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§ Der Roman, i

i. --^a Morgen-Reilage des Wiesbadener Cagblalts. !»*)

Nr. 94.

Freitag» 23. Kpril.

I9lo.

kl. Fortsetzung.)

Klippen.

Roman von HLlcne Schebe-Hcller.

Nachdruck verboten.

Und sie trösteten ihn, und in die Augen, -die zu tief stn das Fragen und Sehnen des Lebens geschaut hatten, ikam hoffnungsfrohes Erwachen.

Erst wunderte er sich selbst darüber und betrachtete /mit neugierigen Kinderaugon, gewissermaßen als Mußerftehender, das Glück, das langsam aus den Tiefen feiner Seele quoll und das Schweigen brach, die Ein­samkeit ausfüllte, sein ganzes Wesen durchströmte.

Er hatte eine Frau gefunden, vor der sich sein In­neres erschloß; er, der Grübler und Skeptiker, besaß den großen, unerschütterlichen Glarrben, daß sie ihm dies Mück erhalten und noch vertiefen wiirde das Glück, das aus dem Sichverstehen zweier Seelen herausge­wachsen >war und nicht aus der Leidenschaft, die das Blut peitscht und die Augen entzündet.

Werde ich diesen Glauben nie zu bereuen haben?" fragte er sie eines Tages.Es ist das Schönste, was mir das Leben bisher gebracht hat."

,Zch hoffe, keiner von ims wird je zu bereuen haben", antwortete sie und ihre Stimme klang ernst wie das Rauschen der Tannen, die ihre Zweige über sie breiteten.

Auch für mich bedeutet der Glaube an Ihre Per- sönlichkeit das Teuerste, das ich neben meinem Kinde besitze, und dies Glück wird uns nicht genommen sein."

Da ward er ruhig und fragte nicht mehr.

Ihr Haus lag nicht weit von dem seinen entfernt, und!der zwanglose Verkehr, den die Sommerfrische er- Möglicht. brachte sie rasch einander nahe. Sie gingen ineinander ans, wie das Licht und die Wärme in der Flamme. Wünschten uud begehrten nichts mehr: ge- nosien und besaßen. Hörten plötzlich auf, wechselnde, bewegte, vielseitige Menschen zu sein, um in einein Ge­fühl zu ruhen.

Sie freuten sich deS Zusammenseins mit jenem be- wußten Glücksempfinden, das den fliehenden Augen­blick erhascht und ihm Dauer verleiht und dem Leben eine Kraft gibt, die keine Saite unseres Wesens unbe­rührt, keinen Tropfen unseres Blutes kalt läßt.

Sie fand in ihm nach langen, einsamen Jahren einen Freund und war für ihn wie ein Weiher, in den sich die Wagen seiner Leidenschaft und nie gestillter Sehnsucht ergossen, um gebändigt, geläutert in seine Seele zurückzukehren. Wie anders war sie als die Frauen der Berliner Gesellschaft, an deren Liebe er bisher nur genippt hatte. Ost wunderte er sich, daß ihr Einfluß über ihn so groß sei. Sie war keine gelehrte, nicht einmal eine besonders kluge Frau, und doch ver­stand sie es dank ihres reichen Innenlebens, ihm in seinem Flug zu folgen und zur Arbeit anzuspornen.

Manchmal erwachte in ihm die alte Unzufriedenheit und brach sich in erregten Worten Bahn.

Ans der begonnenen Arbeit kann nichts tverden es ist ja alles wertloses, stümperhaftes Schaffen. Ich will die Falschheit entlarven, die scheiicheilige Welt bloßstellen und merke, daß ich selbst ein Blinder bin auf dem Wege der Wahrheit. Tage habe ich an meinem

Schreibtisch gesessen und an mir selbst gezweifelt. Ich wollte und konnte nicht in meine Feder meine Seele hauchen, den Ausdruck finden, der mein Empfinden er- schöpfte und fühlte mich machtlos wie ein in Fesseln ge. schlagener Mann." _ ,

Da gab sie ihm wieder den Glauben an sich selbst und Kraft zu neuer Arbeit.

Mit dem Bewußtsein der Unvollkommenheit hat jeder Künstler zu kämpfen, gleichviel, ob das Werkzeug, das Gedanken in feste Umrisse fassen und gestaltlosen Idealen eine greifbare Form verleihen soll, der Meißel, der Pinsel oder die Feder heißt. In einem Nachlassen dieses Kanrpfes zwischen dem, was Sie erreichen und erreichen möchten, würde ich nichts Erfreuliches, son­dern einen Stillstand Ihres Talentes sehen."

Sie wissen aber nicht", fuhr er erregt fort,was das bedeutet, täglich iind stündlich das reiche, urwüch­sige Leben, das man an die Menschheit wiedergeben möchte, vor sich entweichen zu sehen, wenn man cs in Worte zu kleiden sucht.

Die Feder stockt auf dem glatten Papier. Die Sprache versagt: die Worte sind leer und farblos, weil die Seele zürn Zerspringen voll ist und nicht die Fornr findet, in die sie sich ergießen kann."

Die Kunst wird immer hinter dem Leben zurirck- bleiben müssen", meinte sie rnhig,weit das Leben so gewaltig und mannigfaltig ist, daß der Mensch nie einen Moment daraus wird schöpfen können. Es sind nur die dummen und die selbstgefälligen Menschen, die, mit sich selbst und der Welt zufrieden, durchs Leben gehen. Sie begehren nicht, Größeres zu schauen, die einen, weil sie blind siird, die anderen, weil sie bis auf den Grund zu sehen glauben."

Einen Augenblick schwiegen sie beide, dann meinte er, seine trüben Gedanken laut fortspinnend:Ich bin nicht der glückliche Mann, für den man mich hält und dessen Leben man beneidet. Die meisten Menschen ver­wechseln Glück mit Erfolg und denken, ein berühmter Dichter müsse auch ein glücklicher Mensch sein."

Ich habe nie einen Künstler für einen glücklrchen Menschen im landläufigen Sinne angesehen", versetzte sie,die Kunst verbrennt wie ein Nessusgewand. Irr diesem verzehrenden Innenleben liegt aber auch ein Glück, das die Menge nie empfinden und nie vcrstchen wird, das Hand in Hand geht mit Schmerz und Ent­täuschung."

Er hatte ihre Hand ergriffen, Begeisterung lag jetzt in seinen Zügen, und durch seine Augen glitt der Widerschein jenes seltsamen Glückes, von dem sie sprach.

Ich werde siegen", sagte er schlicht.Und Sro werden mir helfen, nicht wahr? Ich brauche Sre!

Ihre Blicke begegneten sich.

Ihr war, als träumte sie. Sie wollte antworten. Sie konnte nicht. Eine Erregung, die sie bisher nie gekannt hatte, schloß ihr die Lippen sie fürchtete sich, als täte sie etwas Unrechtes und dachte doch:Ach, möchte der Arrgenblick nie vorübergehend