1. Beilage mm Wieskaüener Tagblatt.
Ko. 380. Morgen-Ansgaüe.
(S. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Inng-Uin.
Nomon von A. ZS. Movinson.
In einer wnnderlichscheueu Weise ging sie im Zimmer hin nnd her, und betrachtete sich die Photographien und Stiche an den Wänden, untersuchte den Plüsch des Sophas, indem sie die rechte Hand in die Ecken der Polsterung versenkte, ging dann wieder zum Kamin und besah sich die dort ausgestellten Nippessachen, sowie die Briefe, die für „Fräulein Sonetta" eingelaufen waren. Sie griff nach einem Schlüsselbund und besah sich, den Kopf auf die Seite geneigt wie eine -Elster, jeden einzelnen Schlüssel, ja sie untersuchte sogar, ob ein kleiner indischer Stcchschlüssel nicht das zierliche Schreibpnlt öffne, als das Mädchen zur Thür hereinkam und vor Verwunderung Mund und Nase aufspcrrtc.
„Das sind des Fräuleins Schlüssel . . . Fräulein Ninas . . ."
„Ich weiß; ich werde sie von jetzt an in Verwahrung nehmen," lautete Frau PickersonS Antwort.
„Sie hat's gern, daß sie auf dem Kamin liegen . . ."
„Von heute an führe ich den Haushalt meiner Töchter und will's Gott, wird er in bessre Ordnung kommen."
„Ordnung in dem Haus giebt's nicht, Madame," versetzte Bclsy.
„Wir werden ja sehen!"
„Sie vielleicht, ich nicht! Man hat mir gekündigt. . ."
„WaS mich gar nicht wundert," erlaubte sich Frau Pickerson zu bemerke».
„So . . . dann wundert Sie's wohl auch nicht, daß in der andern Stube das Abendessen steht? Sie werden doch nicht ausbleiben wollen, bis die Mädels heimkommen?"
„Die Mädels?"
„Ach natürlich ... die gnädigen Fräuleins hält' ich sagen sollen,"- erwiderte Betsh vor Zorn und Bosheit beinah berstend. „Bitte demüthig um Entschuldigung!"
„Weshalb ist das Essen im andern Zimmer?"
„Weil das andere das Eßzimmer ist, Gnädige, und dies der'Salon." ,
- „Dann werde ich im Salon auf meine Töchter warten."
„Und mit denen zu Nacht essen, etwa?"
„Natürlich."
„Gott, wie nett für Mylord Markingham! Entschuldigen Sie, Madam', aber das ist ein Haus zum Todtlachen, und mit Ihnen drin wird's noch spaßiger!"
Frau Pickerson war groß und reckte sich jetzt zu ihrer vollen Höhe.
„Sie sind das unverschämteste Geschöpf, das mir je vorgekommen ist, und an Stelle meiner Töchter würde ich Sie keine vierundzwanzig Stunden im Hans bdhalten."
„Und ich wäre keine vierundzwanzig Stunden niehr geblieben wie ich gehört Hab', daß noch Eine kommt zum Bedienen, wenn sie nich. gebeten und gebettelt. Hütten, ich soll eine Woche zugeben, bis daß,Sie eingeleitet wären, so steht's, Madam'!"
„Sie können gehen," versetzte Frau Pickerson mit geziemender Würde. „Ich brauche Ihre Unterhaltung nicht."
„Ich geh' auch schon . . Und wollen Sie gefälligst die
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Dienstag, den 31. Juli. 48. Jahrgang. 1000.
Schlüssel wieder hinlegen, wo sie hingehören, damit Fräu
lein Nina sich nicht ärgert und ..."
Was Betsy des Weiteren auf ihrer spitzen Zunge haben mochte, blieb ungesagt, denn ein herrischer Zug an der Hausglocke machte ihrem Herzenserguß ein Ende. Die Glocke tönte unangenehm deutlich und entschlossen, zu Tageszeiten hätte der Klang wohl den Schutzmann oder Kmninfegcr verkündigt, aber wer konnte jetzt so klingeln? Betsy ging an die Hausthür und bald darauf hörte man sie in kreischenden Tönen einer gebieterischen Männerstimme widersprechen, die indeß Widerspruch weder gewöhnt noch zu dulden gewillt schien, denn Betsy versetzte bald etwas gezähmt: „Wie ich Ihnen sage, die jungen Damen sind eben nicht zu Hause . .. das werden Sie ja selbst wissen, daß sie nie vor zwölf Uhr oder noch später vom Geschäft heimkommen!"
„Ich weiß durchaus nichts vom Leben dieser Damen," klang es bestimmt zurück.
„Ja, was haben Sie dann hier zu suchen? Das ist kein Haus, wo Jedermann hercinkommen kann, der gerade durch die Straße bummelt. Sie können noch froh sein, daß sie nicht da sind, denn sonst ... ach ja gut . . ." Bctsys Ton war wunderbar gemildert und veredelt . . . „genau kann ich's ja nicht sage» . . . aber wenn Sie die Damen sprechen müssen, wegen Geschäftliches, so kommen Sie eben herein und warten auf sie . . . meine Schuld ist's ja nicht . . . ich kann ja nichts machen, wenn Sie eben gerade in den Salon treten, oder? Und schönen Dank auch vielmals . . . und wen Hab' ich die Ehre zu melden, wenn sie heimkommen?"
„Sagen Sie, Lord Kane bitte um eine kurze Unterredung."
„O Mylord . . . wenn ich bitten darf . . . hier herein, wenn's Euer Gnaden gefällig ist . . ."
Damit riß Betsy die Thür auf und Lord Kane stand vor Frau Pickerson.
V.
Lord Kane konnte in Wahrheit als ein schöner Mann bezeichnet werden, und daß er sich dem sechzigsten Jahr näherte, that seiner Erscheinung noch keinen Abbruch. Er mar groß, schlank und beweglich, Haar und Schnurrbart waren ergraut, die Haut hatte einen ziegelfarbigen Ton, der von seiner langen diplomatischen Thätigkeit unter indischer Sonne zeugte. Das Gesicht war scharfgeschnitten und mochte unbehaglich wirken auf gemeine Naturen, die dem durchdringenden Blick der klaren grauen Augen nicht wohl Stand halten konnten; man sah ihm an, daß der Mann zu befehlen gewohnt war. Der geborene Aristokrat, nicht der gemachte, der Abkömmling eines Geschlechts, das eine lange Reihe irgendwie ausgezeichneter Männer aufzuweisen hatte. Daß dieser Kane als letzten einzigen Ausläufer ein so einfältiges, armseliges Männlein hervorgcbracht Halle, wie Lord Markingham, seinen Sohn, war ein Naturspiel, das allen Gesetzen der Vererbung, allem Selbstbewnßtsein des blauen Bluts Hohn sprach. Die Familie beklagte diesen Fall, ihn abzuwenden hatte sie nicht vermocht, auch nicht ihn zu erklären. Dazu wäre Lord Kane vielleicht im Stand gewesen. aber er wußte zu schweigen und hatte den Klatschmäulern nie Nahrung gegeben. Er trug das Herz nicht auf der Zunge, und Niemand wußte daher, wie viel Schmerz und Angst dieser Sohn ihm bereitete.
Er machte die Thür hinter sich zu, als er den kleinen
Salon betreten hatte und blickte mit ernster Verwunderung
auf die alte Frau, die vor dem Kamin stand und ihn hinter den riesigen Brillengliffern hervor anstarrte. Sic zitterte dabei, als ob sein Anblick ihr einen tödtlichen Schrecken eingejagt hätte, und Lord Kane nahm diese Gemüthsverfassung mit einem gewissen Wohlgefallen wahr. Sie war ihm auch nicht befremdlich, denn sein Sohn zitterte immer vor ihm, desgleichen seine Töchter, seine Schwester, seine Dienerschaft und nicht minder hatte sein Weib, die hochselige Gräfin Amalia Kane, vor ihm gezittert, weshalb ihn also die Wackeligkeit von Frau Pickerson keineswegs in Erstaunen setzen konnte. Und doch lag eine gewisse veraltete Ritterlichkeit in der tiefen Verbeugung, womit er den Knix erwiderte, den Frau Pickerson kunstvoll nnd andächtig ausführte, nach ländlicher Schulung den Rock mit beiden Händen ausspreizend. daß er den ganzen Kamin verdeckte.
„Ich bitte um Enischuidigung," sagte er, „ich wußte nicht, daß ich hier Jemand antrcffen würde."
„Wollen Euer . . . Euer Herrlichkeit nicht geruhen, Platz zu nehmen?" stamnielte sie.
Lord Kane setzte sich, das Zimmer mit raschem Blick überfliegend, der nirgends lang haftete und dem doch schwerlich viel entgehen mochte. Der Adelsalmanach war ihm jedenfalls nicht entgangen nnd auch nicht, daß sein Name darin aufgeschlagen war; diese Entdeckung veranläßte ihn, die Lippen fest aufeinander zu pressen und rief den Ansdruck eiserner Entschlossenheit auf seine Züge.
„Es thut mir sehr leid, daß Euer Herrlichkeit auf meine Töchter warten müssen, aber Berufspflichten halten sie bis zu später Stunde fern," äußerte Frau Pickerson feierlich.
„Demnach sind Sie Frau Sonetta?"
„Pickerson . . . Pickerson ist der Familienname, Mylord."
„Und der Bühnen- — hm — der Cafechautantname ist Sonetta? Das mußt' ich nicht ... ich weiß _ überhaupt nichts, sehe nicht klar in der Sache, bin vollständig im Dunkeln sogar und hoffe hier Erleuchtung zu finden. Ich werde sie mir ausbitten!"
„Meines Wissens haben wir keine Geheimnisse. Mylord."
„Um so besser. Geheimnisse sind mir verhaßt."
„Meine Töchter sind anständige Mädchen, die stch's sauer werden lassen, ihr Brod zu verdienen . . ."
„Leben Sie hier mit ihnen zusammen?"
„Ja. Mylord."
„Freut mich zu hören ... es geht mich zwar nichts au, werden Sie denken, indessen ... es freut mich doch. Es macht einen guten Eindruck, wenn Mädchen einen Haushalt führen mit ihrer Mutter, einen unnatürlichen, wenn sie getrennt lebt. Sie sind vermuthlich Wittwe?"
Frau Pickersons Unterlippe begann zu wackeln und Lord Kane beeilte sich, diesen Punkt fallen zu lassen.
„Verzeihung, wenn ich an eine frische Wunde rührte," warf er etwas voreilig in seinen Schlüssen hin. „Bitte, setzen Sie sich doch, Frau . . . Pickerson, und lassen Sie uns ruhig plaudern, bis die jungen Damen nach Hause kommen. Sie und ich, wir haben die Welt kennen gelernt und das Leben in vielerlei Gestalten gesehen, wir wissen, daß es ziemlich anders beschaffen ist, als überspannte junge Leute sich's ausmalen . . . aber ich bitte, daß Sie sich setzen, Frau Pickerson!"
(Forisrtznng folgt.)
Benedict Straus
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