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eilage mm Wiesbadener Tagdlatt.

343. Abend-Ausgabe.

Freitag, den 27. Juli.

Bücher sind uns Menschenkindern Lehrer und Freunde, GeisteSpfleger und Schoßkinder, tröstende, erheiternde Genossen in trüben und langweiligen Stunden; Bücher begleiten uns vom Anfang bi« zun, Ende unseres erwachten geistigen Lebens, und wie des Menschen Geschicke vielfach weit und abgestnft anSeinauderaeben, jo erscheinen auch sic in jeder Form und Hülle ans dem Markle des Lebens und haben ihre Schicksale wie — die Menschen.

„G. B".

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(46. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

Des Nächsten Weib.

Roman von Heorg Kugel.

Noch einen Moment zögerte der Doktor an der Schwelle, noch einmal war es ihm, als ob er das Folgende nicht ertragen würde, dann schritt er rasch an das Bett, und griff nach dem Puls des Liegenden.

Die Hand war eiskalt.

„Vorbei," meinte der Militärarzt, „es ist bereits Agonie eingetrcten. Eine halbe Stunde etwa noch."

Der Doktor riß oen Verband auseinander. „Die Kugel wurde bereits entfernt?" fragte er hastig.

Der Stabsarzt zuckte die Achseln: „Ich wollte keine unnütze Quälerei ausüben, Herr. Kollege," meinte er be­dauernd, „die Kugel ist durch die Brust und wahrscheinlich auch durch die Lunge gegangen. Derartige Verwundungen kenne ich. Der Patient treibt es keine Stunde mehr."

„Eine Schüssel mit Wasser her!" befahl der Doktor, ohne für den Fremden eine weitere Antwort zu haben, und zog aus der Tasche eine Sonde hervor. „Die Vorhänge fort, ich brauche Licht."

Augenblicklich rauschten die Gardinen auseinander. Den beiden Werftleuten, die sie gezogen hatten, ward ordentlich wohl, als sie die Kommandostimme des Doktors vernahmen.

Hinter dem Bett tauchte eine zusammengekanerte Gestalt auf und brachte vom Waschtisch Wasser herbei. Es war Hertha, die grußlos neben den Doktor hintrat, aber der Pflichteifrige schien sie nicht zu bemerken. Ohne Verzug -beugte er sich nieder und senkte langsam die Sonde in die tiefe Wunde. Ein leiser, ächzender Laut wurde hörbar, der starre Körper zuckte krampfthaft zusammen und die ge­brochenen Augen öffneten sich und sahen glanzlos ins Leere.

Hertha stieß einen lauten Schrei aus, und auch der Prinz trat in der höchsten Spannung näher.

„Haben Sie die Kugel gefunden?" forschte das Mädchen athemlos. , . ^ „

Der Doktor nickte und machte sich wieder an sein Werk. Auch der andere Arzt verlor jetzt seine Zurückhaltung, er warf ohne Umstände seinen Waffeurock auf den Tisch und leistete dem Doktor hülfreiche Hand. Den vereinten Be­mühungen gelang es, die Kugel in kurzer Zeit zu entfernen, aber nun schoß das Blut um so heftiger hervor, sodaß der Freund auf eine weitere Untersuchung verzichten Mußte. Jedoch ein kunstgerechter Verband wurde angelegt und das Lager von Hertha erneuert.

Dann empfahl sich der Stabsarzt, und der Doktor setzte sich schweigend ans Bett.

„Wie steht's?" flüsterte hinter ihm der Prinz.

Der junge Arzt neigte das Haupt, und erst jetzt be­merkten die Beobachter, daß ihm ein paar dicke Thrünen im Barte glänzten. „So verztveifelt als möglich," antwortete er zögernd, „nur auf eins können wir hoffen, auf die un­bändige Lebenskraft dieses Körpers. Allein im Vertrauen auf diese habe ich die letzte Operation unternommen."

Mit einem langen Blick auf den Dahingestrecklen ver­abschiedete sich der Prinz, aber vorher fragte er noch: „Liegt für die nächsten Stunden unmittelbare Gefahr vor?"

Der Doktor zuckte die Achseln: „Sie fragen mich mehr, als ich weiß," gestand er finster. „Von jetzt an bin ich machtlos. Dieses Leben hängt jetzt an einem Faden, der jede Sekunde reißen kann."

„Nun," flüsterte der Prinz, dem Arzt leidenschaftlich die Hand drückend, „dann wird Gott helfen."

Kurz nachher verließ er, so leise es die klirrenden Sporen zuließen, das Zimmer.

*

Unterdessen fuhr Frau Fama bereits wieder kreischend und heulend über Dorf und Stadt. Der Geifer floß ihr vom Munde, so freute sie sich über das Ereigniß.

Dem Lnndralh erzählte sie ihre Geschichte in der Gestalt des Vogtes und grinste über das ganze Gesicht, als der alte Herr entsetzt zurückfuhr und seine Tochter ohnmächtig in die Kniee sank.

Daun sauste die alte Vcltel mit flatternden Haaren in die Stadt, schrie in den Gassen, raunte in den Schenken, stieß Mariens Blumenfenster auf und kreischte das Entsetzliche ins stille Gemach hinein:

„Deinetwegen liegt er erschossen. Deinetwegen — ver- ^vucifXc!"

Auch Herrn Schimmel erschien der häßliche Spuk als Waschfrau, und kaum hatte der gutmüthige Theilhaber die ersten drei Worte vernommen, als er ein so jammervolles Klagegestöhn auSstieß, daß Herr Pilz drinnen im Privat­kontor ängstlich zum eisernen Lineal griff.

Zuletzt drang das Uugethnm in die niedrige Redaktion des kleinen Weltiner Stadtblättleins, trat auf die Maschinen und hängte die Bogen ein, bis ein Extrablatt fertig war, das es als Zeitungsfrau durch ganz Weltin trug.

„Extrablatt!" — „Extrablatt!" — „Das Allerneueste!!!" — „Der Oberst Burghaus erschossen!!" — „Wieder ein Opfer des Duells!" — „Extrablatt, Extrablatt!!"

Die Kunden des Herrn Schimmel kauften das „Aller­neueste" und lasen daraus Folgendes:

„Wieder hat die entsetzliche Unsitte des Duells ein blühendes Menschenleben hinweggcrafft. Der allgemein geachtete und in weitesten Kreisen beliebte Kommandeur des hiesigen Kürassierrcgiments, Oberst Graf Burghaus, ist heute Morgen auf der Eu durch eine Pistolenkugel mitten durchs Herz getödtet worden. Der Gegner des Grafen ist der Werflbesitzer Baron Heinrich von Holstein, welcher sich für eine ihm nahestehende Dame geschlagen und ebenfalls eine tödtliche Verwundung erhalten haben soll. Alles Nähere im morgigen Abendblatt.

Druck und Verlag des „Weltiner Stadtblattes." Inserate die Zeile 5 Pfennige. Bei dreimaliger Wieder­holung nur 3 Pfennige."

Die Kunden lasen das, und eine Stunde später wurde der Kapitän in dem Laden der Firma Pilz & Schimmel bereits von einigen entrüsteten Stimmen a!S ein rucblofer Mordgesclle bezeichnet. Herr Pilz jedoch schickte den Lehr­ling aus dem Privatkontor hinab und ließ sich die Be­schimpfung seines „Freundes" ebenso höflich als entschieden verbitten.

*

Es dämmerte sacht in dem Krankenzimmer, als Hertha fast unhörbar zum Tisch schlich und eine Lampe entzündete, über welche sie dann einen dämpfenden Schirm setzte. So­bald das Mädchen sich erhob, wandte auch der Doktor sein Haupt und beobachtete aufmerksam ihre Bewcguugen, daun aber versank er wieder in sein Hinbrüten und sah ängstlich auf den Liegenden, dessen große Gestalt schon seit einiger Zeit vom Fieberfrost geschüttelt wurde.

„Das durfte nicht kommen," nmrmelte der Doktor ver­zweifelt und beugte sich über das Lager, um wieder und immer wieder den Puls zu kontrollircn. Noch war er da­mit beschäftigt, als Hertha lauschend das Haupt erhob. „War da nicht geklopft worden?"

Es wiederholte sich.

Vorsichtig eilte das Mädchen an die Thür und öffnete, und in dentselben Augenblick hörte der Doktor, wie sie einen leisen Ruf der Ucberraschung ausstieß. Nun wandte auch er sich und nahm eine ihm unbekannte, tief verschleierte

_48. Jahrgang. 1900.

Dame wahr, sowie einen mit verschlissener Eleganz ge­kleideten Herrn, der schwarze Trauerhandschuhe trug und nervös an seinem Cylinder hin und her bürstete.

Während die Dame jedoch unentschlossen am Eingang verharrte, schritt der Herr, über dessen Wange sich ein großes Pflaster hinzog, aufgeregt bis in die Nähe des Lagers und starrte eine Zeit lang mit vorgebeugtem Hals nach dem Liegenden. Der Anblick schien ihn aufrichtig zu erschüttern, denn er zog ein Taschentuch hervor und drückte es ächzend an seine Augen.

„Mein Sohn," schluchzte er, „mein armer Sohn, was hast Du uns angethan!"

Als der Doktor diese Stimme vernahm, fuhr er zusammen, als habe ihn ein Schuß getroffen. Ein ungekanntes Gefühl der Angst schnürte ihm die Kehle zu. Also dies war der heimliche Feind, der schon in der Jugend die Seele des Knaben vergiftet und ihn später in die Verzweiflung ge- trieben hatte? t _ .

Er warf einen scheuen Blick auf den mit dem Tode Ringenden, denn ihm mar es, als niüßle der Starre zum letzten Male aufspringen und den elenden Mann mit den Fäusten von hinnen scheuchen.

„Treten Sie nichl so nahe, mein Herr," sagte er kurz, „gegen Abend kann das Bewußtsein zurückkehren, und dann dürfte er Sie erkennen."

Holsteins Vater erschrak und nahm das Tuch von den Augen.

„Wird denn mein armer Sohn noch lange leiden? murmelte er gespannt, während seine dunklen Augen hin und her irrten.

„Das weiß ich nicht," gab der Arzt zurück und kehrte ihm verächtlich den Rücken.

Der Standesherr aber blieb noch eine ganze Weile an seinem Platz und führte von Zeit zu Zeit sein Taschentuch an die Augen. Dann schüttelte er schwermüthig den Kopf, zupfte an den schwarzen Handschuhen und schlich endlich auf den Zehen aus den, Zimmer hinaus. Als sich die Dame nicht auschicktc, ihrem Begleiter zu folgen, sandte ihr der Doktor einen unwilligen Blick zu und gab Hertha einen Wink, daß weiterer Besuch störend sei. Aber das Mädchen rührte sich nicht, und statt ihrer eilte plötzlich die Dame auf den lleberraschten zu und erfaßte wie flehend seine Hände:

„Lassen Sie mich hier bleiben — ich bin Marie Hol­stein — für mich hat er sich — ich habe die nächste Ver­pflichtung — ich will auch Alles —"

Sie schluchzte laut auf, und der Doktor blickte mit Be­fremden in ein bleiches, vor Erregung verstörtes Antlitz.

Und dieser erste Blick sagte ihm, daß diese Frau besser sein müßte, als ihr Ruf. „Meinetwegen, bleiben Sie," antwortete er kalt, und machte seine Hände von den ihrigen frei.

In den nächsten Stunden bemerkte er die neue Gefährtin kaum. Sie hatte Mantel und Hut abgelegt und huschte nun in ihrem einfachen Kleide hin und her, um jede Hand­reichung zu leisten. Gegen die zehnte Stunde entfernte sich Hertha, die zu ihren Ettern zurückkchren mußte, und als der Arzt die Thür schließen hörte, wandte er sich herum und sah, daß er mit dem jungen Weibe allein sei.

„Ob sie sich nun nicht auch zurückziehen wird?" dachte er dabei verwundert, doch die junge Frau schüttelte, als ob sie seine Gedanken errathen hätte, das Haupt und wechselte mit leichter Hand den EiSumschlag auf der Stirn des

Kranken. . . ^

So saßen die Beiden in tiefem Schwergen an dem Belt.

Draußen aber schlug die Dorfuhr Stunde auf Stunde; die Nacht stieg herauf, deutlicher hörte man das Meer an den Strand schlagen, immer roher und drohender erhob stch diese hohle Stimme, in kurzen Stößen fegte der Seewind an den Fenstern entlang, sodaß das Flämmchen des Lichtes ängstlich hin und her flackerte. Nur die jugendliche Gestalt in'den Kissen lag still und ruhig, und die beiden einander so fremden Menschen acbteten scheu auf das unmerkliche Auf und Nieder der röchelnden Brust.

(Fortsetzung folgt.)

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