. SeUllge nun Mesbaüener (tnnbtntt.
Ks. 360. Morgen-Ausgabe«
Sonntag, den 3. August.
48. Jahrgang. 1900.
(10. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Iuug-Uin.
, Roman von A. W. Iiovinson.
„Er hat sich in letzter Zeit nirgends blicken lassen."
„Nicht einmal im Variete?"
„Nickst einmal im Variete," gab Lord Whitethalch so kurz und schnippisch zur Antwort, daß den Andern die Lust verging, Weiteres über Hans Vicomte Markingham zu erfragen.
Man hatte offenbar einen wunden Punkt berührt und ließ einen Gegenstand fallen, der mit einer Stelle hinter Lord Whitethatchs tadelloser Hemdenbrust in unliebsamem Zusammenhang stehen mußte. Die Muthmaßung des jugendlichen Tisches war indessen richtig. Lord Kane und Doktor Gravatt sprachen von nichts Anderem als von Hansel, sie waren eigens seinetwegen zusammengekommen, und nun das Essen vorüber war, setzten sie ihn auf die Tagesordnung.
„Du sagst mir, Du wissest nicht, was beginnen!" sagte der Arzt, die Hände ausstreckend wie zur Abwehr einer solch empörenden Möglichkeit. „Du, der Mann, der die verworrensten Fäden des Staats entwirrt, der Englands Ehre in Händen gehalten hat!"
„Die des Hauses Kane halle ich nicht in Händen," ) warf der Freund trocken hin.
I „Wo ist der Junge jetzt?"
„Noch immer in Datchington. Er will nicht nach London, will nicht auf die Jagd, nicht schreiben, nicht lesen, nicht sprechen, ehrlich gesagt, Georg, er macht mir Sorgen."
„Scheint so. Ich will doch hinuuterfahrcu und nach ihm sehen."
' „Das wäre sehr freundlich von Dir!"
„Du brauchst wirklich nicht den Kvpf hängen zu lassen, Eduard, das ist ein ganz gewöhnliches Uebel."
„Was?" fragte Lord Kane, sichtlich betroffen, daß etwas . „ganz Gewöhnliches", und wäre es auch eine Krankheit, im Hause Kane Vorkommen könne.
„Unter all den jungen Sproßen blauen Bluts herrscht die Neigung, über die Stränge zu schlagen. Sie habeu's ja recht schön in ihrem Park, aber jenseits des Zauns giebt's noch herrlichere Dinge, Theater, Cirkus, Tingeltangel und so weiter." .
„Freilich."
„Du wirst die kleine Schauspielerin vom Gymnase in Paris und den Schrecken, den Du Deiner Sippschaft eingejagt hast, doch nicht ganz vergessen haben?"
„Ach!" — der leise Seufzer klang eigenthümlich — „Aber ich wußte, wann's an der Zeit war, mich zu fassen."
„Und Dein Sohn weiß es nicht?"
. „Nein."
„Und wird's auch nicht cinseheu lernen?"
' „Niemals."
„Du hast jedenfalls das Kcogste gethan, was zu thun war, Eduard, hast den gestrengen Papa bewunderungswürdig gespielt. Jetzt muß Hans die Geschichte mit sich selbst und Mit der Zeit ausfcchten."
„Möglich, daß die Zeit siegt, aber . . ."
„Aber?" wiederholte Doktor Gravatt fragend.
„Vielleicht wird er drüber blödsinnig?"
„So schlimm siehst Du die Sache an? Ist er denn derart behext!"
» - Lord Kaue zuckte die Achseln.
„Er muß Verkehr haben," erklärte Doktor Gravatt. „Du
mußt Dein Einsiedlerleben aufgeben, auch wcnn's Dir ein großes Opfer ist, mußt Gäste bei Dir sehen, Frauen und Mädchen aus der Gesellschaft, er darf sich nicht verkriechen."
„Wird schwer sein, ihn auzulocken, er ist so eigensinnig, wie . . ."
„Wie sein Vater in jungen Jahren war."
„Möglich," gab Lord Kaue zu, „aber ich hatte die nöthige Kraft; er ist ein Schwächling."
„Wie alt ist er genau ... als Pathe sollt' ich's freilich wissen?"
„Vierundzwanzig wird er demnächst."
„Unbequem!" überlegte der Freund. „Wenn er erst neunzehn wäre, könnte man ihn einschüchtern, überzeugen oder einfach mit ihm verreisen, daß er sein zweifelhaftes Frauenzimmer . . ."
„Verzeih', aber das ist sie nicht," fiel ihm Lord Kane mit einer Schärfe ins Wort, daß der Doktor verwundert aufschaute. „Du darfst Dich nicht der Täuschung hingeben, daß diese Nina Sonetta, sie heißt übrigens Pickerson, eine leichtfertige Person sei. Keine Dame der Welt hätte sich würdiger benehmen und ehrenhafter handeln können, als sie es bei meinem Besuch that."
„Bei Deinem Besuch?"
„Das ist ja die Geschichte, die ich Dir erzählen will."
„Im Rauchzimmer?"
„Nein, hier, Deine Cigarre kommt später dran. Wir trinken den Kaffee hier."
„So, wenn ich aber ein großes Vedürfniß habe, zu rauchen?"
„Eine schädliche Gewohnheit, die ich mir nie gestattet habe," bemerkte Lord Kane vorwurfsvoll.
„Ich weiß, dafür rennst Du zur Nachtzeit in der Welt herum, wie ein Schakal, der auf Raub ausgcht. Rechnest Du das zu den seltsamen Gewohnheiten?"
„Nein, aber zu den Folgen eines furchtbaren Leidens, gegen die ein großer Doktor wie Du nicht einmal ein Mittel hat/
„Weil ich nicht verhüten kann, daß Dein Sohn Dir den Schlaf raubt."
„In letzter Zeit ja. Wenn er nun sterben würde, Georg, was dann?"
„An der Liebe stirbt man nicht, wie kommst Du auf diesen unheimlichen Gedanken?"
„Seit drei Wochen verfolgt er mich und ich kann ihn nicht abschütteln," gestand Lord Kane seufzend. „Wenn Gut und Titel an meinen Geizhals von Bruder übergingen und nach ihm an seinen Sohn . . . stell' Dir das vor!"
„Das will ich mir gar nicht vorstellen, aber Deine Geschichte möchte ich hören."
In noch gedämpfterem Ton, als er bisher gesprochen hatte, berichtete Lord Kane über seinen Besuch in der Van- Dykstraße, und der Freund hörte ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu, wobei hie und da ein heimliches Lächeln um seine Mnitdwinkel zuckte.
„Wie erklärst Du Dir's," sagte Doktor Gravatt, nachdem er alle Einzelheiten vernommen hatte, „daß Deine Macht über Hans immerhin noch stark genug ist, ihn voir ihr fernzuhalten?"
„Meine Macht ist's nicht, aber die ihrige," versetzte Lord Kane. „Sie hat ihm verboten, sich ihr zu nähern ... er zeigte mir den Brief . . . und ihr Gebot wagt er nicht zu übertreten."
Die beiden Herren waren aufgestanden und in die große Vorhalle getreten. Auf der untersten Stufe der breiten
Treppe blieb Doktor Gravatt stehen und brach in ein herzliches Gelächter aus, das dem bekümmerten Freund fast verletzend klang.
„Eduard, Du mußt mir dieses Wunderthierchen zeigen!"
„Was?"
„Aus angemessener Entfernung, versteht sich. Laß uns unsere Cigarren im Variete-Theater rauchen, statt hier! Zwei alte Knaben dürfen sich doch einmal einen tollen Streich gönnen ... ich bin gar zu neugierig auf diese Schwestern Sonetta."
Lord Kane zog die Stirn kraus; der Einfall wollte ihm nicht behagen.
„Ich bin meiner Lebtage in keinem Tingeltangel gewesen," warf er hin.
„Aber ich!"
„Im Variete-Theater treffen wir Bekannte, es ist ja . . . Gott erbarme sich des Zeitgeschmacks ... ein Sammelplatz der Gesellschaft."
„Dann wird sich schon noch ein minder hoffähiges Lokal finden, wo diese Damen auftreten, meist wechseln sie ja ab. Wir wollen einmal in der Zeitung Nachsehen."
„Ich ... ich möchte lieber nicht hingehcn, Georg."
„Unsinn! Die Zerstreuung, das Ungewohnte, werden Dir wohl thun. Du wirst auf diesen Kunstgenuß prächtig schlafen."
„Schlafen? Ja, das ist mindestens einen Versuch werth."
X.
Eine gewissenhafte Durchsicht der Zeitungen im Lesezimmer verschaffte den unternehmungslustigen Herren die Gewißheit, daß „die Schwestern Sonetta" nur im Variete- Thealer auftraten, aber daß Nina Sonetta, „Jung-Nin" hieß es in Klammern, allein in verschiedenen Singspielhallen gastire, worunter die im Süden der Stadt gelegene „Regenbogenhalle" Doktor Gravatt in die Augen stach.
„Wagen wir uns dorthin, Eduard," erklärte er.
Lord Kane lächelte etwas ingrimmig, erhob aber keine weitere Einsprache. Es war ihm unbehaglich bei der Sache, der Einfall seines Freundes sagte ihm zu, und doch ärgerte er sich über sein eigenes Widerstreben.
„Bist Du sicher, daß wir dort nicht erkannt werden?"
„Von wem denn? Wir gehen ans einen billigen Platz, verhalten uns ruhig und bewundern „Jung-Nin" in aller ihrer Herrlichkeit."
„Wozn?"
„Wird sich zeigen. Spielen wir einmal den Kalif von Bagdad ... ich sage Dir, Eduard, mir wässert der Mund nach diesem Abenteuer!"
„Du haltest immer einen Hang fürs Abenteuerliche!"
„Freilich, weißt Du noch . . ."
Damit zog er die Schleusen der Erinnerung aus sorglosen Jugendtageu auf und bald durfte er Lord Kane herzlich lachen hören, die sonnigere Natur des Freundes hatte wie gewöhnlich, wenn sie zusammen waren, seinen Trübsinn überwunden. Wie farbenreich war doch ihr Leben gewesen, sie Beide wie voll von Geist, Fähigkeiten und wie begünstigt vom Gluck, jeder von ihnen seine Umgebung überragend!
„Du bekommst mir sehr gut, Georg," gab Lord Kane zu, als sie jetzt in einer Droschke dem „Regenbogen" nach- jagteu. „Weshalb sehen wir uns eigentlich jetzt so selten?"
„Vielleicht würden mir uns zanken! Du warst von jeher ein Streithahn, Eduard, wenn ich mich auch persönlich nicht oft zu beklagen hatte, aber weißt Du noch, wie . . ."
(Fortsetzung folgte
Bekanntmachung.
Montag, 6. August c., Bormittags 10 Uhr, werden in dem Hanse Schlachthausstraße 12 zn Wiesbaden
3 große Möbelwagen, eine Ein- nnd 2 Doppelspänner-Rollen, 1 Doppelsp- Kastenwagen, 1 Schneppkarre», 4 schwere Arbeitspferde mit Beschirrnng, 1 Häckselmaschine, div. Wasserfässer, ferner: 2 2-th. Kleiderschränke, 1 Seeretär, 1 Verticow, 1 Sopha, 1 Tisch, 5 Stühle, 1 Regulator, 2 Spiegel, IO Bilder, 16 Bde. Brockhans Cono.-Lexikon, ein Doppelschreibpnlt, 1 Copirpresse n. A. m. öffentlich zwangsweise gegen Baarzahlnng versteigert. F 245
Die Versteigerung findet bestimmt statt.
Wiesbaden, den 3. August 1900.
Wollenhaupt,
Gerichtsvollzieher.
Die Mitglieder der israelitischen Cultusgemeinde werden hiermit zu einer
Gcmeiiidc-Berstimmlmig
ans Sonntag, den 5. Angust c., Vormittags 9 Nhr, in den Gemeindesaal höflichst eiugeladen.
Tagesordnung: Beschlußfassung über Beschaffung, Ver- „ zinsung und Amortisation eines Dahrlehens von 20,000 Mk. zum Zwecke der Friedhofserweiterung. Wiesbaden, den 30. Juli 1900. F295
Der Vorstand der israelit. Cnltnsgemcinde. Simon Hess.
FRANKFURTER S C H U H FAB RI K.A.O,
vormals OTTO HER Z&C?
Einzige Detail-Verkaufsstelle für Wiesbaden:
J. Speier Nachf.,
18. Langgasse 18
Telephon 840.
bau
