihr Liebhaber, der ihr vielleicht zu viel den Willen und zu wenig Einsamkeit ließ. Ihre Umwandlung beglückte ihih und er war geneigt, sie eher dem veredelnden Einfluß seines Umgangs, als der Fassungskraft und Anpassungsfähigkeit einer begabten Franennatur zuzuschreiben.
„Nin!" rief Hansel eines Morgens beim Frühstück in ihrem alten Stadthaus am Grosvenorplatz, wo Nins neues Leben nach der langen Reisezeit erst im vollen Ernst begann. „Die Bresche ist geschossen! Der Feind ins Wanken gebracht! Freut mich riesig, das muß ich sagen!"
Nin war in eine Nummer der „Aera" vertieft und die freudige Erregung des Gatten theilte sich ihr nicht alsbald mit. Hansel konnte sich über so geringe Dinge aufregen und freuen, daß ihr dieser Zustand nichts Auffallendes war und sie gelassen forlfnhr, ihre frühere Licblingszeitung zu stndiren, worin sie auf wohlbekannte Namen von Freunden und Feinden stieß, deren neueste Glanznumniern kennen lernte und in Erfahrung brachte, ob die Sonne ihres Ruhmes im Aufstieg oder Rieder-r^p begriffen war. Da stand auch immer noch Kitly Sonettas Name, dieser Kitty, die trotz aller Verlockungen zur Ehrbarkeit darauf bestand, ihr Brod selbst zu verdienen und das uustäte unsichere Bühnenglück weiter zu erproben.
„Nin, Du hörst ja gar nicht, was ich Dir sage," begann Lord Kane etwas vorwurfsvoll von Ncnem. „Leg' doch, bitte, diese Zeitung einen Augenblick weg und höre mich an."
„Nun, was ist's?" fragte Nin, seine Bitte erfüllend.
„Eine Einladung zu Tisch . . . rathe von wem!"
„Von Doktor Gravatt?"
„Nennst Du den etwa einen Feind?"
„Er war einst ein Freund, obwohl er sich vom Hochzcits- frühstück wegstahl, jetzt aber hält er sich aus irgend einem geheimnißvollcn Grund von uns fern."
„O der ist uns sicher! Auf den alten Gravatt Halle ich
jede Wette!"
„So Hab' die Güte, mir zu sagen, welcher „Feind" uns mit einer Einladung beehrt? Rathen sollen ist mir un
ausstehlich."
„Nun, ein Feind ist's vielleicht nicht, aber Jemand, der sich ganz zurückgezogen hatte, weil ihm meine Heirath nicht paßte." .
„Die paßt Keinem von Deiner Sippe. Auch Deinem Pathen nicht, wenngleich er Dir zu Liebe in die Kirche kam!"
„Fragt sich, ob's nicht Dir zu Liebe geschah, Nin."
„Mag sein," sagte Nin, wieder nach ihrer Zeitung greifend.
„Du bist aber doch auch gar nicht neugierig!" rief Hansel schier gekränkt. „Mein Onkel, der sehr Ehrenwerthe Wilhelm Markingham, und meine steifleinene Frau Tante sind's, die sich die Ehre geben, uns auf den 20 . zu Tisch zu bitten! Irgend Jemand muß uns ein sehr gutes Zeug-
(Fortsetzung folgt.)
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