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1. fii'Unnc mm Wiesbadener Tagblatt.

Wo. 346. Morgen-Ausgabe.

Samstag, den 28. Juli.

48. Jahrgang. I960.

(3. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

Inng-Win.

Roman von A. W. Itobinson.

Sie sagen?" begrüßte ihn der junge Mann, dessen wässerige blaue Fischaugen bei Pickersons Anblick aus den Höhlen zu fallen drohten. „Wollen Sie die Güte haben, Ihren Hut zu holen, daß wir ein Glas zusammen trinken? Ich habe Ihnen von Nin etwas zu bestellen," setzte er leiser hinzu, denn die ganze Grovestraße spitzte die Ohren.

„Von Nin? Die will nichts mit mir zu schaffen haben!"

„O doch! Da täuschen Sie sich!"

„Na also," versetzte Pickerson, in sein Haus schlurkend, wo er die Sammctkappe vom Nucken der Katze nahm, die dabei einen derben Puff abbckani.

Nachdem er seine Kopfbedeckung aufgestülpt halte, trat er wieder auf die Straße und schlug die Hausthür mit Donncrgepolter hinter sich zu.

„Da wäre ich .. , Herr ... wie heißen Sie eigentlich?"

„Lord Markingham."

„Der Teufel hole mich, wenn ich's glaube!"

Daraufhin zogen sie friedlich miteinander fort, jedes Gespräch auf das trauliche Beisammensein unterm gastlichen Dach des spanischen Patrioten verschiebend.

III.

Es war längst dunkel, als Kitty mit ihrer Mutter in Drixton. der von Künstlern aller Spezialitätenbühnen be­vorzugten Vorstadt, landete. In seiner der Hauptstraßen zwischen Brixton und Camperwell hausten seit einem halben Jahr die „Schtvcstern Sonetia", zwei junge Damen, die den Gegenstand der Neugierde wie des Argwohns ihrer hoch­achtbaren Nachbarschaft bildeten. Diese bestand wesentlich ans den Familien von kaufmännisch Angestellten, deren Vierleljahrsgehalt nicht an die Wochcneiunahmen der Schwestern hinanreichte, die ungewöhnlichen Erfolg hatten iiftb schon unter den berühmten Künstlerinnen genannt wurden. Wie lang chre Herrlichkeit dauern würde, wer hätte daß zu sagen vermocht? „Jung-Nin", wie Nina Pickerson in Künstlerkreisen hieß, glaubte an ihre Dauer, Kitty, die für ihr Alter schon manches Auf und Ab erlebt hatte, war minder zuversichtlich und wußte ihr achtzimmriges Häuschen mit dem schmalen Vorgarten zu schätzen, obwohl es im Grunde gar 'nicht ihr Geschmack war.

Kitty Bude war von Natur weder liebenswürdigen, noch zufriedenen Gemüths, aber rechtschaffen bei aller Heftigkeit. Das Leben hatte ihr in der Kindheit nicht eben gelächclt, ihre Erziehung war mangelhaft * gewesen und die Ver­suchungen mannigfaltig, ihr Talent, oder besser ihre Ge­schicklichkeit hatte sich früh entwickelt; es war ihr gelungen, sich eine Stellung in den Singspiclhallen zu erringen, sie hatte geheirathet und war verlassen worden. Dieser ganze Lebenslauf hatte nicht dazu gedient, ihre herrische Natur zu mildern und ihr die Welt in rosigem. Licht zu zeigen. Trotzdem war Kitty bei ihren Kollegen sehr beliebt. Man kannte ihre Heftigkeit und vermied cs, sie zu reizen, und wenn Alles nach Kittys Kopf ging, war sie ein prächtiges Geschöpf. Freilich kam ihr auch recht häufig etwas in die Quere und mußte sie sich den Uniständen fügen — das setzte dann ein.Unwetter.

Es kamen dann Tage, wo man sich zuflnsterte, der Teufel sei wieder in sie gefahren, ja wo Kollegen und andere Nebcnmenschen unbedingt Angst vor ihr hatten. Das Gerücht, daß der verflossene Gatte nach Amerika verduftet sei, um sein Leben zu retten, entbehrte entschieden nicht aller Wahrscheinlichkeit. Es gicbt ja Männer, die lieber die Flucht ergreifen, als das häusliche Sccpter, und Herr Bude mußte Allem nach eine schwache Natur sein, der im ent­scheidenden Augenblick keine „schlagende" Individualität zu Gebot stand. Und doch war Kitty Bude gern gesehen; in den Kreisen der „Spezialisten" galt sie für einen famosen Kameraden, offenherzig und hilfsbereit; wenn sie dabei rechtschaffen grob sein konnte, hie und da auch neidisch auf Erfolge in ihrem besonderen Gebiet, ein wenig eingebildet auf ihre Leistungen, was hatie das auf sich? Weiß man davon in der erhabeneren Kunst nicht auch ein Lied zu singen?

Kitty sprach während der Fahrt nicht, Frau Pickerson hatte Stoff genug zum Nachdenken und die Tochter hielt es für zweckmäßig, sie ungestört ihre Gedanken ordnen zu lassen, falls Neigung und Fähigkeit dazu vorhanden waren. Ob­wohl sie zum ersten Mal in einem mit Seide ansgeschlagenen, mit der PairSkrone geschmückten Coups fuhr, obwohl die edlen Noffe sie in raschem Lauf einem Ehemann entführten, der sie vom ersten Tag an unwürdig behandelt hatte, fühlte sich der Gegenstand von Kittys kühnem Versuch keineswegs gehoben. Frau Pickerson zog im Gegentheil recht häufig ihr Taschentuch und tummelte die glänzend rothe Nase mehr als nöthig, ja einmal siel sogar eine Thränc auf das rothe Hutband, wie ein Thantropfen auf die Rose!

Aufgeregt war sie aber nicht, denn sic war viel zu schwer­fälligen Gemüths, um sich überraschen und in Verivnnderung setzen zu lassen. Nachdem eine friedliche Trennung von Pickerson um den Preis von fünfzehn Schilling die Wocbe erkauft worden mar, nahm sie die Dinge, wie sie lagen und machte sich keine Sorgen um ihr eigenes Wohlergehen, sie nahm auch den Gegensatz zwischen dem schmucken, gut ge­haltenen kleinen Hans, vor dem der Wagen jetzt hielt, und der Nummer 45 der Grovestraße nicht in sich auf.

Ohne in der übliche» ehrfurchtsvollen Weise an seinen Hut zu greifen, sagte der Bediente beim Aussteigen zu Kitty: „Ob Sie den Wagen wieder haben wollen nach dem Variete, soll ich fragen?"

„Nein, ich danke!" versetzte Kitty scharf. „Je bälder Ihr mit Euren Katzen aus der Straße humpelt, desto lieber ist mir's!"

Mit einem leisen Lächeln warf er die Thür zu, stieg gewandt auf den Bocksitz und hieß den Kutscher fahren.

„In der allen Leichenkntsche heimkommen, nur daß die Nachbarn was zu klatschen haben," brummte Kitty, dem Wagen unzufrieden nachblickend, „Markingham ist ein Esel."

„Wie heißt er — Marking Jak?"

„Thu' nur nicht, als ob Du taub wärst, Mutter," rief Kitty nervös. „Dir den ganzen Tag in die Ohren zu schreien, das könnt' ich nicht aushallcn!"

„Ja . . . mein Gehör hat etwas gelitten . . . Durch den Unfall auf der Treppe."

„Aha! Wo er Dich hinuntergeschmissen hat," sagte Kitty milder. „Bei uns wird das schon wieder in die Reihe kommen."

„Der junge Herr heißt also nicht Mark Auk?" fragte die Mutter neugierig.

„Nein, Markingham — Du meinst doch den Hansel, der uns abgcholt hat?"

„Und ist er ein wirklicher Lord?"

„Das weiß ich nicht gewiß. Vermuthlich ist sein Vater der wirkliche Lord an der Sache! Ich versteh' mich nicht auf das Adelszeug — ist mir auch einerlei!"

„Wenn er Markingham heißt, muß sein Vater der Lord Kaue sein."

„Der Himmel steh' uns bei! Woher weißt Du das?" „Ich Hab' immer von der Aristokratie gewußt und Hab' ja auch ein Buch darüber — hoffentlich hast Du nicbt ver­gessen, es einzupacken, Kitty? Das Buch ist mir stets ein Trost und ein Segen gewesen!"

„Wie die Bibel? Ja, es ist in Deiner Kiste."

„Deine Großmutter, Kitty, war Lord Poddykins Amme, Kitty," fuhr Frau Pickerson fort, „und ich habe meine Kindheit im Pförtnerhans im Park verlebt, drum hatte ich immer Beziehungen zum Adel."

„Versteht sich . . . nahe Verwandtschaft?"

„Und dieser Lord Markingham — sein Titel muß Vicomte sein — ist ein Freund von Euch?"

„Ja . . . hauptsächlich ein Freund von Nin."

„Ein . . . naher Freund, Kitty?"

„Er bildet sich's wenigstens ein!"

„Kitty — ich würde das Haus nicht betreten ... wenn . . . wenn hier nicht Alles wäre . . . wie es sein soll," sagte die Mutter zitternd.

Kitty lachte hellauf.

„Du kannst es ruhig „betreten", Du Tugendspiegel.1 rief sie übermüthig. „Er ist ein Freund, der keinem Menschen ein Haar krümmt, ein Esel ist er. der Hansel, aber viel anständiger als manche gcscheidte Leute, und ein Narr ist er auch, ein richtiger Narr, denn, denke Dir, Matter, er will unsere Nin partout hcirathen!"

„Das ... das ist ja wie ein Roman," stammelte Frau Pickerson, die jetzt ganz bei der Sache war.

„Schlimmer als im Roman, denn Nin will nichts von ihm wissen, ivenigstens heirathen will sie ihn nicht, und in der Regel ist's ihr Ernst mit dem, was sie sagt! Nicht,

Mutter?" _ f

„Ja, früher war e§ so," murmelte Frau Pickerson.

„Und jetzt ist's auch so. Mutter, das sag' ich Dir, wenn's auf der Welt ein Mädchen gicbt, das seinen Kopf höher tragen und den Menschen offener in die Augen scheu dürfte, als Nin — so zeig' sie mir! Ich habe sie sehr lieb — weshalb, das weiß ich eigentlich nicht. Sie kann manch­mal unausstehlich sein." „,

„Das ist doch natürlich, daß Schwestern sich lieben! -

„Pah, Stiefschwestern!" machte Kitty. „Freilich kommt's eher zur Eifersucht, wenn man eine richtige Heimath hat, mit Eltern, Geschwistern und Onkel und Tanten, die Unter­schiede machen. Wir sind ja auf uns selbst angewiesen ge­wesen die meiste Zeit . . ." in Kittys Stimme hatte ein Klang tiefer Traurigkeit gelegen, aber gleich darauf lachte sie wieder, indem sie den Schlüssel ins Schloß steckte und nach rückwärts spöttisch zur Mutter sagte: „Bist Du jetzt beruhigt, daß dies Haus ehrbar genug ist, um es zu be­treten?"

„Ich dachte nur, wenn es nicht so wäre . . .

„Was?"

„Würde ich lieber zu Sam zurückgehen."

„Wie eine Spartanerin! Nur herein, Alte, zu den Schwestern Sonetta! Es geschieht Dir nichts!"

(Fortsetzung folgt.)

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