f
*8. Jahrgang.
a eint in zwei Ausgaben. — Bezugs-PreiS:
Kn Verlag &» Pfg. monatlich, durch die Post L Mk. «» Pfg. vierteljährlich für beide Ausgabeu zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
1V,OOO Avonnenlen.
Anzeigen-Prcis r
Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeigen 15 Psg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reclamc» die Petitzeile für Wiesbaden SO Pfg., für Auswärts 75 Pfg.
lür die Abend-Ansgave bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. — Für die Ausnahme später eingercichter Anzeigen zur nächstcrschcineuden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
U0. 372. Fernsprecher No. 52. Ko«n1«g, deN 12. AttgNst. Fernsprecher N». 52. 1900.
UoNtische Uebersichl.
Die Wochen folgen einander, aber sie gleichen sich nicht, denn die Ereignisse in China tragen dafür Sorge, daß wir in der Zeit, die in früheren Jahren als die der sauren Gurke bezeichnet wurde, der politischen Abwechslung nicht ermangeln. Die Kombination der Nachrichten, welche wir in dieser Woche über die Lage in China erhalten haben, bietet ein recht buntes Bild, ein um so bunteres, als die meisten dieser Nachrichten zu einander im schreienden Widerspruch standen. Wie oft ist nicht in dieser Woche der Vormarsch auf Peking angetreten und wieder „abgetreten" worden und die englische Berichterstattung machte sich förmlich ein Vergnügen daraus, die Gesandten der Mächte in Peking täglich nach Tientsin abreisen zu lassen.
Wenn man nun auch allen Nachrichten, die uns durch chinesische Vermittlung zugehen, das größte Mißtrauen entgegensetzen muß, so schließen doch die letzten aus Peking gekommenen Nachrichten jeden Zweifel daran aus, daß die Gesandten der Mächte, mit Ausnahme des Freiherrn v. Ketteler, und die Mehrzahl der dort eing eschl assenen Fremden zu der Zeit, wo jene Nachrichten abgingcn, also vor wenigen Tagen, noch gegen die Chinesen Stand hielten. Die stärkste Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß sie sich auch zur Zeit noch gegen den Ansturm der Chinesen halten, denen anscheinend in letzter Zeit vor den Folgen ihrer revolutionären Erhebung bange geworden ist. Wir wünschten fortfahren zu können, daß endlich eine nicht minder starke Wahrscheinlichkeit dafür spreche, daß es den verbündeten Truppen gelingen wird, die in Peking Eingeschlossenen den Händen der chinesischen Horden zu entreißen. Aber wir dürfen nicht verkennen, daß sich diesem Rettungsmerk die stärksten Schmierigkeiten cntgegenstellen und daß heute noch Niemand Voraussagen kann, ob es gelingen, ob der Einzug der verbündeten Truppen in Peking die Schaar der dort eingeschlossenen heroischen Kämpfer noch lebend antreffen wird.
Jedenfalls wird man, wie gefahrdrohend auch die Lage in Peking ist, und wenn man auch damit rechnen muß, daß die Angriffe der Chinesen in Peking sich angesichts des Vorstoßes der verbündeten Truppen verstärken werden, noch immer die Hoffnung hegen dürfen, daß das Rettungswerk der verbündeten Truppen gelingt. Ist doch der vollständige Sieg, den die Truppen der Verbündeten bei Peitsang über die Chinesen davon trugen, mit wie ungeheueren außerordentlich schweren Verlusten er leider auch erkauft wurde, doch als die erste Etappe des Vorstoßes auf Peking zu betrachten.
Eine etwas günstigere Beurtheilung der Vorgänge in China ist auch durch den Umstand gestattet, daß nach langwierigen Differenzen, welche die militärischen Operationen in schwer fühlbarer Weise hemmten, endlich eine gewisse Einigkeit unter den Mächten hergestellt zu sein scheint. Als das erste Erzeugniß dieser Einigkeit darf die Wahl des Grafen Waldersee zum Oberstkommandirenden der verbündeten Truppen in China angesehen werden. Die Wahl konnte in der That auf keinen Besseren fallen, und die Zustimmung, mit der sie auch im Auslande ausgenommen
worden ist, ist nicht nur eine ehrende Anerkennung der militärischen Tüchtigkeit Deutschlands, sondern zugleich ein Zeugniß, welches Vertrauen die deutsche Politik auch im Auslande genießt. Sollte aber bei der einen oder anderen Macht der Neid die Anerkennung überwiegen, so wollen wir auch das in Kauf nehmen.
Wir wollen hoffen, daß sich die Einigkeit der Mächte auch bei der weiteren Entwicklung der Dinge in China bewähren wird, denn daß es sich hierbei um eine recht langwierige Aktion handeln wird, und daß die chinesische Frage die Mächte noch im nächsten Jahre nicht minder ernsthaft beschäftigen wird, als in diesem, kann füglich nicht bezweifelt werden. Vor Allem wird man hoffen dürfen, daß England nicht weiter wie schon bisher eine Ehre darein setzen wird, die gemeinsame Aktion nach Möglichkeit zu erschweren und zu durchkreuzen. Im Uebrigcn ist cs begreiflich, daß England durch die Vorgänge in China mit schwerer Bekümmerniß erfüllt wird, denn es ist durch den Krieg in Transvaal noch immer so in Anspruch genommen, daß es in China kein entscheidendes Wort mehr mitsprechen kann.
Die englische Behauptung, daß der Guerillakrieg in Südafrika seinem Ende entgegen gehe und daß die Buren förmlich erpicht darauf seien, sich den Engländern in Schaaren zu ergeben, hat sich als eitel Schwindel erwiesen. Die englische Niederlage bei Elands-River und die Thatsache, daß die Engländer sich in Pretoria selbst nicht mehr sicher zu fühlen scheinen und die Abschneidung ihrer Zufuhr befürchten, zeigen, daß die Widerstandskraft der Buren noch lange nicht erschöpft ist.
Einen weiteren Schmerz hat den Engländern der Schah von Persien bereitet, indem er einen recht durchsichtigen Vorwand dazu benutzt hat, sich von dem angekündigten
Besuch in London zu drücken. Die Engländer werden hierin nicht mit Unrecht eine neue Bestätigung der Thatsache erblicken, daß ihr Einfluß in Persien durch den russischen endgültig verdrängt worden ist.
Der spannende Heirathsroman des Königs Alexander von Serbien hat mit der am vorigen Sonntag vollzogenen Trauung seinen vorläufigen Abschluß gefunden. Ob es ein endgültiger sein wird, das wird in erster Linie davon abhüngen, ob Herr Milan seine Kaltstellung widerstandslos hinnehmen wird.
In Rom ist am Donnerstag der so jäh dahinqeschicdcne König Humbert zur letzten Ruhe bestattet worden. Möge es seinem Nachfolger Viktor Ernannel gelingen, der Uebcl Herr zu werden, an denen das schöne Land krankt, und jene Reform an Hanpt und Gliedern in die Wege zu leiten, deren dringliche Nothwendigkeit in Italien von allen einsichtigen Leuten anerkannt wird.
Aus Stadt und Land.
Wiesbaden, 12. August.
— Geschichtskalrnder. 12. August. 1714: Mit Georg I. gelangt das Haus Hannover auf den engl. Thron. 1759: Schlacht bei Kunersdorf. 1762: * Georg IV., König von England. 1848: ff Georg Stephenson, Begründer des Eisenbahnwesens. 1870: Preuß. Kavallerie vor Metz, Pont-ü-Mouffon, Ranzig und Luneville.
o. Der Kaiser in Mainz-. An der Haltestelle des kaiserlichen Sonderzuges, dem Bahnwärterhaus 39, war ein künstlerisch geschmücktes Zelt errichtet, vor welchem der Großherzog von Hessen, General-Major v. Zastrow und Provinzialdircktor Geheimrath v. Gagern den Kaiser erwarteten. Der Kaiser, der kleine Generalsuniform trug, begrüßte nach dem Verlassen des Salonwagens den Großherzog auf das Herzlichste und unterhielt sich einige Zeit mit diesem und den anderen zum Empfang erschienenen Herren. Der Kaiser stieg sodann im Zelt zu Pferde und ritt in gestrecktem Galopp nach dem Paradeplatze. Mit dem Kaiser sind angekommen General v. Plessen, General v. Hahnkc, Hofmarschall Frhr. v. Lyncker, General v. Scholl, Oberstleutnant v. Berg, Leibarzt Dr. Jlberg. Auf dem Paradeplatze hatte eine kombinirte Brigade, bestehend aus dem 88. und 117. Regiment, Aufstellung genommen. Der Kaiser ließ zunächst die Brigade exerciren und dann eine Gefechtsübung vornehmen. Hieran schloß sich, wie erwähnt, eine Uebung dcs/.13. Husaren-ReginlentS, Diese Uebungen währten bis '/-II Uhr und dann erst wurden alle befohlenen Trnppentheile zu der Parade zusammengezogcn. Es waren dies die beiden nassauischen Infanterie-Regimenter Nr. 87 und 83 aus Mainz,die beiden hiesigen Bataillone des 80. Regiments (das Hamburger Bataillon war nicht da), das Infanterie-Regiment „Kaiser Wilhelm" (Hess.) Nr. 116 aus Gießen, das Hess. Infanterie-Regiment Nr. 117 aus Mainz, das Regiment Nr. 166 aus Hanau, die Biebricher Unteroffizierschule, das Brandenburgische Fußartillerie- Regiment Nr. 3, das 6. Ulanen- und 13. Husaren-Regiment, sowie die beiden Feldartillerie-Reginienter Nr. 27 und 63. Dse Fußtruppen waren feldmarschmäßig in weißleineuen Hosen aus- gerückt. Der Kaiser verzichtete auf die Paradeaufstellung und nahm sofort den Parademarsch ab, der zwei Mal, zuerst in Compagniefront und dann in Regimentskolonne, erfolgte, welcher zur Zufriedenheit des Allerhöchsten Kriegsherrn ausfiel. Der Kaiser führte beide Male dem Großherzog sein Regiment Nr. 116 vor. Um 12'/- Uhr war die Parade beendet und der Kaffer setzte sich an die Spitze der Fahnen und Standarten-Compagnie. Von dem Paradefeld ab bis zur Stadt bildeten die Truppen Spalier. Der Kaiser, welcher eine Cigarette rauchte und sich mit dem Großherzog lebhaft unterhielt, begrüßte jede einzelne Compagnie mit
(Nachdruck verboten.)
Berliner Stimmungsbilder.
Von Paul Lindenberg.
Kerienende. — Wieder daheim! — Allerhand Rückblicke. — Mißstimmung. — Der Tod Wilhelm Liebknechts. — Die Bnrengefandtrn in Berlin. — Vom Grafe» Waldersee.
Die Tranerfeier für König Humbert.
Vorüber ist sie wieder, die schöne Ferienzeit, und von allen Seiten strömt Alt- und Jung-Berlin zurück nach den Gestaden der Spree, um mit der neuen Woche alten Pflichten nachzukommen! Es schien diesmal kein guter Stern über den „da draußen" verlebten Tagen geleuchtet zu haben, thcils ließ die Witterung viel zu wünschen übrig, theils störten die politischen Wirren die heißersehnte sommerliche Ruhe, und zumal wer mit der Börse zu thun hatte, der konnte oft betrüblich seufzen: „Keine Ruh' bei Tag und Nacht!" Viele suchten daher das Heim schon früher auf, ehe überhaupt die Frist der Rückkehr abgelaufcn, Andere riefen erfreut aus, als sie wieder die altgewohnten und behaglichen Räume betraten: „Gott sei Dank, daß die Ferien zu Ende und wir wieder zu Hause sind!" Bei der' Mehrzahl Jener, welche mit dem Beginn des Juli Berlin in hellen Schaaren verlassen, ist cs weniger das Bedürfnis nach körperlicher Erholung, welches sie in die Ferne treibt, als der Drang nach seelischer Ruhe; sie wollen dem kleinlichen Aerger, der so oft mit den eigenen vier Wänden und mit der Berufserfüllung verbunden ist, entfliehen und 'mal so garnichts wissen von allem Drumrum des Haushalts, von der Dummheit und Tyrannei der theuren Küchenfeen, von den Plackereien in den Schreibstuben, den Bureaus und Geschüstslokalen. Daher erklärt
sich denn auch die merkwürdige Gelassenheit und milde Stimmung, die man „da draußen" allen Dingen entgegenbringt, und daß man mit einem gewissen guten (oft auch Galgen-) Humor das erträgt, was einem zu Hause in Verzweiflung versetzen und wahre Wuthanfülle zur Folge haben würde; ob der von der Wirthin benutzte Petroleumkocher das'ganze Haus, meist Hänschen, mit grauenhaftem Dunst erfüllt, ob die Lampen qualmen, ob dreißig Kinder vor der Thür lärmen, ob es bei kühlem Wetter in den niedrigen Buden, stolz „Zimmer" genannt, nach allen Windrichtungen hin zieht, ob man in den klapprigen Bettstellen vergeblich den Schlaf erwartet, ob man die fragwürdigsten Gerichtehinunterwürgt und schließlich noch für all und jedes doppelte Preise bezahlen muß — man setzt sich mit der berühmten „Wurschtigkeit" darüber hinweg und tröstet sich spöttisch damit, daß man ja in der Sommerfrische sei und dort nicht Alles so verlangen könne, wie zu Hause!
Trotz all dieser Unempfindlichkeit und Gleichgültigkeit aber hat sich diesmal bei unseren Ausflügler» doch eine rechte Mißstimmung gegen verschiedene Nord- und Ostseebäder gezeigt, die sich im nächsten Jahr in praktischer und für jene Orte in recht merkenswcrther Weise bethütigen wird. „Man ist des groben Tones satt" und all der Rücksichtslosigkeiten, die sich Wirthe und Vermietbar vielfach gegen ihre Sommergäste erlauben; man will nicht nur als Schwamm dienen, der in den paar Erholungswochen möglichst gründlich ausgesaugt werden soll, und man will für sein theures Geld doch etwas mehr haben, als wie in jenen ^Piratcn-Bädern" dafür geboten wird. Das bedauerliche Schiffsunglück bei Sellin hat auf gewisse Zustände ein grelles Licht geworfen, und oft konnte man jetzt hier unter Erzählung von allerhand Erlebniss,i hören: „Wir
wundern uns nur, daß Derartiges nicht häufiger geschieht, an jenen Küsten treibt man fast täglich ein frevles Spiel mit vielen Menschenleben!"
In schneller und ruhiger Weise ist hier vor wenigen Tagen ein Menschenleben ausgelöscht worden: ein sanfter Tod ereilte Wilhelm Liebknecht und schloß versöhnend ein leidenschaftliches, an harten Kümpfen reiches Dasein ab. Der Führer der socialdemokratischen Partei gehörte zu den bekanntesten Berliner Persönlichkeiten, die ganze Erscheinung des betagten, dabei stets rüstigen und unermüdlich fleißigen Mannes drückte Lebhaftigkeit, Erregung, Ungestüm ans, und das charakteristische Haupt, eigentlich ein rechter „Künstlerkopf", mit dem grau-weißen Bart und dem zerzausten vollen Haar, mit den hell und scharf blickenden Augen, dem energisch geschnittenen Mund erregte sofort Aufmerksamkeit. Eine große Redebegabnng war Liebknecht eigen, durch diese wie durch sein ganzes heftiges, oft maßloses Auftreten, durch eine überstürzende Flnth tönender Redensarten riß er die Massen mit sich fort, wenngleich es ihm während des letzten Jahrzehnts auch nicht an Gegnern in der eignen Partei fehlte, mit denen er allerdings rasch abzurechnen und sie mit einem gehörigen Wuppdich hinaus zu befördern wußte. Aeußerst kennzeichnend, ward er der „Minister des Auswärtigen der socialdemokratischen Partei" genannt; die auswärtige Politik zu behandeln, war sein. Steckenpferd, mit hingebendem Feuer ließ er seine Miliz-^ Heere — durch welche er die stehenden Armeen ersetzt wünscht^. — aufmarschiren und sie au allen Ecken und Enden der- Welt unerhörte Thaten begehen. Wenn er im Reichstage das Wort „zum Auswärtigen" ergriff, dann ging ein stilles) Beben durch alle Reihen, die sich im Umsehe» lichteten, biL
