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1. Beilage Min Mestmüener Tagblatt.

Uo. 384. Morgen-Ausgabe.

Sonntag» den 19. August.

48. Jahrgang. 1909.

(22. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

Inng-Nitt.

Roman von Zs. W. Novinso».

Meinen Segen hat er auch," bemerkte Nin mit einem Seufzer,aber, siehst Du, wenn ich nicht in die Brookstraße gegangen wäre, wenn ich ihm nicht gesagt hätte, daß ich doch noch seine Frau werden wolle, wenn ich mich nicht diesem Pathen in die Hände geliefert hätte, könnte ich jetzt meinen Kops höher tragen. Und doch that ich's in guter Absicht," setzte sie gedankenvoll hinzu.

Gewiß, Nin!"

Hansel mag aber denken, ich hätte ihn schließlich doch nnfangen wollen ... ich bin ihm entgegengekommen, mit rusgestrcckten Händen, kann man ja wohl sagen, und . . . er läuft davon!"

Jung-Nin lachte, dieses Mal herzlich und ungekünstelt, wurde aber durch die schrill und scharf tönende Hausklingcl darin gestört. Frau Pickerson schreckte aus ihrem Schläfchen auf und fuhr mit dem Fuß unter die Schüreisen, Jung-Nin sah Kitty an.

So klingelt er!" rief sie.

Kommt mir auch so vor," bemerkte Kitty so kühl und unbetheiligt, daß Nin sofort sagte:Kitty, Du wußtest, daß er kommen würde, Du hast ihu hcrbestellt!"

Nein ... auf Ehre nicht. Trau' mir nur so etwas nicht zu!"

Wenn Du's gethan hättest ... hassen würde ich Dich!"

Nein . . . nein . . . Nin ... ich kenne Dich ja . . . ich würde nichts derartiges thun."

Du kannst mich nicht ansehcn und mir sagen, Du hättest es nicht gewußt . . . leugne, wenn Du kannst!" rief Nin.

Ich ... ich traf ihn gestern ganz zufällig vor dem Haus und sagte ihm, er sollte nicht hereinkommen. Da sagte er mir, er werde heute kommen, ich dürfe Dir aber kein Wort davon sagen . . . Nin, ich bitte Dich, sei vernünftig, sei nicht grob gegen ihn, weil Du Dich über mich ärgerst .. . bedenke, was auf dem Spiel steht, Deine und unsere Zukunft!"

St . . . St . . . nur kein Geschrei! Das Mädchen läßt ihn ein, er hört Dich ... ich schäme mich zu Tod ... schweige!"

Was ist . . . wer ist's?" stammelte Frau Pickerson schlaftrunken.Sitzt meine Haube gerade . . . o Gott, >vo find die Bindbänder? Kitty . . . glaubst Du, daß Pickerson mich holen will?"

Das verhüte der Herr in seiner Barmherzigkeit," brummte Kitty.

Es könnte Pickerson sein, weil . . ."

Um Gotteswillen, Mutter, halte jetzt den Mund," rief Kitty,und konim ... der Graphik muß hinter das Sopha, er soll nicht denken, wir hätten uns mit ihm beschäftigt!"

Die zusammengcballtc Zeitung sauste wie eine Kugel an Frau Pickersons Ohr vorüber und fiel gerade hinter dem Sopha zn Boden, als die Thüre aufging. So zerzaust und unordentlich, als ob's Sonnabend und nicht Sonntag Nach­mittag wäre, grinsend von einem Ohr zum anderen und um kein Haar minder aufgeregt, als die Familie selbst, erschien dasMädchen für Alles".

Da hört sich aber Verschiedenes auf . . ." lautete ihre

Meldung,der Herr Hansel ist draußen, das heißt Lord Markingham, der jetzt der Lord Kane sein soll, und er will mit Fräulein Nin reden oder mit sonst Jemand im Haus . .."

Der so eigenthümlich angemeldete neue Lord Kane drängte sich hinter dem Dienstmädchen herein, denn er mochte in seiner Angst vor einer Abweisung den Erfolg ihrer Anfrage nicht abwarten. Nin wäre im Stand gewesennicht zu Hause" sein zu wollen, und heute mußte der Würfel fallen, heute hatte er all seinen Muth bei sich und der durfte nicht ungenützt verfliegen.

Ich hoffe, nicht zu stören," lautete die erste, nicht eben geistreiche Rede des neuen Lords,ich hoffe sogar, daß Jemand .. . daß Alle sich ein wenig freuen, mich zu sehen! Ich ich freue mich riesig! Aiir ist's gerade, als ob ich wieder daheim wäre, ist mir anderswo nie so wohl gewesen wie hier! Wie geht's Ihnen, Frau Pickerson? Und Dir, Kitty? Und Du bist hoffentlich wohl und munter, Nin .

Die Stimme versagte ihm plötzlich bei dieser Begrüßung, die noch in Gegenwart des naseweisen Dienstmädchens heraus- gesprndclt, vielleicht nicht sonderlich passend war, aber jeden­falls den Beweis lieferte, daß Lord KaneHansels" Gut- müthigkeit und freundschaftliche Gesinnungen beibehalten hatte. Die Grafschaft hatte ihm noch nicht viel Haltung und Würde verliehen und die Ungewißheit, in welcher er über die Auf­nahme seines Besuchs schwebte, färbte sein Gesicht wieder einmal krcbSroth und machte seine Kuiee schlottern. Von der feierlichen Pracht des Schlosses in Datchington, wo jeder Wink von ihm Gesetz war, kam er in das bescheidene Häuschen in Brixton, wo er sich so wenig als Gebieter fühlte, daß ihm der Angstschweiß auf die Stirne trat und seine Fischaugen nahe daran waren, Thränen zu vergießen.

Wackelnd wie eine unvollständig gestandene Sulz nahm Frau Pickerson seinen Händedruck entgegen und setzte bei den, Hofknix, den sie für unentbehrlich hielt, alle Schür­instrumente des Kamins in rasselnde Beivegung. Kitty quiekte nicht eben hoffähig, weil er ihr die Hand derart schüttelte, daß ihr die Ringe ins Fleisch schnitten und Jung- Nin bot ihm eine Hand, die in diesen Sekunden so kalt und starr geworden war, wie die einer Tobten.

O Nin . . . sag' nicht, daß Du böse seiest über meinen Besuch?" bat er, ihr mit höchster Spannung ins Gesicht starrend.

Nein . . . böse bin ich nicht, Mylord . .

Unsinn, Nin! Verschon' mich mit Mylord, hörst Du!" rief er mit einem verlegenen Auflachen.

Sie sind's, und zwar nicht mehr mit einem leeren Titel," versetzte Nin, jetzt wieder gefaßt.Wirklicher Herr der großen Grafschaft Datchington . . ."

In diesem Hause war ich der Hansel ... Du hast mich Hansel genannt, wie . . . sagen wir, wie eine Schwester, und ich hoffe, der Hansel zu bleiben, alten Zeiten zu Ehren!"

Es sind aber neue Zeiten angebrochen," wandte Nin ein.

Ja, und hoffentlich bessere für uns Beide," versetzte er mit ungewohnter Raschheit.

Ich weiß nicht recht . . . was . . . was das heißen soll," sagte Jung-Nin in wunderlichem Staccato.

Wenn Du's nicht weißt, sollst Du's bald erfahren!" rief Lord Kaue übermüthig.Darf ich mich setzen, Nin?"

Natürlich . . . wenn Sie Zeit haben . . ."

Den ganzen Abend habe ich Zeit," versicherte er wieder etwas eingeschüchtert.Ich habe Euch so viel zu sagen, daß Ihr mich wohl oder übel behalten müßt!"

Wenn Eure Herrlichkeit mich entschuldigen möchten," wimmerte Frau Pickerson, die jetzt den Schürhaken aus ihrem Rock heraus gewunden hatte,so würde ich Euer Herrlichkeit mit meinen geliebten Töchtern allein lassen, um nach dem Thee zu sehen, falls Euer Herrlichkeit uns die Ehre geben möchten . . ."

Natürlich will ich Thee trinken und zum Abendbrod bleibe ich auch," sagte Hansel.Hat mir immer so gut geschmeckt an den Sonntagabenden in der lieben alten Bude!"

Eure Herrlichkeit werden also ..."

Ach, bitte, Frau Pickerson, schenken Sie mir die Herr­lichkeit! Als Glied dieser von mir so hochgeschätzten Familie bitte ich Sie, mich kurzweg Hansel zu nennen!"

Unmöglich, Mylord! Lieber sterben!"

Das lassen Sie hübsch bleiben, Frau Pick! Ich gehöre ja doch zur Familie, hoffe immer dazu zu gehören . . . nebenbei, ich habe heute Früh Herrn Pickerson gesprochen . . . er bat mich, seine Damen aufs Freundlichste zn grüßen."

Auf die Töchter schien dieses Symptom von Väterliche keinen tiefen Eindruck zu machen, Frau Pickerson aber war sofort in Rührung aufgelöst und schnüffelte heftig.

Meinen . . . meinen Mann, Mylord?" rief sie er­schüttert.

Freilich . . . traf ihn zufällig in Datchington . . . sieht sehr wohl aus, ganz verändert . . . nüchtern, an­ständig ... und hat große Sehnsucht nach Ihnen."

Schluchzend stürzte Frau Pickerson hinaus.

Wozu ihr solchen Unsinn vorschwatzeu, Hansel?" fragte Kitty ärgerlich.

Die reine Wahrheit, cs thut mir leid, wenn . . ."

Sie kommt immer außer sich, wenn sie etwas von dem Hallunkcn hört."

Dein Stiefvater hat sich wirklich gebessert, Kitty, und möchte die Vergangenheit begraben, da dacht ich mir, ich wolle ein bischen eine Lanze für ihn brechen."

Hätt'st Du sie ihm durch den Leib gerannt, wäre ge- scheidter gewesen," erklärte Kitty Bude aufstehend.Jetzt muß ich nach der Mutter sehen Hansel, Du hast ihm Geld gegeben, gesteh' es nur?"

Ein kleines Darlehen . . . nicht der Rede werth . . . nur um ihm ein wenig aufzuhelfen," stammelte der neue Graf mit einem scheuen Blick auf Nin.

Aber Jung-Nin war nicht hier, wenigstens schien sie von dem, was hier vorging, nichts zu sehen und nichts zu hören. Sic sah zum Fenster hinaus, aber weder den Bäckerjungen draußen, noch die Gaslampen, die allmählich angezündet wurden, nahm sic wahr, sie sah weit mehr grüne Thäler und hohe Berge, eine neue Welt mit neuen Menschen darin, Vergangenheit und Gegenwart versunken in dunkle Tiefen, leuchtend, sonndurchglüht stieg die Zukunft herauf. Ihr Herz pochte wild und ungestüm, ihre Gedanken verwirrten sich, ihre Augen standen voll Thränen warum, das wußte sie selbst nicht. Ehrgeizig war sie geworden, beinahe glück­lich in diesen Minuten und erwartungsvoll und beinahe schwindelig, denn eine neue Welt drehte sich in tollem Wirbel um sie her.

Kitty verließ das Zimmer, angeblich um das mütterliche Gemüth zu beschwichtigen, aber unter einem Austausch von Zeichen mit .Hansel, die Jung-Nin nicht hätte bemerken dürfen. Und nun waren sie allein, diese seltsamsten aller Licbesleute, und es lag in ihrer Hand, ihren Fall zu erledigen.

(Fortsetzung folgt.)

nach Paris

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