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Ws. 333.
Fernsprecher No. 52.
Mittwoch, den 1. Arrgnst.
Fernsprecher No. 52.
1900.
England «nd Knßland in China.
- G London, 28. Juli.
Immer und immer wieder verdächtigt man Nutzland in einem Thcile der englischen Presse mit geheimen hinterlistigen Absichten in China, und wie aus verschiedenen neuerlichen Diskussionen im Parlamente hervorging, mag man ihm auch hier und da in politischen Kreisen nicht trauen. Vielleicht thut mau aber nur so, uni einen Druck auf die Negierung ausznüben, und sie womöglich zu einer Vorwürtspolitik im fernen Osten zu veranlasse». Ganz abgesehen davon jedoch, datz Lord Salisbury auf eine solche, schon der Lage in Südafrika wegen, verzichten müßte, glaubt er offenbar nicht einmal, datz Nutziand die englischen Interessen in China jetzt ernstlich gefährden könnte, selbst wenn es wollte. Es gitlg das unter Anderem aus den soeben von einer dem Kabinett nahestehenden Persönlichkeit gethanen Aeutzernngen hervor. Die chinesische Krisis, sagte dieselbe, dürfte für Rußland weit nachtheiligere Folgen haben, als für irgend ’ eine der anderen Mächte. Tausende von Meilen weit läuft seine Grenze Seite bei Seite mit derjenigen Chinas, und * schon darum mutz eine große Nevolntion in letzterem Lande die Beziehungen der beiden Staaten zu einander gefährden. Käme es jtun aber gar zu einer Invasion russischen Gebietes, d. h. natürlich nicht durch undisziplinirte Horden, sondern durch geschulte und wohlbewaffnete chinesische Truppen,
I so wurde die Lage Rußlands eine ernste werden. Es unterliegt länger keinem Zweifel, daß seine kriegerischen Vorbereitungen in Ostasien nicht annähernd so vollständige sind, als man uns noch vor Kurzem glauben niachcn wollte; seine große sibirische Eisenbahn ist unvollendet, und besitzt mit ihrem einzigen Gleis einen zweifelhaften strategischen Werth. Aber selbst, wenn eö für jedwede kriegerischen Eventualitäten hinreichend vorbereitet wäre, müßte es doch Alles aufbieten, um denselben anS dem Wege zn gehen. Nicht 'nur ist es mit Bahnbau im ungeheuersten Maßstab und mit andern gewaltigen öffentlichen Arbeiten beschäftigt, sondern es ist auch Bürge für eine große chinesische Anleihe und hat im Reiche der Mitte eine An
zahl Batiken gegründet, die, wiewohl angeblich Privat- unternehmnngen, in Wirklichkeit doch „Ableger" seines Schatzamtes sind. Es liegt aber auf der Hand, daß, sobald die Lage der Dinge in China sich so schlecht gestaltet, daß der Zinsendienst nicht länger aufrecht erhalten werden kann, Rußland eine Zeit lang wenigstens seine Pftickit als Bürge zu erfüllen und die Zinsen für die in Frankreich für China aufgenommenen 320 Millionen Mark zu bezahlen haben > wird. Nimmt der chinesische Aufstand aber den Umfang an, den man jetzt vielfach vorhersagt, so ist cs sehr wahrscheinlich, daß die russisch-asiatische Bank in Schwierigkeiten geraden wird, da sie an einer ganzen Anzahl kostspieliger und schwieriger Unternehmungen in China bethciligt ist. Rußland hat soeben erst eine schwere finanzielle und kommerzielle Krisis übcrstanden und befindet sich daher kaum in der Lage, eine zweite durchzumachen. Es ist natürlich völlig ausgeschlossen, daß der russische Finanzminister die russisch-asiatische Bank und die anderen ähnlichen Institute zusammenbrechen lassen wird, und so stehen denn große . unerwartete Ausgaben bevor. Weitere bedeutende Opfer erfordern die Maßregeln zum Schutze der sibirischen Grenze, aber ungleich bedeutendere würde es veranlassen, wenn sich die Russen in der Mandschurei zu behaupten beabsichtigten. Sie haben ja allerdings aus den verschiedenen in Frankreich gemachtenAnleihcn einen gewaltigen Goldvorrathangcsammelt, doch wie thener ihnen derselbe ist, geht schon daraus hervor, daß sie sich vor Ausbruch der chinesischen Unruhen bereits mit der Absicht trugen, eine weitere Anleihe von 800 Millionen Mark aufzunehmen. Mit dem Borgen kann es nun, wo eine ganze Anzahl verschiedener Staatsanleihen geplant ist, vorläufig nichts werden, und Rußland dürfte einen großen Thcil seines Goldvorraths frcizugcbcn haben. An eine aggressive Politik vermag cs untcr solchen Umständen nimmermehr zu denken. — Eine derartige Beurtheilung der Sachlage ist es, die England veranlaßt, der Gestaltung der - Dinge im fernen Osten mit verhältnißmäßigem Gleichmuth zuzusehen. » # *
wb. Petersburg, 31. Juli. Nachrichten des Gcncralstabcs ■ ' melden: Liceadmiral Alexcjcw berichtet vom 15. ds., daß »ach beständiger zwölftägiger Arbeit der Eisenbahnverkehr von Takn nach Tientsin gestern yergcstellt wurde. Am 24. berichtet Alexcjcw, die Herstellung der Eisenbahn von Tongkn nach Tientsin wurde durch den Admiralsrath dem amerikanische» Kapitän Wice aufgetragen, aber Mangel« hinlänglicher Mittel gingen die Arbeiten langsam vorwärts. Nach Eintreffen der russischen Eisendahn-Halbeompagnie wurde» in 14 Tagen 3V Werst hergestellt. Am 10. Juli habe Sewnour vorgeschlagen, die Bahn der früheren chinesisch- englischen Berwaltung zu übergeben, aber nach einer Berathuna und Motivirnng Alcxejews wurde mit.Stimmenmehrheit beschlossen, die Verwaltung den Russen zu übergeben, was am 18. geschah. Am 20. Juli wurde der Eisenbahnverkehr Tonaku-Tieutsin - eröffnet. Die Bahn wird von den Russen bewacht und hierzu haben I die Deutschen zwei Kanonen, die Franzosen eine Kanone und die
t Japaner eine halbe Compagnie gegeben. Von Tientsin nach Peking kann die Bahn nur fünf Werst weit hergcstellt werden, da sie weiterhin von den Chinesen besetzt ist. Die Japaner erwarten zur Vorwärtsbewegung nach Peking noch eine Verstärkung ihres Corps bis auf 20,000 Mann.— General Linowitsch meldet ans Port Arthur vom 24, Alexcjcw befahl infolge der groben Anfrcgnng der Chinesen in der Mandschurei von der Grenze bis Mnkden und weiter gegen Norden zum Schlitze der Bahndepots gegen Jnbrandstecknng den Oberst Dombrowski mit einem Detachement nach der Verbindnngsstation Daschitschao i» der Nähe von Jnkon zn entsenden. Gegenwärtig ist die Anfregnng in der Unigebung von Mnkden und nordwärts bedeutend gewachsen, fobafj der Chef des SüddetachementS der Schntzwacbe, Oberst Mischtoschenko znni Rückzüge in südlicher Richtung gcnüthigt wurde. Am 8. ds. zog sich die Schutzivächc nach einem Kampfe unter Schwierigkeiten nach der Station Ajsandrian zurück, wo sie von den Chinesen umzingelt ivnrde. Eine von Daschitschao zur Hülfe gesandte Compagnie des 7. Schiitzenregiments erleichterte den Rück- zug und die Schntzwache vereinigte sich am 14. Juli mit dem Dctachcmciit Mischtoschenko. Die Verluste an Todten, Verwundeten und Vermißten betrugen 48 Mann. Mischtoschenko meldete, die Eisenbahn von Miikden nach Telia und Daschitschao ist vollständig zerstört. Die Holzbrücken sind verbrannt, die eisernen Brücken beschädigt. Das Schicksal der Eiscnbahnbeaniten und -Arbeiter im Norden von Miikden ist nicht bekannt. Südlich von Mnkden, Juku und Daschitschao wird eine bedeutende Truppenbewegung der Chinesen mit Geschützen bemerkt. Es wird ein Ikcbersall und Plündcrnng der russischen Stadt Jnkn befurchtet. — Wie ans Siujndshcu vom 17. gemeldet wird, wurde die dortige Weiche beschaffen. Dabei wurden drei Mann verwundet. Der Konsul von Jnkn bestätigt, daß die Chinesen beabsichtigen, bei erster Gelegenheit die Eisenbahn zu zerstören. Um dieses zn verhüten wurde angeordnet, daß die Eisenbahnwache unter Oberst Mischtoschenko ans Daschtoschao nach Jnkn gehen soll, um die Stadt, das Eigetlthum und die Eisenbahn zn besclsiitzen. Am 15. wurde eine Compagnie des Tschitaregiments ans Bizyro in der Richtung nach Dagnschan Sjnan zur Aufklärniig der dortigen Lage entsandt. Auf dem Rückzüge am 21. wurde die Coni- pagnie aus dem Hinterhalte angegriffen, unizingelt und von den Chinesen beschossen. Die Compagnie schlug die Chinesen zurück, verlor aber 8 Todte und 10 Verwundete. Die Compagnie kehrt« nach Bizyro zurück. Ingenieur Sviagin von der Station Pogranitschaja meldet vom 28, infolge der vollkommenen Unmöglichkeit, die Arbeiten fortznsetzen, habe er der 12. Sektion befohlen, die Bahii und deren Eigcnthnm den Wachtposten der Selmtzwache ui übergeben niid sich mit einem Truppenconvoi nach der Station Mudaiigzjan in Modosch zurnckziiziehen. General Jvanow meldet ans Taschkent vom 27. Juli, der Kommandant der wcsffibirischen Kosakenbrigade berichte aus Knldscha, daß dort die Behörden jeden Rtihestörer mit Strafe bedrohen. General Mazielvski in Tschita meldet vom 1. Juli, daß die 5. und 6. Eskadron des 2. VerschneudinS- kisilien-Regiments nach Urga abmarschirt seien. Oberst Smirnow und die chinesischeil Äeborden begleiteten die Kosaken 10 Werst weit. Der Ansmarsch der Triippcn wird von Mongoleii und Chinesen freimdlich anfgenommcn. — Der russischen Telcgraphen- agentnr find folgende Nachrichten zngcgangeii: Geiieral Grodekow ineldet unter dein 28. Juli ans Chabarowsk: Blagowjestscheiisk wurde am 20. d. M. von den Chinesen beschossen, ebenso der Daiiipfcr „Selenga", als er beu Amur aufwärts fuhr. Das Feuer der russischen Geschütze brachte die Chinese» zum Schweigen. Die Verluste sind nnbedeiitend. — Ans Chardin brachte am 28. d. M. ein Dampfer iit drei Booten 1500 Personen, darunter 79 Kranke und 40 Verwundete, nach Sachen». Am 26. d. M. überschritt General Orlow mit feinem Detachement die Grenze bei Äbatn. Die Eisciibahiiarbeitcn wurden wieder nufgenoinmcn.— Am 28. Juli wurde BlaaomjestschenSk mitArtilleriefeucr lieschoffen, auf das die russische» Truppe» antworteten. Verstäckungen sind im Anmarsch. Am 24. Juli rückte das Detachement des Generals Sncharow vor die Festniig Bajanthun und »ntcriiahiu eine NckognoSciruiig, die ergab, daß die ans 2000 Ma,>n bestehende chinesische Bcsatzniig zn nnterhandcln hat. Als der Gencraj sich aber der Festniig näherte und die Kosaken vornickten, eröffneten die Chinesen ein Gewehr- und Gcschützfcner, das gegen Abend beftiger wnrde. Die Chinesen flohen daun in die Festniig. Fünf Kanonen und eine große Anzahl Patronen, soivic vier Schiffsgcschntzc und Artillcrieninnitioii wurden erbeutet. Am 26. Juli unternahm die Truppcnabtheilnng Sacharows eine Rekognoscirung i>l der Richtung auf San sin. Der Konsul in Knldscha telegrnphirte am 27. Juli, daß der Gonvcrnenr von Zjanzjnn von der Kaiserin Befehl erhalten habe, alle Russen nie der zu ma ch e n. Nach der Ankunft von zwei Eskadrons Russen zum Schutz des Konsnlats trat wieder Ruhe ei». — Admiral Alexejew tclcgraphirt, daß in den Arsenalen von Tientsin und in den Befestigungen eine Menge Material erbeutet worden fei, darunter gegen 300 Kanonen, Mnnitionpulver, Patronen und in dem ehemaligen Palnste Li-Hnng-Tschangs verschiedenes wcrthvvlle Eigenthnm. Der Konsul in Kasch gar berichtet unter dein 20. Juli, die Lage daselbst sei sehr bennrnhigend wegen ver verbreiteten falschen Gerüchte über die Bcivegungen der russischen Truppen. Die uiuselinanische Bevölkerung sei gegen die chinesische Bevölkerung sehr gereizt. Die imDcvftänbUctieu Maßnahmen der chinesische» Verwaltung bewirken noch größere Aiifregiinq. Auch unter den chinesischen Truppen mache sich Erregung benierkbar.
Rußland und China. Unser ^-Korrespondent schreibt uns anS P e te rsb'u rg, 27. Juli: In hiesigen gut unterrichten Kreisen knrsirt folgende« Gerücht, daß ich Jhneii ohne Geivähr für die Nichtigkeit desselben mittheile; ich neh»ie jedoch an, daß cs in Anbetracht der besonders aktuellen Verhältnisse einiges Interesse vcr- dieiit. Danach soll der Czar kürzlich de» chinesischen Geschäftsträger in Petersburg nach seinem Palais in Peterhof berufen und ihn vort in ziemlich brüsker Weise aufgefordert babcn, ihm sofort ausreichende Erklärungen über den von chinesischer Seite ans gemachten Angriff auf die russische Grenze zn geben. Der chinesische Diplomat zögert- anfangs mit der Antwort, vom Czarcn »doch gedrängt, die volle Wahrheit zn sage», gestand er zu, daß der Vorniarsch der chincsischcnTruppeu ans Befehl der Regierung in Peking erfolgt sei. aber mit der vesoudercn Einschränkung, da« Leven der russischen Soldaten zn schonen, da die Maßnahme lediglich dazu dienen sollte, die.Mandschurei stwr einer rnssischcn Invasion zu schützen. Nach dieser Acnßernng habe, so wird erzählt, der Kaiser ein eisiges Stillschweigen bewahrt, woraufhin der Geschäftsträger das Palais verließ, ohne daß ihm die »blichen Ehrenbezeugungen erwiesen winden. Insbesoiidere pra eniirtcn die Posten nicht das Gewehr. Im Anschlüsse a» diese Untmcbuita wich weiter behauptet, der chinestsche Gesandte werde als Geisel betrachtet. Sollte
diese Darstellung zutreffend sein, so würde man einen neuen Beleg dafür haben, daß Rußland sich China gegenüber offiziell imKricgs- zustandc befindet.
Der italienische Körligsmord.
Der neue König bon Italien,
Victor EManuel III. — der I. dieses Namens regierte in Sardinien von 1802—21, der II. war der Sohn des Königs Albert und regierte von 1849-61 als König von Sardinien, dann als König von Italien von 1861—76 — ist, wie wir bereits mitgetheilt haben, am 11. November 1869 in Neapel geboren, das einzige Kind aus der Ehe des Königs Hnmbcrt und der Königin Margherita. Der junge Prinz erhielt eine sehr sorgfältige Erziehung, und insbesondere war ma» bemüht, den etwas schwächlich angelegten Knaben körperlich zu stärken. In Begleitung seiner Ellern und später allein hat er Gelcgenhei! gehabt, auf zahlreichen Reisen nicht nur alle Theile Italiens, sondern auch fast alle Staaten Europas kennen zn lernen. In Rußland war er als Vertreter seines Vaters zweimal, bei der Beerdigung Alexanders III. und bei der Krönung Nikolaus II. Jedesmal besuchte er dann auch Berlin, wo er sich noch im Mai d. I. bei der Großjährigkeilserklärung des deutschen Kronprinzen anfhielt. Seit 1889 stand er ä la suite des 1. Hessischen Hüfaren- Reginicnts Nr. 13, dessen Chef bekanntlich sein Valer war. Der neue König hatte als Prinz von Neapel selten Gelegenheit, in der Oeffentlichkeit hervorznlreten, und er wurde seinem Volke erst nähergebracht, als er die Prinzessin Helene von Montenegro hcirathele. Er halte die Prinzessin zuerst in Venedig gesehen, dann in Moskau wieder. Außerhalb Italiens beschäfligtc nian sich zuerst mehr mit dem Prinzen von Neapel, als er im Jahre 1893 zu den deutschen Manövern in Elsaß-Lothringen kam. In Frankreich wurde damals diese Theilnahme des italienischen Kronprinzen in erregter Weise kommentirt und ihm allzu große Hinneigung zu Deutschland vorgeworsen. Der neue König von Italien ist nicht wie sein Großvater, dessen Namen er trägt, eine expansive Natur, sondern er ist, wie die „Wiener Allg. Ztg." bemerkt, ver- schlDssen, in sich gekehrt, und sogar eine große Schüchternheit sagt man ihm nach. Doch rühmt man seine große Güte und seinen ruhig überlegenden Verstand, der im Verein mit einer nicht hastig zugreifenden, aber ziel- bewußten Energie seinen Willen durchzusetzen versteht. — Die Königin Helene ist eine zarte, schlanke Erscheinung, welck>e ihren Gemahl etwa um Kopfcsgröße überragt. Das zarte, feiiigcädcrte Antlitz wird von einem Paar dunkler, leuchtender Augen belebt. Ihr Jugcndreiz und ihre Liebenswürdigkeit sollen ini Sturni die Herzen aller Italiener gewonnen haben. Die am 24. Oktober 1896 geschlossene Ehe ist bisher kinderlos geblieben. — Das Königspaar landete gestern in Reggio in Calabrien und gedachte um Mitternacht in Neapel einzuireffen, wohin ihm die' in Rom anwesenden Minister entgegensahren. Heute Früh um 4 Uhr sollte die Reise ohne Aufenthalt von Rom nach Monza fortgesetzt werden.
Berichte ans Italien.
bä. fpcrli«, 31. Juli. Zinn Tode des Königs Humdert wird aus Rom gemeldet: Das Todtenbett, auf das der König provisorisch gebettet ist, ist von der Königin eigenhändig mit prächtigem Blumenschmuck versehen worden. Immer wieder bricht sie unter heftigem Weinen in die Worte ans: „Mein Gott, mein Gott, es ist das schändlichste Verbrechen an diesem Mann begangen, der keinem Menschen etwa« zn Leide gethan hat, wohl aber überall Gutes um sich verbreitete/ Niemand darf den Palast in Monza betreten. Bewaffnete Karabiuieris haben alle Zugänge besetzt. ES wird erzählt, die Königin habe am Sonntag versucht, ihren Gemahl davon abznhalten, da« Turnerfest zn besuchen. Der König habe aber erklärt: „Ich gehe, um die braven Turner zu sehen, es macht mir Vergnügen." Die Leiche wird von seinem Leibarzte in Turin cinbalsamirt. — In No in veranstalteten gestern Abend Studenten, begleitet von patriotischen Vereinen mit florumwmidencn Fahnen, vor dem socialistischen Blatt „Avanti" große Demon strationen. Ans der Piazza Colonnn wurden ganze Stöße des Blattes verbrannt. Jin Quirinal haben sich bereits Tausende von Personen aller Stände in da« dort aurliegende Kondolcnzbnch eingezeichnct. — Ein römische« Telegramm des „Berl. Tagedl." besagt, Kcnscr Wilhelm habe der Königin-Wittwe seine Absicht kundgegeben, an der Leichenfeier thcilzunchmen.
bä. Pom. 31. Juli. Heute sind fast alle Blätter mit Trauerrand erschienen. Alle sind darin einig, den besten und volks- thümlichstcn König verloren zn haben. — Sämmlliche Minister haben ihre Demission in die Hände de« Ministerpräsidenten gelegt, welcher die Entschließung des neuen Königs erwartet.
Monza» 31. Juli. Das Bulletin der Aerzte stellt fest: 1. Verwundung an der Spitze des Herzmuskels, 2. Verwundung über dem linken Schlüsselbein eindringend, mit Auslauf nach dem Rücken des linken Schulterblattes, 3. Verwundung zwischen der dritten und vierten Rippe. Die Kugel prallte ans der Rippe auf, glitt nach dem unteren Theil des Brustbeines über und blieb dort haften. Alle drei Wunden sind tödtlich. Die Aerzte vcr- mnthcn, daß die erste Wunde von einer Waffe kleineren Kalibers erzeugt sei, als die anderen. Bewahrheitet sich diese Vermutbung, so waren cs zwei Mörder, was nicht unmöglich ist. Die Leiche wird durch Ei« und Ventilatoren vor drohender Zersetzung bewahrt. Die Einbalsamirnug wird erst diese Nacht vorgenommcn. — Die Blätter glauben an ein Komplott, wozu besonders die Aussage eines Beamten der Pubblica siourezza in Reggio-Calabria berechtigt. Dieser will vor einigen Tagen Spuren eines Komplotte» gefunden haben, das gleichzeitig gegen König Humbert und Kaiser Wilhelm operiren sollte. *
