1. Berlage Mm Weshnüener Tagblatt.
N». 392. Worgen-Ansgabe.
Freitag» den 24. August.
48. Jahrgang. 1909.
(26. Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
Inng-Uiu.
Roman von K. ZS. Aoöinson.
„Ich werde ihr nicht nachlaufen!" rief er heftig.
„Sehr angenehm zu hören ... es bleibt Dir wohl auch nichts Anderes übrig als höflich zu sein. Dafür wird Lord Kaue sorgen."
„Lord Kane! Wenn er mir etwas zu sagen wagt, schlage ich ihn todt!" schrie Paul mit dem Arm herumfuchtelnd.
„Du redest wie ein Tollhäusler, Paul," bemerkte Kitty kühl.
„Du hast Recht! ich will ruhig sein. Du versprachst, mir Alles zu erzählen, wenn Nin schlafe, wenn Niemand sich an meiner düstern häßlichen Gegenwart stoßen könne.. . nun, ich bin da und ich erfahre kein Wort!" stieß er ungeduldig heraus.
„Weil Du den Mund nicht halten kannst, Paul," ent- gegnete Kitty, „weil Du wie gewöhnlich allein redest. Mir macht's gar keinen Spaß, mich nächtlicher Weile mit Dir auf der Straße herumzutreiben wie eine Magd mit ihrer Bekanntschaft und überdies friere ich auch."
„Kitty, ich habe Dich früher für meinen besten Kameraden gehalten, dann hast Du Dich gegen mich gewendet . . . weshalb?"
„Ich habe mich nie gegen Dich gewendet, Paul, ich wollte nur nicht, daß Du Nin verfolgen und Bessere als Du bist verscheuchen solltest. Du bist ein armer Teufel ohne alle Aussichten, Nin hatte glänzende, siehst Du nicht ein, daß es scheußlich egoistisch wäre, Dich ihr in den Weg zu stellen?"
„Du hast mir's oft gesagt und manchmal mußte ich Dir im Stillen Recht geben," sagte er schwermüthig. „Nur an diese „Besseren" kann ich nicht recht glauben, ich sah, daß man sie mit Eitelkeit ködert, vom rechten Weg lockte, ver- muthlich um sie zu betrügen ..."
„Und Du sagtest ihr nicht, daß Du ihr Verderben fürchtest, sondern daß sie schon schlecht sei," fiel Kitty ein, „und hast sie Dir damit für Zeit und Ewigkeit zum Feind gemacht!"
„In jener Nacht war ich wahnsinnig, Kitty, und, Gott weiß, wie ich's bereut habe! Die Einzige, die mir thcuer ist, so zu kränken! Ich habe ihr geschrieben, sie um Verzeihung gefleht ... sie antwortet mir nicht einmal, verzeiht mir nicht ..."
„Sie sagte Dir damals, daß sie Dir nie vergeben werde!"
„Und doch war sie nie unversöhnlich ... sie muß ja gesehen haben, daß ich außer mir war, ein Rasender, sie sollte mich doch besser kennen!" rief er leidenschaftlich.
„Paul, Du versprachst mir, keinen Lärm zu machen, Du gabst mir Dein Ehrenwort . . ."
„Ich bin ja schon still, aber ich lechze nach Nachricht von ihr. Du schivatzcst und schwatzest, ohne mir etwas zu sagen . . ."
„Die Hauptsache weißt Du doch . . ."
„Ich will doch Näheres wissen. Lord Kane war also hier, fast den ganzen Tag, wenigstens seit Nachmittag, wo er die Scheibe zerschlagen hat . . ."
„Aha! Du hast wieder spionirt!"
„Aus weiter Ferne, Kitty, ich . . . ich konnte nicht anders! Du sagtest mir, Lord Kane würde kommen . .
„Allerdings und ich sagte Dir, er würde ihr einen Antrag machen."
„Ja, das hast Du gesagt."
„Und Du hast's nicht geglaubt?"
„Nein!"
„Schön! Er hat's aber gethan und sie hat Ja gesagt. Sie sind Brautleute in aller Form und die Hochzeit wird bald stattfinden. Du mußt Dich drein ergeben, Paul, und darfst nicht mehr den Störenfried spielen!"
„Ich gehe ja, nächste Woche schon! Genügt Dir das?" fragte er bitter.
„Verfrüht ist's nicht," versetzte sie trocken.
„Hast Du ihr meinen gestrigen Brief gegeben, den letzten?"
„Ja."
„Und?"
„Sie zerriß ihn uneröffnet!"
„Erbarmungslos! Darin habe ich sie falsch beurtheilt gehabt, ganz falsch!"
Er riß den breitkrempigen Hut vom Kopf und fächelte sich Luft, als ob er am Ersticken wäre, ja er lehnte sich an einen Laternenpfahl, als ob er Schwindel hätte, und Kitty sah deutlich, daß Thranen in seinen dunkeln Augen schimmerten. Und trotz Allem zitterten ihr die Lippen vor Mitgefühl, denn cs war eine wahre Liebesgeschichte und Kitty ein Weib.
„Laß es gut sein, Alterchen," sagte sie beschwichtigend. „Die Zeit wird kommen, wo Du mir ganz Recht giebst und selbst einsichst, daß Ihr nicht zusammen gepaßt hättet."
„Vielleicht," stammelte er, den Hut wieder aufstülpend. „Vielleicht ... ich will's versuchen, Kitty."
„So ist's recht!"
„Du weißt nicht," sagte er hastig, „daß mein gestriger Brief an sie auch ein Heirathsantrag war? Das hättest Du Dir wohl nicht träumen lassen?"
„Der wievielte? Warum etwa nicht?" fragte Kitty.
„Weil nur ein Narr, ein Narr wie ich,^mn sie werben konnte nach jenem Streit in jener Gott verfluchten Nacht! Ich habe sie noch einmal angefleht, mein Weib zu werden oder mir wenigstens meine harten Worte zu verzeihen und ihr gelobt, daß sie nie im Leben mehr ein böses Wort von mir zu hören bekommen solle. Ich sagte ihr auch, daß mein Stern anfgche, die Tage des Glanzes für mich anbrächen, daß ich berühmt werde ... ja, Gott sei gepriesen, endlich, endlich!"
„Du scheinst ihr viel gesagt zu haben . . ."
„Ja, das that ich!"
„Und gehörig geschwindelt!"
„Nein, Kitty, es ist buchstäbliche Wahrheit. Ich gehe nach Amerika. Ein berühmter Landsmann hat mich bemerkt, mich spielen hören und mir glänzende Anerbietungen gemacht. Endlich, endlich werde ich genannt, berühmt, aus dem unseligen Dirigenten elender Leierkastenniusik wird ein gestierter Künstler! Das Alles schrieb ich ihr und sie würdigt mich keines Wortes."
„Ich sagte Dir ja, daß sie Deinen Brief nicht gelesen hat. Sie riß ihn mitten durch und wars ihn ins Feuer."
„So sage Du ihr's, Kitty. Erzähle Du ihr Alles, Kitty, das ist meine letzte Bitte an Dich!"
„Der künftigen Lady Kane? Ich, ich sollte ihren Frieden mit Deinem Geschwätz stören. . . niemals!" rief Kitty entrüstet. . „Du kannst Dich darauf verlassen, sie würde mich gar nicht anhören! Wenn Du kein eitler Narr wärest, müßtest Du doch begreifen, daß man zehn Mal lieber Gräfin wird, als die Frau eines verrückten Klavierspielers, besonders wenn sie Alle sind wie Du!"
„Du willst cs ihr nicht sagen? Dann sag' ich's ihr. selbst," rief er mit wilder Entschlossenheit auf Jung-Nius Hausthürc zustürmend.
Kitty rannte hinter ihm her und hielt ihn mit beiden Armen fest.
„Nun bist Du wieder toll, Paul! Ein Narr im buchstäblichen Sinn! Gut, gut, ich will's ihr sagen, nur um des lieben Friedens willen."
„Kann ich mich auf Dich verlassen?"
„Wenn Du mir nicht traust, so laß' es bleiben. Ich will ihr Wort für Wort erzählen, was Du mir gesagt hast."
„Und willst mir morgen schreiben, was sie geantuwrtet hat?"
„Auch das, vorausgesetzt daß Du sie in Ruhe läßt!"
„Falls sie nicht . . ."
„Natürlich, falls sie nicht Lord Kane springen läßt!" spottete Kitty und es war gut, daß er ihr Gesicht dabei nicht scheu konnte.
Mit dieser Vereinbarung trennten sie sich, Kitty glitt lautlos ins Haus, verschloß die Hausthüre und schlich wieder in das Wohnzimmer, wo die Gasflammen trüb brannten und der Tabaksdunst noch innner die Luft erfüllte. Sie setzte sich an den Tisch, stützte ihr breites Kinn in die rechte Hand und versank abermals in Nachdenken. Aller Ueber- muth und Frohsinn waren verflogen, und ihr Gesicht war finster und undurchdringlich, wie das einer Sphinx.
„Wenn ich doch todt wäre!" rief sie, mit der geballten Faust auf den Tisch schlagend, und sie sah dabei aus; als ob's ihr bitterer Ernst märe mit diesem Wunsch.
Was Kitty Bude am andern Tag an Paul Napclla schrieb, bleibe vorderhand dahingestellt, es war jedenfalls ein Brief, der seine Wirkung nicht verfehlte. Napella raste und tobte zwischen seinen vier Wänden, dann zuckte er die Achseln, machte einen Spaziergang im Park und rauchte niehr Cigaretten, als seiner Gesundheit zuträglich war. Einige Tage darauf reiste er wirklich nach Amerika ab, denn diese Konzertreise ivar kein Schwindel gewesen.
Nachdem sie den abgewiesenen Freier auf hoher See schwimmend wußte, hätte Kitty Bude von Rechtswegen scelcnvergnügt sein müssen, sie war aber die ganze Woche hindurch und auch acht Tage länger überaus schweigsam und nachdenklich und nur wenn Jung-Nin nach den Ursachen dieser Verstimmung forschte, raffle sie sich auf, um Komödie zu spielen und von Lustigkeit überzuschäumen.
Hansel stellte sich jeden Abend ein, um seine Braut in die Singspielhalle abzuholen und sie nach ihrer letztett Nummer in die Van-Dykstraße zurückznbriugen. Er hatte gewünscht, daß Nin all ihre Verpflichtungen im Stich lassen sollte, sie war aber nicht dazu zu bringen gewesen. Nein, fo hatte sie nicht gewettet!
(Fortsetzung folgt.)
Verkauf.
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