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1. Beilage zum Wiesbadener Tagblatt.

Sonntag, den 12. August.

48. Jahrgang. 1900.

( 16 . Fortsetzung.) (Nachdruck vcrbolen.)

Inng-Urn.

Noma» von A. W. Itovlnf««.

„Kiity . . . bist Du . . . eifersüchtig?" fragte Nin mit rwem lange«, forschenden Blick auf das finstere Gesicht der Schwester, das wohl zu verhüllen wußte, was in ihr vorgiua.

„Eifersüchtig? Höchst wahrscheinlich! Sag' mir doch welchen Mann Du für werth hältst, daß ich mich einen Pfifferling um ihn kümmere?"

„Ich denke nicht an einen Mann, sondern . . . meine Soli sind jetzt mehr in der Mode als unsere Duette und da . . ."

„So rede doch nicht wie eine Schneegans, oder ich könnte etwas sagen, was mich reuen würde!" rief Kitty mit dem Fuß stampfend.

„Ich will jetzt noch rasch nach Hansel sehen . . ."

„Und meinem Paul nachlaufcn," ergänzte Kitty.

Die Schwestern gingen hinunter und fanden Markingham noch in der von Frau Bude geschilderten Verfassung. Seine Lage im wörtlichen Sinn hatte sich zwar verbessert, man hatte ihm Kissen unter den Kopf geschoben und eine Neise- decke über die Beine gebreitet, aber seine Angen starrten noch immer zu der rauchgeschwärzten Zimmerdecke hinauf und das Gesicht hatte eine Todtenfarbe. Gravatt kniete neben ihm, als ob irgend ein Vorgang zu erwarten wäre, der Kapellmeister Montmorland und der Direktor Wiggins standen in einiger Entfernung von dem Kranken in ge­spannter Erwartung. Im Zn schauerraum war es schon dunkel; die Plüschsitze trugen ihre Nachtkittel von braunem Drill; im Bühnenraum wurden die letzten elektrischen Lampen abgedreht.

„Noch nicht besser?" fragte Nina flüsternd.

„Doch," erwiderte Gravatt zu ihr aufblictenv. „Jetzt wird er in kürzester Zeit aufwachen!"

„Das haben Sie schon vor zwei Stunden gesagt!" rief Nin ärgerlich.

„Herr Wiggins," sagte vcr Doktor, ohne Nius Vorwurf zu beachten, „so wenig dieser Raum auch zur Krtinkenstube taugt, werden wir ihn doch die Nacht über hier lassen müssen. Ich würde den Transport für bedenklich halten."

„Heillos unangenehm," versetzte der Direktor, „aber was sein muß, muß sein. Wer soll bei ihm wachen?"

„Ich bleibe hier," erklärte Gravatt.

„Und ich komme wieder," sagte Nin, „und meine Schwester wird bei mir bleiben."

„Wie Sie wollen. Martha kann ja «ich da bleiben," überlegte der Direktor, „der Feuerwehrmann, der die Wache hat, kann Ihnen etwa Nöthiges besorgen. Morgen zwischen elf und zwölf Uhr sehe ich selbst nach."

„Bis dahin werden wir ihn längst nach Hause gebracht haben." meinte Gravatt.

„Was mir äußerst lieb sein wird!"

„Kann ich mich irgendwie nützlich machen?" fragte der Kapellmeister.

„Ja, Herr Montmorland, das können Sie," erwiderte ihm Nin. „Begleiten Sie mich zur Polizeiwache, um für Napella zu bürgen."

„Sie werden doch nicht. .." begann der Direktor, aber Nins blitzende Augen brachten ihn rasch zum Schweigen.

. Er wollte es nicht mit Jung-Nin verderben, die eine glänzende Reklame und Einnahmequelle für sein l'nter- nehmen war, und es schwante ihm, daß sie heute in gefähr­

licher Stimmung sei. Montmorland war nicht minder er- staunt über ihren Vorschlag, sagte aber nur: „Ich bin glücklich, Ihnen zu Diensten stehen zu können, Fräulein Pickerson."

Er kannte die Familie und ihren Namen, und sein Traum war, daß Jung-Nin, die den Kollegen immer gern unter die Arme griff, bei seinem bevorstehenden Benefiz aufireten werde. Ihr Name auf dem Zettel Hütte etliche Hundert Eimrittskartcn gesichert.

„Also kommen Sie," war Alles, was Nin sagte.

Paul Napella sollte aber noch etwas länger auf Er­lösung harren müssen, denn mit einem Mal bewegten sich die Lippen des starren Mannes und man hörte ihn leise murmeln: „Nin". Lord Markinghains Augen ließen von der Erforschung der schwärzlichen Zimmerdecke ab und wunderten fragend von einem der llnistehenden znm andern.

„Ich habe Nins Stimme gehört," sagte er leise und mühsam. „Nin ... wo bist Du? Warum giebst Du keine Antwort?"

Sie sah den Arzt fragend an.

„Sprechen Sie mit ihm, aber ruhig," lautete sein Geheiß.

„Ja, Hansel, ich bin hier," flüsterte sie ihm zu.

„Koniisch . . . urkomisch . . . daß Du hier bist," be­gann Hansel krampfhaft hustend. „Was ist denn los mit mir? Ich Hab' doch nichts verrenkt, oder?"

,,Du mußt nur snoch eine Weile ruhig liegen, Hans," erklärte ihm Gravatt, „und Dir gar keine Sorgen machen, dann ist Alles gut."

Die graublauen Angen, die immer so unschön hervor­standen und heute vollends aus den Höhlen zu fallen schienen, streifte» das Gesicht des ArzteS.

„Wer sind Sie?"

„Kennst Du mich nicht?"

Hansel sah ihn nachdenklich an und schüttelte dann den Kopf.

„Fallt mir nicht ein . . . gesehen Hab' ich Sie schon . . . aber ich kann mich nicht besinnen, wo . . . Mein Kopf thut weh, wenn ich mich besinne. Das ist bei mir immer so. Nin . . . wer ist denn der gräuliche.alte Kerl . . . sag' Du mir's!"

Gravatt bedeutete Nin, die Vorstellung zu übernehmen.

„Es ist ja Dein Pathe, Hansel!"

„Hol' mich der Kuckuck!"

Hanse! drückte die Augen zu, als ob er sich diesem An­blick für immer entziehen wollte.

„Ich muß fort, komme aber bald wieder," sagte Nin.

„Du kommst wieder?"

„Ganz gewiß!"

„Sag'! auf Ehre?"

„Auf Ehre, Hansel . . . wenn Du Dich bis dahin artig aufführst."

I mg-Nin und der Kapellmeister gingen leise hinaus und Markingham lag wohl eine halbe Stunde, ohne ein weiteres Wort zu sprechen. Sein Athem war ruhig und gleichmäßig, die Augen geschlossen, vermnthlich schlief er. Der Direktor schlüpfte mit erleichtertem Gemüth in seinen Pelzrock und schickte sich zum Abgang an.

„Mein Büreau befindet sich an der Vorderseite des Hauses und ich lasse die Thür offen, Herr Doktor, für den Fall, daß Sie schreiben wollten," sagte er noch. „In dem Schränkchen hier ist Cognac, falls Sie oder Hansel . . . Ms Mylord eine Stärkung brauchten. Der Feuerwehrmann vürde abschließcn, wenn Sie ihn heute Nacht noch fort­bringen sollten. Ich hoffe, unter angenehmeren Umständen

wieder die Ehre zu haben, Herr Doktor . . . eine Loge für Sie soll stets zur Verfügung sein . . . habe die Ehre, mich zu empfehlen."

Nachdem Doktor Gravatt dem Kranken die Kissen noch zurecht gerückt hatte, stand er auf, streckte und reckte sich gähnend und trat ans helllodernde Kaminfeuer. Sein Mantel deckte jetzt den Verunglückten und die hohe Gestalt im tadellosen Gesellschaftsanzug wirkte merkwürdig in dieser schäbigen Umgebnng. Kitty Bude saß, die Hände um ihr übergeschlagenes Knie gefaltet, so tief in Gedanken versunken, daß er ihr finsteres, bräunliches Gesicht ungestört beobachten konnte. Hübsch war sie und eine gewisse Aehnlichkeit mit der Schwester fand er jetzt auch heraus, nur daß eine wildere, heißblütigere Natur aus diesen Zügen sprach.

„Wollen Sie sich nicht auch ans Feuer setzen?" fragte Gravatt nach einer Weile, um seine Anwesenheit bemerkbar zu machen.

„Ich friere nicht," sagte sie, bei der Anrede znsammen- schreckend.

„Ihre Gedanken machen Ihnen wohl heiß," bemerkte er.

„Nichtig bemerkt . . . wie komnien Sie darauf?"

„Ahn ingsvermögcn, und Sie sahen zornig ans."

„Bin ich auch. Leider mein Normalzustand."

„Ihr Fräulein Schwester neigt auch zur Heftigkeit?"

„Nein, da sind Sie auf dem Holzweg. Sie ist nur warmherzig und gutherzig, wie's nicht viele Leute giebt! Wenn ich nur halb so gut wäre, wie Nin, dann könnte unser Herrgott mehr Freude an mir haben, besonders heute. Im Grund bin ich nicht besser als dieser Napella . . . viel­leicht noch schlechter, so hasse ich ihn!" -

„Sie sprechen von Lord Markinghains . . . Gegner?"

Kitty nickte.

„Ein Anbeter Ihrer Schwester?"

„Das ist ja gerade das Elend!"

„Darf ich fragen, worin das Elend liegt?"

„Nein, das dürfen Sie nicht," versetzte sie argwöhnisch. „Weshalb wollen Sie mich ausfragen?"

„Mein Patient hat mich außer Dienst gesetzt, und da dachte ich mir, ich dürfte Sie um mancherlei Aufklärung bitten."

„Mich ausholen zu Ihrer Erbauung, hm?"

„Nennen Sie es „ausholen", wcnn's Ihnen beliebt."

„Sie sind an die Unrechte Thür gekommen . . . aus mir kriegt Keiner was heraus," erwiderte sie mit einem Ausdruck, der einen minder kühnen Mann eingeschüchtert haben würde.

„Es handelt sich ja nicht um Staatsgeheimnisse, Fräu­lein Pickerson ..."

„Meine Name ist Bude," siel sie ihm ins Wort. „Ich bin verheirathet oder Wittwe . . . Gott mag's wissen, ich nicht! Nun, und?"

„Ich hätte nur gern gewußt, weshalb Sie die Liebe dieses jungen Mannes als ein Unglück ansehen? Wenn andre . . . Beziehungen, wenn z. B. Lord Markingham höchst unberechtigter Weise zwischen ihnen steht, so könnte ja vielleicht von außen etwas gethan werden, um die Schwierigkeiten der Liebenden zu beseitigen?."

„Aha! Vielleicht würde Lord Kaue „etwas" thun?"

„Möglicherweise Lord Kane . . ."

„So, das ist des Pudels Kern! Meiner Schwester Geld geben, damit sie ihren tollen Musiker heirathen kann und Markingham ein für alle Mal in Sicherheit ist? Ganz klug eingcfädelt, aber leider die Rechnung ohne den Wirth gemacht."

(Fortsetzung folgt.)

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