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Uo. 373. Aberrd-Att*gabe.

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O diese Welt so groß, Du selbst so klein.

Und doch Dein Wünschen. Ringen, Streben Noch nnermeßlicher als sie! Halt ein.

Au eng dafür sind Zeit und Raum und Leben! Wir Alle, die wir kommen, die wir geh'»,

Wie bald wird unsern Staub der Wiud verweh'n!

A. F. von Schack.

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(60. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Des Nächsten Weil».

Roman von Heorg Kugel.

Er hatte sich immer tiefer auf sie herabgeneigt, so daß sich die beiden jungen Menschenkinder ganz nahe in die Augen blicken konnten, und diese Augen erzählten einander süße, uneingestandene Märchen. Endlich richtete sich Marie auf und antwortete leise:

„Und ich soll Ihnen rathen, was Sie längst beschlossen haben? Ich soll Ihnen sagen: Nein, kehren Sie nicht zu uns.zurück, halten Sie sich von der unglücklichen Familie fern, damit Sie wenigstens von der grausamen Welt ge­achtet werden? — Das vermag -.r> aber nicht, denn ich selbst werde Sie vermissen, mehr, als ich sagen kann!"

„Fordern Sie Alles," rief Holstein, hingerissen von dieser Trauer, „nur Sie, Marie, Sie allein wissen ja, wo für mich der rechte Weg liegt!"

Das junge Weib hatte selbstvergessen das Blütterwerk ihrer Blumen aufgerichtet, jetzt wandte sie sich zurück, und während sie, wie betend, ihre Hände faltete, rief sie mit bebender Stimme:

„Nein, Heinrich, folgen Sie dem starken Gefühl, das Sie von uns treibt. Wo dieses Gefühl Ihnen voran­leuchtet, wird der Pfad der Ehre sein. Ihre mächtige Nalur weist Sie darauf hin, sich den verweigerten Rang in der menschlichen Gesellschaft wieder zu erobern, und bei uns müßte dieser Trieb verkümmern. Nein, gehen Sie, verlassen Sie uns, und Gottes Segen sei mit Ihnen."

Tiefe Stille folgte, nachdem die blasse, wunderbare Frau so gesprochen. Mau hörte nur die tiefen Athemziige des Kapitäns und das liebliche Flöten des kleinen Vogels.

Dann trat Holstein auf die Bebende zu und zog ihre weißen zarten Finger von den weinenden Augen fort. Ein schmerzlich zuckender Mund lächelte ihm wehmnthig entgegen, und die Thräne, die er in ihren Lidern glänzen gesehen, fiel ans die beiden umschlungenen Hände herab.

So standen sich Mutter und Sohn noch wenige Sekunden gegenüber, ein flüchtiger Moment nur, Beiden aber eine Ewigkeit; und der goldgelbe Säuger im luftigen Bauer klagte und jubelte und drückte sein Köpfchen gegen die Stäbe und sang und sang, als ob er vor Liebe sterben wollte, und die Blumen nickten zum Fenster hinein, und der sonnendurchstrahlte Himmel schwamm in Lust, und zwei Herzen schieden.

„Er ist eben in seiner Equipage fortgefahren," erzählte Herr Schimmel seinen Knuden und kniff verdächtig das linke Auge zn, zwei Rappen vorne und ein Kutscher in blauer Livree.

„Nein, so lasse ich Sie nicht gehen, Herr Aktuar, der Salzhering muß noch eingepackt werden, sonst betropft er Ihren Anzug, geben Sie gütigst her!" —

„Ach? Also Sie haben ebenfalls die Dame wahr- genommcn, die ihn bis an die Hanslhür geleitete, und sich dort so lange die Hand küssen ließ?

„Wer das war?"

„Nun natürlich seine schöne Stiefmutter — da könnte ich Ihnen Geschichten erzählen."

„Was können Sie erzählen?" fragte Herr Pilz miß­fällig dazwischen, der sich zufällig einmal im Laden befand und sich sogar herbciließ, einem kleinen Mädchen ein Fünfzig- pfcnnigstück zu wechseln.

Montag, den 13. Angnst.

Aber hier unten fühlte sich der Theilnehmer als Herrscher, und da ihn seine Kunden wie eine Leibwache umringten, so ignorirte er nicht allein den Zorn des grimmen Pilz, sondern er stützte sich herausfordernd auf den Ladentisch und rief trotzig: „Ich habe eben so gut meine Ansicht wie Sie, und wenn ich behaupte, daß die da oben ein heimliches Liebesverhältniß unterhalten, so werde ich meine Gründe haben!"

„Den Quark haben Sie," knurrte Herr Pilz grob.

„Ist es möglich, daß so etwas in Weltin Vorkommen kann?" meinte eine fromme Stimme im Hintergrund.

Aber ob möglich oder nicht, Herr Schimmel fühlte sich vor seinen Getreuen schwer an seiner Ehre gekränkt, und stieß deshalb eine Tüte mit Salz so hart auf das Brett, daß sie platzte, und die Tafel wie ein glitzerndes. Schnee­feld aussah.

„Wie können Sie Quark sagen!" schrie er athemlos. „Wissen Sie nicht, daß die Vornehmen ohne Liebesverhält­nisse nicht leben können? Jeden Tag ein anderes, und dann tßte-a-ttztss, und mit Strickleitern zur Nacht ins Fenster, und Pistolenduells, und Entführungen zu Pferde, das können Sie in jedem Buche lesen."

Mit dieser erschöpfenden Schilderung aristokratischen Lebens errang der Theilnehmer bei den Kunden allseitige Zustiitzmung, der Disponent Pilz jedoch stieg zornroth auf die Treppe, welche zu seinem Privatkontor hinaufsührte, und warf mit verbissener Wuth vier Worte über die Achsel zurück. Nur vier, aber sie lauteten: „Sie sind ein Esel!"

Darauf — unheimliche Ruhe, die Bombe surrte noch durch die Luft — dann Explosion — Entsetzen — Auf­regung. — Die Kunden schwirrten wie ein aufgeschcuchter Bienenschwarm durcheinander, überall Entrüstung gegen den Tyrannen Pilz, sowie unbedingte Parteinahme für sein Opfer, und in der Mitte alles Wirrwarrs, Herr Schimmel, starr, keines Wortes mächtig, versteinert über dem ver­schütteten Salze, ein unselig Abbild Lot's!"

Da legte sich zur rechten Zeit die fromnie Stimme aus dem Hintergrund ins Mittel und sprach gottergeben:

„Eine solche Grobheit würde ich mir nicht gefallen lassen, keineswegs," und in demselben Augenblick schoß auch Herr Schimmel in die Höhe und schüttelte wie rasend beide Fäuste gegen das Privatkontor:

„Was bin ich?" schrie er außer sich. — „Haben Sie es gehört, meine Herrschaften? — Ein Esel! — Und das zn einem Socins, der handelsgerichtlich als gleichberechtigt eingetragen ist; kann ein Esel vielleicht abwiegen, bedienen und Geschäfte machen? Aber ich habe genug, genug, genug," rief er in wilder Steigerung und begann ungestüm in seinen Taschen zu wühlen, „ich will mir nicht das Gallenfieber heranärgern oder die Gelbsucht bekommen; ich habe genug, genug, genug!"

Damit stürzte sich Herr Schimmel nuf die kleine Schub-' lade, in welcher der Tagescrlös geborgen war, riß sie auf, stopfte sich beide Taschen windschncll mit den vorhandenen Groschcnstücken voll, und stürmte dann mitten durch die er­regten Kunden hindurch, auf die dänimrige Straße hinaus.

„Er wird sich das Leben nehmen," stellte die fromme Stimme mit großer Sicherheit fest, jedoch von einer Korb- macherin, die auch mit Kinderwiegen handelte, wurde mit gleicher Entschiedenheit die Ansicht verfochten, daß Herr Schimmel sich jetzt verheiralhen.und ein eigenes Geschäft gründen würde. In dem hierauf folgenden Disput verliefen sich die Kunden.

Als Herrn Pilz von dem erschrockenen Lehrling das spurlose Verschwinden des Theilnehmers gemeldet wurde, zuckte er grausam die Achseln, und befahl, daß das Geschäft nicht eine Minute früher geschloffen würde, als sonst. Aber in der Nacht peinigten den energischen Disponenten bereits be­ängstigende Träume, und als der Theilnehmer auch in den nächsten Tagen verschollen blieb, da wurde Herr Pilz öfter in der Nähe des Stadtgrabens gesehen, wie wenn er dort etwas angelegentlichst suche. Zum Glück erfüllte sich die Furcht des Inhabers nicht, denn schon am dritten Tage

48. Jahrgang. 1900.

langte das Schreiben eines Advokaten bei ihm an, in welchem mitgetheilt wurde, daß sich Herr Karl August Schimmel von seinem bisherigen Socins zu separiren wünsche und daß die Bereitwilligkeit des Herrn Joseph Pilz dabei vorausgesetzt würde.

„Natürlich bin ich bereit," schimpfte der Disponent und schlug verächtlich auf den Brief. „Ich danke Gott, daß ich diesen undankbaren Kleinkrämer endlich los bin. Wie lange wird es denn ein solcher Ignorant ohne mich treiben? Höchstens ein halbes Jahr, dann ist Konkurs. — Nun, was kümmert's mich, ich werde Grossist!"

Und so geschah's!

Die Firma „Pilz und Schimmel", an der Knopfstraßen­ecke, liquidirte, Herr Schimmel richtete sich einen hübschen Laden am Markt ein, und Herr Pilz füllte das Erdgeschoß seines Hauses mit unerhört großen Fässern, Kisten, Ballen, Tonnen und Gebinden an, und lebte der Ueberzeugung, daß er demnächst unbedingt seinen Einzug in die Handelskammer von Weltin halten müsse!

Die Wünsche der Menschen aber sind Spreu im Winde.

XXV.

Auf der Holstein'schen Werft lagen die beiden Kanonen­boote auf ihren Stapeln.

Leuchtend weiße Farbe trug das Oberdeck, der Kiel mar roth gestrichen, Schornstein, Steuer und Kommandobrücke ebenfalls blendend weiß, nur am schwergcpanzerten Bug öffnete sich ein schwarzer Kreis, fast wie das drohend funkelnde Auge des Schiffes, und heraus lugte trotzig ein Geschütz­rohr gewaltigen Kalibers. Ganz unten an dem gepanzerten Rammbug ragte ein armstarker, hakenartiger Spieß hervor, welcher dazu bestimmt war, feindlichen Schiffen beim An­rennen ein Leck zn bohren.

Heute aber hing je ein grünes Kränzlein an den beiden Haken, und davor, auf einem Stapelklotz, saß der alte Euler und strich mit seiner schwieligen Hand liebkosend über das blanke Eisen.

„Das is Dich ein gefährliches Ding," sagte er zu dem Steuermann Bars, der neben ihm stand, „im Wasser süht man's gar nid), un denn s'leicht es sich ganz unschullig heran, un hast Du nich geschn, giebts einen Krach un einen Ruck, und das Wasser gurgelt Dich man so in den Kielraum. Aber doch, ich weiß, was ich weiß —-"

„Na, was denn?" fragte der Steuermann neugierig.

Der alte Euler fuhr sich bedächtig über den runden Kliinbart und spie sein Stückchen Priemtabak genau vor sich hin:

„Der Klabautermann mag Dich solche Dinger nich leiden," sagte er endlich auf die Haken deutend. „Es lag schon einmal solch ein sinuckes Schiff auf der Werft zur Reparatur und hatte auch so neu Spieß vorne, und als wir in dat Ding so herumstcigen, da hören wir Alle was singen, un mich schien es immer, als ob eine ganz feine Menschen­stimme weine und lamcntire. Auf den Haken aber vorne stak eine große Muschel, die sah beinah wie ein Herz aus, un als wir ihr tut runter nehmen wollen, da merken wir nu Alle, daß es aus der zerstoßenen Schale so herausseufzt. Gott bewahr mich, da haben wir ihr rasch wieder ins Meer gesenkt, und das klare Wasser wurde Dich ringsum ganz roth wie Blut. — Seitdem weiß ich, daß son Spieß uicb gut is."

Der Steuermann zog die Hände ans den Taschen und klopfte dem Alten aufs Knie. „Du," ricth er vorsichtig, „erzähl die Geschichte nicht etwa meinem Kapitän, der läßt seinen Kopf jetzt ohnehin genug hängen. Ich gäb was drum, wenn ich den Mann wieder lachen hörte, aber seit dem Prozeß, wo sie ihn zu zwei Jahren Festung verurtheilt haben, ist er wie verhext."

„Zwei Jahre brummen wegen die verdammtige Schießerei mit dem Oberst, is ein Bischen viel," urtheilte Euler kopf­nickend, „aber das is es nich allein, worümmer er so ein wetterwendsches Gesicht züht. Komm her Bars, ich will's Dich sagen."

(Fortsetzung folgt.)

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