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1. Beilage zum Mestmüener Tagblatt.

Uo. 386. Morgen-Ansgahe.

Dienstag, den 21. August.

48. Jahrgang. 1966.

(23. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

Jung-Uin.

Roman von A. W. Aovinson.

XVI.

Der neue Lord Kane stand im Hintergrund des Zimmers und spielte in seiner Trauerkleidung als Werber um ein schönes junges Weib eine recht klägliche Figur, denn cs war immer noch schwierig, den Sproß eines erlauchten Geschlechts in ihm zu erkennen. Er schob bald den einen, bald den andern Fuß vor, zog seine schwarzen Handschuhe aus und brachte sie mühsam in der Rocktasche unter, krabbelte dann eine Weile an seinen Fingernägeln, schlich endlich auf den Zehen zu Jung-Nin, blieb wieder stehen, räusperte sich und befand sich in der für ihn besonders unkleidsamen nervösen Verfassung höchster Verlegenheit.

Nin starrte immer noch zum Fenster hinaus, jetzt mit einem schwermüthigen, fast finstern Ausdruck, gerade als ob sie — so fuhr es Hansel durch den Sinn! — böse wäre, daß Kitty den Bäckerjungen nicht angcrufen und kein frisches Theegebäck besorgt hatte. Ein äußerst seltsamer Gedanken­gang, aber Lord Kanes Gedanken waren mitunter seltsam, was auch zur Familienerbschaft gehören mochte.

In der Fensternische stand ein kleines Tischchen mit einem riesigen, bronzebeschlagenen Photographiealbum darauf, und dieses trennte ihn noch vom Gegenstand seiner Gefühle. Als er sich jetzt ihr gegenüber setzte, fühlte Nin seine Nähe, aber sie sah ihn nicht an. Sie starrte immer noch traum­verloren vor sich hin und das schöne Gesicht zeigte immer mehr Wehmuth — Mitleid . . .

„Nin, Jung-Nin," begann Hansel über das Photographie­album hinweg, „ist es Dir zuwider, daß ich kam?"

„Nein, zuwider ist es mir nicht," klang es langsam und zögernd zurück.

„Freut's Dich also?"

Die Antwort ließ auf sich warten.

„Ich wollte, Du würdest Ja darauf sagen!" drängte er.

„Ja . . . aus mancherlei Gründen freut es mich."

„Aus Gründen? Was für Gründen?"

„Quäle mich nicht, Hansel!"

„Ich möchte aber wissen, weshalb es Dich freut?"

„Weil . . . weil es Dir nicht gut angestanden hätte, wegzubleiben, nachdem Du in Deine neue Würbe gelangt warst, und weil man hätte annehmen müssen, Deine Sippe habe Dich dazu überredet."

„Alle Sippen der ganzen Welt brächten das nicht fertig!"

„Ja, warum bist Du aber so lang nicht gekommen, hast keine Zeile geschrieben?" fragte Nin, die jetzt wieder ganz bei der Sache war, mit einiger Schärfe.

„Wenn Du's denn durchaus wissen mußt, Nin," ver­setzte Hansel, den ihr herrischer Ton erschreckte, „ich hatte mein Wort gegeben . . ."

„Abermals! Wem denn?"

„Meinem Pathen. Ich hatte ihm mein Wort gegeben, einen Monat lang jeden Verkehr zu unterlassen. Weshalb er so darauf versessen war, weiß ich nicht! Er kann doch nicht wohl gemeint haben, ich würde Dich in vier Wochen vergessen I"

„Vielleicht dachte er, ich werde Dich vergessen, Hansel?"

„Das war ja gerade meine Todesangst ... mit all den Kerls in den Hallen . . . und . . . und . . ."

„Du siehst, daß ich weder aufgesressen, noch entführt worden bin," fiel sie ihm ins Wort. „Du hast aber mit Kitty verkehrt?"

„Ein paar Mal habe ich sie gesehen und an sie ge­schrieben, denn Kitty zu meiden hatte ich ja nicht gelobt," gestand er, befriedigt über die eigene Schlauheit. „Sie hat mir auch Nachricht über Dein Befinden gegeben, sich wirklich als Freundin bewährt, diese Kitty ..."

„Schade, daß sie sich nicht mit ihren eigenen Angelegen­heiten befaßt, statt die der Andern zu verwirren," bemerkte Nin gereizt. „Wenn ich das gewußt hätte, wäre ich empört gewesen."

„Hat sie Dir gar nichts davon gesagt?"

„Heute Nachmittag das erste Wort."

„Und Du hast Dir's nicht gedacht?"

„Ich habe mir gar keine Gedanken darüber gemacht."

„Ohl"

Eine verlegene Pause folgte. Nin starrte wieder aufs Fenster, Hansel nahm eine abermalige Besichtigung seiner Nägel vor, aber dann steuerte er plötzlich und ungestüm auf den Zweck seines Besuchs los.

„Nin, wozu sollte ich auf den Busch klopfen?" rief er. „Du hast's ja gern, wenn die Leute ehrlich sagen, was sie auf dem Herzen haben — und was ich auf dem Herzen habe, weißt Du schon seit ein paar Jahren. Damals in der Brookstraße hast Du gesagt, wenn ich mein eigener Herr wäre, würdest Du mich nehmen — vor dem alten Gravatt hast Du's gesagt! — und nun, Jung-Nin, liebe Jung-Nin, nun ist ja Niemand mehr da, der Nein sagen könnte, kein Mensch auf der weiten Welt, der das Recht dazu hätte. Mein eigener Herr bin ich, Nin, willst Du mich nun zu einem glücklichen Menschen machen, zu Deinem Mann?"

Nin zitterte und zögerte ein wenig; sah ihn beinahe ängstlich an.

„Ich würde Dich nicht glücklich machen, Hansel!"

„Doch, doch, das würdest Du!"

„Für ein Weilchen, ja, für eine kleine Weile."

„Bis zu meinem letzten Athemzug . . . ich weiß es."

„Und ich tauge in keiner Weise zu Dir — man hat Dir's ja gesagt."

„Was scheer' ich mich um anderer Leute Meinung."

„Und ich liebe Dich nicht, Hansel," setzte sie mit einem tiefen Seufzer hinzu. „Das ist die grausame Wahrheit."

„Ja, das ist freilich das Schlimmste an der Sache," stimmte er wehmüthig bei.

„Das Allerschlimmste."

„Ich weiß, daß Du den Rapella gern hast, aber . . ."

„Hansel, sag' das nicht! Ich kann's nicht ertragen, seinen Namen nennen zu hören, er ist mir verhaßt . . ."

„Mir eine angenehme Neuigkeit! Mit der Zeit, wenn wir uns mehr aneinander gewöhnt haben, wirst Du mich auch lieben! Du wirst's wenigstens versuchen!"

„Ich habe ja noch nicht cingewilligt," bemerkte Nin.

„Meiner Seel', nein ... das hast Du nicht . . ."

„Wenn ich's thäte, Hansel, dann würde ich freilich ver­suchen, Dich lieb zu gewinnen, mit aller Macht würde ich's wollen," fuhr sie fort, „aber jetzt — bitte, versteh' mich recht! — jetzt ist's nur der Name, der Rang, die Stellung,

die Du mir bietest . . . das Loskommen von dem gehässigen neidischen Gesindel der Hallen . . . was mich lockt, Ja zu sagen. Du bist reich. Du bist ein Graf."

Sie sprach mit Bitterkeit, mit Ungestüm. Die träumerische Ruhe war von ihr gewichen, sie war hell wach und sah die SteMng und ihre Möglichkeiten, ihre Verantwortlichkeit und ihre Gefahren deutlich vor sich.

„Du bringst mir ein Opfer," setzte sie bekümmert hinzu, als Hansel keine Antwort gab. „Du könntest ein junges, schönes, unschuldiges Weib in Deinen eignen Kreisen finden ... weshalb willst Du mich haben?"

„Ist's etwa kein Opfer, wenn Du Dein jetziges Leben aufgiebst? Du fängst an berühmt zu werden, man spricht von Dir, gerade das, was Du Dir wünschest."

„Was ich gewünscht habe."

„Hast Du keine Freude mehr daran?"

„Nein! Ich wäre froh, davon loszukommen."

„Dann mach' Dich los! Was hindert Dich denn? Und ich . Dn wirst mich ganz gern leiden mögen . . . wenn Du mich näher kennen lernst, wirst Dn finden, daß ich gar nicht so übel bin," bat der Edelmann in rührender Demuth.

„Und glaubst Du, daß nie eine Zeit kommen wird, wo Du auf mich heruntersiehst, so gut wie Deine Sippe?"

„Du weißt es wohl, daß die nie kommen wird! Ich werde immer riesig stolz auf Dich sein, Nin!"

„Wirklich und ehrlich und immer?"

„Immer!"

„lind was die Leute von mir sagen." fuhr sie in ihrer Prüfung fort, „daß ich's klug eingefädclt hätte, Dich zu fangen, Deine Schwäche ausgenützt, und so weiter, wird Dich nicht anfechten?"

„Nicht die Spur ... ich werde Dich ja haben . . . sag's doch endlich!" jubelte das verliebte Gräflein.

„Gut denn, Hansel, so sei's," sagte sie, ihm die Hände über das Tischchen hinstreckcnd. „Ich werde mein Mög­lichstes thun, Dir eine gute Frau zu sein."

. Meine liebe, liebe Nin, Du weißt ja gar nicht, wie i'- ) glücklich Du mich machst," rief er, ihre Hände fast

zerquetschend. „Ach, im Grund ist's doch ein rechtes Glück, daß mein Vaier starb!"

„Sag' das nicht, Hansel, das ist granenhaft!"

Aber der neue Lord Kane war vorderhand unzurechnungs­fähig, berauscht, wahnsinnig vor Siegesjubel. Einen Augen blick fürchtete sich Nin vor ihm, sie begriff, daß etwas ihr Unbekanntes und Unverständliches in ihm war, daß die flackernde Gluth in seinen Augen ein Warnungszeichen be­deutete, und sie wäre, wie sie nachher erzählte, gern davon­gelaufen, wenn er ihre Hände nicht wie in einem Schraub­stock festgehalten hätte.

„Mein, Mein! Jetzt mag die Welt zum Teufel gehen!" jauchzte er, Jung-Nin in seine Arme ziehend, wobei da Tischchen derart umgestoßen wurde, daß das Photographie, album, die Scheibe zerschmetternd, in den Vorgarten flog.

Er bedeckte ihre Lippen, ihr Gesicht mit heißen, faunischen Küssen, im nächsten Augenblick hatte sie ihn von sich ge­stoßen, daß er taumelte.

„Thu' das nicht!" rief sic, ihn mit dem Blick einer be­leidigten Göttin anblitzend. „Ich dulde das nicht!"

(Fortsetzung folgt.)

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