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Deutsches Reich.
Die wirthschaftliche Lage im Jeitungswesen ist in letzter Zeit durch die Vorgänge auf dem Kohlen- und Papiermarkt für viele Verleger eine geradezu kritische geworden. Die Kohle ist bekanntlich « einer unaufhaltsamen Aufwärtsbewegung begriffen, die gegen Ende des Monats den Aufschlag wohl auf 15 pCt. des alten Preises steigern dürste. Jnaugtirirt wurde die Preissteigernng bekanntlich durch die Grubenausstände, die von den Händlern sofort zur Erzielung von Spekulationsgewinnen ansgcnützt wurden. Die Erzeuger folgten alsbald. Es läßt sich freilich nicht leugnen, daß augenblicklich durch die gesteigerte Nachfrage geradezu ein Änreiz zu einer Konjunktur- Spekulation geschaffen worden ist. Insbesondere der gegenwärtige starke Bedarf für Kriegs- und Transportschiffe .beeinflußt den Markt außerordentlich. Die Gruben haben alle Hände voll zu tbun, um die meist kurzfristigen Aufträge zu effektuiren. Durch die Steigerung der Kohlcnpreisewird natürlich auch die Marktnotiz für-Papier bedingt, denn zur Herstellung eines Kilogramms Papier sind zwei Kilogramm Kohlen erforderlich. Die Papierfabrikantrn, die dadurch in die Nothwendigkeir einer Preissteigerung versetzt werden, beschränken sich allerdings nicht auf einen Ausgleich der Mehrkosten, sondern sie. suchen auch bei dieser Gelegenheit, ähnlich wie die braven Tschechen mit ihrem Pilsener Bier, noch einen Extragewinn herauszuschlagcn. Wir haben ja mehrfach nachgcwiescn, schreibt die Berliner „Post", daß der Papier - Prcisauffchlag zu der 'Betriebskosten - Steigerung in keinem Verhäitmß steht. Das Zusammenwirken dieser Preiskonjunklursn für Kohle und Papier übt auf eine ganze Anzahl von ' Zeitungs - Betrieben, insbesondere auf die kleineren und mittleren, einen derartigen Einfluß ans, daß geradezu deren Nentabitität in Frage gestellt ist. Man weiß ja, wie genau in kleineren Plätzen mit geringem Anzeigemarkt.die Betriebskosten kalknlirt sind, und wie verhängnißvoll dort eine Abonnements-Erhöhung werden kann. Manche kleinen Verleger haben mit einer Mehrausgabe von 10,000, 20,000 und 30,000 Mk. für das Jahr zu rechnen, bei Zeitungen mit einem Nicsenbedarf von PapiK belaufen sich die Mehrkosten ans viele Hunderttausender dieser Ausgabe steht nun kein Ausgleich gegenüber, denn die von den Papierfabrikanten empfohlene Erhöhung der Abonnements- und Anzeigenpreise ist nur für wenige Zeitungen durchführbar. Wenn diese Krisis fort- dauert, wird zweifellos eine ganze Anzahl von Zeitungen, die jetzt schon nichts verdienen und dann Tausende
zusetzen würden, ihr Erscheinen einstellen müssen. Es herrscht deshalb unter der Verlegerschaft eine begreifliche Bcsorgniß und Beunruhigung. Der „Verein deutscher Zeitnngsverlcgcr" trat gestern in Berlin zusammen, um über die erforderlichen Maßnahmen angesichts der Schwierigkeit der Situation zu berathen. Die Versammlung war aus allen Theilen des Reiches zahlreich besucht. Es wurde beschloffen, behufs Gründung der am 1. Sept. d. I. in Berlin zu eröffnenden Papier-Einkaufsstelle für die gesammte deutsche Presse eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung zu bilden. Das erforderliche Kapital wurde in der Versammlung sofort durch Zeichnung aufgebracht. An die Spitze der Einkanfsstelle tritt als Syndikus ein bewährter Papier-Fachmann, Herr Rudolf Lehmann, der Direktor der bekannten Papierfabrik Ph. Knoeckcl und Söhne in Neustadt a. H. Der Syndikus wird auch bei Errichtung neuer Papierfabriken Mitwirken und insbesondere auch dahin thätiz sein, daß Fabriken, die Zeitungs-, Notations- und Formatpapier noch nicht Herstellen, diese Fabrikation demnächst anf- nehmen.
* * *
* Hof- «nr» Personal-Nachrichten. Der nach dein Süden abgerciste frühere Staatsminister v. Delbrück ist bei Tegernsee abgcstürzt. Er hat dabei verschiedene Verletzungen erlitten. die jedoch nicht lebensgefährlich sein sollen. — Nach dem neuesten Militär-Wochenblatt" haben drei Generalmajore ihren Abschied erhalten und ein Generalmajor ist znr Disposition gestellt worden. Generalleutnant Freiherr v. Bülow, der bisher mit der Führung des 7 Armeecorps beauftragt war, ist zuni kommandirenden General befördert worden. — Prinz Oskar, der fünfte Sohn des Kaiter- paares, vollendete an diesem Freitag sein 12. Lebensjahr. — Der Generalfeldmarschall Graf Leonhard v. Blumenthal wird am 30. Juli sei» neunzigstes Lebensjahr vollenden.
Der Anfstand in China.
Ueber die Ansprache des Kaisers an die ausfahrenden Mannschaften in Breiuerhaven liegt noch kein beglaubigter Bericht vor. Dagegen veröffentlicht ein Berliner Lokalblatt einen Auszug aus dieser Rede. Es wird nicht an Leuten fehlen, die angesichts dieses Berichts sehr lebhaft wünschen werden, daß der Wortlaut alsbald amtlich oder doch halbamtlich festgestelll werde. Die Wahl zwischen beiden Arten der Veröffentlichung muß frcigelasseu bleibe», da nach häufigen Erfahrungen nicht jede Rede des Kaisers im „Reichs-Anzeiger" abgedruckt wird. So ist z. B. die zweite der beiden Ansprachen an die ausfahrcnden Sce- bataillonen in dem amtlichen Blatte niemals zu lesen gewesen. Ob das mit der neuesten Ansprache ebenso sein wird, <ann man selbstverständlich heute noch nicht sagen. Es sind vor Allem die Schlußsätze in dem vorliegenden Bericht, die man zweckmäßiger Weise erst dann näher wird besprechen dürfen, wenn sich ihre Beglaubigung auf irgend eine Weise erreichen lassen wird. Der Kaiser soll gesagt haben: „Kommt Ihr an den Feind, so wisset: Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht; führt Eure Waffen so, daß auf tausend Jahre hinaus kein Chinese mehr es wagt, einen Deutschen scheel anzusehe»! Ebnet der Kultur den Weg, ein für alle Male! Adieu, Kameraden!" So also soll der Kaiser gesprochen haben. Wie gesagt, es kann sich nicht empfehlen, etwas darüber zu äußern, wenn
man nicht genau weiß, daß diese Worte thatsächlich gebraucht worden sind, und es läßt sich im Augenblick nur dies feststellen, daß man das eben iiicfit weiß. Die vorletzten Reden des Kaisers sind ebenso wie die heutige in Gegenwart eines verfassungsmäßig verantwortlichen Beamten, des Ministers Grafen Bülow, gehalten worden; die gestrige Ansprache scheint auch Fürst Hohenlohe mit angehört zu haben. Umso lebhaftere Theilnahme wird man dem zu veröffentlichenden Wortlaut der Rede entgegen- zubringen haben. Die an dieser Stelle sofort ausgesprochenen Zweifel an den Pariser Meldungen, wonach sich die Mächte über einen sofortigen Vormarsch n a ch P e k i n g verständigt haben sollen, erweisen sich als berechtigt. Eine solche Verständigung wäre die Sache der Admirale vor Takn, die als die alleinigen kompetenten Beurtheiler der Sachlage angesehen werden müssen. Es ist möglich, daß die Admirale beschlossen haben, am 1. August vorzurücken, und in diesem Falle würden die Regierungen sie selbstverständlich gewähren lassen müssen. Aber die wunderliche programmmäßige Ankündigung schreibt den Kabinetten die Entscheidung zu, und hiervon ist in Wahrheit keine Rede. Der Austritt Amerikas aus der internationalen Jntereffen- gemeinschaft ist ein viel zu wichliger Vorgang, als daß es möglich wäre, seine Bedeutung mit ein paar beschwichtigenden Redewendungen abzuschwächen. Dies aber wird von einigen deutschen Offiziösen versucht. Man kann die Beweggründe verstehen, aus denen das geschieht. Die deutsche Politik thut vielleicht wohl daran, an der Erwartung sestzuhalten, daß Amerika doch noch den Anschluß an die übrigen Mächte findet. Sollte das unterbleiben (und es wird zweifellos unterbleiben), dann ließen sich die praktischen Folgerungen immer noch ziehen. Aber diese Verhaltungslinie braucht nicht bestimmend für ein unbefangenes Urtheil zu sein. Und es ist doch wohl b»ffer, wenn die öffentliche Meinung weiß, welchen verhängniß- vollen Schrikt Mac Kinley gethan hat. Die Versichernng, daß das Verhalten Amerikas an Berliner maßgebenden Stellen milde angesehen werde, ist eine, obschon gutgemeinte Irreführung/ Es kann nicht so sein, und es ist auch nicht so. Mit einer Derbheit der diplomatischen Sitten, wie sie das demokratische Amerika liebt, hat man drüben in Washington etwas ausgesprochen und gethan, was andere Mächte in gelinderen Formen demnächst vielleicht ebenfalls erklären und thun werden. Es scheint beinahe, als ob diejerügen Regierungen, denen es ernst ist mit der Erzwingung ausreichender Genugthuung. bei Zeiten darauf achten sollten, daß sie nicht in bedenkliche Vereinzelung gerathen. Jedenfalls birgt das chinesische Problem Sorgen in sich, von denen die liebenswürdige Schwärmerei mancher Leute, nament- lich jüngerer und trotzdem nicht einflußloser Offiziere, noch immer keine rechte Vorstellung zu haben scheint. Es wäre sonst nicht möglich, daß in diesen Kreisen ein isolirter Vormarsch der deutschen Truppen angeregt werden kann, als ob es sicb um einen Husarcnritt im Manövergelände handele. Wenn die „Krenzzeitnng" jüngst vor dem „Immer schneidig!" warnte, so weiß man, wer dahinter steht, und daß die erfahrenen alten Militärs ihre jüngeren Kameraden ein wenig beim Ohr zupfen wollen. Hoffentlich haben sie Glück damit.
Blihgefahr.
Die Gefährdung des Menschen an Leben und Eigenthum durch den Blitz hat im Laufe der Zeit, seit 1833 sicher erwiesen, mit geringen jährlichen Schwankungen eine beträchtliche Steigerung erfahren. Eine viele Jahre umfassende Zusammenstellung hat ergeben, daß in Frankreich die Zahl der jährlich durch Blitzschlag getödteten Personen in viel größerem Maß, als die Bevölkerung wuchs, zunahm; anderseits wurde aus der Statistik der Brandversicherungsgescll- schaften, beispielsweise für Bayern, erkannt, daß die Blitzgefahr für Gebäude sich seit dem Ende der 30er Jahre nahezu vervierfacht hat. Mit Sicherheit ist die Zunahme der Blitzgefahr bisher für Deutschland, Oesterreich, Frankreich und die Schweiz nachgewiesen worden. Im Großen und Ganzen stützte man sich bei der Beurtheilung dieser Verhältnisse auf die Angaben der Versicherungsanstalten; da in Deutschland durchschnittlich 90 pCt. aller Gebäude gegen Blitzschlag versichert sind, so dürfte man auch im Allgemeinen dadurch ein übersichtliches Bild über die örtliche und zeitliche Vertheilung der Blitzschläge gewinnen. Doch ist geltend gemacht worden, daß ein großer Procentsatz von Blitzschkägen, namentlich solche in Bäume, sich unserer Kenntniß entzieht. Auf Grund dieser Betrachtung wurde dann betont, daß, absolut genommen, möglicher Weise die Zahl der Blitzschläge gar keine Vermehrung erfahren habe, vielmehr solle der Blitz jetzt leichter Gebäude als andere Gegenstände auswählen. Ueber die Häufigkeit der Blitzschläge in Bäume und Gebäude geben die folgenden Zahlen Aufschluß, welche sich auf das Fürstenthüm Lippe beziehen, wobei noch zu bemerken ist, daß die erste Ziffer hinter der Jahreszahl sich auf die Blitzschläge in Bäume, die in Klammern dabei stehende sich
auf diejenigen in Gebäude bezieht: 1885: 45 (16), 1886: 40 (21), 1887: 25 (10), 1888: 17 (2), 1889: 17 (10), 1890: 12 (9), 1891: 40 (34).
Um zu erkennen, in welchem Maß die verschiedenen Gebiete Deutschlands durch Blitzgefahr heimgesucht worden sind, wurden bei den folgenden Angaben die von den Versicherungs-Gesellschaften innerhalb der Jahre 1876—91 gesammelten Zahlen über Schadenblitze zu Grunde gelegt. Die Gesammtzahl aller Blitzschläge in Deutschland betrug 31 468. Davon waren 11,720 zündende und 19,748 nichtzündende Blitzschläge, die sich so vertheilen: für die Städte 839 und 3998, für das flache Land 10,881 und 15,750 von jeder Gattung. Im Allgemeinen ist die Procentzahl der zündenden Blitze in Abnahme begriffen, während natürlich die Zahl an sich auch beträchtlich gestiegen ist. Wahrscheinlich ist hierbei die jetzt herrschende Bauart der ländlichen Häuser mit von Bedeutung, indem bie leicht entzündliche Bedachung mehr und mehr verschwindet. Aber andererseits deutet eine einfache physikalische Betrachtung darauf hin, daß doch wohl die Heftigkeit der Gewitter zugenommen hat. Bekanntlich pflegen die stärksten elektrischen Entladungen den getroffenen Gegenstand zu zertrümmern, während die schwächeren und langsamer verlaufenden Entladungen leicht eine Zündung hcrbeiführcn. Diese Annahme gewinnt noch dadurch eine Erhärtung, daß thatsächlich auch eine große Vermehrung der Blitzschläge an den einzelnen Tagen mit Gewittern festgestellt worden ist.
Am blitzschlagreichsten erweist sich der gewittereichste Monat (Juli). Besondere Beachtung verdient indessen auch die Thatsache, daß Norddeutschland in den Monaten September und Oktober eine ungewöhnlich größere Procentzahl von zündenden Blitzen aufweist, als das übrige deutsche
Gebiet. Offenbar rührt dies daher, daß hier häufiger Wirbel-
qcwitter zur Entwickelung gelangen, die zwar schnell vorüberziehen und auch nicht viele Blitze aussenden, bei denen aber meistens der elektrische Ausgleich mit der Erde stattfindat. Diese Gewitter treten auch meist zur Nachtzeit auf. Nicht unerwähnt bleiben mag, daß es auch Orte giebt, an denen seit Menschengedenken (bis 1891) kein Blitzschlag zur Beobachtung gelangt ist, wie beispielsweise in Thorn. Wie sich im Großen und Ganzen die Blitzschläge vertheilen, zeigt die folgende Tabelle, der eine kleine Ucberstcht über die Vermehrung der Gebäude beigegeben ist:_
Häufigkeit der Blitzschläge
1876-
1879
1880-
1883
1884-
1887
1888-
1891
450
531
760
1185
194
237
275
467
625
816
1546
3305
336
358
397
382
216
200
298
300
84
95
107
133
428
702
986
879
461
468
717
633
120
166
313
368
Zahl der versicherten Gebäude.
1876-
1883
1884—
1891
Bayern . . . . Württemberg . . Sachsen (Königrch.) Schleswig-Holstein
Posen.
Braunschweig . . Sachsen (Provinz) Brandenburg . . Thüringen . . .
13467001 537000 698000 253300 338 000 125000 851600 593000 365300
471500 572600 7436
396000
138000
955000
402'
,as blitzschlagreichste Jahr war 1889 mit 3415 Schlägen i Deutschland. Die Zahl der Tage im Jahre mit Blitz- hlägen schwanken in Süddeutschland zwischen 47 und 87, i Mitteldeutschland 65 und 112 und in Norddeutschland
1 und 98. ,. m r .
Es lag nahe, zu prüfen, ob nicht die Vermehrung der lewitter in ähnlichem Verhältniß zugenommen hat, wie ies für die Blitzschläge dargethan ist. Zu dem Zweck wurde
