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Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagbiatts. l- '"=»1

Nr. 95,

Samstag, 24. ktpril.

191b.

(2. Fortsetzung.)

Klippen.

Roman von Helene Schede-Heller.

Nachdruck verboten.

Ich finde es wahrlich kein Idyll", rief sie mit einem Anflug von Spott aus dem Fenster.Ich lang­weile mich hier zu Lode." , , r .

Sie unterdrückte aus Höflichkeit ein anschauliches Mähnen.

Frau Roswald lachte:Und ich meine, die Tage sind nicht lang genug, um sich an all dem Schönen zu freuen jeden Abend denke ich:Ach, war' es wieder morgen und lache, sobald der erste Sonnenstrahl mich weckt!" ^ r .

Rickling sah zu ihr hinüber. In seinem Herzen wurde es so eigentümlich warm. Was sie hier sagte, hatte auch er empfunden seit er sie kannte seit sie die Sonne in seinem Leben war.

Das mag künstlerischen Naturen so gehen", er­widerte Erna Rickling leichthin. «Für gewöhnliche sterbliche ist bas nichts. Ich brauche Leben. Der Wald ist mir zu finster ich langweile mich eben, wenn ich als einzige Gesellen die Tannen haben soll."

So zählst du mich wohl auch zu den Dannen?" fragte Rickling in neckischem Ton.

Sie sah ihn freundlich an.

Nein nein das meine ich nicht. Aber, wenn Lu arbeitest, bist du für dich und ich langweile mich für mich!"

Dann wandte sie sich mit einem sorglosen Lachen Frau Roswald zu:Es ist nicht so leicht, einen Schrift- steiler zum Mann zu haben! Gewiß freue ich mich dar­über und es ist nebenbei auch recht angenehm Überall wird man mit besonderer Aufmerksamkeit be­handelt, weil man seine Frau ist aber ich finde, wenn man auf der Höhe der Berühmtheit angekommen ist, sollte man rasten und sich umsehen und sich freuen. Das Leben ist so kurz man muß es genießen. Und dazu kommt mein Mann nie, weil er immer weiter fliegt. Und wozu das? Es bringt nur Unruhe und Quälerei ins Haus."

Mein Genuß ist eben die Arbeit das ist es, >was du nicht verstehst", sagte Rickling.

Und werde es nie verstehen", seufzte Erna mit einem kindlich schmollenden Ausdruck im Gesicht, der ihr sehr gut stand.

Sie hat Charine", dachte Hilde,abersie verträumt Las Leben. Darum ist es für sie langweilig."

Laut fügte sie hinzu:Es ist wohl für uns Frauen eins der schwersten Dinge, uns in das Schaffen eines Mannes hineinzuversenken, weil wir eben sehr gut ohne Arbeit, nur von der Liebe leben können."

Und wir haben ganz recht!" rief Frau Rickling lebhaft aus.Die Liebe gibt dem Leben den Klang und die Farbe."

Und ste lächelte und dachte an die sonnigen, mun­teren Beziehungsn zu HanS Reimer.

Und Hilde Roswald ward sehr ernst und dachte an LßN DArm, der die Bäume entwurzelt.

Das Gespräch glitt weiter von einem Thema zum anderen ein anmutiges, anregendes Wortgefecht, bei dem aber die Seelen sich nicht näher traten. Sie ver­brachten eine angenehme Stunde, vergaßen über dem Plaudern den langsam rieselnden Landregen und doch, als Hilde Roswald sich verabschiedete, fühlten die beiden Frauen, daß sie aus zwei verschiedenen Welten stammten und nicht würden harmonieren können.

*

Wochen verflogen, in denen Rickling und Hilde sich seltener, aber jedesmal mit stärkerem Glücksgefühl wiedersahen. '

9hm saßen sie zum letzten Male auf der Bank, dis an der Grenze steht zwischen dem Tannenwald und der Wiese.

Wußten beide, baß sie sich liebten und hatten es ein« ander nie gesagt.

Wußten, daß sie nicht mehr vonemander lassen konnten und waren entschlossen, das Wort unaus­gesprochen zu lassen und das Feuer einzudämmen.

Sie blickten auf das Land. daS ihnen beiden nun doppelt lieb geworden war.

Im Garten und auf dem Feld waren die Flammen­herzen der Rosen und Mohnblumen erloschen. Die Sonnenblumen neigten die Köpfe. An den Gold- und Purpurranken der wilden Rebe glitt die Sehnsucht ent­lang, und das leicht beschwingte Glück, das die Schmet­terlinge auf schimmernden Flügeln getragen hatten, irrte heimatlos über die Wiese, in der müde Herbstzeit­losen blühten.

Durch den Wald rauschten lauter und kräftiger, die fragendeil Stimmen; die Tannen schüttelten ihre Wipfel, und unter der harten Stammrinde pochte ihr Herz in empörten, wilden Schlägen.

Jetzt war der Unterschied zwischen dem Wald und der Wiese nicht mehr so groß; auch in den Sonnen- strahlen, die über die Wiese flössen, lag Wehmut und Ernst.

Es war Herbst.

Hilde Roswald hatte alle Vorbereitungen zu ihrer Rückkehr nach Berlin getroffen und sollte am folgenden Morgen mit ihrem Kind abreisen. Vierzehn Tage später sollte auch Rickling mit seiner Frau dahin zurück-

^Der Abschied wurde ihnen schwer. Sie fürchteten, ohne es zu sagen, daß sich das Zusammensein in Berlin nicht so leicht und zwanglos gestalten würde wie hier­in der Natur, wo ihre Beziehungen so innig gewesen

Nicht wahr. Sie werden oft zu uns kommen, und rch werde Sie und Röschen besuchen dürfen, wenn ich mich nach Ihnen und einer Stunde der Ruhe und des Frie­dens sehne", fragte er. ä

Und als er sie einen AiOenblrck zögern sah. fuhr er flehend fort:Sie können mir diese Bitte nicht ab- schlagen. Soll ich in meine Einsamkeit zurückkehren