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*8. Jahrgang.

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U0. 381. Fernsprecher N». 52. Fveilng- de» IT. Angttst.

Für die Ausnahme später eingereichter Anzeigen zur

Fernsprecher N». 52.

1900.

Abend -Ausgabe.

(Nachdruck verboten.)

Kaiser Fra«; Josef.

1830 — 18. August — 1900.

In der Altstadt von Olmütz, der befestigten zweiten Hauptstadt Mährens, liegt am Bischofsplatze das von dem Bischof Karl, Grafen von Lichlenstciii, erbaute erzbischöfliche Palais, in dem sich am 2. Dezember 1848 eilt welt­geschichtlicher Akt vollzog: die Abdankung Kaiser Ferdinands V. und die Thronbesteigung Franz Josefs I., der nun über ein halbes Jahrhundert als Herrscher die Geschicke von Oesterreich-Ungarn lenkt.

Der kaiserliche Hof befand sich damals in der mährischen Landeshauptstadt. Zuerst war der kranke Kaiser am 17. Mai des Sturmjahres vor der Nevolutiou aus Wien nach Innsbruck geflüchtet, um dann im Juli nach Schönbrunn zurückzukehren. Am Morgen des 1. August brach der Hof abermals auf, um den brennenden Boden Wiens zu ver­lassen und nach Olmütz überzusiedeln. Die Kalesche, in der das Kaiserpaar und der älteste ^Bruder Ferdinands, Erz­herzog Franz Karl, mit seiner Gemahlin Sophie, einer Tochter des Königs Max Josef von Bayern, saßen, be­gleiteten die jüngeren Erzherzöge des Kaiserhauses zu Pferde. Unter ihnen befand sich auch der 18-jährige Sohn Franz Karls. Erzherzog Franz Josef, der dazu ausersehen war, die Regierungszügel des schwer erschütterten Reiches bald darauf seinem kranken und schwachen Oheim abzunehmen.

Franz Josef war an, 18. August 1830 in Schönbrunn geboren. Seine ersten Kinderjahre verlebte er in Laxen­burg, wo sein Großvater, Kaiser Franz, der den kleinen „Franzi" ganz besonders in sein Herz geschlossen hatte, die ersten Geh- und Marschversuche des Enkels überwachte. Das Kind wuchs zu einem vielversprechenden Jüngling heran, dessen körperliche und geistige Ausbildung vortrefflichen Kräften anvertraut war, deren Bemühungen er durch Fort­schritte auf allen Gebieten lohnte.

Am 1. Dezember 1848 für volljährig erklärt, trat Franz Josef am nächsten Tage nach der Resignation seines Oheims und Verzichtleistung seines Vaters die Regierung an. Ver­heißungsvoll klangen die Worte, mit denen der junge Monarch sich in einem feierlichen Manifest mi seine Völker wandte. Es hieß darin: „Das Bedurfniß und den hohen Werth freier, zeitgemäßer Institution aus eigener Ueberzeugung er­kennend, betreten Wir mit Zuversicht die Bahn, die Uns zu einer heilbringenden Umgestaltung und Verjüngung der Gesammtmonarchie führen soll. Auf den Grundlagen der wahren Freiheit, auf den Grundlagen der Gleichberechtigung aller Völker des Reiches und der Gleichheit aller Staats­bürger vor dem Gesetz, sowie der Theilnahme der Volks­vertreter an der Gesetzgebung wird das Vaterland neu er­stehen, in alter Größe, aber in verjüngter Kraft." Und es schloß mit den Worten: „Völker Oesterreichs! Wir nehmen Besitz von dem Throne Unserer Väter in einer erregten Zeit. Groß sind die Pflichten, groß die Verantwortlichkeit, welche die Vorsehung Uns auferlegt, Gottes Schutz wird uns begleiten!"

52 Jahre sind seit jenem 2. Dezember verflossen, da Kaiser Franz Josef I. den Thron seiner Väter bestieg. Während dieser langen, ereignißvollen Zeit hat er mit nie erlahmenden Pflichten als erster Diener des Staates sich der Geschäfte hingegebcn, und in bewunderungswürdiger Frische und Rüstigkeit liegt er auch heute noch dieser verantwortungs- reicheu Aufgabe ob. Kaum in seine Würde eingetreten, wurde das Staatsschiff von tvüthenden Stürmen ergriffen: Revolution in Wien, Revolution in Prag, Aufstand in Venetien und Ungarn! Zehn Jahre später kam es zum Krieg mit Frankreich, der mit dem Verlust der Lombardei endete, dann folgte die schwere Prüfung von 1866 mit dem Verluste Venetiens, wofür sich aber 1878 in der Occupatio» von Bosnien und der Herzegowina ein Ersatz bot.

Freud und Leid lernte der Monarch in reichem Maße kennen. Am 18. Februar 1853 versuchte der Ungar Johann Libvnyi den Kaiser während eines Spaziergangs auf der Löwel-Bastei in Wien durch einen Messerstich zu ermorden, doch scheiterte das Attentat, und die nicht ungefährliche Ver­wundung ward nach einigen Wochen gliicklich geheilt. Im Herbst 1853 verlobte sich der Kaiser Franz Josef mit der Prinzessin Elisabeth, Tochter des Herzogs Max in Bayern, und am 24. April 1854 fand die. Vermählungsfeier statt. 44 Jahre hat er an der Seite der ebenso schönen als edlen und gebildeten Kaiserin ein reines Familiengluck genoffen, bis ihm der Dolch eines' Mordbuben am 9. September 1898 die geliebte Lebensgefährtin entriß. Aber schon vorher hatte ihn ein harter Schicksalsschlag getroffen durch den Tod des zu den größten Hoffnungen berechtigenden einzigen Sohne»,, des Kronprinzen Rudolf, am 30. Januar 1889. Aber Kaiser Franz Josef verlor bei allem Leid, daö ihn traf, me den Mulh und das Vertrauen. Jede Prüfung schien nur seine Kraft bei Ueberwindung des auf ihn eillsturmenden Schmerzes zu stählen. Mit unerschütterlicher Beharrlichkeit blieö er seinem hohen Berufe treu, was umso mehr Be­

wunderung verdient, als die Regierungsgeschäfte sich größten- theils sehr schwierig gestalten.

Groß sind die Verdienste, die er sich um sein Reich er­worben hat. 1861 schenkte er seinen Völkern eine konstitutionelle Verfassung, erlangte 1867 den ersten Aus­gleich mit Ungarn, dem kürzlich ein zweiter folgte, ging 1879 mit dem Deutschen Reich ein Schutz- und Trutzbündniß ein, das sich durch warme Freundschaft mit dessen Fürsten und insbesondere dessen Oberhäuptern immer inniger und fester gestaltete und von der größten Bedeutung für die Erhaltung und Befestigung des Weltfriedens geworden ist. In frischer Erinnerung steht uns Deutschen noch der Besuch des befreundeten Monarchen in Berlin am 6. Mai dieses Jahres, wo er zur Feier der Großjährigkeitscrklärung unseres Kronprinzen erschien und von den Fürsten und dem Volk mit Begeisterung empfangen wurde.

Kaiser Franz Josef war aber auch der Neuschöpfer des österreichisch-ungarischen Heeres auf der Grundlage der allgemeinen Wehrpflicht, wie er auch als der eigentliche Schöpfer der österreichisch-ungarischen Marine zu betrachten ist: Er gab seinem Lande die Selbstverwaltung, die

Oeffentlichkeit und Mündlichkeit im Gerichtsverfahren und die Schwurgerichte. Er war endlich auch der Schöpfer des österreichisch-ungarischen Verkehrswesens, während Handel und Industrie einen erfreulichen Aufschwung nahmen. Wien gestaltete sich zur eigentlichen Großstadt und zugleich zu einer der schönsten Städte der Welt. Im Hinblick auf all diese Verdienste ihres Herrschers veranstalten die Stadt Wien und alle Völker der Monarchie am heutigen Tage, da Kaiser Franz Josef I. seinen 70. Geburtstag feiert, groß­artige Kundgebungen. Mit derselben Liebe, mit der das deutsche Volk an Kaiser Wilhelm I. hing, sind auch dis Völker der österreichisch-ungarischen Monarchie ihrem Kaiser zugethan.

Wie seine ganze Regierungsthätigkeit ihn als Muster eines edlen Fürsten erscheinen läßt, so spiegelt sich diese Eigenschaft auch in des Kaisers Aussprüchen wieder, lieber die Pflichten eines Herrschers läßt er sich also aus: „Wie der Einzelne durch den Ernst der Arbeit sich den inneren Frieden erringt, so liegt in der Gemeinsamkeit der staatlichen Arbeit das sicherste Mittel zur Ausgleichung aller Gegensätze und zur Versöhnung aller Parteien". Und ferner: „Mit inniger Erkenntlichkeit empfinde ich es, wie das Band gegen­seitiger Liebe und Treue, welches mich und mein Haus mit allen Völkern meiner Monarchie verbindet, in Stunden schwerer Heimsuchung nur an Stärke und Festigkeit gewinnt". Und endlich: „Das Herz des Monarchen muß schweigen, wenn nur noch Ehre und Pflicht gebieten. — Ich bin Landesvertreter für Gesunde und Kranke; es zieht mich darum auch zu meinen kranken Kindern hin". — Ueber den Werth der Volksbildung aber und die Segnungen des Friedens läßt er sich also vernehmen: „Das Gedeihen des öffentlichen Unterrichts ist eine der wesentlichen Be­dingungen der Blüthe und des Aufschwungs des Gemein­wesens. Die ernste und zugleich schonungsvolle Durch­führung der Volksschulgesetze sowie die Ordnung des Uni­versitätslebens wird eine der wichtigsten Aufgaben meiner Regierung bilden". „Durch die Segnungen des Friedens können wir uns umso erfolgreicher den Arbeiten hingeben, welche auf die dauernde Begründung einer neuen Epoche der Wohlfahrt durch Steigerung jeglicher Thätigkeit auf dem Gebiete der geistigen und materiellen Interessen, durch Belebung der Bodenproduktion, der Industrie und des Handels hinzielen".

Möge dem edlen Monarchen ein glücklicher, ruhiger Lebensabend beschieden sein! Kämpfe und Enttäuschungen aller Art haben sein Haar und den einst hellblonden historischen Bart weiß gefärbt, und wie kein zweiter lebender Herrscher hat er an sich selbst erfahren müssen, welch „un­ruhvoller Bettgenoß die Krön' ist". Dafür werden ihm aber auch an seinem Ehrentage von seinen Reichsangehörigen aller Zungen aufrichtige Glückwünsche und Zeugnisse der Verehrung dargcbracht, und diesen Huldigungen für den treuen Verbündeten des Deutschen Reiches schließen sich auch dessen Bewohner von Herzen an.

Uach vor und «ach Peking.

Der erste Theil des chinesischen Kriegs, der offiziell noch immer kein Krieg ist, hat sich überraschend schnell abgespielt. Der Zug nach Peking ist, nachdem die langwierigen schweren Kämpfe bei Tientsin mit dem Sieg der Alliirten geendet hatte», verhältuißmüßig schnell vor sich gegangen und ernsthaften Widerstand haben die Chinesen bisher nur bei Peitsang und Aangtsun geleistet. Zur Zeit, wo dieses Blatt in die Hände unserer Leser gelaugt,-dürften die Ver­bündeten Truppen bereits vor den Mauern Pekings ein­getroffen sein. Hier freilich, vor Peking, dürfte sich der zweite und vielleicht blutigste Abschnitt des chinesischen Kriegs abspiclrn, denn wenn nicht Alles täuscht, sind die Chinesen fest entschlossen, ihre Hauptstadt mit allen ihnen zu Gebot stehenden Kräften zu vertheidigen.

Hie und da wird freilich die Ansicht vertreten, daß die Chinesen bereits mürbe geworden seien und daß das Ein­treffen der verbündeten Truppen vor Peking für die leitenden

Männer der Hauptstadt das Signal zur Aufgabe des weiteren Widerstandes sein werde. Diese Anschauung, die uns als außerordentlich opliniistisch erscheinen will, stützt sich darauf, daß die chinesische Regierung, so weit man von einer solchen überhaupt reden kann, neuerdings das unzweifelhafte Bestreben an den Tag gelegt hat, die Gesandten und die anderen in Peking eingeschlossenen Fremden zum Abzug aus Peking zu veranlassen und daß die Beflissenheit Li-Hung-Tschangs, sich als Friedensvermittler aufzuspielen, in letzter Zeit erheblich gewachsen ist. Wir unsererseits betrachten die Sache erheblich pessimistischer und halten von diesen beiden eben erwähnten Anzeichen garnichts. Die Vermittelungsversuche des mit allen Hunden gehetzten Li-Hung-Tschang, der sich in letzter Zeit als eine Art „ollen, ehrlichen Seemann" aufgespielt hat, sind völlig bedeutungslos, denn es würde der Natur des hinterlistigen und feigen Chinesen geradezu widersprechen, wenn er nicht, während er Krieg führt, gleichzeitig wegen des Friedens unterhandelt! Noch weniger aber geben wir auf den Umstand, daß die Chinesen die in Peking Ein­geschlossenen zum Abzug aus der Stadt veranlassen wollen. Daß dies nicht aus zarter Rücksicht auf das Leben der Ge­sandten und der anderen Fremden geschieht, haben die Vor­gänge in Peking zur Genüge gezeigt.

Ist doch die-Beschießung der Gesandtschaften, die an­geblich schon Mitte Juli aufgehört haben sollte, nach-den neuesten Meldungen bis in die letzten Tage fortgesetzt worden. Niemand kann daran zweifeln, daß die Chinesen nach dem Leben der in Peking eingeschlossenen Europäer, Amerikaner und Japaner trachten. Wenn diese furchtbare Absicht bisher nicht ausgeführt werden konnte, so lag dies entweder daran, daß die Chinesen nicht die nöthigen Macht­mittel hierzu hatten, oder vielleicht auch daran, daß den führenden Männern in Peking doch vor den Folgen eines so ungeheuren Frevels bange wurde.

Wenn wir den Grund, weshalb diese führenden Männer den Abzug der Fremden ans Peking wünschen, recht ver­stehen, so ist es der, daß es ihnen lieber ist, wenn die Fremden nicht in Peking, sondern außerhalb Pekings auf dem Marsche ermordet werden! Die freilich ohne den Wirth gemachte Rechnung der Chinesen ging dahin, daß ihre Verantwortung für die blutige Mordthat in diesem Falle als eine geringere erscheinen würde. Die in Peking eingeschlosseneu Gesandten, welche die dortige Sachlage jedenfalls am genauesten bemtheilen können, haben die Absicht der Chinesen durchschaut und sich geweigert, ihren Posten, auf den sie nichts weniger als sicher, aber immerhin noch sicherer als auf dem Marsche inmitten einer chinesischen „Schutztruppe" sind, zu ver­lassen. Vielleicht wird die Situation sich ändern, sowie die Truppen der Verbündeten vor den Thoren Pekings eingetroffen sind, was ja unterdeß wohl geschehen sein dürfte. Es wäre möglich, daß die Chinesen sich nunmehr zum freien Abzug der Fremden bereit erklärten, der alsdann im Angesicht der alliirten Truppen und bei den nöthigen Vorsichtsmaßregeln eher ohne Gefahr für das Leben der Europäer vor sich gehen könnte. Es ist aber nicht minder wahrscheinlich, ja vielleicht wahrscheinlicher, daß die Chinesen, sobald sie sehen, daß sie den Angriff auf ihre Hauptstadt nicht mehr abwenden können. Alles daran setzen werden, um sich der dort eingeschlosseneu Fremden zu bemächtigen und sie als Geiseln anszuspielcn, uni so den Sturm auf ihre Hauptstadt zu verhindern.

Diese Rechnung der Chinesen vermag nur eiu schneller und unverweilter Angriff ans Peking zu durchkreuzen. Aber gesetzt den Fall, daß dieser Angriff, was mir hoffen wollen, von Erfolg begleitet ist und die Befreiung der Fremden gelingt, auch dann noch stehen der Lösung des chinesischen Problems ungeheure Schwierigkeiten gegenüber, ja, man kann wohl behaupten, daß diese Schmierigkeiten nach Peking die größten sein werden. Mit der Einnahme von Peking ist der Krieg nichts weniger als beendet. Es liegt vor Allem die Möglichkeit vor, daß die Negierung in das Innere flüchtet und ihren Sitz wo anders hin, vielleicht nach der früheren Hauptstadt Singanfu, verlegt. Daß die Mächte ihre Expedition über Peking hinaus fortsetzen, ist mit den jetzigen Strcitkräftcn ausgeschlossen, aber auch mit stärkeren Kräften nichts weniger als rathsam. So sehen wir, daß das chinesische Problem trotz des siegreichen Vordringens der alliirten Truppen von seiner Lösung noch recht weit entfernt ist, ganz abgesehen von der Frage, was daun ge­schehen wird, wenn die Mächte ihrerseits sich über die Lösung dieses Problems auseiuandcrsetzcn werde».

Der Aufstand in China.

L. Kerlitt, 16. August. Hicr war bis Mittag noch keine amtliche Bestätigung der Nachricht eingetroffen, daß die verbündeten Truppen schon in Peking eingerückt sein sollen. Die Möglichkeit, daß die Hauptstadt bereits erreicht worden ist, wird zugegeben, aber die Zweifel au der Nichtig­keit der Meldung überwiegen zunächst. Man enthält sich hier des llrtheils darüber, ob die Befehlshaber der intcr- uatioualen Truppen sich eventuell mit der Zurückführung