1. Beilage zum Mesdaüener Taghiatt.
Uo. 368. Morgen-Ausgabe.
Freilag» den 10. August.
48. Jahrgang. 1900.
(14. Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
Jung Win.
Noma» von K. W- HtoSinson.
„Luft muh er haben . . . löst ihm die Halsbinde . . . steht doch nicht so auf ihn hinauf. . ." brüllte der Direktor. „Wenn der Mann tobt ist, bin ich ruinirt . . . Gott steh' mir bei.. . Ist denn kein Arzt zur Hand ... nirgends . . ."
Eine sichere Hand legte sich auf den Arm des Verzweifelnden.
„Lassen Sie mich zu dem Herrn . . . mein Name ist Doktor Gravatt. Ich kann hier von Nutzen sein."
„Dem Himmel sei Dank! Montmorland," schrie er zu dem Kapellmeister hinüber, „so lassen Sie doch in drei Teufels Namen weiterspielen, damit die Leute sich beruhigen! Jung-Nin soll heraus und die Bestien beschwichtigen! Ist er todt, Doktor?" setzte er im Bühnenflüsterton hinzu. „Er ist nämlich wirklich ein Lord ... ich beschwöre Sie, sagen Sie, er lebe, auch wenn er todt ist . . . wir sind sonst verloren!"
„Todt ist er nicht," erklärte Gravatt, nachdem er sich über Hansel gebeugt hatte, dessen Starrheit auch ihm unheimlich erschienen war. „Möglicherweise nicht einmal schwer verletzt."
„Können wir ihn wegschaffen?"
„Ja, es ist besser, er kommt aus dem Gedränge. Faßt an und halten Sie den Körper in der jetzigen Lage, ich gehe nebenher."
„Die Thüre auf, Jim," brüllte der Direktor immer noch fassungslos. „So spielt ihnen doch auf. Wo znm Henker steckt Jung-Nin? Um Gotteswillen, wie sieht mein Hemd aus!"
Das Orchester begann zu spielen, aber Niemand achtete darauf, bis der Verwundete oder Tvdte durch eine Selten-- thür hinausgeschafft war. Man trug ihn durch einen leeren, schlecht beleuchteten Gang in ein Zimmer mit ledernen Sitzbänken längs der Wände, wo Jung-Nin in ihrer Diamantenpracht, aber mit farblosem Gesicht und Augen voll Todesangst den Zug empfing.
. „Was ist? Was ist geschehen? Ach! Es ist wirklich der Hansel? Wer . . . wer hat's gethan?"
„Der Tollhänsler, Dein Paul," sagte Kitty Bude ebenso aufgelegt. „Das hast Du nun davon, daß Du ihn herbestellt hast!"
„Das that ich nicht!"
„Er sagte, Du erwartest ihn ..."
„So wenig, wie den," erwiderte Jung-Nin, auf den Bewußtlosen deutend. „O, mir ekelt vor Allem, vor dem ganzen Leben ... ich wollte, ich wäre todt."
„Fräulein Sonetta," begann der Direktor, in Marionettenart die Hände ringend, „wenn Sie sich nur fassen wollten, wie ich. und hinausgeheu und etwas singen, damit nicht die ganze Vorstellung verknallt!"
„Fällt mir nicht ein," erklärte Nina ohne Umschweife.
„Aber Sie sind zu einer weitern Nummer verpflichtet und ich bestehe auf meinem Recht. Sie allein können . . ."
„Gehen Sie hinaus und sagen Sie den Leuten, ich sei krank, was auch wahr ist. Sagen Sie, ich singe später,
sagen Sie, was Sie mögen," rief Nina außer sich, indem sie neben dem leblosen Anbeter in die Kniee sank.
Der unglückliche Direktor schloß die Klappen seines Fracks über dem blutbespritzten Hemd und eilte auf die Bühne. Es war höchste Zeit, daß etwas geschah, denn das Publikum war außer Rand und Band; das Orchester siedelte und schlug drauf los, aber außer der Pauke drang kein Instrument durch.
„Meine Damen und Herren," begann der Direktor, nachdem die Ruhe einigermaßen hergestellt war, „Signorina Sonetta bittet um etwas Nachsicht und Geduld, sie wird sich die Ehre geben, Weiteres vorzntragen, sobald sie sich etwas erholt hat von dem Schrecken über den unerhörten Unfall, der einen Herrn aus dem Publikum . . ."
„Hansel Markingham, alte Eule," schallte es von der Gallerie herunter, wo man offenbar gut unterrichtet war.
„Ruhe! Stopft ihm das Manl," ertönte eS von anderer Seite, wo man die Ungeschicklichkeit dieses Zwischenrufs begriffen hatte.
Die Folge mar, daß man der weiteren Rede des Direktors etwas mehr Aufmerksamkeit schenkte, seiner wiederholten Zusicherung einer weiteren Nummer von Signorina Sonetta Beifall zollte und schließlich zwei Niggersänger höflich aufnahm und sich's gefallen ließ, daß sie die Pause ausfüllten, die Jung-Nin zur Erholung gegönnt werden niußte.
Lord Markingham lag indeß immer noch still und steif auf dem harten Lcdersopha, ahnungslos, daß an seiner Seite der Palhe kniete und an der andern Jung-Nin in aller ihrer Theaterherrlichkeit mit fragenden angstvoll auf ihn gehefteten Augen.
„Sind Sie ganz gewiß, daß er wieder aufwachen wird?" fragte sie hilflos aufblickend denArzt. „Es ist so gräßlich, so plötzlich . . ."
„Eine leichte Hirnerschütterung. Das Bewußtsein wird sehr bald wiederkehren."
„O wie wär' ich froh! Wie war' ich froh!"
„Hängen Sie denn so sehr an ihm, mein Fräulein?" fragte Gravatt mit seinem durchdringenden Blick.
„An ihm hängen? Nicht die Spur!" erklärte Nina mit ihrer gewohnten Bestimmtheit.
„So . . . und weiß er das?"
„Wenn er's nicht weiß, so kann ich nichts dafür. Gesagt Hab' ich's ihm oft genug, aber er wollte es ja nicht glauben, der arme Hansel! Diese starren Augen sind gräßlich . . . kommt er denn noch nicht zu sich?"
„Es dauert nicht mehr lang, der Puls ist schon lebhafter."
„O dann ist Alles gut," sagte Nin, erleichtert aufstehend und zu ihrer Schwester tretend. „Nicht wahr, Kitty, wenn . . . wenn cs schlimm gegangen, wäre, hätten sie Paul als Mörder verklagt?"
„Da wäre ihm nur recht geschehen, diesem . .
„Nichts gegen ihn, Kitty . . . heut' kann ich nichts hören, auch nicht von Dir ... ich allein bin ja an Allem schuldig."
Nin verließ das Künstlerzimmer. Die Augen mit ihrem Spitzentüchlein betupfend, stand sie zwischen den Coulisscn und starrte aus der Dunkelheit auf die grefl beleuchtete Bühne, wo zwei arme Teufel im Schiveiß ihre's Angesichts das gänzlich beruhigte Publikum bclustigteu.
„Was soll jetzt aus mir werden?" fragte sich Jung-Nin.
XIII.
Lord Markinghams Rückkehr znm Bewußtsein seiner traurigen Persönlichkeit ließ auf sich warten, bis alle Genüsse der Vorstellung vorüber waren. Auf die Niggersänger war richtig Jung-Nins zweite Nummer gefolgt und mit noch stürmischerem Jubel, wahrer Herzenswärme ausgenommen worden. Sic that auch ihre Schuldigkeit, daß es zum Erstaunen war und daß kein Mensch ihr die Möglichkeit eines bekümmerten Herzens zugctrant hätte. Als sie nach endlosen Verbeugungen abging, fand sie den Doktor Gravatt hinter der Coulisse sie erwartend. Es war für sie nichts Ungewöhnliches, unbekannte Herren ans der großen Welt am Theatereingang, im Künstlerzimmer, zwischen den Coulissen vorznfinden, aber dieser hochgewachsene, vornehme alte Herr, der ihr so ernst und gespannt entgegensah, setzte sie doch in Erstaunen. Sollte er auch zu den alten Narren gehören, die der Volksmund mit Recht als die schlimmsten bezeichnet? Er hätte sich um seinen Kranken zu kümmern, nicht um sie . . meinte er etwa, hier im Vorübergehen ein angenehmes Abenteuer mitnehmen zu können?
Der alte Geck! Wenn sie's recht überlegte, war es schon sehr unverschämt gewesen, daß er sie gefragt hatte, ob sie an Hansel hänge? Was ging ihn das an! Seine Sache war's, den Kranken zum Bewußtsein zu bringen und den ließ er liegen, um ihr hinter den Coulissen aufzulauern. Zu anderer Zeit und unter andern Verhältnissen würde sie diese männliche Schwachheit herzlich belacht haben, aber jetzt war sie gereizt und sehr geneigt, sich mehr in Kittys als in Jung-Nins Stil zu äußern. Gravatt trab zur Seite; er halte nicht die Absicht, sie anzureden, aber Nin hatte die Absicht, ihm den Standpunkt klar zu machen, wie man in der Van-Dykstraße mit Vorliebe sagte.
„Geht's Lord Markingham besser?" fragte sie.
„Er ist immer noch bewußtlos."
„Weshalb bleiben Sie dann nicht bei ihm?" fragte sie scharf, ja ungezogen. „Sie sollen bezahlt werden, gut bezahlt, aber nicht fürs Herumstehen in den Coulissen!"
„Der Kranke wird nicht vernachlässigt." versetzte Gravatt artig. „Ihr Fräulein Schwester ist bei ihm."
„Ein netter Ersatz für den Doktor! Sie haben bei ihm zu bleiben, bis er anfivacht. und bis mir Jemand holen lassen, der mehr von der Sache versteht als Sie."
Gravatt war verblüfft. Dieser rohe ungehobelte stimmte schlecht zu dem Gesicht, das wohl r ' aber auch echte Weiblichkeit, wenn ihn nicht ganz täuschte. Hatte der Erfolg erwcrb, von dem die Schwester so ger Geschöpf schon verdorben, nicht nur auch ungezogen gemacht? Nun, es sein und wie konnte er im Dnnstk" einen höheren Maßstab anlegen? T mild aufzutreten und möglichst tiefen war er doch Hansels und Lord . armen alten ©bi, der das Schlafen ve Thorheit der eigenen Jugend vergessen
„Ich glaube, diesen, Fall doch gewach lein Sonetta," versetzte er deshalb ruhig, kein anderer Arzt mehr für meinen könnte."
(Fortsetzung folgt.)
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