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Samstag, 24. Bpril 1915.

Morgen - Ausgabe.

Nr. 189. 63. Jahrgang.

Oer Krieg.

von den östlichen Kriegsschauplätzen, ver österreichisch-ungarische Tagesbericht, weitere Erfolge am Uzsoker patz.

W.T.-B. Wien, 23. April. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 23. April: Die allgemeine Lage ist un­verändert.

An der Karpathenfront vereinzelte Ge- schützkämpfe, wobei unsere Artillerie im Abschnitt Na g y k o l a n i und die deutsche Artillerie bei K a c i o w a mit Erfolg wirkte. Bor den Stellungen am Uzsoker Paß herrscht nach dem ab geschlag t- nen Sturmangriff der Russen verhältnismäßig Ruhe. Alle Gefangenen bestätigen die schweren Verluste des Gegners. Östlich des Passes wurde gestern ein starker Stützpunkt des Feindes e r- o b e r t.

In Südostgalizien und der Bukowina keine Veränderung.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. H ö s e r, Feldmarschalleutnant.

Die russischen Bombenwürfe auf Tschernowitz.

W. T.-B. Wien, 23. April. (Nichtamtlich) Die Blätter melden aus Tschernowitz: Gestern vormittag erschien

abermals ein feindlicher Flieger über der Stadt und warf drei Bomben über verschiedene Stadtteile. Eine dem erzbischöflichen Palais geltende Bombe verfehlte ihr Ziel und fiel in eine naheliegende Gasse, wo fie ein Kind verletzte. Die beiden anderen Bomben explodierten nicht. Der Flieger verschwand in der Richtung Nowosieliza. Bisher fielen zu­sammen 5 Bomben ans die Stadt und Umgebung, ohne Schaden anzurichten.

Oer Zar in Lemberg.

Br. Haag, 23. April. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Der Zar, der, wie gemeldet, vor einigen Tagen wieder zur Front abgereift war, ist jetzt in Lemberg eingetroffen.

Russische Aufbauschungen.

W. T.-B. Wien, 23. April. (Nichtamtlich) übereinstim­mende Meldungeii aus dem Kriegspressequariier stellen fest, daß die in den Dreiverbandsblättern verbreitete Nachricht von der Wegnahme zweier 3 0,5- Zentimeter- Mörser durch die Russen in den letzten Karpathenkämpfen unwahr ist. Es kann sich hier nur uni zwei Minen­mörser handeln, die zum Werfen von E k r a s i t auf kurze Entfernungen diene n.

vom französisch-belgischen Kriegsschauplatz.

Scharfe französische Angriffe auf England.

Br. Genf, 23. April. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Das Organ der Pariser Syndikalisten bespricht mit scharfer Bitterkeit die Äußerungen _ der englischen Zeitungen, vornehmlich derTimes", über die unge­heuren Schwierigkeiten, die Deutschen entscheidend zu schlagen. Nur wenn mau die entsetzlichen Ver­luste Frankreichs den vereinzelten Ver­lusten Englands gegrnüberstellt, begreift man den Zorn der ftanzösischen Patrioten über die U n z ul ä n g- l i ch k e i t der englischen Hilfe. Das Blatt er­fährt, falls der Angriff auf die Dardanellen schlecht vorbereitet gewesen wäre, trage England daran die Schuld, das sich doch die maritime Über­legenheit anmaßte.

Die Munitionsverschwendung der Engländer.

Haag, 22. April. (Ktr. Bln.) Lloyd George teilte im Unterhause mit, daß während der zweiwöchigen Kämpfe bei Neuve-Chapelle ebensoviel Munition ver­schossen wurde wie in den 23^ Jahren des Buren- k r i e g e s. Ungeachtet des riesigen Bedarfes besäße England noch genügende Munitionsvarräte. Heute verfertigten 2500 bis 3000 Firmen Munition für England. Die Märzproduktion wäre 19mal stärker als die vom September.

Ruhmredigkeiten über das englische Heer.

W. T.-B. London, 23. April. Im Unterhaus wies gestern der Unterstaatssekreiär T e n n a n t darauf hin, daß das Heer allen Ansprüchen gerecht werde. Er erinnert an die Pünkt­lichkeit, mit der die Verstärkungen geschickt würden, und be­tont die Regelmäßigkeit, mit der die Ausrüstungsgegenstände beschafft werden, sowie daß an Nahrungsmitteln, Pferden und Futter kern Mangel herrsche. Der Gesundheitszu­stand der Truppen sei vorzüglich. Epidemien würden unterdrückt. Verwundete erreichten in 24 Stunden London. Kitchener ermächtigte ihn, mitzuteilen, daß das Ergebnis der Rekrutierung äußerst befriedigend war, daß er sicher darauf baue, daß die Nation zukünftigem Rufe zu den F-chuen ebenso folgen werde wie bisher. Mehr als 100 000 Mann seien dank der lokalen und individuellen Be­mühungen in besondere Bataillone formiert wor­den. Im Flugwesen gehe alles nach Wunsch. Trotz der ßchwierigkeiten bei der Ausbildung der Mannschaften sei die

Verfertigung des Materials sehr ausgedehnt wor­den. Die neue Armee würde genügend mit Flugzeugen ver- ehen sein. _

Der Handelskrieg gegen England.

Jur Unterbrechung des englisch-holländischen Verkehrs.

Br. Rotterdam, 23. April. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bin.) Nach hierher gelangter Londoner Meldung hat die englische Admiralität auch den Frachtverkehr mit Holland für eine Woche verboten. Zahlreiche Rotterdamer Reeder er­setzen Depeschen, daß ihre Schiffe, die in England liegen, vorläufig nicht abfahren dürfen. Die Post für London liegt »»befördert. Die holländische Post wurde heute nacht mit dem Harwich-DampferBrüssel" nach England befördert. Die amerikanische Post, die noch in Bliffingen liegt, wird übermorgen über Rotterdam mit dem DampferPotsdam nach Amerika gesandt werden.

Die Post nach England.

W. T--B. Rotterdam, 23. April. (Nichtamtlich.) Der Rotterdamsche Courant" erfährt, daß von heute ab die Post wieder mit dem Harwich-Dampfer verschickt wird. Heute nacht wurde sie von dem FrachtdampferBrüssel" mit­genommen.

Reine direkten Fahrkarten von Schweden nach England.

Br. Kopenhagen, 23. April. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bln.) Naivem eine größere Anzahl schwedischer Dampfer von den Engländern beschlagnahmt worden ist, hat die schwedische Staatsbahn den Verkauf direkter Fahrkarten nach England eingestellt.

Spanische Empörung über den englischen Zlaggenschwindel.

Madrid, 22. April. Aus Bilbao Wird berichtet, daß dort die englischen DampferRoMsoalen" von 4000 Tonnen und Craigendorrom" behufs Ladung von Eisenerzen eingetroffen sirü» und daß beide Geschützbewaffnung gegen Unterseeboote tragen. Die Engländer scheinen es also darauf anzulegen, daß man nächstens ihre Schiffe einfach versenkt, ohne erst zu einer Räumung aufzufordern. -- Da aus den kubanischen ZeitungenDiario de La Marina" und ,El Commercio" bekannt wird, daß in Havanna der englische DampferCayo Romano" unter spanischer Flagge mit der falschen AufschriftGanekogarta Mettdi" in Bilbao angekommen ist, darf man sich in Spanien nicht wundern, wenn in Anbetracht der Bewaffung englischer Handelsschiffe eines Tages im Sperrbereich fahrende spanische Dampfer dem Untergang verfallen. DieGazeta del Norte" in Bilbao bemerkt zu dem Fall derCayo Romano" oder Ganekogarta Mendi":Die Schwere dieser Schändlich­keit und die F e i g h e i t der Fälscher vergrößert sich beim Erwägen, daß die Namen von Schiffen angenommen werden, die fortwährend Handel mit England treiben. Gedenkt Herr Dato dem mit gekreuzten Armen zuzuschen? Wird die Regierung zugeben, daß diese englische Frechheit fort­gesetzt wird, die uns das Recht entreißen würde, gegen Deutschland Einspruch zu erhebe,:, wenn es nötig sein sollte?"

DieGazeta del Norte" vergißt, so fügt dieKöln. Ztg." boshaft hinzu, daß alles dies im Namen der Freiheit und Demokratie zur Beschützung der schwachen Nationen geschieht.

Anfragen im Unterhause.

W. T-B. London, 23. April. (Nichtamtlich.) Im Unter­haus kündigte Asquith an, Lloyd George werde Anträge zur Einschränkung des Alkoholausschankes einbringen. M c Namara teilte Einzelheiten über den türkischen An­griff auf das TransportschiffManitou" mit und führte aus:Manitou" hatte Truppen an Bord und wurde von einem türkischen Torpedoboot angehalten, das aus Smyrna ent­kommen war. Die Besatzung und die Truppen erhielten den Befehl, binnen acht Minuten das Schiff zu verlassen. Das Torpedoboot feuerte dann drei Torpedos auf den Dampfer, die fehl gingen. Das Torpedoboot wurde von den britischen Torpedobootszerstörern, die auftauchten, ver­trieben und verfolgt. Es wurde auf den Strand gesetzt und zerstört und die Besatzung gefangen genommen. Während die Truppen das Transporffchiff verließen, kenterten zwei Boote. Die Ursache in dem einen Falle ist das Brechen eines Davits, in dem anderen Falle wahrscheinlich eine Über, füllung des Bootes. Auf eine Anfrage über eine härtere Behandlung britischer Offiziere durch die Deuffchen ant­wortete Primrose: Die Regierung teilte der amerikani­schen Botschaft mit, daß eine Untersuchung der Ge­fangenen von deuffchen Unterseebooten angestellt werden könnte, wenn die Deutschen dasselbe Zugeständnis bezüg­lich der Behandlung der britischen Offiziere machen würden.

Wie in England gefälscht wird.

8. Berlin, 23. April. (Eigene Meldung. Ktr. Blu.) In der vorigen Woche brachten Londoner Blätter ein Bild, das angeblich nach einer Photographie hergestellt war und die in Deutschland herrschende Hungersnot verauschau- licheu sollte. Mau sah darauf eine Anzahl von Männer, die sich mit Eßgeschirreu usw. aufgestellt hatten, un, ihre Ration zu enlpfangen, und die Londoner Presse erklärte dazu, das seien Arbeiter, die auf öffentliche Kosten gespeist werden müß­ten. DieNordd. Allg. Ztg.", die vor einigen Tagen dieses

Bild wiedergab, hatte bereits festgestellt, daß es sich um eine

Mystifikation handeln müsse, und daß das Bild jedenfalls nicht aus der l e tz t e n Z e i t stammen könne, da die Bäume, die auf dem Bild zu sehen waren, noch im Laub- schmuck prangten, und die angeblichen Arbeiter zum Teil 2 t r o h h ü t e und Sommerkleidung trugen. Jetzt ist die Herkunft des Bildes seftgestellt worden. Es ist eine von deutscher militärischer Seite im September vorigen Jahres hergestellte Photographie, die aus dem be­kannten Lager in Düberitz bei Berlin stammt und e n g- l i sch e Z i v i l g e f a n g e n e darstcllt, die im Begriff sind, ihr tägliches Mittagsmahl zu empfangen. Die Londoner Zeitungen haben nun ein paar Wellblech­bar a cke n, die im Hintergrund sichtbar waren, wegretou- ch i e r t. Das sommerliche Leben, wie die Strohhüte, wurden offenbar übersehen.

Zur Beurteilung der Kriegslage.

Bon v. Blume, General d. Inf. z. D.

I.

Berlin, 21. April.

Die vielfach gehegte Erwartung, daß mit dem Heraunahen des Frühlings die Ereignisse des Weltkrieges schneller fortschreiten und alsbald zu großen Entscheidungen heranreifen würden, ist bisher nicht in Erfüllung gegangen. Vielmehr gehören die letztvergangenen sechs Wochen zu den Zeit­abschnitten des gegenwärtigen Krieges, in denen sich die allgemeine Kriegslage am wenigsten verändert hat. Die einzigen größeren Unternehmungen, die in dieser Periode auf dem westlichen Kriegsschauplatz stattgefunden haben, sind' die unter s chwe r st e n Ver­lusten gescheiterten Angriffe der Engländer bei Neuve Chapelle (10. bis 12. März) sowie der am 6. d. M. begonnene, anscheinend noch nicht endgültig aufgegebene, aber hoffnungslose Durchbruchsversuch der Franzosen zwischen Maas und Mosel. Das charakteristische Merkmal der Kriegslage auf jenem Schauplatze ist heute wie vor einem halben Jahre, daß dort das deutsche Westheer auf feindlichem Boden stehend die Grenzen des eigenen Landes schützt und zugleich ein beträchtliches, besonders wertvolles feindliches Gebiet unter deutscher Gewalt hält. Die aufs höchste gesteigerten Anstrengungen der Gescmnt- streitkräfte Frankreichs, Englands und Belgiens haben nicht vermocht, uns aus dieser, wenn auch den gültigen Sieg noch nicht verbürgenden, so doch ver­heißungsvollen Lage zu verdrängen.

Auf dem größten Teile des östlichen Kriegs­schauplatzes, besonders in Russisch-Polen, sind während >der dort lange dauernden Zeit der Eis- und Schnee­schmelze größere Kriegsunternehmungen durch die grundlose Beschaffenheit des Bodens und der Verkehrswege nahezu ganz ausgeschlossen. Das genügt zur Erklärung der Erscheinung, daß die zahl­reichen Vorstöße, die von den Russen nach ihrer schweren, in der Winterschlacht an den masurischen Seen erlitte­nen Niederlage zunächst noch in ihrer rechten Flanke versucht wurden, seit Ende März fast ganz aufgehört haben. Infolgedessen ist Hort ein ähnlicher Zustand verhältnismäßiger Ruhe eingetreten, wie solcher schon seit längerer Zeit vor der Front des durch die ver- einigten deutschen und österreichisch-ungarischen Streit- kräfte in Polen gegen die Weichsel zurückgedrängten russischen Heeres besteht.

Auffallend sticht hiergegen die Tatsache ab, daß in den hohen und rauhen Bergen der Karpathen, die das größtenteils von den Russen in ihrer linken Flanke besetzte Galizien auf der Südseite abschließen, während der ganzen zweiten Hälfte des Winters und bis in die neueste Zeit mit besonderer Hartnäckigkeit gekänrpft worden ist. Wir erinnern uns, daß anfangs Januar eine aus österreichisch-ungarischen und deutschen Truppen gebildete Armee vom Südfuße der Karpathen gegen deren Kamm vorrückte, um die über das Gebirge in das ungarische Gebiet eingedrungenen Russen zurückzu- werfen und dann bei deren Vertreibung aus Galizien und der Bukowina mitzuw'irken. Unter fast über- ,n e n s ch l i ch e n Anstrengungen und Entbehrungen und beständigen schweren Kämpfen war es diesen braven Truppen bis Mitte März gelungen, den Kamm des tief verschneiten Gebirges zu erreichen und die Feinde bis an den jenseitigen Höhenrand, im östlichen Teile des Gebirges sogar bis gegen die Ausgänge des letz­teren zurückzutreiben. Inzwischen sind diese Erfolge jedoch durch die am 22. März nach tapferem Wider­stande erfolgte Kapitulation der galizischen Festung Przemysl nochmals in Frage gestellt worden, indem dadurch die Russen die Möglichkeit zu bedeutender Ver- stärkuug ihrer Karpathenarmee geboten wurde. Seit- dem hat eine neue Gegenoffensive der Russen auf deni Gebirgskamm eingesetzt, mit gesteigerter Hef­tigkeit wird auf der weiten Front gekämpft. Die Nach- richten über den bisherigen Verlauf dieser newW Kämpfe lauten durchaus günstig; und wenn dre