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1. Beilage Mm Wiesliaüener Tagdlatt.

Wo. 366. Morgen-Ansgabs. Donnerstag, den 9. Augnst.

(13. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Jung-Kiir.

Roma» von A. ZS. Itovinson.

„Ja, ja, sie wäre auch kein übler Fang jet*.," bemerkte Kitty höhnisch. „Sie verdient so viel, daß Du die Klavier­stunden an den Nagel hängen könntest!"

„Ich brauche ihr Geld nicht, ich werde selbst reich werden und berühmt ... das weiß ich. Und ich liebe sie . . . wahnsinnig, daß ich mein Seelenheil für sie hingäbe . . . sag', Kitty, weshalb willst Du denn nie ein gutes Wort für mich entlegen?"

„Warum sollte ich?"

„Du thust's nicht, weil Du sie an den halb blödsinnigen Markingham verschachern willst ... das ist Dein Plan!"

„Jedenfalls wäre mit dem anszukommen, mit einem wilden Thiere wie Du nicht."

„O doch!" ries er leidenschaftlich. „Sie könnte mich zähmen, ich würde ihr Sklave sein . . - und sie liebt mich ja doch! Ich verlange nur, daß sie auf mich wartet, dann will ich arbeiten, arbeiten, wie noch kein Mensch gearbeitet hat. Du verstehst mich nicht ... sie auch nicht . . . aber sie hat mich doch lieb."

„Hatte, wollen wir sagen; Nin ist jetzt ein viel zu ver­ständiges Mädchen, um ihre Zukunft an einen solchen Feuerteufel zu knüpfen. Laß Dir's gesagt sein, Paul, geh' wieder in Deine Heimath und verwinde die Geschichte."

„Das werde ich nie, nie, nie . . . hörst Du?" rief er mit unheimlich funkelnden Angen.

„Taub bin ich nicht, aber ich sage Dir, daß ich sie nicht zu Tod quälen lasse. Um Dir das klar zu machen, bin ich hier."

„Auf ihr Geheiß?"

„N . . . nein, nicht eigentlich . . ."

„O, ich danke Dir, ich danke Dir! Ich wußt' es ja . .. sie wendet sich nicht gegen mich!"

„Sei so gut und schreie nicht so abscheulich! Das ganze Orchester kennt Dich und weiß, von wem Du sprichst. . ."

„Mir höchst glcichgiltig!"

„Aber mir nicht. Nin braucht nicht lächerlich zu werden, nur weil Du Dich nicht anständig benehmen kannst!"

„Frau Bude! Ich bin ein polnischer Edelmann!"

„Dann halte Deinen adeligen polnischen Mund!"

„Und meine polnischen Augen will ich offen halten! Da sieh nur hin, da ist er ja, der Tölpel, der sie um seiner Familie willen aufgicbt, der verfluchte Kerl, der ..."

„Ruhe!" zischte eine Stimme in nächster Nähe, der sich verschiedene andere anschlossen.

Doktor Gravatt hatte das Gespräch größtentheils ver­standen. Der Komiker, der auf die Trapezkünstler gefolgt war, fesselte ihn gar nicht, um so mehr der dunkelhaarige junge Mann mit den flammenden Angen und der beinah' orangefarbenen Haut, der Jung-Nin so glühend liebte. Gravatt fragte sich, ob es für Lord Kane nicht lohnend sein könnte, dieser Jung-Nin eine Heirath mit dem polnischen Brausekopf begchrenSwerth zu machen? Hübscher war er jedenfalls, als der wasserköpfige junge Mann, der, die Rad­fahrerkappe tief im Nacken, mit den vorstehenden Stachel­beeraugen seitwärts vom Orchester stand. „Armer Hansel ! Bis über die Ohren verliebt fein und so unglaublich eselhaft aussehenl" mußte sein Pathe denken.

Wo konnte er nur das Riesenbouquet herhaben, das er krampfhaft in der plumpen rothen Faust hielt? Aus Lord

Kanes Gewächshäusern in Datchington? Schwerlich, denn auf dem Fahrrad hätte es ihn doch sehr belästigen müssen und die langen weißen Bandschleifen wären zum mindesten staubig geworden. Jedenfalls telegraphisch in der Regrnt- straße bestellt, wie sein Pathe scharfsinnig errieth! Was für eine Narrheit und was für eine Liebe? Was war nun dagegen zu machen? Wer hat in solchen Fällen Macht und Weisheit genug, die Flamme zu ersticken, die den Ruf der Frau und sogar die Ehre des Mannes verzehrt? Der berühmte Arzt wenigstens gab sich der Selbsttäuschung über die Macht seiner Kunst in diesem „Fall" hin!

XII.

Der Komiker hatte zwar nur sehr flauen Beifall geerntet, darin aber doch eine Aufforderung zur Wiederkehr erblickt. Er ließ dem ersten Couplet ein zweites und sogar drittes folgen, bis das Publikum die abgeschmackten Zwei­deutigkeiten so gründlich satt hatte, daß lautes Murren hörbar wurde, da und dort sogar ein schriller Pfiff, der den Kapellmeister zu besorgter Umschau veranlaßte. Dem jämmerlichen Gesellen geschah damit bitteres Unrecht, denn es war nicht Selbstüberschätzung, die ihn auf der Bühne festhielt, sondern Pflichterfüllung. Jung-Nin mar eben erst vorgefahrcn, und sie mußte Zeit haben, sich umzukleiden, und er sollte die Pause auSfüllen. Die Aufgabe war nicht nur undankbar, sondern peinlich, denn das Lachen und Sprechen im Publikum nahm von Sekunde zu Sekunde z», statt ihn zu unterstützen, verständigte sich der Kapellmeister durchs Sprachrohr mit dem Regisseur und von der Gallerte ertönten Rathschläge wie: „Maul halten!" und: „Zum Teufel gehen!" Dazwischen sehnsüchtige und stürmische Rufe nach „Jung-Nin." Der Komiker stand muthig da und plärrte eintönig seinen Blödsinn herunter, bis er endlich in die Coulisse flüchtete, mit heiler Haut zwar, aber von einem Hagel von Verwünschungen verfolgt. Sogar Doktor Gravatts vornehme Lippen halten ihr Theil dazu bcigesteuert.

Und jetzt betrat sie unter jubelnden Orchesterklängen die Bühne. Schön und anmuthig, in einem von Diamanten funkelnden Kleid kam sie vor, keineswegs überwältigt von dem rauschenden Empfang, der einem siegreichen Fcld- marschall hätte genügen können, sondern selbstbewußt, mit einem sonnigen Lächeln hinnehmend, was sie unbedingt zu verdienen glaubte. .

Doktor Gravatt war bei ihrem ersten Anblick förmlich zusammengeschreckt. Ja, sie war schön, anmuthig und jung, nicht der übliche Tingeltangelstern, der aus Schminke und Gemeinheit zusammengesetzt ist. Ein junges Geschöpf, das weit über seine Sphäre emporragte, daß Vätern und Müttern wohl unheimlich sein konnte. Wenn sie bcrcchuend und kaltherzig war, sagte sich der Doktor, so konnte sie einen Hansel wohl zum Narren haben und machen; wenn sie ihn zu bevorzugen schien, so mar's kein Wunder, daß dieser gluthäugige Pole vor Wnth schäumte und nicht ohne Kampf dem Aristokraten weichen wollte. Bei Gott, er konnte sich einer Zeit erinnern, und sie lag noch nicht gar so weit hinter ihm, wo er selbst um sie gekämpft haben würde, wenn sie ihn begünstigt und mit Liebesbiicken an­gesehen hätte und wäre es auch nur die gespielte Liebe einer Tänzerin gewesen!

Die Chansonette, die sie vortrug, war sinnlos und schlecht gemacht, aber das Publikum lauschte ihr in wahrer Verzückung. Der gewandte Vortrag, die reizende Mimik, die vornehme Anmuth der Tanzbewegungen zwischen den einzelnen Versen, hätte ein noch schlechteres Machwerk retten

48. Jahrgang. 1906.

müssen und verhalf auch dem dichterisch und musikalisch gleich stüniperhaften Fabrikat zu glänzendem Erfolg.

„Das ist Ruhm!" philosophirte der Arzt, als beim Schluß des Liedes das Theater von Beifallklatschen, Jauchzen und Stampfen erzitterte, „ein vergänglicher freilich, aber für solch ein Mädchen lebens- und strebenswerthl Was wäre aus dem ungebildeten Kinde in armseligen Ver­hältnissen geworden ohne dies Talent? Eine Fabrik­arbeiterin oder eine Dirne! Und doch . . . sind die Gefahren dieser Laufbahn nicht vielleicht noch größer. . . .?"

Weiter kam Gravatt nicht in seinen Betrachtungen. Der Paul genannte junge Mann neben Kitty hatte ein Wuthgebrüll ausgestoßen, mit einem gellenden Schrei war er aufgesprungen, um den Mittelgang gestürzt, wo er einem Aufwärter ein Brett mit Gläsern und Zündholzschachteln klirrend zu Boden warf und raste jetzt auf Lord Markingham los, der seinen Riesenstrauß glücklich auf die Bühne gewälzt hatte und mit vor Anstrengung geröthetem Gesicht seitwärts vom Orchester neben dem Theaterunternehmer stand.

Nin hatte das Wagenrad lachend aufgehoben und dem Spender zugenickt, ohne Ueberraschung über die Gabe oder sein Hiersein zu verrathcn, und war mit einem letzten Gruß an das Publikum schon in der Coulisse verschwunden, als der Pole mit geballten Fäusten auf Markingham los fuhr, daß dieser zurückprallend zwei ältlichen Damen auf den Schoß sank, wo der rasende Angreifer über ihn herpurzelte und loszndreschen' anfing.

„Ich hab's Ihnen gesagt, Lord Markingham, daß ich Sie umbringen werde, wenn Sie es wagen, noch einmal hierher zu kommen," keuchte der Pole, der zuerst wieder auf die Füße zu stehen kam. „Stehen Sie ans, daß ich Sie an Ihrer Schnrkcngurgel fassen kann und Ihnen den Hals umdrehen, Sie wortbrüchiger Bube, der geschworen hat, sie nicht mehr zu belästigen, Sie . . ."

Der weitere Strom von Schimpfreden wurde von dem allgemeinen Durcheinander verschlungen. Das ganze Haus war in Bewegung, man stieg auf die Sitze, auch auf die Plnschsitze zu zwei ein halb Schilling, handfeste Hausknechte, die das „Hinansschmeißen" als Beruf besorgten, bahnten sich ihren Weg zum Kampfplatz, die Frauen kreischten, die Orchestermitglieder spielten nicht weiter, sondern gafften, der Direktor im Gesellschaftsanzug, der mit Markinghams Blut befleckt war, erlheilte Befehle, die Niemand verstand.

Hans war aus beinffrmen der bestürzten Damen schwer­fällig zu Boden gerutscht und lag da wie ein Todter.

„Ich kenne Sie, Rapella!" rief der Direktor, „und ich sage Ihnen, dieses Abends Arbeit wird Sie theuer zu stehen kommen!"

„Schurke! Wer sind Sie? Wer . . ."

Aber jetzt hatten die kräftigen Fäuste der Paradieses­hüter Rapella erfaßt; es gab ein Zerren und Schlucken, von den Logen und Sperrsitzen stürzte Alles hinaus in die Gänge, der Zug mälzte sich durch die Schwingthüre in die Vorhalle und schließlich stand Rapella auf der nassen Straße. Sein Rock hing in Fetzen an ihm herunter, der Hut war ihm eingetrieben und verdeckte die Augen, seine Uhr und Kette waren spurlos verschwunden.

Drinnen folgte ein Sensationsstück dem anderen. Eine der würdigen Damen, die so ungerechter Weise zum Kampf­platz ansrrsehen worden waren, hatte Schreikrämpfe bekommen und mußte gleich deni Urheber ihrer Roth hinausbefördert werden, Lord Markingham aber lag mit einer häßlichen Quetschung quer über die Nasenwurzel immer noch starr und steif.

(Fortsetzung folgt.)

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