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f Der Roman, t

i» 3i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, i» "".noi

Nr 93.

Donnerstag» 22. April.

1913.

Klippen.

Roman von HölLne Schedr-Heller.

Nachdruck verboten.

I.

Im Rausntal, dort, wo der Tannenwald aufhört und -die Aue beginnt, steht ein Haus mit leuchtenden, weihen Mauern und tiefüberhängendem, rotem Dach. Es ist wie ein Pilz aus der Ende gewachsen und schaut zu -den Tannen auf und zur Wiese hinunter und fühlt sich bald zu den einen, bald zur anderen hingezogen.

Durch das Schweigen des Waldes tönt nie ver­hallendes Fragen. Es zittert in den Goldfäden, die der Sommer zwischen den Stämmen spinnt, und in dem Blau des Himmels, das durch die Zweige schimmert. Es klingt laut, wie wild begehrende Leidenschaft, wenn der Sturmwind durch die Lüste braust und den Wald bis in seine Tiefen erschüttert.

Und neben diesem bangen Fragen zieht die Sehn­sucht durch den Wald; das starke urwüchsige Empfinden, das die Menschheit verloren hat, und das hier im Schoße der Natur verborgen liegt; das Glück, das sie nicht verstand, und das sich in die Tiefen des Waldes flüchtete.

Durch den Wald rauscht ein Fragen und Sehnen. Durch die Wiese aber lacht übermütiger Sonnenschein, der über quälende Fragen hinweghuscht und den Augen- blick im Flug erhascht. Im Garten und im Feld flam­men rote Rosen und Mahnblumen auf und atmen Liebe und farbensatte Freude aus. In der blauen Lust gaukeln Schmetterlinge umher und tragen auf glän­zenden Flügeln das leicht beschwingte Glück.

Und an der Grenze zwischen dem übersprndelnden Leben auf der einen und dem sinnenden Ernst auf der änderen Seile steht das Haus, in dem Hans Rickling den Sommer über wohnt.

Hans Rickling ist wie ein Teil vom großen Wald, an den sich sein Haus anlehnt. Wenn er durch die Tannen wandert, fühlt er unter der harten Stamm- rinde die Liebe pochen, die der Menschheit verloren ging, und unter dem Moos das Glück zittern, das sie nicht verstanden hat. Er begehrt, jene verlorene Liebe zurückzugowinnen mit sehnsüchtigen Armen das tief- versteckte Gliick zu uinfassen er grübelt und fragt er sehnt sich und schweigt wie der dunkle Tannenwald; deshalb ist er auch unergründlich und einsam wie er.

Die Welt nennt ihn einen Sonderling: aber sie schmeichelt ihm doch, weil er jung und reich und ein namhafter Dichter ist. Die Frauen bewundern ihn, sie werben um seine Gunst und nennen ihn einen inter­essanten Menschen. Sie laden ihn ein, geben feinet- wegen Gesellschaften und rühmen sich dessen. Den Winter verbringt er in Berlin dann kommen sie zu ihm wie die Schmetterlinge, die auf der Wiese herumtollen, und bringen ans lächelnden Lippen das leicht beschwingte Glück.

Und weil junges, warmeS Blut rn fernen Adern fließt, pflückt er die Liebe, die für ihn erblüht und im Rascheln der Seidenkleider und Wehen der Spitzen zu ihm eilt, und trinkt auf die Weise den Becher deS KobenS.

Aber diese Frauen bleiben ihm alle innerlich fremd auch die Freunde, die er hat, stehen jenseits, er dies­seits. Bis in die Einsamkeit seiner Seele ist noch keiner gedrungen sie leben ja alle im Lärm und Hasten der Welt und wissen nichts vom großen Schweigen, das die Seelen umfängt, an denen die Sehnsucht nach Voll­kommenheit zehrt, und in denen die Gedanken wachsen und reifen, die im Sturm geborenen Gefühle sich läu­tern, um später Tausende zu erleuchten und zu er­wärmen.

Deshalb ist Hans Rickling immer allein. Es macht keinen wesentlichen Unterschied, ob er in einem Ballsaal steht, an seinem Schreibtisch sitzt oder durch den Wald wandert der Rahmen ändert sich; aber der Kern des Lebens bleibt derselbe, und durch sein Lachen, Plaudern und Lieben zittert immer eine Stimme, die keiner ver­nimmt. . .

Seine Frau versteht ihn nicht und geht fast wie emo Fremde neben ihn: her. Sie ist keine schlechte Frau; sie haben sogar aus Zuneigung geheiratet, er war fünf­undzwanzig, sie fünf Jahre jünger; aber als die erste Leidenschaft sich gelegt hatte und das Kind gestorben war, das sie inniger verbunden hätte, merkten sie beide, daß sie nicht zueinander paßten. Ihre Seele war auf Sonnenschein, seine auf Sturm gestimmt. Er begehrte, unerreichbare Höhen zu erklimmen und suchte und rang in steter llnnche unb Unzufriedenheit; für sie lag das Glück in der sonn überfluteten Wiese, zu der man muhe- los gelangte.

Sie nannte sein TräumenHypochondrie" und konnte nicht begreifen, daß er rastlos immer weiter strebte, statt sich mit dem Erreichten zufrieden zu geben .und sich seiner dichterischen Erfolge zu freuen.

Da spann sich ein jeder in seine Einsamkeit. und dis Kluft, die sie trennte, würbe immer größer.

Sie begann, sich in der Berliner Gesellschaft, zu zer- streuen und dort den Sonnenschein, der ihr Lebens­bedingung war und den sie an ihrem Gatten vermißte, zu suchen. Sie fand ihn auch; denn sie war jung und hübsch.

Sinn geschah es, daß auch durch fern Leben ein! Strähl des Glückes glitt, das er bisher nur geahnt und ersehnt hatte.

Der Zufall führte sie zusammen. Sie hatte sich int Wald mit ihrem zwölfjährigen Töchterchen verirrt und bat ihn, ihr den richtigen Weg zu zeigen. Und weil sw ein anmutiges Gesicht, ausdriicksreiche Augen und keusche Lippen hatte, scheute er den Umweg nicht und begleitete sie nach Hause. Er erzählte ihr von sernev Frau, die mit einer Schwägerin einige Wochen in der Sommerfrische verbrachte, während er zur Arbeit dro Ruhe seines Thüringer Hauses im Rauental vorzog. Fragte «e dann nach ihrem Mann, erfuhr, daß sie serr fünf Jahren Witwe war, den Winter in Berlin ver« brachte und im Sommer in einem Landhaus ttn Stauen« toi wohnte.