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U». 361. Al>-i>>-A»sgal--. M-otag, »tu 6. August. _48. Jahrgang. I960.

Dein Thun zeuge von keinem Temperament, sondern von einem Charakter. Steiger.

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(54. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Des Nächsten Weid.

Roman von Georg Engel.

Und er lachte. Aber dieses Lachen klang hohl und ge­zwungen.Wenn Dich nun doch ein Teufel genarrt hätte," sprach die innere Stimme zu ihm,und Dein künftiges Weib wäre^eine kokette Zierpuppe? Was hat sie für Dich gethan? Ist sie zu Dir geeilt, als Du dem Tode bereits verfallen warst? Hat sie sich zu Dir bekannt und die Nächte für Dich gewacht? Nein, das,thal zufällig die Andere. Aber was verschlägt das, Du liebst sie ja, Du begehrst ja nach diesem herrlichen, stolzen Körper, oder sollte es Dich vielleicht nur gereizt haben, die Tochter Deines bittersten Feindes zu erobern? Bewegt sich Deine Natur nicht oft in solchen Kontrasten?

Teufel! Johann, geben Sie den Pferden die Peitsche, die Kreaturen haben in der langen Ruhe das Laufen ver­lernt vorwärts!!

Der Kapitän hatte sich aufgerichtet und blickte ungeduldig in die blaue Ferne hinein:

Noch schneller, es ist, wie wenn die Schnecken liefen."

Allmählich tauchte das Fischerdorf Föhren auf, im Galopp ging es durch die ungepflasterten Gassen an den Mauern der Werft vorüber. Und weiter ging's, nur noch einmal warf der Kapitän einen langen, forschenden Blick auf sein Besitzthum zurück. Da stutzte er plötzlich. Vor dem letzten, einsam liegenden Häuschen stand die alte Mutter Hessel und pflanzte sich erstaunt vor dem eleganten Geführt auf.

Ach, Herr Baroning," brachte sie in ihrer gewöhnlichen, mittheilsamen Weise hervor,wo freue ich mich, dass der Herr Baron wieder gut zu Wege sind, wir haben ümmer gedacht, der junge Herr müsse sterben, als er so blassing auf der Bahr gelegen. Na, da is ja Alles wieder schön. Ach, aber was haben der Herr Baron zu uns' armen Döchting gesagt?" rief sie plötzlich händeringend.

Was is ihr denn geschehen?" fragte Holstein ver­wundert.

Ach, sehr stimm," klagte die Mutter.In die ganze Woch is sie vergnügt, wie nie, aber dann unverhofft, fast ümmer Abends, wenn der Mond scheint, da läuft sie ans die Dünen, kuckt ganz stur und starr auf das Wasser, un denn" Mutter Hessel schluchzte.

Nun?" forschte der Kapitän, aufs Aeußerste betroffen.

Denn spricht sie lauter malles Zeug," klagte die Frau.

.Haben Sie schon den Doktor hier gehabt?"

Nein, sie will ihn nich haben," antwortete Herthas Mutter und fuhr mit der Schürze über ihre Augen.Aber schicken Sie ihm doch bald zu uns heraus, damit er sie kuriren kann, bevor der Vater von seine Gesandtschaft aus Berlin zurück is."

Der Kapitän reichte der Frau die Hand.Mein Wort darauf, mein Freund ist heute noch bei Ihnen."

Vorwärts," rief er dann dem Kutscher zu.

In erneuter Hast ging es weiter, die Pferde wieherten und schnaubten in den Morgen hinein, und der Kapitän lauschte auf das gleichmäßige Aufschlagen der Hufe.

So kamen sie nach Dangerow, und der Kapitän sprang vom Wagen und näherte sich dem Parke von der Nnck- seite aus.

Ans die Wiese, über welche er dahinschritt, warf die Sonne ein goldgrünes Licht, Schmetterlinge taumelten von Blume zu Blume, und von Zeit zu Zeit trat der Wanderer

ans ein dunkelbraunes, frisches Erdhäufchen, aus welchem der geschäftige Maulwurf nächtlicher Weile zum Himmel auf- geblinzelt hatte.

In einiger Entfernung wandelten ein paar grasende Kühe.

Aber Holstein achtete nicht auf die anmuthige Umgebung, sondern spähte unverwandt nach dem Saume des ParkcS, als hoffe er das Helle Gewand Sylvias dort hervorschimmern zu sehen.

Erwartete sie ihn vielleicht in der Nähe des Schlosses, oder war er gar nur hierhergelockt, uni dem Landrath ein Schauspiel anfznführen?

Unmmhig verdoppelte er seine Schritte und eilte unauf­haltsam vorwärts. Ohne es zu bemerken, war er so auf einen wohlgepflegten, schmalen Lanbgang gcralhen, der in einiger Entfernung in einen größeren einmündete. Hier stutzte er zum ersten Mal und blieb stehen.

Eine helle Stininie tönte zu ihm herüber und gleich­zeitig schimmerte etwas Weißes durch die Zweige. Sylvin!

Jedoch sie saß nicht allein auf jener einsamen Bank; wer war es nur, mit dem sie so heiter sprach, während sie den von schwerer Krankheit genesenen Geliebten erwartete?

Der Kapitän schwankte einen Augenblick, ob er lauschen solle, jedoch ein unbestimmtes Mißtrauen trieb ihn tiefer in das Gehölz, und so schlich er über die knackenden Zweige näher.

Ohne eine Ahnung von der Nähe des Erwarteten lehnte die reizende Gestalt der jungen Aristokratin auf der Bank und schien eifrig der Unterhaltung eines jungen Kürassiers, der neben ihr saß, zu lauschen.

Blitz! ist das nicht mein melancholischer Prinz?" dachte der Kapitän verstimmt und biß sich auf die Lippen,was will der Bursche hier?"

In dem Gespräch der Beiden war eine Panse eiugetreleu. Sylvia spielte mit dem Griff ihres Sonnenschirmes, nnd wenn sich der Kapitän nicht täuschte, so sandle sie jetzt oft ängstliche Blicke auf das umliegende Gebüsch. Doch ihre Erwartung mußte sich nicht erfüllen, denn sie wandte sich endlich wieder zu ihrem Gefährten, und während sie mit dem Schirm allerlei Figuren in den Sand zeichnete, fragte sie plötzlich mit scheinbarer Lässigkeit:

Wie geht es denn Ihrem guten Freunde in der Stadt?"

Offenbar wurde der junge Offizier durch diese Frage zu größerem Ernst gestimmt, ja, der Lauscher nahm wahr, wie sich sein offenes Gesicht allniählich verdüsterte, bevor er aus­weichend zur Antwort gab:

Wenn Sie den Baron Holstein meinen, gnädiges Fräulein, so habe ich leider nicht genügenden Anspruch darauf, um mich wirklich seinen Freund nennen zu dürfen, so gern ich es auch möchte. Die Freundschaft dieses Mannes ist nicht so leichl zu gewinnen. Jedoch, wenn ich seine Natur nur einigermaßen kenne, so glaube ich, daß er nach seiner Genesung trüben Tagen entgegengeht."

Sylvia wagte nicht, das Haupt zu erheben, erst nach einiger Zeit warf sie mit erzwungener Unbefangenheit hin: Woraus schließen Sie das, Hoheit? Darf man über Ihren interessanten Freund nicht mehr erfahren?"

Der Offizier maß die erzitternde Gestalt mit einem langen Blick.

DaS ganze Leben dieses Mannes," sagte er dann ruhig, war, so viel ich hörte, bis jetzt ein leidenschaftliches Auf­bäumen gegen ein mächtiges Vorurtheil, das er zu vernichten strebte. Dieses Vorurtheil ist leider nach dem Ansgang des unseligen Duells noch gewachsen nnd thürnit sich ihm immer mehr als nnübcrsteigbarer Wall entgegen. Es ist fast lächerlich, die Erbitterung gegen einen Alaun zu beobachten, der weiter nichts gethan hat, als sich um seine Existenz zu wehren. Aber ich fürchte, diese Lächerlichkeiten werden die schöpferische Natur des Angegriffenen allmählich mürbe machen. Und was wird das Ende sein? Es ist ja so alltäglich, was sich hier abspielt. Die Masse erdrückt den Einzelnen, die

Heerde tödlet den Eindringling, und das Letzte ist das Triumphgebrüll der Sieger!"

Der Prinz stückte und spähte aufmerksam ans das ihm gegenüber liegende Gebüsch.

Die Blätter begannen dort so seltsam zu rauschen, die Aeste krachten und neigten sich gegeneinander, es war, wie wenn sich eine menschliche Gestalt hastig hindurchgedrängt hätte.

Dem jungen Offizier wollte eben die Lust anwandeln, sich hiervon zu überzeugen, als das schöne Mädchen neben ihm ihr blasses Haupt erhob und mit bebender Stimme fragte:

Und es giebt keine Rettung mehr für Ihren Freund?"

Soviel verborgene Seelenangst klang aus dieser Frage heraus, daß der feinfühlende Mann sich betroffen abwandte.

Sollte ihn seine erste Ahnung also doch nicht betrogen haben?

Sie scheinen Interesse an dem Bedaucrnswerthen zu nehmen," sagte er gepreßt, während er den unstäten Blick seiner Gefährtin zu vermeiden suchte,aber ich möchte Sie fast davor warnen. Das Geschick, welches diesen Mann überall in der Welt nmhcrwarf, hat selbstverständlich auch einen außerordentlichen Charakter aus ihm geschaffen. Ursprünglich groß und edel veranlagt, wie ich glaube, mußte ihm der ewige Kampf nothwendig einen grausamen Egoismus cinpflanzen. Die beständige Nothwehr konnte aus ihm nur einen erbarmungslosen Kriegsmann schaffe», der leichtfertig mit Allem umspringt, was Anderen heilig ist, der alle seine Fähigkeiten nur auf das Vorwärtsdrängen und Nieder­werfen verwendet, nnd der seine Nächsten im Stich läßt, sobald sie ihm beim Marsche hinderlich sind!"

Der Prinz schwieg nnd gab sich ganz den Bildern hin, die er soeben entrollt hatte, während Sylvia wortlos neben ihm saß. Sie schüttelte das Haupt, aber in ihrer Seele tönten die letzten Worte unaufhörlich nach:Nichts ist ihm heilig, dem Erbarmungslosen," dachte sie schmerzlich.Er erobert und. läßt seinen Nächsten im Stich."

Und wieder tauchte das entsetzliche Bild des Kranken­zimmers vor ihr auf, in ivelchem sie jenes fremde Weib auf sein Lager hingestrcckt gefunden hatte, das Haar aufgelöst, und die Arme fast um den Hals des Schlafenden geschlungen.

Ein Schauer übcrlicf die schlanke Gestalt, der Gedanke, von dem Manne, dem sie Liebe gestanden, betrogen zu sein, quälte sie, wie ein innerlich zehrendes Feuer.

Da tönte voni nahen Schloßhof Wagengerassel herüber, und wenige Minuten später erschien ein Diener, welcher meldete, daß der Landrath aus der Stadt znrückgekehrt sei und den Prinzen zu sprechen wünsche. Mit einem respekt­vollen Handkuß verabschiedete sich der Offizier von der Schloß­herrin, und kaum war seine hohe Gestalt unter den Bäumen verschwunden, da sank Sylvias Haupt auf die Lehne der Bank und aus ihrer Brust drang ein tiefer, leidenschaftlicher Seufzer!

Galt dieser Schmerzenslant dem, der ihr so nahe weilte?

Guten Morgen," sprach eine harte, metallische Stimme dicht vor ihr.

So unverhofft kam ihr dieser Gruß, daß die Träumende anfsprang nnd den Kapitän sprachlos anstarrte.

War das derselbe, den ihre Gedanken noch eben so ruhe­los umflattert hatten?

Sylvia faßte sich an die Stirn und schloß einen Moment die Augen. Seit Wochen hatte sie ja diesen Augenblick herbeigesehnt, und jetzt, da ihr Verlobter vor ihr stand, kam er ihr fremd vor, als wäre er nicht derselbe, den sic ans dem Wall so wild geküßt hatte. Nein, das konnte die Krankheit nicht beivirkt haben, diese finsteren Augen blickten nicht liebe­voll auf sie herab.

Und scheu richtete sie sich ans und flüsterte stockend:

Du sichst noch recht leidend aus."

(Fortsetzung folgt.)

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