*8. Jahrgang.
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Die große Uerschwörilng von Pretoria.
Unser Londoner n-Korrespondent schreibt: Lord Roberts scheint kein Verständniß für das Kartenmischen ä la Rhodcs zu haben und lehnt es ab, das in Pretoria entdeckte oder erfundene Komplott aufbauschen zu helfen. Er widmet demselben nur eine kurze Depesche, in der er dasselbe als „plump erdacht" bezeichnete. — Wenn es auch im britischen Reiche nicht an Leuten mangeln mag, die cs dem großen Verschwörun-gserfinder des siebzehnten Jahrhunderts, dem berüchtigten Titus Oates. gleichthnn möchten, so fehlt es ihnen doch an dem nöthigen Geschick, wie schon daraus hervorgeht, daß die Rhodes'sche Presse am hiesigen Platze in ihrem Bemühen, aus der Geschichte Kapital zu schlagen, ebenfalls entsetzlich plump zu Werke ging. Es ist aber erfreulich, daß in einer Zeit, wo jedes alberne Gerücht, jede blöde Erfindung im Zusammenhänge mit den Buren scheinbar die ganze englische Nation in einen Wuthparoxysmus versetzt, eine konservative Zeitung, die „St. James' Gazette", den Mulh fand, auf die Lächerlichkeit der sensationellen Meldung ans Pretoria zu verweisen, und der „Times", dem „Standard", wie überhaupt der gesammten Khaki-Presse ihrer, wie sie ^s nennen, Leichtgläubigkeit wegen die Leviten zu lesen. Sie sagt da u. 31.: „Wir wollen nicht
behaupten, daß eine Verschwörung überhaupt nicht bestand, und wünschen nur darauf aufmerksam zu machen, daß das Geschrei, das man deshalb hier wie in Südafrika darüber erhebt, mehr einer Frau in gewissen Umständen, oder der Franzosen in ihrem chronischen Zustande der Verraths- wiltcrei, als dem phlegmatischen Engländer würdig ist". Weiterhin schreibt alsdann das Blatt: „Gewisse Leute halten verabredet, zwei Häuser in Pretoria anzuzündcn. Mit großem Scharfsinn rechneten sie darauf, daß die ganze britische Armee in und um Pretoria dann sofort zum Feuer laufen würde, um es auszulöschen, ausgenommen natürlich Lord Roberts und die höheren Offiziere. Ob man erwartete, dieselben schlafend oder mit einem Gesellschaftsspiel beschäftigt zu überraschen, wurde uns leider nicht mitgetheilt, doch ist so viel gewiß, daß programmniäßig auch die Wachen zum Feuer zu gehen hatten. Die bloße Vermuthung, daß der Oberstkommandireude und seine Offiziere sich daheim dem Nichtsthun hingebeu könnten, während ihre Mannschaften ihre Pflicht thun, erscheint uns als ein entschiedener Insult. Nichtsdestoweniger sieht aber die „Times" eine gefährliche Berechtigung in der angeblichen Erwägung jener Möglichkeiten Seitens der Buren! Vielleicht glaubt diese Zeitung- derartiges Verhalten nnserer Offiziere sei zu gewärtigen, so lange wir unter dem Banne unseres altenKriegsamtes stehen." Solche 3leußerungen in der hochkonservativen „St. James' Gazette" klingen wahrlich wie Hochverrath. Ob der Redakteur derselben
etwa von vr. Leyds.? Nein, der Verdacht ist gar
zu schrecklich. Und doch, wie läßt sich sonst die schändliche Art und Weise erklären, in der die große Verschwörung in
Pretoria von ihm ins Lächerliche gezogen wird. Er ver- muihet übrigens noch, daß, wenn das Feuer zu Stande gekommen wäre, die Verschwörer Lord Roberts und seine Offiziere jedenfalls beim Faro, einer Gebclandacht oder dergleichen überrascht haben würden. Die letzteren Hütten sie in ihrem Blute schwimmend zurückgelasscn und den Feld- inarschnll, jedenfalls auf den Rücken eines hünenhaften Buren geschnürt, entführt. Seine Beförderung in feindliches Gebiet wäre natürlich Kinderspiel gewesen, da sich selbstredend auch alle die britischen Posten um Pretoria zum Feuer begeben haben würden. Die „St. James' Gazette" protestirt schließlich sogar gegen die Unsitte des Glaubens an Verschwörungen und bemerkt: „Die 3lngcwohnheit, an Verschwörungen zu glauben, ist eine Form des Irrsinns. Wir haben s. Z. bereits von einem anderen Komplott gehört, über das aber schließlich nichts mehr verlautete. Die „Times" ermähnte dasselbe soeben und erklärte, es sei vertuscht worden. „Sie haben die Verschwörung erstickt," pflegte Titus Oates zu sagen. Es deutet das einfach die Geistesverfassung der Herren von der „Libre Parole" und der französischen Antisemiten an." — Schließlich ist das Blatt sogar unzart genug, auch noch das Märchen von einem anderen Bnrcnkomplolt anfzuwärmen, durch das bezweckt werden sollte, jenen Mitarbeiter Chamber- lains an der Konsolidirnng Südafrikas, Sir 3llfred Milner, zu Anfang des Krieges zu entführen. Daß solch alberne Geschichten immer wieder auftanchcn, schreibt die „St. James' Gazette", ist der 3lnwescnheit der Nachkommen von Titus Oates und seiner Brut unter den Briten zu verdanken.
Deutsches Reich.
Deutschland und Frankreich.
Die Ankündigung des „Figaro", daß dcr Czar im September zum Besuch der Weltausstellung in Paris cintrcffen wird, kann bei den ausgezeichneten Beziehungen, die zwischen Berlin und Petersburg herrschen, und ferner in 3lnbetracht des korrekten Verhältnisses zwischen Berlin und Paris keine Veranlassung zu irgendwelchen Befürchtungen geben. Im Gegeutheil ist man in politischen Kreisen geneigt, dies Ereigniß, wenn es wirklich eintrcten sollte, als ein Moment der Befestigung befriedigender internationaler Verhältnisse anzusehen. Zumal nach der glatten und schnellen Ordnung der Frage des Oberbefehls in China entfällt jeder Grund, einen neuen sichtbaren 3lnSdruck der russisch-französischen Beziehungen mit Besorgnissen zu begleiten, die früher allenfalls gehegt werden durste». Daß die deutsch-französischen Beziehungen befriedigend sind, wird abermals durch die angemessene Form dargethan, in der soeben von Paris aus die Zustimmung zur Ernennung des Grafen Wnldcrsee gegeben worden ist. Von dem frauzösischerscits gemachten Vorbehalt, daß die Zuständigkeit des Oberbefehlshabers auf die Provinz Tschili beschränkt bleiben möge, ist dasselbe zu sagen wie von den gleichen Erklärungen in den Zustimmungsnoten aus London und Washington, nämlich daß auch deutscherseits keine anderen Kompetenzen als eben die auf den nördlichen Operationsschauplatz bezüglichen angeregt worden sind. Wenn cs ferner in der französischen Note heißt, daß dem
Prinzip zugestimmt werde, es solle der rangälteste Offizier von allen Mächten als gemeinsamer Oberbefehlshaber anerkannt werden, so ist gegen diese Wendung schon darum nichts geltend zu machen, weil sie die thatsächlichen Zustände nur in anderer Form ansspricht. Denn Graf Waldersee ist nun einmal der rangälteste Offizier, sobald er in China angelangt sein wird.
Vom Reichskanzler.
Ein konservativer Parlamenlsbcrichterstatter stellt den Zeitungen eine Mittheilung zu, von der er selber in einer Hinzufügnng behauptet, sie sei offiziösen Ursprungs. Nach dieser Mittheilung kann „bestimmt" versichert werden, daß die Verwandten des Fürsten Hohenlohe in ihn dringen, sich von den Staatsgeschüften möglichst bald zurückzuziehen. Man glaube in politischen Kreisen, so heißt es weiter, daß der Reichskanzler zur Zeit nicht mehr abgeneigt fei, diesem Wunsche zu willfahren. Der Berichterstatter sagt nicht, welche politischen Kreise er meint. Die Nachricht ist die Wiederholung älterer Gerüchte, deren bisherige NichtbestäUgung naturgemäß mißtrauisch machen muß gegen die neueste Behauptung von Rücktrittsabsichten des Reichskauzlers. Immerhin ist bei dem hohen Alter des Fürsten Hohenlohe und bei seinem Ruhebedürfniß, das sich im Nachsuchen ungewöhnlich langer Urlaube ausspricht, die Möglichkeit eines Kanzlcrwechsels nicht von der Hand zu weisen. Man kann jedoch nur wiederholen, daß ein solches Ereigniß in Anbetracht der besonderen Umstände schwerlich unter den Gesichtspunkt einer Krise zu rücken sein wird. In allen politischen Kreisen herrscht die Empfindung vor, daß die Nachfolgefrage längst entschieden ist, und daß es in dieser Hinsicht keine Uebcrraschungen geben wird.
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* Hof- und Perfonal-Uachrichlr». lieber den Gesundheitszustand der Kaiserin Friedrich soll, wie dem „Berliner Tageblatt" ans London gemeldet wird, die Königin Biktoria von England sehr besorgt sein. Die Königin plant, die Kaiserin, die den Winter in Sizilien znzubringen gedenkt, im nächsten Sommer ans Schloß Fricdrichshof zu besuchen. Bei dieser Gelegenheit wurde die Königin auch nach Coburg kommen. — Einer parlamentarischen Korrespondenz zufolge soll der Staatssekretär des Auswärtigen, Graf Bülow, an dem am 18. ds. bei dem Kaiser- Paare auf Wilhelmshöhe stattfindcuden Diner zur Feier des 70. Geburtstages des Kaisers von Oesterreich theilnehmcn und zu diesem Zweck seinen Urlaub in Norderney unterbrechen.
* Krrli», 16. August. Sämmtliche Garde - Infanterie- Regimenter dürften zu Beginn des Oktobers mit dem neuen Gewehr, Modell 88, welches die Waffe der Ostasiatischen Jnfanteric-Neginicnter ist, ausgerüstet werden. Das neue Gewehr wird in der Weise bei der ganzen Armee eiuaeführt, daß es als Ersatz des allen gegeben wird, wo dieses durch den Gebraclch hinreichend abgenutzt ist.
* Dir deutsche Rhrdrrri hat, wie dies in letzter Zeit mehrfach und mit Recht hervorgehobeu worden ist, durch di« Abfertigung des deutschen Expeditiönscorps nach China eine Leistung vollbracht, wie sie von keiner Nation der Welt in einer gleich kurzen Spanne Zeit und so hervorragender Weise gelöst werden kann. Wenn man bedenkt, daß innerhalb eines Zeitraumes von kaum 14 Tagen 14 erstklassige deutsche Passagierdampfer mit Truppen abgefertigt werden konnten unter gleichzeitiger.-Mitnahme aller Munition und des gewaltigen Wagenparkes/ sowie der sonstigen Ausrüstung, so rückt diese Leistung in ein noch helleres Licht. Von den znr Verwendung gekommenen Schiffen hat der Norddeutsche Llohd in Bremen allein neun Dampfer gestellt, die Hamburg-Amerika-Linie fünf. Der Umstalid, daß unsere beiden
(Nachdruck verboten.)
Ans Rom.
(Von unserem Korrespondenten.)
Sommerliches. -- Ein China-Drama. — Vom König Hnmbcrt. — Roms Trauer. — DerimaginärcLnftkurort. — Schlechte Bahnverhältnrsse. — Ans sem Leven Viktor Emanucld 111. — Jngendscenen. — Die Ehe des jungen Königspaarcs. — Elcktricität im Vatikan. — Die Geschichte einer Quelle. — Tranerstimm«ng.
Mitten in das sommerliche Treiben der Sieben-Hügel- Stadt hinein hat der Tod seine schwarzen Schatten geworfen. Die Pinien und Cypressen der Tibcrhaine haben sich bei der Schceckenskunde von der Ermordung des Königs wie im Schauer geschüttelt: Der König ist tobt . . . erschossen von der Hand eines feilen Meuchelmörders ... So ist denn der Sommer in die italienische Hauptstadt cingezogen. Seine ganze italienische Wärme chat er sich zu eigen gemacht, um gerade in diesem Jahre drückender denn je zu sein. Schwül und unbarmherzig ermüdend auf alle Nerven wirkt diese sommerliche Gluth, und die große Nähe des Meeres ist nicht im Stande, in irgend einer Weise erfrischend zu wirken.
Das arme, gequälte Italien, das soviel mit seiner augenblicklich so trüben innerlichen Politik zu thun hat, ist trotz alledeni doch noch inimer im Stande, auch für die außenpolitischen Ereignisse Empfänglichkeit zu zeigen. So ist z. B. der chinesische Einfluß ein so gewaltiger, daß er ein Theaterstück: „Le grandi Stragi in China", das täglich ans dem Eiazzo Guglielmo Lope aufgeführt ' wird, gezeitigt hat. Natürlich handelt cs sich in diesem Schaucrdrama um einen Mord, und zwar um einen Gesandlenmord. Liebe und Politik sind im klebrigen die Leitmotive dieses Dramas, das sich inhaltlich im Folgenden erschöpft: der bitterböse Prinz Tuan ist in die wunderschöne. Gattin des italienischen Ge
sandten Marchese Salvaggo Raggi bis weit über seine gelbeu Mongoleuohren verliebt — leider aber ohne Gegenliebe zu finden. Da ergreift den schlitzäugigen Chiuescnprinzcn ein furchtbarer Haß. Er umzingelt mit einer Boxertruppe das Haus der italienischen Gesandtschaft und setzt es in Brand. Inmitten der Flammen aber erschießen sich Gesandler und seine Frau gegenseitig. Die Liebe siegt, der dramatische Knoten ist mit Grazie gelöst und — was die Hauptsache ist — die Schauspielertrnppe erzielt Llbcnd für 8kbend regelmäßig volle Häuser.
Ich habe diese äußerlichen Scenen mit Absicht gewählt und werde weiter unten noch einige andere in diesen Brief hineinflechten, um ein möglichst naturgetreues Augcnblicks- bild von Rom zu geben, und nicht infolge der schrecklichen Ereignisse Alles schwarz in schwarz, zu malen.
Hier und da sind, wie gesagt, einige groteske Sommerbilder zu sehen; sonst aber lagert ein tiefer Ernst über die sonst so sonnige und fröhliche Stadt. Das Volk spricht und gestikulirt nicht so laut, wie es sonst zu thun Pflegt. Hin und wieder flauen sich kleine Trupps an den Straßenecken zusammen, die das furchtbare, 3lllen noch immer unfaßbare Geschehnis; debattiren. 3llle sprechen in den wilden Tönen des Hasses und der Wuth von dem verruchten Mörder, und in unsagbar traurigen, dankbaren und anerkennenden Worten von dem meuchlings Ermordeten.
Wer sich über das Privatleben des verstorbenen Königs Humbert unterrichten lassen will, braucht nur in die Osterieu derjenigen Straßen zu gehen, die in der Nähe des Quirinals gelegen sind. Da sitzen Neapolitaner, die von dem Besuch des Königs in Neapel während der furchtbaren Choleraepidemie im Jahre'1884 erzählen. Lindere Personen aus der Gegend von Cosamicciola auf Jschia, wo im Juli 1883 das furchtbare Erdbeben stattfand, wissen nicht genug davon
zu berichtcn/stvie der vielgeliebte re klwberto in höchsteigner Person durch die trümmerbedccklen Straßen mit thräncnden Augen einherschritt. Auch die 100,000 Lire aus seiner eigenen Privatkasse, die er damals den unglücklichen Leuten spendete, sind von der dankbaren Bevölkerung nicht vergessen worden. Heute, unter dem unmittelbaren Eindruck des furchtbaren Verhängnisses, das Italien und sein Königshaus getroffen hat, treten alle diese Erinnerungen heller und lebhafter denn je hervor, und Denjenigen, die davon zu erzählen wissen, zittert oft die Stimme und blinkende Thränen treten ihnen in die Augen. . . .
Lluch die Zeitungen sind —man kann ruhig sagen, ohne Ausnahme — einstimmig im Urtheil über den ermordeten Monarchen. Alle erklären sie ihn für großherzig, rnild- thätig und gerecht. Jede Zeitung weiß ein anderes Histörchen aus dem Leben des Dahingeschiedenen zu berichten. So erzählt „Osservatore Romano" von Taschenuhren und Broschen, von denen ihm der Hofjuwelier jährlich 500 von den elfteren und 1000 von den letzteren zu liefern hatte. Diese Pretiosen schenkte der Monarch solchen Leuten, denen er sich dankbar erweisen wollte, ohne ihnen direkt Geld an- bietcn zu wollen. Die' Sparsamkeit im Privatleben des Königs bildet gleichfalls Gegenstand der Zeitungsmittheilungcn. So berichtet ein römisches Blatt, daß der Ermordete, nicht nur nicht die Schulden seines Vaters in Höhe von 28,000,000 Lire beglichen, sondern selbst ein Privat- vcrmögen von 120,000,000 Lire hinterlassen habe. Ferner wissen die Zeitungen noch zu erzählen, daß der Monarch in seinem letzten Lebensjahr ausschließlich Vegetarier gewesen sei, und sich nur von Brod, Gemüse und Obst genährt habe :c.
Doch genug vom Kneipenklatsch und von den Zeitnngs- stunmenl Eines ist Thalsach«: das italienische Volk trauert
