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1. Beilage rum Wiesbadener Tagblatt.

Uy. 376* Worgen-Ansgabe.

Mittwoch, den 13. August.

48. Jahrgang. 1900.

(16. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

Jung Min.

Roman von I- W- AoSinson.

„Ja, was ist denn vorgefallen?" fragte Kitty gespannt.

„Frag' mich nicht! Frag' mich nicht!"

„Wer daraus klug werden kann . . . was hat Paul gethan?«

„Gethan? Nichts?«

„Aber gesagt?«

„Daß ich schlecht sei, eine Gefallene, daß alle Welt cs wisse und daß er's glaube . . . daß er Alles glaube, was man sich lachend über die leichtsinnige Jung-Nin erzähle! O Kitty, ich hätte ihn tobten können, als er das sagte!«

„Hab' ich nicht recht gehabt?« rief Kitty mindestens ebenso aufgeregt wie die Schwester. „Ich warnte Dich, ich sagte Dir, daß er ein Lump, ein Tropf sei, aber Du warst die Närrin, Dich an ihn zu klammern und ihn für einen kleinen Herrgott zu halten!«

„Ja, Kitty, ja, ich war eine Närrin,« gestand Nin, in Thräncn ausbrechend und beide Arme um den Hals der Schwester schlingend, „aber aus thörichter Liebe zu ihm bin ich wenigstens brav geblieben. Armuth und Noth hätte ich mit ihm getheilt, ja sogar Schande, seiner wollte ich würdig sein und er nennt mich . . . o dieser Elende!«

„Denk' nicht mehr daran, Nin! Du wirst ihn nicht mehr sehen ..."

„Nie mehr! Ich Hab' mir's geschworen, und . . ."

„Und?«

„Und wenn er mich noch einmal fragt, nehme ich den Hansel . . . dieses Leben habe ich satt!«

„Nin, Nin, Dir ist die Weisheit über Nacht gekommen, Gott sei Dank!« rief Kitty jubelnd.

Nin gab keine Antwort. Ihr Kopf ruhte auf der Schwester Schulter und leise weinte sie sich in Schlaf.

Der Musiker beseitigt, Jung-Nin künftige Gräfin, das erfüllte Kitty mit Wonne. Das ganze Leben schien jetzt klar und eben vor ihnen zu liegen, und sie baute Lufl- schlösser von ungeahnter Pracht.

XIV.

Bis auf die Beule, die sein Pathcnsohn davongetragen hatte, konnte sich Doktor Gravatt über die unverhofften Er­folge seiner Sendung freuen. Er hatte dem Freund ver­sprochen, Einfluß auf ihn zu gewinnen, und jetzt war er sein Gefangener im eigenen Hause, sein Patient, dem der Arzt und Pathc Zuspruch und Ermahnung löffelweise eingeben konnte.

Sollte der schwache, aber heillos eigensinnige junge Mann sich störrisch erweisen, so hatte er Hülfe zu erwarten von Jung-Nin, die in sein Haus kommen wollte, der er am eigenen Herd die Macht seiner Persönlichkeit zeigen konnte. Alles stand also nicht nur günstig und glänzend und Doktor Gravatt würde an diesem Morgen möglicherweise die interessantesten Fälle vernachlässigt, die zahlungsfähigsten Patienten abgewieseu haben, nur um Hans zu bewachen und Jung-Nins Besuch ja nicht zu versäumen! Wie glück­lich und stolz würde er nicht sein, wenn er dem alten Freund am Sonntag in Datchington berichten konnte, daß ihm Hansels Rettung im umfassendsten Sinn gelungen sei!

Der Gegenstand seiner Fürsorge begann diesen Tag minder freudig. Er war erklärlicher Weise mit einem ge­hörigen Brummschädel und in mürrischer Stimmung anf- gewacht, und seine Seele war weit davon entfernt, ein Lob­lied auf seine verschiedenen Lebensretter anzustimmen. Markingham hatte die Vorgänge der Nacht allmählich ent­wirrt und überdacht, und je mehr ihm der Hergang und Zusammenhang klar wurden, desto beunruhigender kam ihm -e Sache vor. Warum war dieser Rapella auf dem Schau­platz erschienen? Wie war Doktor Gravatt in die Regen­bogenhalle gcrathcn? Weshalb halte man ihn mißhandelt? Warum war Nin »litten in der Nacht zu seinem Angreifer gegangen?

Allerdings hatten ihm Kitty, sein Pathe und Nin selbst über Einzelnes Aufklärung gegeben, aber was sie gesagt hatten, darauf konnte er sich nicht mehr recht besinnen. Es war auch kein Wunder, denn ihre Reden waren wie durch eine dicke Nebelschichte an sein Ohr gedrungen und das Zimmer hatte sich ja unaufhörlich um ihn gedreht. Fest stand ihm die Thatsache, daß Nin ihren Besuch versprochen hatte, aber die Aussicht darauf erfüllte ihn nicht mehr mit demselben Entzücken wie gestern Abend, denn er halte jetzt Angst vor dem, was sie sagen würde. Vielleicht kam sie nur, um ihm ein neues ernsteres Versprechen abzunehmen, sie nicht mehr zu belästigen? Daß er ihr lästig war, wußte er, eigentlich war er noch mit Niemand in Berührung ge­kommen, dem er nicht lästig gefallen wäre, und Jung-Nin war ganz die Person, Lasten abzuschütteln! Weder sein Geld noch sein Rang verlockten sie, wie manche andere Mädchen seiner Bekanntschaft, sie sah auf ihn herunter, war mitunter freundlich wie eine Mutter, ließ aber nicht die leiseste Annäherung zu.

Und nun störte ihn dieser Doktor schon am frühen Morgen! Auch bei Nacht hatte er ihm keine Ruhe gelassen, immer war er auf weichen Sohlen und im Schlafrock im Zimmer aus- und cingegangen und hatte ihn bewacht.

„Aha! Beinah wieder auf dem Damm, wie ich sehe,« rief er ihm heiter zu. „War zu erwarten! Aber allzufrüh aufstehen würde ich doch nicht!"

„Ich werde gleich aufstehen!«

„Wenn Du Lust hast . . ." sagte Gravatt leichthin. „Bis zum Frühstück dauert's noch eine starke halbe Stunde.«

„Das Frühstück ist mir einerlei,« versetzte Hans mit sichtlichem Widerwillen gegen Nahrung. „Ich will hinunter.«

_ „Gut, gut. Falls Du Dich noch vor dem Frühstück rasiren willst, findest Dir Alles dazu in der ersten Schublade.«

„Danke, die Mühe werde ich mir sparen.«

„Wo Du doch Damenbesuch erwartest?« sagte der Doktor beinahe neckisch.

Hans sah den Pathen argwöhnisch an und brummte mürrisch: „Das hatte ich ganz vergessen.«

„Das lügst Du. Hans,« erklärte ihm Gravatt un­umwunden. „Fräulein Pickersons Besuch kannst Du nicht wohl vergessen haben, denn Du denkst ja immer an sie. Sei ehrlich, Junge, ist's nicht so?«

Markingham konnte den Zweck dieser ärztlichen Be­handlung nicht rechr begreifen und saß im Bett auf, um seinen Peiniger schärfer anzusehen, aber der Nebel mußte zum Fenster hereingekommen sein, er sah den Doktor nur wie durch einen Schleier. Markingham mar wenigstens im

nüchternen Zustand höflich und so gab er jetzt ehrlich zur Antwort: „Nun ja, es ist so. Ist auch kein Gcheimniß. Mein Vater weiß es und Sie offenbar auch.«

„Nun, mein Junge, und wozu soll das führen?«

Hans hatte den Eindruck, daß der Pathe seine Hülf- losigkeit im Bett unedel ausnütze.

„Ist's auch recht, mich so zu „sekkiren« ?« fragte er.

„Die einzige Gelegenheit, ruhig mit Dir zu sprechen.«

„Dann steh' ich lieber auf . . . rasch.«

Und Hans sprang mit gleichen Füßen aus dem Bett und fuhr in seine Kleider, Gravatt aber hielt es nicht für nöthig, sich zurückzuziehen, sondern setzte sich rittlings auf einen Stuhl, kreuzte die langen Arme auf dessen Lehne und sah ihm zu.

„Ich will Dir keine Moralpredigt halten, Hans, das hat Dein Vater wohl zur Genüge besorgt, sondern ruhig mit Dir besprechen, was geschehen kann und was geschehen sollte. Da wir Beide Männer sind, die in und mit der Welt leben, werden wir schon herausbringen, was das Richtige und Passende ist.«

„Das ist nicht so einfach als es aussieht.«

„Es schadet jedenfalls nicht, wenn wir vor Fräulein Pickersons Besuch darüber Nachdenken.«

„Es wird auch nichts nützen,« bemerkte Hans weise.

„Vielleicht doch, und wir besprcchen's besser hier als beim Frühstück, wo Dienstboten zugegen sind.«

„Wenn ich aber noch nicht wohl genug bin, um Ihre Slandrede auszuhalten?«

„So werde ich gehen.«

„Ach, bitte, thun Sie das," sagte Hans mit einer schlichten Herzlichkeit, die jeden Verdacht der Ironie ausschloß.

Ohne diesen Wink zu verstehen, begann Gravatt: „Siehst Du, Hans, als junger Bursche, der fast zu früh im Leben Erfolg gehabt hatte und übermüthig geworden war, da wollte ich auch ein Weib aus anderem Lebenskreis, beinah deui der Gosse, heirathen. der Welt trotzen und sie kraft meines Willens, meiner Liebe zu mir Heraufziehen . . .«

„Wirklich? Sie?« rief Hansel, mit einem Bein in der Hose, verwundert aufblickend.

„Ja, mein Sohn, Dein Fall ist nicht gerade selten. Ich habe die Krankheit durchgcmacht, Dein Vater desgleichen.«

„Mein Vater!!«

„Und wir haben sie, wie Du siehst, überstanden.«

„Wie habt Jhr's gemacht?«

„Wir sind dem gefährlichen Anziehungspunkt entronnen und haben unsere Thorheit in die Meere versenkt, die wir durchsegelten.«

„Aha! Davongelanfen wie die Diebe!« bemerkte Hans wegwerfend. „Ist nicht mein Geschmack, nicht meine Art."

„Jedenfalls ein sicherer Ausweg und ein ehrenhafter.«

„So? Ein Mädchen sitzen lassen ist ehrenhaft?«

„Sie verwindet'S und Beide sind vor Schlimmerem be­wahrt. In den meisten Fällen wird sie ihrem Liebhaber späterhin sogar dankbar dafür sein.«

„In manchen Fällen wird sie auch untergehen.«

„Das liegt dann an ihr.«

„Sie kann auch an einen Schurken gerathen, der sie ins Elend bringt.«

(Fortsetzung folgt.)

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