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. Berlage jum Wiesbaüener Tagblntt.

398. Morgen-Ausgabr.

Dienstag» den 28. Angust.

48. Jahrgang. 1900.

(29. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Inng-Mm.

Noma» von Ii. W. IloSinse«.

Du wirst ihn morgen kaum wieder erkennen, so an­ständig sicht er aus, Kitly!"

Ja ... soll er etwa bei der Hochzeit sein?"

Als Brautvater wohl?"

Ja, Hansel wollte es so haben."

Ein netter Spektakel!" rief Kitth krampfhaft lachend. Da wärt Ihr besser nur aufs Standesamt gegangen, als solch eine Posse aufzuführen."

Was thut's! Wir reden jetzt nicht vom Vater, sondern von Dir . . ."

Laß es gehen, Niu, laß es gehen I" rief Kitth.Wenn Du noch ein Wort sagst, platz' ich los! Ich geb' mir ja alle Mühe, aber uni ein Kleines brüll' ich los, daß die Nachbarschaft zusammenlauft! Damals an dem Sonntag, wo Ihr Euch verlobt hab't, war mir's ebenso . . . heute ist's noch schlimmer . . . bitte, bitte, sag' nichts mehr!"

-Aber Du willst Dir's überlegen?"

Ja, ja, ich will," sagte sie hastig.

Und keinen übereilten Entschluß sassen?"

Ist noch nie meine Art gewesen."

Nin wäre berechtigt gewesen, diese Behauptung an­zuzweifeln, aber sie wollte ihr Ruhe gönnen. Kitth war, wie sic sah, überreizt und in dieser Verfassung war nichts mit ihr anzufangen. Das hatte schon Pickerson erkannt, der immer innezuhalten wußte, nachdem Kitth einmal ein Plätt­eisen nach ihm geworfen hatte, das um ein Haar seine ehrenvolle Laufbahn beendigt hätte.

Wenn ich von der Hochzeitsreise zurück bin, müssen wir's wieder besprechen, darauf mußt Du wenigstens eingehen!"

Gut, gut."

Mein erster Gang wird in die Van-Dykstraßc sein, Kits."

Wenn Du mich nur noch hier findest!"

Kitth!"

Wenn Du fort bist, hasse ich- dieses Haus ... ich werde ausziehen . . . irgendwohin . . ."

Aber mir Deine Wohnung melden?"'

In sechs Wochen trete ich in auf . . . als Schwester der Gräfin Kane werde ich wieder ein wenigziehen" ... da bin ich also aufzufinden."

Gut."

Jetzt aber ... laß mich allein, Nin!"

Sie stieß es nicht rauh hervor, wie sonst wohl, sondern nit einer verdächtig bebenden Stimme und Nin ging, nach­dem. sie ihr einen einzigen herzlichen Kuß gegeben hatte, schnell und schweigend hinaus. Es war gut, daß sie auch rasch die Treppe hinunter ging, sonst hätte sie wohl noch gehört, wie Kitth zusammenbrach und hätte sie dann auf dem Teppich ausgestreckt gefunden, von Verzweiflung oder noch schlimmer, von Gewissensnoth überwältigt.

XIX.

Die Trauung von Hans Georg August Markingham, sechzehntem Grafen Kane auf Datchington, Grafschaft Surrcy,

und Nina Pickerson, Tochter des Oekonomen Samuel Pickerson, Gutspächter in Appleburg, Hampshire, wurde in einer der vornehmsten Kirchen des Westends von London mit gebührendem Gepränge gefeiert. Es war ein groß­artiges, wohlgelungenes Schauspiel, soweit die Zahl der Theilnehmer und Zuschauer für Vortrefflichkeit bürgt.

Adels- wie Künstlerkreise erblickten ja in dieser Feier ein ungewöhnliches Ereigniß, denn jeder wußte, daß Nina Pickerson keine andere war alsJung-Niu Sonetta", der Stern der Singspielhallen, deren Bildniß in allen illustrirten Zeitungen erschienen war, und deren Lebensgeschichle im letzten Jahr überall erörtert, mit zahllosen Erfindungen und halben Wahrheiten ausgeschmückt worden war. lieber Lord Kane liefen Aeußcrungcn um, wie von falscher Ritter­lichkeit, mißverstandenem Ehrbegriff, tollem Streich, Narrheit oder auchsieht dem Hansel gleich", während sich der Klatsch über Jnng-Nin ganz beruhigt hatte und auch die abfälligen Urtheile nur dahin gingen, sie als ein verflucht gcscheidtes Mädel zu bezeichnen, das es schlau angefangen, ihre Netze geschickt gestellt habe und ihren Hansel um den Finger wickle.

In dieser überfüllten Kirche, die in reichstem Blumen­schmuck prangte, sollte man jetzt unter Orgelklang und Chor­gesang den letzten oder ersten Akt des bürgerlichromantischen Schauspiels mit ansehen.

Auch ans der Straße und vor dem Portal drängte sich eine derartige Menschenmenge, daß ein Dutzend Schutzleute alle Hände voll zu thun hatte, damit Hansel und Jung-Nins Trauung keine Menschenopfer koste.

Als der Graf mit seinem Geleitsmann vorfnhr, orach die draußen _ stehende Menge in Hnrrahrufe aus, eine Huldigung, die seinem Heldenmuth, seiner Tugendhaftigkeit oder seiner offenen Hand gelten inochte. Hansels rothes Gesicht, dem die Augen mehr als je entspringen zu wollen schienen, strahlte vor Wonne, und er schwenkte, von einem Ohr zum andern grinsend, den Hut, um für diese ihn sicht­lich befriedigende Theilnahmsbezeuguug des lieben Publikums zu danken. Sein Begleiter, kein Geringerer als I)r. Georg Gravatt, schien über die Beliebtheit seines Pathensohns minder erbaut zu sein, als man von ihm hätte erwarten können, und sein scharf geschnittenes Gesicht nahm einen Ansdruck an, wie wenn er die Stimme des Volks zu den unangenehmen Geräuschen rechnete.

Nett von den Kerls . . . meinen Sie nicht, Doktor?" bemerkte der junge Lord Kane, während er die Stufen emporstieg, dem feierlichen dickleibigen Thürhüter entgegen, der ganz so aussah, als ob er den Bräutigam aus freien Stücken an seinen goldbetreßten Frack drücken möchte.Und nicht bestellt, ganz aus dem Stegreif."

Eine öffentliche Huldigung," sagte Doktor Gravatt trocken.

Ich habe gar nichts damit zu schaffen . . . nur daß diese schlauen Holligan Jungen mir gestern beim Souper einen Abgesandten schickten mit der Meldung, daß, wenn ich nicht mit einem Souvereign herausrücke, sie mich und den ganzen Aufzug morgen auspfeifen würden."

Und Du hast den Souvereign gespendet?"

Versteht sich. Mir wär's ja einerlei gewesen, aber ich hätte nicht haben mögen, daß Niu im letzten Augenblick ver­letzt worden wäre, des lumpigen Geldes wegen."

Gewiß, gewiß," wars Doktor Gravatt hin, der bei

seiner mangelhaften Kcnntniß von Sitten und Gebräuchen der Eingeborenen in Londons Süden keine Ahnung hatte, daß diese Holligan Jungen die wohlbestallte Clague des Regenbogens" ivaren. Er würde sich noch mehr darüber gewundert haben, wenn er sich nicht ohnedies vorgenommen hatte, seine Fähigkeit des Erstaunens für diesen Tag gänz­lich abzustellen und darauf gefaßt gewesen wäre, daß manche Absonderlichkeit, manch seltsames Exemplar männlicher und weiblicher Menschheit seinen Pfad kreuzen werde, wobei er sich wahrscheinlich hie und da belustigt, öfter aber abgestoßen fühlen werde. Gleichwohl war er fest entschlossen, seinem Pathensohn seinen vollen Beistand zu gewähren. Er hatte sich dieser Heirath widersctzt und war auch heule noch keines­wegs überzeugt, daß sie gut ansfallen werde, aber Hansels Festigkeit und Jung-Nins gerades ehrliches Auftreten bei ihrem Besuch in seinem Hanse hatten ihn überrascht, und wenn seine Gegenwart bei der Trauung diesem Glück einige Gewähr der Dauerhaftigkeit verleihen konnte, so stellte er sich willig zur Verfügung. Man sollte nicht sagen können, daß die Freunde des verstorbenen Lord Kane aus Hochmuth oder Widerwillen dem Fest fern geblieben seien, und er war überzeugt, daß sein Freund ihn selbst darum bitten würde, nachdeni aller Widerstand gegen die unziemliche Verbindung erfolglos geblieben war. Hansel war sein Pathenkind, und wenn er keineswegs Alles erfüllt hatte, was er bei der Taufe hatte geloben müssen, so wollte er ihn doch jetzt nicht im Stich lassen. Man sollte in ihm den Freund des jungen Lord Kane erblicken, wie er der des alten gewesen war, und als er neben ihm vor dem Altar stand, drängte sich bent Doktor der Gedanke auf, er würde vielleicht Einem von den Beiden, ihr oder ihm, von wirklichem Nutzen sein können in der Zukunft, von der Niemand wußte, was sie bringen konnte, denn unter seltsamen Umständen traten hier zwei junge ungeschälte Gemnther in ein neues Leben, was mochte der Ausgang der heute beginnenden Komödie werden?

Der Bräutigam und sein Pathe standen der Braut harrend im Hintergrund des Büttelschiffs, scharf beobachtet von all den Schaulustigen. Es wurden viele Betrachtungen angestellt, die vielleicht nicht sehr angenehm zu hören gewesen wären, die im Grunde aber auch nichts Beleidigendes ent­hielten. Die Größen der unteren Musikwelt waren m Menge anwesend, man sah viel gefärbtes Haar und geschminkte Wangen, hörte auch mehr Gekicher und vernehmliches Flüstern, als sonst in der Kirche üblich ist, selbst bei modischen Hochzeiten. Etliche vornehme Freunde von Lord Kaue tauchten da und dort auf, junge, geschniegelte Lebemänner, wovon einige in Hansels Fußtapfen zu treten gesonnen waren, andere nur den Ulk mit anseheu wollten. Hübsche Gesichter und funkelnde Augen waren reichlich vertreten. Juwelen blitzten in etwas größerer Anzahl, als für die frühe Tagesstunde passend war, dazwischen tauchten auch seltsame Clownsgesichter auf, die ihr Möglichstes thun zu wollen, schiene», um die Wartezeit zur Erhöhung ihres künstlerischen Rufs nutzbar zu machen.

Wie lang sie nicht kommt!" flüsterte Hansel, zum hundertsten Mal auf seine Uhr sehend.Es wird doch nichts geschehen sein!"

Was sollte denn geschehen können!" erwiderte Doktor Gravatt leise.

(Fortsetzung folgt.)

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