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Wiesbadener Tagblstt.

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Sonntag, 23. april 1915.

Morgen- Ausgabe.

Nr. 191. 63. Jahrgang.

Der Krieg.

Oer österreichisch - ungarische Tagesbericht.

Russische Angriffe überall gescheitert.

W.T.-B. Wir«, 24. April. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 24. April: In den Karpathen stellen­weise heftiger Geschützkampf.

Im Abschnitt des Uz soker Passes während des Tages vereinzelte Vorstöße der Russen, dir d u r ch° weg abgcwiescn wurden.

Nachtangriffe des Feindes entlang der Tnrtaer­st r a h e und westlich dieser scheiterten neuerdings unter großen B e r l u st e n des Gegners.

Die sonstige Lage ist unverändert.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. Höser, Feldmarschallentnant.

Oesterreich - Ungarn.

-Dis Lebenskraft des Donaureichs hat sich wie­der einmal glänzend bewährt. Gelegentliche Miß­erfolge. die allein durch die ungeheure Übermacht der Russen verschuldet wurden (wofern man von Verschul­dung überhaupt sprechen darf), sind schon wieder aus- geglichen worden, die Hauptsache aber ist, daß int illach- barreiche der Wille zum Durchhalten und das Vertrauen auf eine gesicherte und stolze Zukunft ungebrochen sind. Jede Rechnung der Feinde auf eine Lockerung des Gefüges, das Öster­reich-Ungarn organisch und nicht bloß mechanisch zu- fammenhält, ist bisher gründlich fehlgeschlagen. Nach den Erfahrungen dieses Krieges kann man mit unbe­dingter Sicherheit sagen, daß sie auch fernerhin fehl- schlagen wird. Wie bei uns die Gegensätze zwischen den Parteien in der Glut einer großen Z e r t gemildert worden sind, so auch im Donaureiche. Viel­leicht würden- sich, wenn man näher hinblickte, Unter­schiede in den Grundbestimmungen der Nationalitäten wahrnehmen lassen, und es wäre ja auch nur natürlich, wenn etwa die Tschechen nicht ganz die unerbittliche Entschlußfreudigkeit zeigten, init der die Deutschen und die Ungarn den Krieg als eine nackte D a s eins­srage betvachten und behandeln. Aber seine Pflicht getan hat jeder der nationalen Bestandteile. Öster­reich-Ungarn hat keine Wahl, es muß kämpfen, es will aber auch kämpfen, und es erfüllt seine Pflichten, nicht bloß weil es nicht anders geht, sondern weil die bei­den Hauptträger des Reichsgedankens in beiden Reichshälsten genau wissen, daß jedes Nach­lassen gleichbedeutend mit Untergang, mit Aus- Höhlung auch von innen heraus wäre.

Der große Erzieher Krieg hat viel alt und dürr Gewordenes im Nachbarlandc weggefegt, er I>at auch dort frische Keime gelebt, aus denen ein Wachsen und Blühen hervorgehen wird. Wir sehen mit Be- srisdigung. daß eine Politik auf gegeben wird, die das Verhältnis zwischen Deutschen und Tschechen derart zu regeln unternahm, daß die Tschechen sich als die Sieger hätten fühlen können. Der R ü ck-

Nm Feld des Friedens.

Deutsche Erde, wieder fließt Neue Kraft aus deinem Schoße,

Der getreuen, wieder sprießt Neues Grün am Schaft der Rose.

Wieder quillt am dürren Reis Zarter Blüten holder Segen,

Und im weiten, weiten Kreis Strebt die Saat dem Licht entgegen.

Junge, schöne, grüne Saat,

Die so hoffnungsfroh sich breitet.

Ohne Ahnung, was im Rat Gottes sie der Welt bedeutet.

Deutsche Erde, spute dicht Lasse flink die Halme steigen.

Daß sie, schwerbeladen, sich Bald dem-Schlag der Sichel neigen.

Halte ab, was uns bedroht,

Wenn wir darben deiner Gaben,

Spende deinen Kindern Brot,

Die so schwere Arbeit haben.

Halte sie in treuer Hut,

Deutsche Erde, diese Saaten,

Denn sie werden deutsches Blut,

Deutsche Kraft und deutsche Taten!

Halme ihr, vom Wuw getviegt,

Weckt mir tiefe Traumgesichte:

In dem Keim des Körnleins liegt Der Beschluß per Msttgeschichte! ...

Kogler.

tritt .des Fürsten Thun vom böhmischen S t a t t h a l t e r p o st e n ist ein Ereignis von B e - d e u t u n g. Heut, wo dieser Mann in den Ruhestand getreten ist, darf man es offen aussprechen, daß er seine Aufgabe, Versöhnung zwischen den beiden Nationali­täten zu stiften, darum nicht lösen konnte, weil er mrt seinem Herzen und mit der Tat auf der Seite der Tschechen stand. Sein Nachfolger Graf Coudcn- h o v e geirießt >das Vertrauen der D e u t s ch e n, er wird es sich allerdings erst verdienen müssen, aber man braucht die Erwartung nicht aufzugeben, daß ihm das gelingen wird, und man möchte auch hoffen, daß ihm die Tschechen nicht mit Argwohn begegnen. Denn nicht um die Verewigung des Nationalitätenhaders, sondern um seine Schlichtung muß es sich doch handeln. _

Auch in Ungarn zeigen sich Symptome der nütz­lichen Milderung des Gegensatzes zwischen den einzel­nen Bolksstämmen. Graf Tisza hat den Rumänen in Siebenbürgen wertvolle Zugeständnisse gemacht, und er hat damit der Neigung dm- ungarländischen Rumä­nen, im Gesamtverbande des Donaureichs zu ver­harren, neue Stützpunkte gewährt. Zugleich haben auch die anderen Nationalitäten Erfolge zu verzeich­nen gehabt, in deren Genuß sie freudiger als zuvor den Vorteil, einem großen Staatswesen anzngehören, schätzen lernen werden. Eine Regierungsverordnung' vom 7. März hat eine verstärkte Zulassung der nicht- magyarischen Sprachen gewährt, und diese Fortschritte werden nicht die einzigen auf der Bahn eines ver­ständigen Ausgleichs zwischen -den Magyaren und den übrigen Völkern sein.

Die wirtschaftlichen Verhältnisse in Öster­reich-Ungarn sind überraschend widerstandsfähig. JEte Lage ist dort ähnlich wie bei uns. Indem die Völker der habsburgischen Monarchie so gut wie ganz auf sich allein angewiesen sind, setzen sich neue Formen der wirtschaftlichen Organisation durch, und das ausge­gebene Geld bleibt im Lande. Es ist ein gutes Zeichen für die Lage, daß der B a n k d i s k o n t in Wien vor einigen Tagen von 5H-. auf 5 ermäßigt wer­den konnte, und wenn demnächst eine neue Anleihe auf den Markt gebracht werden wird, so zweifelt in Wien und Budapest kein unterrichteter Betrachter daran, daß sie einen Erfolg haben wird. Österreich-Ungarn ist nicht n i e d e r z u r i n g e n, das hat der Krieg ge­lehrt, damit werden sich die Feinde abzufinden haben.

Was uns aber das größte Vertrauen auf die Zukunft des befreundeten Reichs geben kann, >das ist der immer stärker und zwar in -beiden Reichshälsten durch­brechende Wille zu einem engeren wirtschafts­politischen und kulturellen Anschluß an uns. Manche trennende Grenze wird fallen, Ströme des Segens werden sich herüber und hinüber ergießen. Wir können nur erst ahnen, was uns und dem Nachbar­reiche die Zukunft bringen wird, aber wir brauchen auch kühne Hoffnungen nicht sür voreilig zu halten.

Aufhebung österreichischer Zölle.

W. T--B- Wien, 24. April. (Nichtamtlich.) DieWiener Zeitung" veröffentlicht eine Ministerialverordnung, nach welcher die Zölle für folgende Artikel zeitweilig außer Kraft

Der Spion.

Eine Skizze vom östlichen Kriegsschauplatz.

Bon Paul Lindenbrrg.*)

Hauptmann M- vom Großen Generalftab, zur Nachrichten­abteilung eines Armee-Oberkommandos gehörend, setzte sich die hornunffaßte Brille auf und sah die eingogangenen Mel­dungen wie Berichte durch. Die Stirn eines klugen, ernsten Gesichtes zog sich in Falten:Da, lesen Sie mal", und er reichte einige Schriftstücke dem ihm gegenübersitzenden jungen Hauptwann R., der erst dieser Tage den zweiten Stern auf den Achselklappen erhalten,Die Sache kommt mir jetzt doch seltsam vor. Ich gehöre nicht zu denen, die gleich Spionage wittern, wenn mal etwas nicht nach Wunsch geht, aber dieses in den letzten Wochen mehrfach beobachtete Vor­stoßen der Russen aus verschiedene Punkte, wie gestern Szitt- kehnen, die wir schwächer besetzt hielten, läßt doch vermuten, daß die Kerls drüben gut benachrichtigt werden. Ihre Flieger sind es nicht, die ihnen das bringen, sie haben ja hier keine mehr, und ihre Patrouillen auch nicht, hier scheint sich's um direkten Verrat zu handeln."

Eine Ordonnanz trat ein, Hauptmann M. eine Besuchs­karte reichend.Landratssckretär Häßler" stand drauf.

Der Herr möchte eintreten!"

Der Hauptmann hatte sich erhoben und begrüßte den schmächtigen, graubärtigen Herrn, der um Entschuldigung bat, daß er zu so ftüher Morgenstunde komme, aber er hätte noch gestern abend mit dem Herrn Landrai Rücksprache ge­nommen, der ihn gebeten, vor Beginn des Dienstes diesen

*) Paul Lirwenberg wird nekanniiick) am kommenden Dienstag einen Vortrag,linier Hsndenlmrgs Fahnen" be­titelt, im Saale der Turngesellschaft, abends 8 Uhr. halten.

gesetzt werden: Ochsen, Kühe, Kälber, Schafe, Ziegen, Läm­mer, Schweine (im Gewicht von 60 Kilo und mehr), Geflügel aller Art, Wildbret, Fische, Brot, Schiffszwieback, Bäckerei- und Teigwaren, Fleisch (frisch und geräuchert usw.), Käse. Heringe, Fleischkonserven, Früchte, Gemüse aller Art, Ge­müsekonserven, Zwiebel, Knoblauch und gewiffe Zuckerarten.

Deutsche Tauchboote in der Ostsee.

Ein finnischer Dampfer versenkt.

W. T.<B. Stockholm, 24. April. Nach hier eingctroffenen Nachrichten ist der DampferFr aack", der nach einer gestrigen Meldung in der Nähe Finnlands untcrge- gangen ist, von einem deutschen Unterseeboot tor­pediert worden. Er ist sofort gesunken. Die Besatzung wurde gerettet. Die Torpedierung hat wahrscheinlich am frühe« Morgen stattgefundcn. Man schließt aus dem Ausdruckin der Nähe von Finnland", daß der Dampfer bei Aal and tor­pediert worden ist. Der Dampfer ist von Stockholm in der Nacht von Donnerstag auf Freitag abgcgangcn, passierte Socderarm am Frcitagmorgcn 4 Uhr. Abends sollte der Dampfer in A a b o cintrcffc». Er hatte Stückgüter, zumeist Baumwolle geladen. Die Besatzung bestand aus dem Kapitän Sabelstrocm und 42 oder 13 Finnen. Der Dampfer gehörte einer mit französischem und russischem Geld ncugcgrün- dcten finnischen Gesellschaft. Alle in Stockholm befind­lichen Dampfer haben die Weisung erhalten, vorläufig hier zu bleiben.

Ausweisungen aus Petersburg.

\V r . T-B. Petersburg, 24. April. (Nichtamtlich.) Aus Verfügung des Petersburger Stadthauptmann ist 153 Per­sonen der Aufenthalt in der Residenz verboten worden.

Der Handelskrieg gegen England.

Die Mannschaftsverluste der englischen Marine.

Br. Kopenhagen, 24. April. (Eig. Drahthericht. Ktr. Bln.) Die gesamten Berluste der englischen Maaine, einschließlich Reservisten und Freiwilligen seit Kriegsausbruch bis 3. Mürz werden jetzt von amtlicher englischer Seite wie folgt angegeben: Offiziere getütet 332, verwundet kl, inter­niert 41, gefangen 11. Mannschaften getötet 4981» verwunde! 640, interniert 1524, gefangen 924 Mpnn. wieder ein englischer Zischdampfer versenkt.

W. T-B. Berlin, 24. April. (Nichtamtlich.) Dem Lokal-Anzeiger" wird über Kopeuhagen aus London ge­meldet, daß der englische FischdampfcrSaint-Law' r e n c e" von einem deutschen Unterseeboot in Grund, ge­schossen sei. Von der Besatzung seien 7 Mann in Grimsbh eingetrofseu und 2 Mann ertrunken.

Lin russischer Rat an England.

Br. Kopenhagen, 24. April. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Die PetersburgerNowoje Wremja" empfiehlt den Engländern beim Fange deutscher O-Boote das Prinzip der Gefangennahme der Besatzungen aufzugeben ufiä iipfe e i n sach-ertrinken zu lassen.

Die Zepvelln-Streifiüae über England.

Welchen Eindruck in Wirklichkeit unsere Zeppeline in England gemacht haben, enthüllt uns eine offenherzige Zu­schrift an dieTimes" vom 20 d.'M. Da heißt es:Mit Bedauern habe ich den allgemeinen Tan in den Besprechungen über die beiden letzten Zeppelin-Streffzüge über England be­merkt. Die Streifzüge sind als Fehlschlägc hingestellt

Brief hier abzugeben, der vielleicht irgendwelches Interesse für den Herrn vom Nachrichtenbureau habe. Er übergab da­bei einen beschmutzten Briefumschlag, erläuternd bemerkend, daß er ihn gestern unter dem Briefkasten des Postgebäudes gefunden. Wahrscheinlich sei der Brief bei der Leerung her- ausgefallen, in dem Rcgenwetter wäre die Aufschrift ver­wischt worden, er hätte den Brief, um den Absender festzu- stellen, geöfftict und ein in geläufiger russischer Schrift abge­faßtes Schreiben gefunden. Das wäre ihm und auch dem Herrn Landrat doch merkwürdig erschienen, denn es seien ja jetzt nur noch ein paar hundert Einwohner hier, da die Mehrzahl in neu ausgebrochcner Russenfurcht geflohen; man könne sich die Anwendung des Russischen nicht erklären.

Bitte, Ivollen Sie Platz nehmen, wir werden gleich er­fahren, worum es sich handelt", und Hauptmann M. händigte den Brief seinem Kameraden ein. Der überflog die Zeilen und las dann:

Liede Schwester! Bitte, erhebe doch von dem auf Deinen Namen eingezahlten Guthaben bei der Oftbank 500 Mark. 200 davon behalte für Dich, da Du bei den jetzigen schlechten Zeiten das Geld tvohl auch brauchst. 150 sende an Emil und den gleichen Betrag an mich. Beides per Postanweisung, . aber verzeichne als Absender meinen früheren Chef. Von Emil habe ich lange nichts erfahren, was ja auch zu erklären ist. Teile mir doch auch mit, ob durch die Reichsbcmk in Berlin auf Tein Konto eine neue Einzahlung erfolgte, wie ick es vermute. Mir geht es unberufen gut, nur habe ich viel Langeweile, da meine wenigen Bekannten fort sind; natürlich ist, auch mein Ehcf wieder ausgerissen, als kürzlich hier aus­geklingelt ward, daß der Zivilbevölkerung das Verlassen der Stadt anzuraten wäre. Es scheint also nicht gut zu stehen! lim mich brauchst Du Dich.'nicht zu sorgen, ich bleibe hier, mir passiert nicht?. Mit'herzirchen Grützen Dein Georg."