I. Mage zum Mesbaüener Tagdiatt.
„Ich ... ich bitte Dich um Verzeihung, Nin, aber ich war nicht mehr Herr meiner selbst, das Glück hat mich toll gemacht!"
„Das Glück? Nicht der Wein?" fragte sie mißtrauisch, indem sie auf die Klingel drückte, daß es durchs ganze Haus schallte. „Du- hast mir doch Deinen Antrag nicht im Rausch gemacht?"
„Ich habe den ganzen Tag noch nichts getrunken, keinen Tropfen, Nin," stammelte er unterwürfig, „und ich . . ich dachte, daß ich Dich küssen dürfe, jetzt . . . jetzt, da wir verlobt sind . . ."
„Laß es gut sein, Hansel, reden wir nicht mehr darüber. Du hast mich geküßt ... ich ließ mich überrumpeln."
„Und Du nimmst mic's nicht übel?"
„Nein. Du warst zu stürmisch und ich bin ein wenig ... erschrocken . . ."
Nin setzte sich. Sie war ja noch kreideweiß und athmcte mühsam, als Kitty und die Mutter herbeigeeilt kamen und etwas verwunderte Blicke auf das seltsame Paar warfen.
„Was willst Du haben?" fragte Kitty argwöhnisch. „Hast Du geklingelt?"
„Ja ._. . ich erinnere mich ... ich habe geklingelt . .."
„Geklingelt, als ob das Haus in Flammen stünde, oder eins von Euch in Krämpfen läge!" sagte Kitty mit so finsterer Miene, als ob sie fürchtete, daß Lord Kanes lange erwarteter Besuch mit einer bitteren Enttäuschung für die Familie enden würde. „Was ist denn los?"
, „Ich klingelte nach dem Mädchen ... sie soll Wein bringen . . . Sekt ... ja Sekt," stammelte Nin gereizt, „Ihr habt ein Hoch auszubringen, Du und die Mutter ..."
„Angenehm zu hören! Nun und auf men?"
„Wir sind verlobt!" brüllte Lord Kaue so laut, daß Frau Pickerson mit einem Schreckensruf zusammenfuhr, „Nin nimmt mich, Kitty . . . Frau Pickerson ... da steht die künftige Gräfin Kane . . . hnrrah!"
Und dieser würdelose Hans begann eine Art von Kriegstanz ausznführen, dessen wilde Sprünge sich in dem feierlichen schwarzen Anzug ungemein wunderlich ausnahmen und den er damit beschloß, daß er neben seiner zukünftigen Schwiegermutter aufs Sopha sank und ihr den Rücken tätschelte, was ihm für ihren in Rührung aufgelösten Zustand heilsam dünken mochte.
Dieser ereignißvolle Tag, der es wohl verdiente, als ein Markstein in Aller Leben bezeichnet zu werden, übte auf jedes Familienglied eine umgestaltende Wirkung aus. Kitty lachte und weinte in einem Athem, stürzte bald auf Nin zu, um sie zu umhalsen und abzuküssen, bald auf Hansel, _ den sie auch mit plötzlichen Küssen bedachte, dann ergoß sich ihre Zärtlichkeit auf die Mutter und zwar mit solchem Ungestüm, daß die Haube der guten Frau hinter das Sopha flog, um der Nummer des Graphic Gesellschaft zu leisten.
Kitty Bude war in der Grovestraße geboren worden und buchstäblich dort aufgewachsen, denn die schmutzige Gasse war weit mehr ihre Heimath gewesen, als die Wohnung, die
durch Vater Pickerson allen Bewohnern einen anschaulichen Vegriff der Holle geben konnte. Sie war ein Kind der Gasse und wenn sie auch gelegentlich ganz leidlich die Dame spielte, ihre „Erziehung" hatte ihrem ganzen Wesen tiefe L>purcn eingeprügt, die in Augenblicken der Erregung unverhohlen hervortraten, sodaß Jung-Nin, die ja auch nicht gerade zimperlich war, doch schon im Stillen überlegte, welchen Eindruck die Schwester wohl in Datchington hervor- brmgen werde!
„Ich bin so froh, so froh, wie Du selbst, Hansel!" rief f! y- "Hab s i« immer gesagt, daß Du ein famoses Haus seist, Hansel und daß Du Dich nicht in die Büsche schlagen werdest — Hab' ich's nicht gesagt, Nin? So, da hast Du noch einen Kuß von Deiner Schwägerin — daß Nin eine wird, ist ja wie im Märchen. Und dabei Hab' ich eleno Angst gehabt, das dumme leichtfertige Ding könnte ^cein sagen und jetzt möcht ich nur schreien vor Vergnügen ^ nur brüllen! Unsere Alte ist auch riesig fidel, wenn sie auch noch so schnüffelt und heult, als ?. Galeeren ginge — Donnerwetter, wer hat denn
die Scheibe entzweigeschlagen? Habt Ihr gerauft, oder wollte er etwa gar einen Kuß als Haftgeld für den Handel?"
-'Stimmt, Kitty!" lachte Lord Kane genau so „volks- thnmlich wie seine Schwägerin. „Du bist sehr klug und welßst was sich bei einer solchen Gelegenheit schickt — Nin hat keine Ahnung!"
. "D?s arme Schaf!" bemerkte Kitty. „Aber weißt Du. das Küssen war schon als Wickelkind nicht ihre Passion. Möglich, daß ihr Pickersons Stoppelbart ein Vorurtheil dagegen beigebracht hat, obwohl man ihm nicht nachsagen kann, er hätte seine Familie mit Zärtlichkeit belästigt . . . oder, Mutter?"
Ich wünsche kein Wort gegen meinen gesetzlichen Gatten zu hören, entgegnete Frau Pickerson eisig und würdevoll.
„Nun, in seiner Eigenschaft als Vater war von ihm die Rede," sagte Kitty, der Schwester lustig zunickend, „übrigens ... zum Kuckuck, wo ist denn mein Album hingekommeii?"
„Vermuthlich zum Fenster hinaus," sagte Lord Kane, „es thut nur leid, aber ..."
„Gott steh' uns bei! Und all meine Photographieen in der Icässe," kreischte Kitty, indem sie hinausstürmte, um ihr Elgenthum zu retten.
Als sie wieder kani, zog sie die Rollvorhänge vor die zerbrochene Scheibe, zündetr das Gas an. räumte den Mittel- Usch ab, um Raum zu schaffen für die Gläser, die Betsy in der Küche ausrieb, setzte sich ans Klavier and hämmerte ein paar Takle des Hochzeitsmarsches, sprang aber gleich wieder auf und streichelte mit unziemlicher Vertraulichkeit den Schwager „gegen das Fell", daß seine Borstenhaare wie von einer Elektrisirmaschine bewegt zu Berge standen, worauf sie lachend und trällernd im Zimmer herumtanzte. Sie raste ordentlich vor Jubel über Jung-Nins Glück.
Daß es ein Glück sei. zog Kitty keinen Augenblick in Zweifel. Was auch nachher kommen mochte, für den Augenblick war es ein Glücksfall, der alle Singspielhallen in Aufruhr versehen mußte. In ihrer besonder» Welt würde von nichts Anderem die Rede sein, man würde sie beneiden und sich den Kopf zerbrechen, wie sie's nur angefangen habe, einen leibhaftigen. lebendigen Grafen ins Garn zu locken! Eine Tänzerin und Tingeltangelsängerin als wahrhaftige
Gräfin in die höchste englische Aristokratie eingeführt! Der »-iv r lt)Ur ^ )e ^ dm Klubhäusern heißen, sich so hinter» listig fangen zu lassen, die Zeitungen würden Mitleid durch- blicken lassen und in allen Salons, wie zwischen den Eoulffsen würde man den neuen Lord Kane belächeln und beklagen. ^ung-Nin Gräfin Kane — trotz Allem, was der alte Lordvater aufgeboten hatte, um sie und den Sohn ans- einanderzureißen, nach all dem häßlichen Klatsch, den die große Heerschaar der Scheurenpurzler angerichtet hatte, die keines guten Worts und keines guten Gedankens fähig ist,
, »Kollegin" das Schlimmste zntraut, weil sie jeden nach sich beurtheilt! Das war nun die Antwort für sie —- Jung-Nin Gräfin Kaue, und Kitty schnalzte mit den Fingern und lachte in sich hinein, wenn sie sich die Gesichter vorstellte!
Man trank Sekt in der Van-Dykstraße und war von ausgelassener Heiterkeit, als zufällige Besuche kamen, ein Gesangskomlker, der sich einen eigenen Wagen hielt, ein Akrobaten-Brüderpaar.das im Civil zwei ehrsamen Methodisten- predigeru glich, und Sally Dranford, eine burlesk-pathetische Sängerin ersten Ranges, die gleichfalls einen aristokratischen Freund hatte, der sie reichlich mit Diamanten versah, aber nicht ans Heirathen dachte. Sie wollten nur „ein wenig nach den Kolleginnen sehen", vielleicht auch ansschnüffeln, ob gewisse Gerüchte auf Wahrheit beruhten, und man ließ den Sekt in Strömen fließen, denn in der Van-Dykstraße ' war lebet Gast eines herzlichen Willkommens und eines guten ^ropfens sicher, weshalb sich auch die Freunde am Sonntag Nachmittag ziemlich pünktlich einzustellen pflegten.
Hansel schwamm wohlig im alten Fahrwasser. Die Freunde aus den Singspielhallen waren ihm der bequemste und liebste Umgang, au seiner Seite hatte er die Geliebte und alle Sorgen und Pflichten verschwamme« im Nebel — toaS konnte er sich Besseres wünschen? Jetzt endlich begann das richtige Leben für ihn, er war sein eigener Herr, konnte seinem Kopf folgen; in der Bank lag das Geld für ihn aufgestapelt und Jung-Nin sollte sein Elgenthum werden!
»Die künftige Lady Kane," stellte er sie jedem neuen Ankömmling triumphirend vor und Kitty brummte dabei in sich hinein: „Sie kann nicht mehr zurück — sie ist für Lebenszeit eine große Dame! Gott sei Dank!"
Schließlich mußte aber das festliche Gelage doch ein Ende nehmen. Lord Kanes Wagen stand schon seit einer Stunde vor dem Haus, um seinen Herrn abzuholen. Er wohnte im Hotel Savoy, denn das väterliche Stadthaus am Groswenorplatz, wo das lebensgroße Bildniß des Verstorbenen von Millais über dem Kamin des Speisezimmers hing, war Hansel mit Recht ein Greuel. Das Bild war so unangenehm ähnlich und Hansel fand neuerdings, daß es ihn mit traurigen, vorwurfsvollen Augen ansehe. Vorläufig war er m gehobener Stiniinung und hatte zu viel getrunken, was •tr*: Meinung nach unter obivaltenden Umstünden ver- zeihlich, ;a selbstverständlich war. Jedenfalls wäre er in noch schlimmerer, sprachloser Verfassung hcimgefahren, wenn Nin ihn nicht am Arm geschüttelt und sehr ernsthaft gesagt hatte: „Du trinkst jetzt nichts mehr!"
„Aber ich möchte noch einen Trinkspruch ausbringen, Nin," wandte er ein. „Heute ist ein besonderer Tag und ich möchte auch eine Rede halten . . ."
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