1. Beilage mm Miesbnüener Tagblatt.
U». bV8. Morgen-Ausgabe» _Dminerstag. den 16. A»g»ft. 18. Jahrgang. 1900.
(19. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Jung Um.
Roman von Zi. W. Iiobinson.
„Wenn Du Fräulein Pickerson für so leicht verführbar hältst, versteh' ich nicht recht, daß Du sie zu Deiner Frau machen willst?"
„O, die nicht!" rief Markingham lebhaft. „Au Nin habe ich nicht gedacht. Die ist nicht wie andere solche Mädchen, das sag' ich meinem Vater immer. Nin, das ist ganz etwas Anderes!"
„Liebt sie Dich?"
„Zum Henker, nein!"
„Dann ist die ganze Sache einfach abgeschmackt!"
„Finden Sie?"
„Wenn sie keinen Versuch macht, Dich festzuhalten, vielleicht froh ist, wenn Du ihr aus den Augen kommst, wenn Du am Ende zwischen ihr und dem Mann ihrer Liebe stehst, wär's da nicht am Gescheidlesten, Du gingest Deiner Wege?"
„Doktor Gravatt," Hub Hans mit rothem Kopf an, „Sie sind ein kluger Mann und ich bin ein dummer Tölpel, aber ich traue Ihren Gründen nicht. Ich weiß, daß ich glücklich würde mit Nin und weiß auch, daß sie mich mit der Zeit lieb gewinnen würde, denn sie ist ehrlich, wahrhaftig und einfach. Drum bleibe ich hier und warte, ob sie nicht anderen Sinnes wird. Nur wenn sie niir den Laufpaß giebt, gehe ich."
„Ich dächte, sie hätte Dir ihn schon gegeben — also wenn Nin Dir ernstlich und ehrlich sagen würde, daß Du ihr Leben störest, daß sie Frieden und Glück nur finden könne, wenn Du sie in Ruhe lassest, dann würdest Du Dich entschließen, sie wirklich auszugcben?"
„N . . . nein," erwiderte Hans erst verlegen, dann in Aufregung gerathend. „Ich gehe nicht fort, ich lasse sie nicht . . . niemals! Was! Sie einem Andern lassen, vielleicht diesem tollen Polen, und dazu noch ausgelacht werden in meinem Klub und in den verfluchten Zeitungen herumgezogen, nein! Ihnen und meinem Vater und der ganzen Welt . .
„Genug," unterbrach ihn Gravatt rasch. „Ich weiß, was Du meinst, und sehe, daß Du wirklich solchen Gesprächen noch nicht gewachsen bist. Auf Wiedersehen beim Frühstück!"
„Und fangen Sie dann wieder an?" fragte er kläglich.
„Nein! Ich sage heute kein Wort mehr darüber."
„Das ist nett von Ihnen und . . . Sie verstehen mich?"
„Ich glaube, ja."
Nachdenklich verließ Gravatt seinen reizbaren Patienten. Bei Hans war's ihm mißglückt, wie es Lord Kane mißglückt war, also war es schließlich nur Jnng-Nin selbst, ans die man seine Hoffnungen setzen konnte.
Und sie kam. Ihr Conpö rollte durch die Brookstraße, noch ehe Lord Markingham an seines Pathen Frühstückstisch saß, denn dieser junge Mann hatte sich nicht beeilt hinunler- zukommen, iveil er sich doch nicht so wohl fühlte, als er gewünscht hätte, und weil er cs nicht sehr nett und rücksichtsvoll von seinem Pathen gefunden hatte, ihn schon im Bett zu „Hunzen". Immerhin dachte Lord Niarkingham mit einiger Selbstgefälligkeit an seine rednerischen Leistungen zurück; er hatte dem Doktor doch gezeigt, daß er keiner von den Narren war, die selbst nicht wissen, was sie wollen, er hatte ihm klar gemacht, daß er seinen Mann stellte.
Darüber war Jung-Nin jetzt wahrhaftig gekommen! Das
war wenigstens das Coupo, das sie gemielhet hatte, seit es ihr nicht mehr paßte, in Lord Markinghams Wagen in die Vau-Dykstraße zu gelangen. Sie hatte ja gesagt, daß sie früh kommen werde,, aber vor dem ersten Frühstück, daran halte doch kein Mensch denken können! Mit offenem Mund und feinen: allerdümmsten Gesicht stand er am Fenster und starrte in stummem Staunen auf den Wagei: und dann auf Nin selbst, die frisch und rosig und wie aus dem Ei gepellt, über den Fußsteig lief, gerade als ob die Ungeduld sie verzehre, Nachricht von ihm zu erhalten. Ja, das war ein denkwürdiger Morgen, wie denkivürdig ahnte Haus freilich noch nicht!
Nin kam allein, wahrscheinlich lag Kitch noch in den Federn. Markingham bemerkte vom Fenster ans den dunkelgelben Umschlag eines Telegramms, das sie in der Hand hielt. Was hatte dieses Telegramm zu bedeuten? Ach! Nin bekam ihrer so viele, man bat sie immer telegraphisch irgendwo aufzutreten . . . mein Gott, am Ende ging sie gar nach Australien oder ans Cap der guten Hoffnung, wohin der Tingeltangel als Kulturträger auch schon gedrungen war . . . am Ende kam sie, um Abschied zu nehmen! Sein Pathe hatte ihm gerathcn, England zu verlassen, vielleicht lhat sie es! Seine Einbildungskraft war merkwürdig erregbar an diesem Morgen, offenbar ans Kosten seiner übrigen Kräfte, denn er mußte sich wieder setzen. Ein Frösteln, ein Schauer überlief ihn, wie er späterhin dachte, eine Ahnung dessen, was er erfahren sollte.
So kam's, daß zwischen Ni ns Ankunft in der Brookstraße und dem Wiedersehen mit Hansel immerhin noch eine gute Viertelstunde verlief, denn ihr plötzliches Erscheinen halte ihn ganz aus dem Konzept gebracht, Ueberraschuugen war er noch nicht gewachsen. In der Hast und Anfreguug brauchte er erst recht lauge znrn Ankleiden, dann fiel ihni das Rasieren ein und daß er doch möglichst säuberlich und fein vor ihr erscheinen wolle. Er fiel also über die Nasier- messer her und brachte sich, glücklich einen Schnitt bei. Daß die Blutstropfen gerade auf den Hemdkragen fallen mußten, ist selbstverständlich.
Es war ihm gar nicht angenehm, daß Doktor Gravatt durch all diese Umstände immer mehr Zeit gewann, Nin ins Gebet zu nehmen. Sie hatte von seinem Vater schon „Unsinn" genug hören muffen, sie konnte verdrießlich und ärgerlich werden und ihn dann in der hochfahrenden schnippischen Weise abfahren lassen, die Markingham selbst immer in Entzücken versetzte, das Feingefühl seines Pathen aber verletzen und ihn gegen Jung-Nin einnehmen könnte. Das hätte ihm wieder nicht gepaßt, denn dieser alte Doktor war bei Licht besehe» kein übler Mensch, der sich vielleicht auf seine Seite stellen und seinen geharnischten Vater überwinden würde, das heißt, wenn Nin ihm gefiele. Hub wem gefiel sie nicht? Sie mar ja so gescheidt und so hübsch, so verflucht hübsch, und war ein Mädchen, das Selbstachtung hatte und an Stolz seiner Sippschaft nichts nachgab . . . weshalb sollte sie nicht auch ans einen Dostor Gravatt Eindruck machen?
Die Verzögerung verwünschend tappte Lord Markingham endlich hinunter und trat als ziemlich traurige Figur ins Frühstückszimmer. Der Diener war nicht in Besitz seines Radfahranzugs gelangt und so trugen Jacke, Kniehosen und Gamaschen noch starke Spitren der gestrigen Fahrt ans schmutziger Landstraße, und er hatte den Versuch gemacht, sie eigenhändig zu bürsten, theils aus Schwäche, theils ans Ungeduld rasch wieder anfgegeben.
Der Hausherr und sein Gast saßen rechts und links
vom Kamin. Jung-Nin hielt das dunkelgelbe Telegramm noch in der Hand. Jedenfalls hatten sie von ihm gesprochen, das sah er auf den ersten Blick und sicher war es zu scharfen Worten gekommen, denn sein Pathe saß sehr ernsthaft mit zusammengepreßten Lippen da, während Jung-Nins Wangen glühten.
„Fanios von Dir, so bald zu kommen," rief Markingham schon unter der Thüre. „Freut mich riesig, kann ich Dir sagen ... ist reizend von Dir!"
„Ich kam eilends her," erwiderte Nin, „weil ein Telegramm an Dich schon nach acht Uhr ankam, hier ist's."
Sie bot ihm den hochgelben Umschlag hin, er griff aber nicht gleich darnach, sondern starrte sie mit dem blödsinnigen Ausdruck au, den jede Ueberraschung bei ihm hervorrief und der ihr immer auf die Nerven ging.
„Willst Du mir's nicht abnehmen?" sagte sie gereizt.
„Doch . . . Danke . . . von wem ist's denn?" fragte er.
„Wie soll ich das wissen?" rief sie ungeduldig.
„Warum haben sie denn in die Van-Dhkstraße tele- graphirt?" fragte er mehr sich als Jung-Nin.
„Vermuthlich, weil sie dachten, ich wisse, wo Du steckest, weil unsere beiden Namen durch den gcmeiilsten Klatsch zu- sammengcworfen werden, weil Jeder mich herunterziehen und beschimpfen will!"
„Nein, nein, Nin! Komm, komm, sei nicht böse!"
„Du hast die Schuld, ich soll die Strafe tragen," rief sie empört. „Wie kann ein Mensch sich unterstehen, Dir in meine Wohnung zu telegraphireu!"
„Du hüttest's gar nicht anuehmen sollen . . ."
„Natürlich, nun habe ich wieder den Fehler gemacht! Eben sagt mir Dein Pathe, wie Unrecht ich gcthan hätte. Dich anzulocken . . . habe ich Dich angclockt, Hansel?"
„Gott sei's geklagt, nein!"
„Habe ich Dir nicht immer gesagt, Du sollest Dich scheeren?"
„Freilich, freilich ... ich allein bin schuldig. Das habe ich aber imnier bekannt."
„Sag's diesem Herrn und sag' ihm, er solle Dich ab- kanzeln, nicht mich!"
„Hat er schon gethan . . ."
„Kann ich mir denken! Dann sag' ihm aber, Du wollest jetzt in vollem Ernst von mir lassen und weder er, noch Lord Kane, brauchten sich weiter um uns Beide zu be- kümniern!"
„Nein, das sag' ich nicht! Die alte Geschichte . . . nein, ich sage, baß ich Dich nie aufgebe, Nin!"
„Nie, Hansel?"
„Nie, bei meiner Seele Seligkeit!"
„Dann sei so gut und höre, was ich Dir ein für alle Mal sagen will!"
Hansels Unterkiefer sank schlaff herab. Er wußte ja nicht, was kommen würde, aber ihm schwante, daß es etwas sehr Unangenehmes sein würde, nian sagte ihm ja iminer Unangenehmes und Nin ging grausam mit ihm um.
„Hansel, ich habe diese Anklagen lind Verdächiignnaen satt," begann Jung-Nin jetzt. „Sie trauen Dir nicht; bei mir eine anständige Gesinnung vorauszusetze», ist schon ganz außer Frage. .. ich bin ja lauter Berechnung, eine Person, die Dich ins Netz ziehen will, Alles, was schlecht ist. Der Doktor hier ist zwar sehr höflich und wickelt seine Pillen in Zucker, aber er denkt, was die Andern auch denken," setzte sie wegwerfend hinzu.
„Ich versichere Sie, mein Fräulein . . ."
_ (Fortsetzung folgt.)
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