Wiesbadener WM
48. Jahrgang.
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Mittwoch, den 15. August.
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Dos onti-chirrrsrsche Konzert.
Das sogenannte europäische Konzert, das übrigens niemals eine besondere erfolgreiche Rolle gespielt hat, ist durch die Vorgänge in China gesprengt oder, wenn man will, erweitert worden. Durch den Zutritt der Vereinigten Staaten von Amerika und Japans hat das Konzert der Mächte seinen kontinentalen Charakter veÄoren, und ob es dadurch an Kraft gewonnen hat, das wird bestritten werden können. Der Beitritt der Vereinigten Staaten von Amerika zu dem anti-chinesischen Konzert hat dessen Machtmittel jedenfalls nicht verstärkt. Zwischen den Interessen der kontinentalen Staaten und denen der Amerikaner herrscht ein tiefgehender Gegensatz, den sogar die gemeinsame Gefahr in China nicht zu unterdrücken vermag. Dieser Gegensatz ist auch in dem bisherigen Verlauf der chinesischen Wirren recht deutlich und unangenehm hervorgetrcten.
Die Amerikaner, denen das Geschäft über das Vergnügen des Zusammengehens mit Europa geht, haben vom Anbeginn der chinesischen Wirren versucht, im Trüben zu fischen. Dem Konzert der Mächte haben sich die Amerikaner nur deshalb angcschlossen, weil sie sonst fürchten mußten, bei der späteren Abwickelung der chinesischen Dinge ansgeschaltet zu werden. Die schlauen Herren Amerikaner haben aber ihre Gemeinsamkeit mit den Mächten von vornherein so aufgefaßt, daß sie sich bemühten, den „ehrlichen" Makler zwischen eben diesen Mächten und China zu spielen, nicht etwa aus allgemeiner Menschenfreundlichkeit und Friedensliebe, sondern des später einznheimscnden Maklerlohnes wegen. Noch jetzt, nachdem die Heimtücke und Niedertracht der führenden Personen in China in das hellste Tageslicht gerückt worden ist, entblöden die Amerikaner sich nicht, dies unehrliche Spiel fortznsctzen, in der Hoffnung, daß es ihnen dabei doch noch gelingen könnte, die Europäer übers Ohr zu hauen. Die Amerikaner sind Bundesgenossen, auf die Europa wenig stolz zu sein braucht und die der befriedigenden Lösung der chinesischen Frage noch manche Schwierigkeiten bereiten dürften.
Nicht ohne schmerzliche Gefühle haben die europäischen Mächte die Japaner in das anti-chinesische Konzert ausgenommen, denn mit dieser Ausnahme haben die Mächte gewissermaßen auf das bisher nicht angefochtene Privileg der weißen Rasse verzichtet. Aber Japan war für die Mächte bei der Lösung des chinesischen Problems nahezu unentbehrlich und die Japaner waren sich dessen nur zu gut bewußt. Sie schienen anfänglich, wobei allerdings die Jntriguen Englands das treibende Motiv bildeten, nicht übel Lust zu haben, die führende Rolle bei der Lösung der chinesischen Frage zu beanspruchen, aber sie erkannten noch rechtzeitig die Wahrheit des Wortes: Wer zu viel erstrebt, erreicht garnichts.
Während die Japaner bis jetzt eine ehrliche Bundes- genossenschaft an den Tag gelegt haben, kann dies von England nicht ohne Weiteres behauptet werden. England ist der „Verbündete wider Willen". Es nimmt am antichinesischen Konzert Theil, wie jener Trompetenbläscr, der
seine Noten vergessen hat und desto kräftiger die Backen auf- blics, um sein musikalisches Streiken zu verbergen. England hat zur Zeit überhaupt einen ausgeprägten Widerwillen gegen politische Fragen und Probleme, denn es ist noch immer damit beschäftigt, die südafrikanischen Bissen, die ihm vorläufig noch im Halse stecken geblieben sind, zu verdauen. Was aber die Dinge in China anbetrifft, so hat England dort auf friedlichem Wege am meisten erreicht, und es ist deshalb wenig begeistert für den jetzigen kriegerischen Weg. Zudem ist John Bull kein Freund gemeinsamer Angler- partieen, sondern er fischt lieber allein und im Trüben. Wir fürchten deshalb, daß die im anti-chinesischen Konzert vereinigten Mächte auch an dem englischen Bundesgenossen keine sonderliche Freude erleben werden.
Wir haben diese Auseinandersetzungen, die angesichts der zur Zeit herrschenden optimistischen Stimmung Manchem etwas pessimistisch klingen werden, für nöthig gehalten, um der zur Zeit beliebten Schönfärberei entgcgenzutreten, als ob mit der Wahl eines gemeinsamen Oberkomman- direndcn nun plötzlich alle die Schwierigkeiten aus der Welt geschafft worden seien, die sich dem anti-chinesischen Konzert bisher cntgegcngestcllt hatten. Davon kann aber im Ernst garnicht die Rede sein, so groß auch der Fortschritt ist, der mit der Wahl des Grafen Waldersee zum gemeinsamen Oberkommandircnden erreicht wurde. Wir haben erst unlängst auf die Schwierigkeiten hingcwiescn, die jeder Allianzkricg bietet, und ob eine noch so geschickte und diplomatisch kluge Oberleitung allen diesen Schwierigkeiten mit Erfolg zu begegnen vermag, das wird eben abzuwartcn sein.
Angesichts der zur Zeit auftretenden rosigen Beurtheilung des chinesischen Problems muß weiter auch daran erinnert werden, daß dieses Problem selbst mit der Einnahme von Peking, mit der Befreiung der Gesandten, ja auch mit der völligenNiederschlagung der chinesischen Erhebung keineswegs gelöst wäre. Der schwierigste Theil dieses Problems wird vielmehr erst alsdann beginnen, wenn die Frage gelöst werden wird, welches die zukünftige Ordnung der Dinge in China sein soll, und wenn, wie es mit Sicherheit zu erwarten steht, die entgegengesetzten Interessen der Mächte bei der Lösung dieser Frage aufeinanderplatzcn werden. Es ist mithin alle Ursache vorhanden, von einer allzu rosig gefärbten Anschauung der Vorgänge in China Abstand zu nehmen.
Der Aufstand in China.
L. Kerlin, 14. August. Das überraschend sichere Vordringen der verbündeten Truppen nach Peking läßt die Erwartung zu. daß der Entsatz vielleicht doch mit den schon jetzt verfügbaren Truppen gelingt. Zum Mindesten besteht die Möglichkeit, daß die Aktion schneller und weniger blutig, als bisher befürchtet wurde, durchgeführt werden kann. Obwohl die Erfüllung solcher Hoffnungen gleichbedeutend wäre mit dem Nichteingreifen der deutschen Truppen, ist man sogar in hiesigen militärischen Kreisen unbefangen genug, um die Erlangung eines zweifelhaften Kriegsruhmes nicht übermäßig hoch zu bcwcrthen. Selbst ein Blatt wie die „Kreuzzeitung", die dem Grafen Waldersee doch nahe genug stehst drückt die Hoffnung aus, daß die jetzt im Peiho-Thal
operirenden Truppen genügen mögen, die eingeschlossenen Europäer zu befreien. Graf Waldersee für seine Person hegt vielleicht andere Wünsche. Es wäre ein ganz natürlicher Vorgang, wenn in seinen Augen die chinesischen Dinge sammt Zubehör eine Bedeutung erhielten, die über die gewiß vorhandene große Wichtigkeit noch hinausgingen. So mag es sich erklären, daß ihm die Möglichkeit weiterer ernster Verwickelungen vorschwebt, wovon er in Hannover soeben mit militärischem Freimuth gesprochen hat. Zum Glück wird dem Feldmarschall alsbald mit kräftiger Unterstreichung bescheinigt, daß er nicht so schwarz zu sehen braucht. Wenn man den Grafen Waldersee nach China schickt, muß man in der That sicher sein, daß er nicht so bald in Europa benöthigt werden wird. Jedenfalls hat man an hiesigen politischen Stellen besonderes Vergnügen an jener Aeußerung des Oberbefehlshabers schwerlich empfunden.
* * *
Der deutsche Oberbefehl in Ehina.
wl>. Ker lin, 14. August. Das „Militär - Wochenblatt" veröffentlicht die Stellenbesetzung des Armee-Oberkommandos in Ostasieu: Oberbefehlshaber: General-Feldmarschall Graf Waldersee, persönlicher Adjutant Waldersecs: Hauptiuann Wilberg, bisher aggreg. dem Feld-Artillerie-Regimeut Nr. 9, koiumandirt zur Dienstleistung beim Stabe der 3. Armee-Inspektion. Dem Oberbefehlshaber zngetheiltOberstleutnant v. Bochn, dienstchiiender Fliiaeladjutant, und KnpitäuIeutnant Sthauier im See-Offizicrcorps. Chef des Gencralstabs: Generalmajor v. Groß, ae». v. Schivarzhoff, bisher Konuuaudeur der ersten ostasiatischeu Infanterie-Brigade. Obcrquartiermeister: Generalmajor Freiherr v. Gayl, bisher Kommandeur des Jufantcrie-Negimeuts No. 27, koiumandirt zur Vertretung des Koiiimaiideurs der 74. Jnf.-Brigade. Generalstab: Oberst Graf Nork v. Warteubiirg, bisher Abtheil.-Chef im Großen Generalstabe, Major Freiherr Marschall, bisher im Großen Generalstabe, konininndirt zur Dieustleistuug beim Stabe der 3. Armee- Inspektion, Major v. Zitzewitz, bisher im Großen Generalstabe, Major Freiherr v. Gebsattcl, bisher im kgl. bapr. Generalstabe, Hanptmaiin v. Etzel, bisher tut Generalstabe der Garde-Kav.-Divis., Hanptmaun Freiherr v. Geinmingen-Guttenberg, bisher im kgl. württemb. Geueralstab und kominandirt nach ' Preußen in den Geueralstab der 30. Division, Hauplitiaun Loeffler, bisher im sächs. Geueralstab, Haupttuaiin v. d. Groben, bisher im Geueralstab des XIV. Armcecorps. Adjutant»'.: Major Albrccht, bisher im Kriegs- niinisterium, Major Freyer, bisher aggreg. dem Jnf.-Negt. Nr. 60, Rittmeister Ritter und Edler v. Register, bisher ü In suite des Ulanen-Rcgts. Nr. 15 und Oberguartierineister-Adjutant, Oberleutnant v. Fraukenberg und Möschlitz, bisher 2. Garde-Regt. z. F., kominandirt zitm Großen Generalstab, Oberleutnant Wachs, bisher Feldart.-Regt. Nr. 9. Graf v. Königsmarck, bisher Ulaneu-Regt. Nr. 13, Oberst z. D. Richter, bisher Vorsitzender der Schießplatzvcrwaltung in Thor», Oberstleutnant Geuet, bisher Kommandeur des Pionierbataillons Nr. 4, Major Bauer, bisher beim Stabe des Eiseiibahn-Ncgts. Nr. 3. Kommniidänt desHaupt- guartiers: Rittmeister Frhr. Knigge (Jobst), bisher Escadronchef des Ulanen-Regts. Nr. 13. Stabswache: Kommandeur Leutnant Graf zu Euleuburg, bisher Hus.-Negt. Nr. 7. Sanitätsoffiziere: Oberstabsarzt Di-. Müller, bisher Negts.-Arzt im 2.Dragoner-Negt., Stabsarzt vr. Hildebrandt, bisher Oberarzt im 74i Jnf.-Regt. Reitende Feldjäger-Leutnants: von dem Borne, Pogge, Graf v. Wintzingerode.
l,d. KerUn, 15. August. Wie ans Hannover gemeldet wird, brachten gestern Abertausende dein Grafen Waldersee vor seinem Hause lebhafte Ovationen dar. Der Feldmarschall erschien mit ieincr Gemahlin auf der Terrasse und hielt wiederholt Ansprachen an die Menge. Das Publikum sang patriotische Lieder und brachte stürmische Hochrufe aus. Graf Waldersee fährt heute Abend nach Berlin. Seine Reise nach Rom ist wegen Gcschäfts-Ucberbürdmig aufgegeben. — Der ..Lokal- Anzeiger" nieldct ans Paris: Außer der bereits bekannten prinzipiellen Zustimmung Frankreichs zur Entsendnug eines
(Nachdruck verboten.)
Streifige durch die Pariser Weltausstellung.
Von Paul Lindenberg.
XVI.
In den Palästen des Marsfcldes. — Zu viel des Guten! — Das Paradies der Damen. — Bon der Rieder- rheinische» Sammet- und Seidcn-Jndustric. — Die Webschule zu Schcrrebeck. — Deutschlands industrielle Bctheiligung. — Kreuz und quer. — In der Maschineu- halle. — Die Abtheilung des Rayrungswesens. — Feuchte Ecken.
Eine theils anregende, theils anstrengende Wanderung ist es, die uns durch die Paläste des Marsfeldes führt, welche sich in ununterbrochen langen Linien erstrecken und ihre weißen, dekorativ reichgestalteten, mit doppelten Gallerieen versehenen Außenseiten den erfrischenden und sorgsam gepfleglen Gartenanlagen, die zwischen Eiffelihurm and Elektricitätspalast liegen, zukehrcn. Die Jndustricen iller an der Ausstellung bethciligten Länder haben hier Unterkunft gefunden, in einer so überreichen Fülle und Abwechslung, daß selbst die interessirtesteil Fachleute oft wch- müthig den Kopf schütteln und entsagungsvoll ansrufcn: „Nein, es ist zuviel des Guten, mir geben den Kampf auf, hier durchzukommen!" Urtd nun erst die armen Ansstellungsbesucher, die weniger lernen, wie sehen wollen, sie wissen größtentheils nicht, wohin sie die Angen lenken, wohin sie die Schritte lenken sollen, denn streng fachwissenschaftliche Gegenstände wechseln mit allgemein fesselnden ab, und nach einigen Stunden. Umherwanderns ist's ihnen, als ob ihnen das berühmte Mühlrad im Kopfe umherschmirrt.
Betreten wir die linke Pnlastreihc, so gelangen wir zunächst in die Abtheilung der Hültenknnde und
Minen, die Gewinnung der Metalle wird uns veranschaulicht und ihre Bearbeitung, wir werden eingehend mit dem Betrieb in den Bergwerken vertrant gemacht und mit den dazu nöthigen Vorkehrungen, Maschinen und Werkzeugen; unter den gewonnenen Metallen nehmen Eisen und Stahl die Hauptstelle ein, gewaltige, prächtig geformte Portale wölben sich über uns, und in staunenSwerther Ricsenhöhe sehen wir die für die modernen Schiffskolosse bestimmlen Schrauben im Gewicht von 80,000 Kilo. Des Kriegsgottes ist natürlich besonders gedacht, ganze Arsenale verschiedenster Geschosse sind aufgespeichert, und ihreWirkung vergegenwärtigen die von ihnen getroffenen Panzerplatten, während wir in- enger Nachbarschaft die Entstehung der Geschützrohre verfolgen können. Der Bezwingung und Ver- werthung des Gesteins ist gleichfalls ein breiter Platz gewährt morden, u. A. wie man in den Marmor-, Granit-, Sandsteinbrüchen vorgeht und wie man bestrebt ist, hierbei Unglücksfälle zu vermeiden. Sehr hübsch sind die Sonder- ausstellungeu der verschiedenen Nationen, vor Allem der Vereinigten Staaten von Amerika mit den tausendfachen Proben der LandeLmineralien, unter welchen ansehnliche Goldklumpen manch heimliche und laute Wünsche erregen; das „Gold des Meeres", den Bernstein, bringt Deutschland in stattlicher und umfassender Weise zur Schau.
Die Gruppe der Beklei düngsind ustriee n mit ihren mannigfachen Ncbenzweigen schließt sich an. Hier ist das Paradies der Danicn, von diesen Sälen vermögen sie sich nur schwer zu trennen und kehren immer wieder zu ihnen zurück, sobald sie es nur ermöglichen können. Madame Mode schwingt ja hier ihr beherrschendes Sceptcr und übt ihren allgewaltigen Einfluß auf all die aus, die sich letzicrcm, ach wie gern, beugen! Auch die männlichen Be
sucher kommen zu ihrem Recht, wenn sie nur ein wenig Sinn für Beobachtung haben und nicht etwa selbst dir Begleiter holder Schönen sind, sodaß sie ihre Studien nicht an Anderen, sondern au sich anstellen müßten. Frisch und unternehmungslustig konimt jener beleibte Herr mit seiner jungen, hübschen Gattin an, seine Augen überfliegen das Gebiet und scheinen zu sagen: „O, das werden wir hier bald haben, damit werden wir bald durch fein!" — aber betrachtet ihn »ach einem Stündchen, wie er zusanunen- geknickt und eutmuthigt nmherschleichi und nach einem Nnhe- piätzchen sucht, die sämiiillich jedoch von Leidensgefährten besetzt sind — in allen möglichen Stellungen sieht man sie ans den von dürftigen Palmen beschattcicii Rnndsophas zusaiiimengepfercht: diese lese» die Zeiltingen. jene sehen nervös immer von Neuem nach der Uhr, andere blicken fast stumpfsinnig vor sich nieder, die Klügsten aber befreundeten sich mit Morpheus, wobei es an gediegenen Schnarchkonzerlen nicht fehlt. Diejenigen Mämier, welche den „Zauber" hier schon kcn,>cii, suchen eins der vielen unter den offenen Arkaden gelegenen Resialicaiits ans und lassen sich dort von ihren Holden abholen — es soll allerdings schon vorgekovimen sein, daß dann der theure Gatte nicht mehr ganz fest auf den Beine» war, da er die lange Zeit des Wartens zu einem gar zu liebevollen Studiiim der Gambrinnsgaben benntzte.
Unsere Daineil, die sonst so leicht müde iverden, namentlich in jenen Theilen der Ausstellung, in welchen die Männer sich gern näher umschane», hier kennen sie nichts von Ermattung, in diesen weiten Räumen, angefüllt mit Putz und Tand, mit Legionen der coquettestcn Schuhe und Stiefel, mtt künstlichen Blumen, Stickereic», Spitzen, mit den neuesten Elzengi'isscii der Corsagc-Fabrikatio», mit Handschuhen, Hüten, Fächern, Coiffuren und — uild das ist doch die
