1. KeUnge ;»m Wiesbaflener Tngblntt.
Ko. 352. Ulorgeu-Ansgade«
Mittwoch» den 1. Anguß.
48. Iahrgoug. 1900.
(6. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Inng-Ain.
Noma» von II. ZS. AoSinson.
„Es geht mir auf die Nerven, Sie so dastehen zu sehen . . . setzen Sie sich, ums Himmelswillen, setzen Sie sich! Und dann beantworten Sie mir einige Fragen ... ich bitte sehr darum, denn Sie werden mir die Unterredung mit Ihren Töchtern oder Ihrer Tochter dadurch sehr erleichtern, eine Unterredung, die leider für alle Betheiligten peinlich sein wird."
„Peinlich?«
„Ja, das ist doch natürlich . . . Sie nehmen doch gewiß nicht an, daß ich zu meinem Vergnügen in dieses . .. merkwürdige Haus gekommen märe?« sagte Lord Kane, die geschweiften Brauen in Verwunderung über Frau Pickersons Blaugel an Verständniß in die Höhe ziehend.
„Wie sollte ich wissen, weshalb Mylord gekommen ist?«
„O doch, das wissen Sie!«
Frau Pickerson knickte bei diesem kurzen scharfen Widerspruch in sich zusammen, als ob in ihrer Nähe eine Kanone abgefeuert worden wäre. Es war ja richtig, nach der verblüffenden Mittheilung, die ihr Kitty vor dem Abgang gemacht hatte, wußte sie, was einzig und allein Lord Kane hergeführt haben konnte. In ihrem Stuhl zusammcn- gekauert, schielte sie angstvoll zu ihm hinüber, gerade wie sie in schönen vergangenen Zeiten nach Pickerson hingeschielt hatte, wenn er drohte, ihr den Hals umzudrehen.
„Ich hoffe, Frau Pickerson," fuhr Lord Kane angesichts ihrer Todesangst in beschivichtigendem Ton fort, „daß Sie mir ein paar Fragen beantworten werden, ehrlich und unumwunden beantworten, ohne dabei an Nutzen oder Schaden beider Theile zu denken, so gewissermaßen im Vertrauen?«
„Ich . . . mir wär's lieber, Sie würden warten bis die Mädchen da sind." stammelte sie aufgeregt. „Verhört werden ist mir schrecklich . . . und ich weiß auch nichts ... wie soll ich denn antworten? Ach, wär ich doch in mein Bett gegangen, wie ich gekonnt hätte!«
„Können Sie schlafen?« fragte Lord Kane zu ihrer Verblüffung mit lebhaftem Interesse.
„O ja, danke . . . ziemlich gut.«
„Sie Glückliche! Ich schlafe nie, das heißt nie zu verständigen naturgemäßen Stunden, da leide ich an unerträglicher Schlaflosigkeit. Das ist auch der Grund, weshalb Sie mich zur Nachtzeit hier sehen. Ich gehe stundenlang spazieren, häufig in der Nacht, ich trabe und trabe, in der Stadt durch Straßen, auf dem Land im Park, bis ich todt- müde bin. Gerade gegcmvärtig quält mich dies Leiden, dazu schlimme Neuigkeiten, deren ich wohl noch mehr zu erwarten habe ... so kam ich bei Nacht und Nebel nach der Van-Dykstraße. Ich bedauere c8 gar nicht. Sie, meine gute Frau Pickerson, statt der Töchter angetroffen zn haben, ja wenn ich's recht bedenke, ist es mir sehr angenehm.«
„Und warum, Mylord, wenn ich mich unterstehen darf, zu fragen?«
„Weil Sie ihre Mutter sind, und, wie ich sehe, eine verständige Frau, die eher Vernunft annehmen wird, als ein junges, heftiges, hochfahrendes Mädchen.«
„Woher kennen Sie denn meine Tochter?«
„Ich kenne sie nicht, aber ich stelle sie mir so vor.«
„Darin haben Sie nicht Unrecht, Mylord.«
„Ich erinnere mich nicht, je Unrecht gehabt zu haben.«
„Das muß ein sehr angenehmes Gefühl sein," bemerkte Frau Pickerson schnüffelnd, als ob ihr diese Behauptung nicht über jeden Zweifel erhaben schiene.
„So, so, und nun zu meinen Fragen," sagte Lord Kane rasch.
„Es hat gar keinen Ziveck, mich auszufragen, Mylord, kein bischen Zweck," wandte Frau Pickerson abwehrend ein. „Ich weiß sehr wenig von meinen Töchtern ... sie sagen mir nichts.«
„Sie wissen etwa nicht," hielt er ihr mit drohend erhobenem Zeigefinger vor, „daß mein Sohn, Lord Markingham, eine Ihrer Töchter hier besucht?«
„Doch; das hörte ich heute Abend.«
„Nicht früher?« fragte Lord Kane zweifelnd.
„Nein, erst heute.«
„Nun, Frau Pickerson, wer kann absehen, was bei diesem Verkehr herauskommen wird? Schmach und Schande, unsagbare, erbärmliche Erniedrigung . . .«
Als die Alte jetzt das Gesicht mit den runden Brillengläsern nach dem erregten Edelmann weudeie, glaubte er wirklich eine Eule hocken zu sehen.
„DaS weiß ich denn doch nicht," wandte sie verstockt ein. „Das ist noch lange nicht ausgemacht.«
„Was ist nicht ausgemacht, Frau Pickerson?«
„Es wär' ja nicht zum ersten Mal, daß der hohe Adel in die Artisten hincingeheirathct hätte, das ist sogar schon sehr oft vorgekommcn. Ich kann'S Ihnen zeigen in meinem Buch," setzte sie fast leidenschaftlich hinzu, „was darin steht, ist so wahr wie die Bibel.«
„Es wird sich doch wahrhaftig keine von Ihnen den Gedanken erlauben . . .«
„Ich weiß nicht, was für Gedanken meine Mädchen sich erlaube», aber das weiß ich, daß sie besser auf sich Acht geben, als viele, die höher stehen in der Welt," unterbrach ihn Frau Pickerson. „Wenn Sie etwas gegen meine Mädchen zu sagen haben, Mylord, so sagen Sie's ihnen ins Gesicht, nicht mir. Sie werden Ihnen besser d'rauf dienen können als ich, denn ich bin nicht mehr klug oder rasch mit der Zunge wie früher, sondern nur eine arme alle Frau.«
„Es ist Ihnen bekannt, daß mein Sohn heute noch hier erwartet wird?«
„Das Mädchen sagt's.«
„Ihre Tochter nicht?«
„Nein."
„Das beweist . . .«
„Das beweist gar nichts . . . aber Gott sei Dank, da sind sie ja," rief Frau Pickerson.
In diesem Augenblick fuhr ein Wagen am Haus an.
VI.
Lord Kane war sich der eigenen Kraft und der Schwachheit seines Sohns wohl bewußt. Er war auch über das Er- gebniß dieses kritischen Zusammentreffens ziemlich beruhigt, aber als nun der Augenblick herannahte, empfand er doch, vielleicht zum ersten Mal im Leben, ein gewisses Unbehagen, fast eine innere Unsicherheit. Wenn er das Vorhandensein von Nerven nicht immer geleugnet hätte, er, der Mann von Stahl, so würde er sich dabei beruhigt haben, daß diese lästigen Gesellen ihm einen Possen spielten, denn sein Herz schlug in der That rascher und heftiger als gewöhnlich. Das mußte vom Magen herrühren, vielleicht daß er bei Tisch etwas Unverdauliches gegessen hatte, oder von der Schlaflosigkeit, die er sogar Frau Pickerson gegenüber zu erwähnen geruht hatte. Es war dies nämlich ein Uebel, worüber er nicht schweigen konnte und womit er seine Klubgenossen oft verzweifelt langweilte. Diejenige Menschheit, die sich eines gesunden Schlafs erfreute, bildete für Lord Kane den Hauptgegenstand des Interesses, und er pflegte jeden „Schläfer«, der ihm in den Weg kam, förmlich ins Verhör zu nehmen über seine Lebensweise und Gewohnheiten und wie er's denn zu Stande bringe, stundenlang ohne Unterbrechung zu schlafen. Daher halte auch Frau Pickersons Erwähnung ihrer Bettzeit genügt, Mylords überraschende Theilnahme an ihren Schlafverhültuissen hervorzurufen. Jetzt war er in anderer Weise erregt, und die alte Frau, die ihn durch ihre Brillengläser beobachtet, fand sein Gesicht recht blaß und steinern. Sie erzählte später, er hätte die Lippen fest zu- sammengepreßt, die Augen seien ganz gläsern gewesen und die Ohren gespitzt wie bei einer Katze!
Es war auch der Mühe werth, die Ohren zu spitzen? Die Schwestern Sonetla und ihr Begleiter kamen nicht eben lautlos nach Hause, lachend rannten sie durch den Vorgarten und stürmten die Haussiaffel herauf, als ob es ein Wettrennen nach der Thürklinke gälte. Leichte Herzen, leichtes Leben, phantastisch, gedankenlos, verwegen wie Kobolde, um diese Stunde wenigstens allen Sorgen der Wirklichkeit entrückt! Lord Kanes Gesicht wurde immer finsterer, muthloser — so halte er seinen Sohn noch nie lachen hören. Wie lustig es klang und wie weh cs ihm that!
Jetzt wurde der Schlüssel von außen eingesteckt und um- gedreht, die Thür aufgestoßen und dann klang's, als ob alle drei gleichzeitig in die Vorhalle hereingepurzelt wären.
„Aber, Nin . . . nein, Nin . . . das ist ganz abscheulich von Dir . . .« stieß Lord Blarkingham keuchend heraus, denn das Lachen benahm ihm den Athen,, dabei hörte stch's an, als ob sie miteinander kämpften, der Kleiderständer halte gehörige Püffe auszuhalten und Kitty Budes Stimme bildete eine kreischende Orchesterbegleitung.
„So, famos siehst Du aus, Hansel, wie einer von den griechischen Götzen oder so ein römischer Onkel," rief eine helle melodische Stimme. „Komm herein, daß die Mutter sieht, wie reizend Du Dich ausnimmst!«
(Fortsetzung folgt.;
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