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No. 380. Morgen-Ausgabe. Freitag, den 17. August. 48. Jahrgang. 1900.

(20. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Jung Um.

Noma» von It. ZS. Aobinsün.

„Unterbrechen Sie mich nicht," schnitt sie ihm das Wort ab. „Ich spreche jetzt mit Lord Markingham, nicht mit Ihnen."

Gravatt verbeugte sich und wagte nichts hinznzusetzen.

„So steht die Geschichte, Hansel," fuhr sie fort. „Du bist mir und Kitty ein guter Freund gewesen, der nie die Achtung gegen uns verletzte . . . und Du sagst, Du liebest mich?"

„Das thu' ich, thu' ich wahrhaftig, Nin!"

„Willst Du mir's beweisen und zwar so wie ich will?"

„Ja ... ja ... das heißt, wenn's nicht zu schwer ist," gelobte Markingham mit Vorbehalt.

„Dann bleibe von mir weg, wie Lord Kane und dieser Doktor Dir anrathen. Sie sagen, daß Abwesenheit, große Reisen Dich von dieser Thorheit heilen würden, versuche es damit!"

„Nein! Der Tenfcl hole niich, wenn ich das versuche!"

„Ich gebe Dir zwei Jahre Zeit zu diesem Versuch. Wir sind Beide jung und können warten. Wenn Du nach zwei Jahren kommst und mir sagst. Du hättest mich nicht ver­gessen können und liebest mich noch, so nehme ich Dich zum Mann, mag sich dagegen stemmen, wer Lust hat."

„Das willst Du! Das willst Du!" rief Markingham außer sich vor Glück. „Aber ach, Nin . .. diese verdammten zwei Jahre! Du wirst nicht auf mich warten ... es sind so viele Andere da, Lord Whitethatch, Paul Napella und Gott weiß, wer . . ."

„Ich verspreche Dir, daß ich aus freien Stücken zwei Jahre nicht heirathen werde. Wenn Dir's der Mühe werth ist, zu warten, so warte ich auch, wir sind aber Beide frei, durch kein Verlöbniß gebunden. Ganz frei, begreifst Du das?"

„Ach, wenn ich nur warten könntet"

„Wenn Du Dein eigner Herr wärst, nach Niemand zu fragen hättest, ich würde Dich morgen nehmen . . . jetzt . . ." sagte Sie plötzlich mit seltsam bebender Stimme.

„Ist das Dein Ernst, Nin?"

14

//Oh*

„O meine Nin!"

„Du hast aber nach Jemand zu fragen . . . Dein Vater, Dein Pathe sind da und keiner glaubt an uns. Willst Du mir helfen, ihnen zu beweisen, daß sie uns Un­recht thun?" fragte sie. „Willst Du mir vertrauen und ins Ausland gehen, wie sie cs haben wollen?"

„I . . . ja . . . wenn Du mir schwören willst, diese zwei Jahre ledig zu bleiben . . . ganz ledig . . ."

„Gewiß, ich will Dir's schwören!"

„Du thust Alles, um mich los zu werden," sagte er wehmüthig.

„Alles, um den Beweis zu haben, daß Du mich liebst, daß Du mir vertraust, daß Du die Kraft hast, zu warten."

„Laß mich's nur ein paar Minuten überlegen, Nin," sagte Hans. „Es ist ja furchtbar gut von Dir, und daß ich warten kann, weiß ich, aber ob Du warten wirst?"

„Du mußt mir vertrauen, wie ich Dir vertraue," sagte Jung-Rin.

Lord Markingham sank in der entferntesten Ecke des Zimmers auf einen Stuhl, um seine Gedanken zu ordnen; der Radfahranzug, die Fischaugen, der verdutzte Ausdruck ilnd der gelbe Umschlag des uneröffneten Telegramms, der in seiner Hand zitterte, gaben ein ziemlich wunderliches Ge- sammtbild.

„Jst's so recht, Doktor Gravatt?" fragte Nin leise den Arzt. „Sind Sie zufrieden?"

„Ja."

„In zwei Jahren vergißt er mich, würde er Alles ver­gessen!"

„Ich glaube auch. Ich bin überzeugt, er wird Sie ver­gessen."

„Um so besser für ihn und mich/'

„Allerdings . . . weil . .

„Weil?"

„Sie keine Neigung für ihn haben."

„Leiden kann ich ihn ja . . . er ist warmherzig . . ."

„Was er mit andern Säugethieren gemein hat," be­merkte Gravatt trocken. „Sie wollen doch nicht sagen, daß Sie ihn lieben?"

„Nein, ich liebe ihn nicht," sagte Nin. die Achseln zuckend, „und ich werde froh sein, wenn er fort ist, und mich vergessen lernt. Aber," setzte sie mit einem trotzigen Aufblicken hinzu, „um Mißverständnisse zu vermeiden, sage ich Ihnen ausdrücklich: wenn er zurückkehrt und desselben Sinnes ist, so werde ich auch froh sein."

„Warum?"

„Dann werde ich einen treuen Mann entdeckt haben!"

„Männertreue ist eine seltene Pflanze, aber ich dächte doch . . . sollte der hitzköpfige junge Mann von gestern Abend nicht ..."

„Sprechen Sie nicht von ihm!"

„Sie lieben ihn?"

„Ich hasse ihn jetzt."

Hansel starrte immer noch rathlos vor sich hin. Nin hatte ihm ja mehr Hoffnung gegeben als je und doch wollte sie ihn fortschicken! Wenn sie nur irgend eine andere Be­dingung gestellt hätte! Diese Entfernung war ihm un­erträglich. Das war ja dasselbe, was sein Vater, was sein Pathe von ihm haben wollten, nur daß ihm jetzt eine Be­lohnung versprochen wurde! Fast sah es aus wie eine Verschwörung zwischen seiner Familie und Jung-Nin . . . aber, nein, das lag nicht in Nins Natur. Geld konnte sie nicht verführen! Geld hatte sie ja genug und sie hatte einmal drei Tage mit ihm geschmollt, nur weil er gewagt hatte, ihr eine Banknote anzubicten, um ihr und Kitty aus einer vorübergehenden Verlegenheit zu helfen. Nein, eine Verschwörung konnte es nicht sein, es war eine Gemeinheit von ihm, auch nur eine Sekunde lang Nin etwas Derartiges zuzutranen.

„Brauchst Du so lang zu Deinem Entschluß, Hansel?" rief Nin zu ihm herüber, als seine blöden Augen wieder rath- und hilflos über sie hinglitten. „Kannst Du nicht einfach sagen: „Ich schlage ein! . . . ist's so schwierig?"

„Kannst Du nicht sagen, ein Jahr?"

„Nein, ich sage zwei."

„Dann werden's wohl Zwei sein müssen," sagte er mit

einem tiefen Seufzer. „Ich werde Dir gleich sagen, ob ich darauf eingehen kann ... ich besann mich nur eben . .

Fast unbewußt hatte Hansel bei diesen Worten das Telegramm ausgemacht und las jetzt den Inhalt, wobei seine Augen immer größer und starrer wurden und sein Gesicht leichenbleich.

„Großer Gott!" stammelte er aufspringend. „Da seht Beide her! Mein Vater wurde . . . heute früh ... vor dem Parkthor . . . todt aufgefunden! Todt . . . tobt . . . hört Jhr's? O mein armer alter Pa . . . das wollt' ich nicht!"

Markingham glitt neben seinem Stuhl zu Boden, legte die Arme auf den Sitz und ließ sein Haupt schwer darauf nicdersinken. Nin wollte ihm zu Hülfe eilen, aber Gravatt hielt sie zurück.

„Mein liebes Fräulein, cs wird besser sein. Sie gehen," sagte der Arzt, aus dessen Gesicht auch jede Spur von Farbe verschwunden war. „Ihr Anblick könnte sein Leid nur steigern."

Nin zögerte ein wenig, ging aber dann gehorsam der Thüre zu.

„Ja, es wird am Besten sein . . . sagen Sie ihm, wie leid er mir thue."

„Das werde ich bestellen."

Der alte Mann, der vollendete äußere Ruhe bewahrte, begleitete sie auf den Vorplatz, wo er ihr die Hand gab und sich ritterlich verbeugte.

„Dieser tragische Fall gestaltet Alles um," sagte er.

„Ja wohl . . . Alles," erwiderte Nin.

„Was für ein armseliges Ding unser Planen und Denken ist," setzte er hinzu.

Nin blickte auf; die Stimme hatte unsicher geklungen; jetzt sah sie Thränen in seinen Augen schimmern.

„Ja, armselig und hilflos," stimmte Jung-Nin bei, dann verließ sie nachdenklich des Doktors stattliches Haus.

XV.

Lord Kanes Tod beschäftigte die Gemüther höchstens acht Tage lang. Es sterben ja alle Tage berühmte Leute und von Nekrologen wird keine Zeitung fett. Beim Tode eines Schauspielers pflegt die öffentliche Thcilnahme etwa drei Tage länger anzuhalten. Das Publikum hatte ihn ge­kannt ; er war sein Eigenthum, den Staatsmann hatten nur Wenige gekannt, nur Auserlesene waren Zeugen, daß er die Geschicke der Völker in seinen Händen hielt.

Jung-Nin pflegte wie alle Kinder des Rampenlichts nur die Theaternotizen zu lesen; die Geschichte Englands, die Lord Kane schaffen half, war ihr gänzlich unbekannt, ohne seinen Sohn hätte sie schwerlich je seinen Namen nennen hören. Die Mutter hätte am Ende Auskunft geben können über seinen äußern Lebenslauf, die übrige Familie Pickerson wußte nichts davon. Jetzt aber hatten sein Leben uird sein Tod eine seltsame, aufregende Anziehungskraft für sie ge» wonnen, jede Einzelheit dieses plötzlichen traurigen Endes fesselte sie wie mit Zauberkraft. Lord Kane hatte an jenem Abend die Droschke am Bahnhof entlassen, und war richtig zu Fuß bis nach Datchington gegangen und am Parkthor todt aufgefunden worden, die Stiefel mit Schmutz und Schne« überzogen, das schwarze Beinkleid bis zum Knie bespritzt.

(Fortsetzung folgt.)

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