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«8. Jahrgang Erscheint in zwei Ausgaben. — BezugS-Preis: durch den Verlag L« Pfg. monatlich, durch die Post » Mk. ««» Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
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N» 389. sä. Mittwoch, de» 22. August.
Fernsprecher N». 52.
Fernsprecher R». 52.
1900.
AHseBiri«Ji&BSfgali©,
Die Machte nnd China.
Seit dem Einzug der verbündeten Truppen in Peking ist bereits nahezu eine Woche verstrichen, aber noch immer ist keine Erleichterung und Klärung der diplomatischen Lage eingetreten — im Gegenthcil, diese stellt sich mit jedem Tage verwickelter und schwieriger dar. Nun das allen Mächten nothgedrungen gemeinsame Ziel, die Befreiung der Gesandten und ihrer Schutzbefohlenen, erreicht ist, macht sich in der diplomatischen Behandlung der Chinasrage ein Moments der Unsicherheit geltend, das kein Politiker, der nicht absichtlich die Augen verschließt, verkennen kann.
England, das bei dem Vorgehen gegen China von Anfang an nur mit halbem Herzen mitthat, möchte jetzt am liebsten mit beiden Füßen zugleich aus dem Konzert der Mächte herausspringen und seine ganze, in diesem Augenblick freilich recht reduzirte Kraft auf die Wahrung von Sondervortheilen in Shanghai und im Yangtsethal konzentriren. Hier aber begegnet es dem Einspruch Frankreichs, dessen Minister des Auswärtigen, Herr Delcasso, in seiner am Sonntag in Foix gehaltenen Rede in sehr ernstem Tone vor „exklusiven Forderungen" gewarnt hat, die „die Einigkeit zerstören, Mißtrauen erwecken und von der ersten Stunde an bedrohliche Mißverständnisse schaffen" müßten. Diese Warnung, deren Londoner Adresse unverkennbar ist, verstärkte Herr Delcasso' durch die Betonung des stetigen Einvernehmens der französischen mit der russischen' Politik Seinen ersten praktischen Ausdruck des nicht allein von Frankreich und Rußland gehegten Mißtrauens gegen Englands Sonderabstchten bildet die Vereinbarung der Mächte, die „Wacht im Yangtsethal", d. h. die Ueberwachung der chinesischen Iangtseffotte, nicht dem britischen Admiral allein, sondern der Gesammtheit der Admirale der in Shanghai vertretenen Mächte zu übertragen.
Weniger offenkundig, darum aber nicht weniger lebendig ist das Mißtrauen eines Theiles der Mächte, voran Rußlands gegen Japan, das durch die große Nähe zum Kriegsschauplatz einen augenfälligen Vorsprung gegenüber allen anderen Mächten hat. I» Petersburg hat man das lebhafteste Interesse daran, für gewisse Eventualitäten den ..ostasiatischen Dreibund" von 1895, der Japan an der übermäßigen Ausnützung seiner Siege über die Chinesen gehindert hat, lebendig, also das Einvernehmen mit Deutschland und Frankreich aufrecht zu erhalten.
Für die deutsche Politik bringt dies den Vortheil mit sich, daß sie kraft dem Gesetze der Gegenseitigkeit nun auch bis zu einem gewissen Grade ans die fortdauernde Unterstützung Rußlands rechnen kann. Deutschland hat schon wegen der Hinmordung seines Gesandten in Peking weiterreichende Ziele als etwa England und die Vereinigten Staaten. Diese Ziele allein zu erreichen, würde Deutschland eine heute noch gar nicht absehbare Summe von Blut- und Gcldopfern kosten, durch deren Aufwendung es seine europäische Machtstellung leicht
schwächen könnte; mit den drei Freiwilligen-Brigaden, die _ wir bisher für Ostasien aufgeboten haben, märe wenig gethan, wenn wir allein das Vierhnndert- niillioilenreich der Mitte zu Paaren treiben müssen — dazu wären möglicher Weise ein paar Armeecorps und die Aufwendung von vielen hundert Millionen Mark erforderlich, um die wir daun in einem vielleicht über Nacht einiretenden kritischen Augenblick in Europa zu schwach wären. Bleibt aber Rußland und mit ihm Frankreich uns jetzt zur Seite, dann haben wir alle Aussicht, mit den bisher aufgebotenen Machtmitteln zu erreichen, daß die Ermordung unseres Gesandten angemessen gesühnt und ein Zustand'der Dinge in China geschaffen wird, der alle Bürgschaften gegen die Wiederkehr von Ereignissen, wie die der letzten Monate waren, böte.
In dieser Abhängigkeit der weiteren Entwicklung der ostasiatischen Dinge von den Entschließungen Rußlands liegt für uns Deutsche das Unbehagliche der Lage. Rußland liebt uns nicht, kann uns nicht lieben, wenn es uns unterstützt, wird es dies stets nur in Wahrung seines eigenen Vortheils thun — es wird uns in demselben Augenblick im Stich lassen, wo sein Vortheil sich nicht mehr mit dem unseren deckt. Seit der Gründung des Deutschen Reiches haben wir die bevorzugte Stellung in Europa genossen, uns um keine Helfer, keine Gönner kümmern zu müssen — auch bei unseren Bündnissen waren wir weit mehr die Gebenden als die Empfangenden —, jetzt znm ersten Mal seit einem Menschenaller sind wir gezwungen, uns sorgenvoll zu fragen: Wird eine zweite Macht uns nicht im Stich lassen? 'Und daß diese Macht Rußland heißt, darin liegt das Bittere und das Bedenkliche der Situation.
Deutsches Deich.
Socialdemokratie und Landtagswahlen.
Während die Berliner „Genossen" zur Frage der Theil- nahme an den Landtagswahlen keine bcstiminle Stellung mit Ja oder Nein eingenommen haben (was nicht hindert, daß sie im Wesentlichen der Theilnahme geneigt sind), gehen die Socialdeniokratcn in anderen Orten offener mit der Sprache heraus. So hat die Parteikonferenz für den Wahlkreis Teltow-Breskow-Storkow-Charlottenburg mit allerdings geringer Mehrheit (31 gegen 28 Stimmen) beschlossen, auf dem Mainzer Parteitage die Zulassung „allgemeiner und elbständiger Bethciligung an den nächsten preußischen Landtagswahlen" zu beantragen. Insoweit die socialdemokratischen Blätter als Gradmesser der Stimniungen in der Partei betrachtet werden dürfen, ist es uns und anderen ruhigen Be- urtheilern kaum noch zweifelhaft, daß die Socialdemokratie in der That in Zukunft an den preußischen Landtagswahlen ebenso thcilnehmen wird, wie sie dies in den übrigen Bundesstaaten längst schon thut. Wäre nicht der alte Liebknecht gewesen, dessen doktrinärer Starrsinn geschont werden mußte, so Hütte sich wahrscheinlich längst schon vollzogen, was nunmehr zu erwarten steht. Noch ist es nicht an der Zeit, die Wirkungen des Anfhörcns der socialdemokratischen Verzichltaktik zu würdigen; soviel jedoch ist
sofort klar, daß das Ereigniß zu den wichtigsten gezählt werden muß, die innerhalb der besonderen preußischen Verhältnisse iiberhaupt niöglich sind. Ob nun die Socialdemokratie selbständig vorgeht oder mit den links stehenden bürgerlichen Parteien Kompromisse abschließt, jedenfalls wird und muß ihr Eintreten in de» Wahlkampf Folgen haben, r"« aiIc ^ k flnn ' wenn es der Partei garnicht gelingen sollte, Mandate zu erobern. Unter allen Umständen würde von der Theilnahme der Socialdeniokratie an den Landtags- wahlen eine Belebung des nächsten Wahlkampfes zu erwarten sein, eine Wirkung, über die sich im Grunde genommen jede Partei bis zur äußersten Rechten hin zu freuen hätte. Denn mit die leidigste Begleiterscheinung der Abstinenz der Socialdeniokratie war es bisher, daß die bürgerlichen Parteien (und von diesem Ilrtheil ist keine Ausnahme zulässig) es kaum für nöthig hielten, sich in die Unkosten einer stärkeren Agitation zu stürzen. Zum Mindesten dies wird sich denn also fortan ändern müssen.
Vom Ce nt rum.
Das Centrum spielt sich nenerdings ungemein kainpf- lustig auf, aber die Rufer im Streite müssen die schmerzliche Erfahrung machen, daß man ihre Kriegsbcgier nirgeirds erschrecklich finden will. Wenn die leitenden Centrumsblätter die Wiederherstellung der katholischen Abtheilnng im Kultusministerium fordern, so missen sie und weiß Jedermann, daß sic hundert Mal fordern könnten, ohne daß sie damit Erfolg hätten. Es ist wohl auch nicht so schlimm gemeint, sondern die „Ausschlaggebenden" wünschen nur, ans eine möglichst hohe, von ihnen überreichte Kostenrechnung soviel An- und Abzahlung zu erhalten, wie sie eben erhalten können, wenn sie sich auch weiterhin als Regierungspartei oder vielmehr als regierende Partei aufspielen. Und für diese Voraussetzung wird das Centrum kluger Weise schon zu sorgen wissen. Es ist deshalb kein rechter Anlaß vorhanden, besondere Genugthnung darüber zu empfinden, daß der Klerikalismus seine Forderungen umsonst erhebt. Es fällt für ihn immer gerade genug ab, um es heute, wie immer, aufs Tiefste beklagen zu lassen, daß die Verhältnisse es so gefugt haben, daß gerade diese Partei einen so bedeutenden Einfluß ausüben kann. Auch glaubt kein Verständiger, daß das Centrum ko bald aus seiner entscheidenden Stellung herausgedrängt werden könnte. Die weitere, im Augenblick erhobene Forderung des Centrums, nämlich die auf die sofortige Aushebung des Jesnitengesetzes bezügliche, wird auch nur gestellt, um den Schein zu vermeiden, als wolle sich die nach ihrer eigenen Meinung regierende Partei ergebungsvoll zur unterwürfigen Regierungspartei herab- drückcn lassen. Der beabsichtigte Zweck ist eigentlich schon mit der Geltendmachung des Verlangens selbst erreicht, und deshalb braucht die Sache nirgends
ernster genommen zu werden, als sie ersichtlich vom Centrum selber genommen wird. Sogar wenn diese Partei wieder in die Opposition abschwenken wollte, vermöchte sie es nicht. Denn soviel ist doch anznerkennen, daß in den Beziehungen zwischen Regierung und Centrnm keine Willkür obwaltet,, sondern das Verhältniß müßte so werden, wie es sich darbielct, und alle übrigen Parteien können sich au-
(Nachdruck verboten.)
Berliner Brief.
(Von unserem eigenen Berichterstatter.)
Franz Betz f. — Die Königliche Oper einst und jetzt. — Die erste Premivre. — Das naive Berlin und das Backfischtheater. — Die Schatten des Winters. — Die Ecttsfionsvühnc. — Der interviewte Overbefehlshaber für Ostasien.
Am Mittwoch trug man draußen im Wcsteud einen Mann zu Grabe, dessen Namen mit der Blüthezeit unserer Oper aufs Engste verknüpft ist — Franz Betz. Ein Krcbsleiden, das man ihm selbst als eine „Magenverengung" darstellte, hat ihn im Alter von 65 Jahren dahingerafft, der noch so gern gelebt hätte, von dem aber seine Freunde schon lange wußten, daß ihn der Tod gezeichnet hatte.
Franz Betz gehörte jener Epoche unserer Königlichen Oper an, in der als hellster Stern Albert Niemann strahlte. Bei der Erinnerung an diese Zeit werden noch heute alte
Herren zu Jünglingen, und wenn sie genug geschwärmt und geschwelgt haben, dann blicken sie mit
einer Art Mitleid auf die Gegenwart, die keinen Niemann und Betz, keine Pauline Lucca und Marianne Brandt ihr eigen nennt. Und es ist wohl in der That mehr als die verklärende Macht der Erinnerung, was um jene Epoche den Schimmer höchster Schönheit breitet. Zum Mindesten sind Albert Nieniann und Marianne Brandt unersetzt. Eine so machtvolle Persönlichkeit von so hinreißender Leidenschaft und heldischer Größe, wie Albert Niemann selbst noch Jahre nach seinem Scheiden von der Oper eigen waren, als ich ihn das einzige Mal in meinem Leben in einem Konzen hörte, besitzt zur Zeit kein Heldentenor. Die Vertreter dieses Faches, die unsere Oper jetzt zieren, Ernst Kraus und Wilhelm Grüning, sind gewiß Sänger ersten Ranges, aber sie sind keine Persönlichkeiten von so zwingender Größe
wie Albert Niemann, auf den die Götter alle Gaben verschwenderisch ausgeschüttet hatten. Und Marianne Brandt, die gefeierte Ortrnd und Fides, ist vielleicht noch schwerer zu ersetzen und noch weniger ersetzt. Statt der Lucca freilich haben mir Frau Herzog, und es giebt nicht wenige erfahrene Kenner, tvelche in ihr eine durchaus würdige Nachfolgerin dieser gepriesenen Meisterin des Kunslgcsanges sehen. Franz Betz aber harrt noch immer des Nachfolgers. Beschränkt zwar war sein Repertoire. Leidenschaftliche Particen konnte er nicht bewältigen, er war schmerbeweglich und auch seinem Organ haftete eine gewisse Schwere an, dafür aber welcher köstliche Wohllaut, welche wundervolle künstlerische Abrundung, welche unerreichte Harmonie! Groß war Betz besonders in Particen, die Würde und die Humor verlangten. Am höchsten steht sein Hans Sachs und sein Falstaff, und Wolframs Lied: „Dir, hohe Liebe, töne begeistert mein Gesang" ist nie wieder gleich edel gesungen worden. In der Berliner Gesellschaft war Franz Betz allgemein beliebt, und Viele betrauern in ihm einen persönlichen Freund. Der herkömmlichen Vorstellung vom Künstler entsprach dieser starke alte Herr mit der großen Glatze und der goldnen Brille freilich nicht, aber er war ein Künstler durch und durch, der niemals etwas Anderes im Auge hatte, als die vollkommenste Wiedergabe der Ideen des Tonsetzers, und nie zu dem unvornehmen Mittel gegriffen hat, die Wirkung des Augenblicks über das künstlerische Ideal des edlen Maßhaltens zu setzen. Ein Leben voller Erfolge und voll ernster Arbeit ist durch einen sanften Tod geendet worden.
Das Hinschciden von Franz Betz fiel noch in die Thcaterferien, die sich jetzt schnell ihrem Ende znneigcn. Die Königliche Oper hat bereits ihre Vorstellungen wieder begonnen, und ihre Angehörigen umstanden vollzählig seinen Sarg, während die Mehrzahl der Theatergrößcn noch im
Urlaub weilte. Allmählich aber kommen sic zurück, und die Vorboten der neuen Theatcrsaison sind schon da. Das „Neue Theater" hat bereits seine Winterspiclzeit begonnen, und hier hat sich an das fröhliche Ende der fröhliche Anfang geknüpft. Frau Hansi Niese und ihr Gälte,Herr Jarno, die in dem hübschen Theater am Schiffbanerdamm den Sommer hindurch dank ihrer großen komischen.Kraft gut besetzte Häuser zu erzielen mußten, sind am Mittwoch mit ihrem recht minderwcrthigen Enscmble wieder nach Wien abgezogen und Tags darauf hat bereits Frau Nnscha Butze die' „Wiuter"- Spielzeit eröffnet — Winter-Spielzeit ist freilich in dieser sommerlichen Hitze eine kühne Anticipation! Und auch diesen Abend war das Haus sehr gut besucht. Dieses „Neue Theater" der Frau Nuscha Butze ist ein sociales Problem. Berlin ist draußen im Lande allgemein verschrieen als ein modernes Babel und als der Sitz schärfster Kritik. Das sogenannte Premioren-Publikum gilt als ein sehr verwöhntes, blasirtcs, absolut unnaiv-S, dem man eigentlich nur noch mit sehr pikanten Zoten imponircn kann. ' Wo steckt dieses Berlin? so fragt man sich, wenn man die Premivren des „Neuen Theaters" besucht und von den märchenhaften Erfolgen der flachsten Oberflächlichkeiten, wie Trothas „Hofgunst" und Wolzogens „Ein unbeschriebenes Blatt", hört. Harmloser können die Theaterbesucher von Bomst und Meseritz nicht sein, wie die stolzen Residenzler im „Neuen Theater"!- Ein rechles Theater für die „höhere Tochter" und den eben flüggen Backfisch. Da kann man sicher sein, immer einen Leutnant oder „ivenigstens" einen schneidigen Referendar und Reserveleulnant zu sehen, neben dem aber noch stets einige andere Verlübungs-Kandidaten vorhaiiden sind Geküßt und ÄS S b r flb °?d-m Backfisch-Herzchen zu eng unter At -Kw"'d. und zum Schluß ist in der Regel llvl . s U S ^bracht, was unbeweibt vorhanden
war. Auch daö Eroffuungsstück der diesjährigen Spielzeit
