1. Seitage ;um Wiesbadener Tagblatt.
Uo. 382. Morgen-Ausgabe.
<21. Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
Imrg-Ritt»
Nonian von Ii. W. Ztoöinso«.
Er war, wie man allgemein annahm, in tödtlicher Erschöpfung von dem langen Marsch nach vorwärts gefallen und hatte sich die Stirne an denn schmiedeiscrnen Guter zerschunden, jedenfalls im Niedersinken. Lord Kane war allgemein geachtet; hätte sich, wie er einst wohl gehofft Huben mochte, Gelegenheit dazu geboten, würde er unter Englands große Berühmtheiten mitgezählt worden sein. Was ihm an Ruhm zugefallen war, mochte ihn selbst schwerlich befriedigt haben, denn das Menschenherz trachtet ja nach mehr, als
nach verdientem Lohn. „ . .
Und nun war er zu seinen Vätern henngegangen und sein Sohn, Lord Markingham, rückte an seine Stelle. Nin hatte ihm gesagt, daß sie ihn nehmen würde, wie er eben sei, wenn er sein eigener Herr tväre. Die Grafenkrone glitzerte unter der Trauer hervor, schon fragte man sich in den höchsten Kreisen und in den niederen, zwischen allen Coulissen der „Variete" genannten, gerade der Abwechslung so trostlos ermangelnden Bühnen, was die Folge von „Hansels" Regierungsantritt sein werde?
Der neue Lord Kaue überstürzte sich nicht mit einem Besuch in der Van-Dykstraße, wie Jung-Nin rm Stil en fand, auch den Siugspielhallen blieb er fern und verschloß sich in Datchington mit den Sachwaltern seines Hausen, den Gutsinspektoren und seinem Pathen, der als einer der Testamentsvollstrecker häufig hinfuhr. Wie er seinen Verlust und die ihm so plötzlich zugefallenen Aemter und Ehren auffaßte und trug, konnte man nur muthmaßen nicht wahrnehmen. Was für Vermnthungen Nin hegte, wußte Niemand, nicht einmal Kitly, die sonst in der Schwester Gedanken eingeweiht, jetzt aber aufs Rathen angewiesen war.
Es war an einem trübseligen, kalten, nebligen Sonntagnachmittag fünf bis sechs Wochen nach Lord Kanes Ableben, daß Kitty ihre Schwester Nin auf dem Tische sitzend fand, die Ellbogen aufgestemmt, das Gesicht in die Hände gestutzt, versunken in Betrachtung eines Bildes des verstorbenen Lord Kane im „Graphit". Es war ein vorzügliches Bild von sprechender Aehnlichkeit. die so groß war, daß Nin sich cin- bilden konnte, er rede noch mit ihr, spreche ihr zu, warne sie vor seinem Sohn, wie er's in diesem selben Zimmer ge-
than hatte. „ _ . m , •
Frau Pickerson ruhte zwischen Schlafen und Wachen, jedenfalls von ihrem fernen Gebieter träumend, in einem Lehnstuhl vor dem Kamin, und Kitty hatte^ sich aus den Zehenspitzen hereingeschlichen, um das mütternche Nickerchen nicht zu stören, denn sie pstcgte durch solche Storungen in zanksüchtige Stimmung zu gcrathen.
„Die Larve des alten Herrn, hm? brummte sie, als sie Nin bei ihrem Studium ertappt hatte. „Was brauchst
Du die anzustarren?" ., ... „ , m .
„Ein vorzügliches Bild, findest Du nicht? fragte Nin
^ ^Hm ... ja! So befriedigt sah er zwar nicht aus,
als er hier war." . m
„Wahrscheinlich nicht. Viel Grund zur Befriedigung
mag er hier wohl nicht gefunden haben.'
Samstag, de« 1 8. August.
„Ja, ja ... so sah er aus . . bedeutend hübscher als der Sohn, trotz seiner sechzig, oder wie alt er war."
„Gewiß; ich habe mich schon oft besonnen, wo der Hansel sein blödes Gesicht her haben mag, wohl von der Mutter."
„Vielleicht." sagte Kitty. „Thörichte Mütter giebt es ja . . ." ihr Blick flog zu Frau Pickerson hinüber, die mit schief sitzender Haube und offenem Mund wirklich nicht sehr
erleuchtet anssah.auch hörte ich einmal, Lady Kane
sei bei seiner Geburt nicht recht bei Trost gewesen."
„Wer hat Dir das gesagt?" fragte Nin mit Interesse.
„Er selbst. In der Alhambra ... wir warteten auf Dich."
„Ich wußte nicht, daß Ihr auf so vertrautem Fuß wäret."
„Nun, es kam so ... ich hatte ihn einen Erznarren genannt, was er zugab und was er nur zu entschuldigen versuchte."
„Weshalb nanntest Du ihn einen Erznarren?"
„Ach, natürlich Deinetwegen," sagte Kitty leichthin..
„Von der Narrheit scheint er wenigstens geheilt zu sein," bemerkte Jung-Nin. „Dem neuen Lord Kane ist mit dem Titel die Weisheit zugeflogen, und er weiß mit einem Male, wo er Halt machen muß! Jetzt haben sie ihn in den Klauen, die vornehmen Verwandten und sein Herr Pathe, wir werden ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen! Gott sei Dank, sag' ich, so fühle ich mich doch wieder frei und als mein eigener Herr."
„Was mich betrifft, ich glaub's nicht, daß der Hansel Dich sitzen läßt."
„Mich sitzen lassen?" brauste Jnng-Nm auf. „Sitzen lassen, sagst Du? Dazu hat er ja wahrlich keine Gelegenheit, aber ich will das Wort trotzdem nicht hören, ich verbitte mir ein solches Geschwätz, Kitty — überlasse das den neidischen, boshaften, gemeinen Weibsbildern, mit denen ich Abend für Abend in Berührung kommen muß. Laß sie denken, was sie mögen, und sagen, was ihre Bosheit ihnen eingiebt, aber hier in meinem Hause will ich's nicht hören. Hast Du mich verstanden?"
Vollkommen," versetzte Kitty. durch diesen Ausfall mehr verblüfft als gekränkt. „Ich hab's ja natürlich nicht ernstlich gemeint, ja, ich habe sogar gesagt, ich traue es ihm nicht'zu, brauchst mich also nicht anzuschnanzen. Meine Schuld ist's ja nicht, Nin."
„Was ist nicht Deine Schuld?"
„Daß er nicht kommr, nicht schreibt, keinen Versuch macht, Dich zu sehen," erwiderte Kitty. „Am Ende ist's auch nicht seine Schuld, sondern die Deinige."
„Sprich Dich etwas deutlicher aus, „von der. Leber weg", wie Hansel zu sagen pflegte," sagte Jung-Nin mit einem Lachtriller, der zwar melodisch, aber gemacht klang. „Warum ist's meine Schuld? In welcher Hinsicht?"
Kitty schielte nach der jetzt fest schlafenden Mutter hin, beugte sich vor und sagte mit gedämpfter Stimme: „Weshalb schreibst Du ihm nicht? Frage doch an. wie es chm gehe wcshalb er so schweigsam sei, warum er nicht komme und wär's auch nur, um Abschied zu nehmen?"
Jnng-Nin schien bei dieser Zumuthung ihrer Schwester um mehrere Zoll zu wachsen; hochanfgerichtet saß ste in ihrem Stuhl und funkelte Kitly mit den blauen Angen an.
„Ich 'hm zuerst schreiben! Lieber würde ich mir die rechte Hand abhauen!"
Du
„Du willst also, daß er schreibt?"
„Nein, ich wünsche es gar nicht!"
„Du willst ihn also ganz schlüpfen lassen?"
„Mit Vergnügen. Mir liegt nichts an ihm, wie sehr wohl weißt."
„Du kannst eine richtige Gräfin werden, wenn Du nur Deinen kleinen Finger aufheben willst . . ."
„Das ist für mich gar nicht so ausgemacht! ^ch hatte eine werden können und hab's verpaßt, wenn ick aber auch nur eine Bänkelsängerin bin, so weiß ich nicht einmal, ob ich große Lust habe, eine Gräfin zu werden! Jedenfalls müßte ich ja meine Krone theuer bezahlen!"
„Aber eine Krone wär's und werth, sich zwe, Alal zu f)
„Laß irgend eine andere Thörin die Hand darnach ausstrecken und unter ihrer Last zusammenbrechen, noch ehe ihr Glanz durch Gewohnheit blind geworden ist!"
„Donnerwetter, wie nobel Du redest! Was vast V>u denn kürzlich für Bücher gelesen?" fragte Kitty spöttisch.
„Ich lese nie." .
„Dann würde ich schreiben, an den Hansel schreiben und wenn auch um ihm zu sagen, daß ich ihn nicht mehr sehen wolle und sehr entzückt sei, daß er sich bei Zeiten weggeschlängelt habe." ... -
„Und was würde er zwischen den Zeilen lesen, oder wenn er nicht, der verteufelt kluge Pathe?" fragte Nin.
„Nin, Nin, ich denke nachgerade, Du grämest Dich über sein AusbleibenI"
„Grämen . . . nein!"
„Also ärgern?" .
„Aergern? Ja, denn ich hätte wirklich Nichts gedacht, daß er sich „wegschlängelii" könnte, wie Du sagst, Kitty. Bei all seinen Schwachheiten war Hansel doch immer ein Mann von Ehre und hat sich als solcher uns gegenüber bewährt, und cs wäre mir lieb gewesen, wenn er s bis zum Ende geblieben wäre. Wenn er mir geschrieben hatte . . . meinetwegen hätt's ihm der Pathe dikliren können! ... daß es ihm furchtbar schmerzlich sei uub so weiter usld so weiter, daß aber die Pflichten und die VerantwortUchkert seiner neuen Stellung ihn nöthigten, uns zu meiden!
„Möchtest Du die Litanei nicht mündlich von ihm Horen und"ihm dann eins in sein Schafsgesicht schlagen?"
„Das weiß ich nicht," meinte Nin nachdenklich. unter bin ich seelenfroh, daß er fort ist, dann habe ich wieder ein wunderliches Verlangen, ihn noch einmal zu sehen, ihm die Hand zu schütteln und ihm zu sagen, daß ich ihm nie so viel Verttunft zngetraut hätte, als er jetzt zeigt, ja sogar ihn zu bitten, mich künftighin veriinnftig zu sein um des großen Namens willen, den ihm sein Vater hliitcr-
lassen hat." ..
Wenn Jung-Nin ihre Schwester angesehen hatte, ste hätte ein eigcnthümliches Lächeln über Kittys Gesicht huschen sehen, ein vielsagendes Lächeln, wie von einem, der die Drahtpuppen am Schnürchen hält und die Spannung des Zuschauers vor dem Guckkasten belächelt.
Nun, meinen Segen hat er," sagte Kitty, offenbar bestrebt, das Gespräch zum Abschluß zu bringen, „und stden- falls glaube ich nicht, daß Anfgeblasenheit und Hochmuth ihn fern halten."
(Fortsetzung folgt.)
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