Beilage nun Wiesbadener Tagblatt.
li44. Morgen Ausgabe.
(2. Foltjetzung.)
(Nachdruck verboten.)
Inng-Uin.
Noma» von II. W. Ztobiitson.
Menn Du nur ein wenig fleißig sein willst, kannst Du 'mit Leichtigkeit genug dazu verdienen, um Dein Auskommen zu haben und Niemand stört Dich mehr in Deinen Gewohnheiten — ist das nicht schön?"
Das kreidige Gesicht des plumpen Mannes leuchtete nicht aus bei dieser Aussicht; wie ein Holzklotz saß er da, denn die Plötzlichkeit afl dieser Eröffnungen lähmte seinen dumpfen Kops vollends. Später würde ihm wohl alles Mögliche einfallen, was er hätte sagen sollen, jetzt nicht. Als Frau Pickerson lautlos wie ein Gespenst hinausgehuscht war, um sich reisefertig zu machen, fand er endlich die Sprache wieder, aber seine Stimme war stockheiser. ,
„Fünfzehn die Woche, hast Du doch gesagt, Madam
Bude?"
Kitty nickte.
„Und die schickst Du ordentlich?" .,
„Jeden Montag, so lang Du Dich nicht blicken laßt. „Kannst Du's denn aufbringen?" fragte er besorgt.
„Ja, Nin und-ich, wir legen zusammen."
„So, so - Ihr Beide zahlt's?" „
»Ja, wir Beide. Kümmere Dich nicht um ße.
„Warum ist sie nicht mitgekommen oder an Deiner
hat eine der frühesten Nummern im Variete, um elf Uhr arbeiten wir zusammen in der Alhambra und sie ist auch .nicht ivohl und hat ohnedies genug, was ihr das Herz schwer macht . . . und ist . . ."
„Was ist sie?" fragte Pickersou.
„Geht Dich nichts an. Du brauchst gar nichts von ihr
zu wissen!" . ., , .....
„So? Und warum? Din ich etwa nicht >hr leiblicher
Vater?"'
„Gott sei'T geklagt, ja t"
„Ist sie gesund?"
„Ja."
, ".Bringt sie's zu waS?"
„Ja . . . wenn Pu's durchaus wissen mutzt."
^Dachte mir's; hab's gehört."
„Von wem?" fragte Kitty argwöhnisch.
„Von einem Freund."
Was brauchen Deine Freunde von ihr zu schwatzen? "Das ist meine Sache, Madam' Bude! Ganz meine Sache!"
Frau Pickerson trat wieder ins Zimmer. Auf ihrem Haupt thronte jetzt ein alter schwarzer Filzhut in Schippen- form mit rothen Bindbändern, ihre grauen gestrickten - Handschuhe sahen gichtisch aus. die gagze Person verwaschen und gespenstisch. Mitten aus dem farblosen Gesicht leuchtete die Nase in glühendem Roth, das durch unaufhörliches Schneuzen und kräftiges Reiben hervorgerufen war. Pickerson starrte die Gattin dumpf und blöde an;- er stand an diesem Abend nicht auf der Höhe seines Selbst.
„Habt Ihr Koffer?" fragte er bedächtig. „Soll ich sie hinausschaffcn helfen?"
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Freitag, ben 2?. Juli.
Meine Sachen sind gestern schon fortgekommen,
Samuel ... das wenige, was mich Kitty mitnehmen laßt,
beißt das." erwiderte sie. , .
„®en übrigen Gruft kannst Du behalten," sagte Kitty.
„Was Du noch findest, gehört Dir."
Soll ich mich etwa dafür bedanken? Das ist von letzt an mein Haus, und was drin ist, ist mein.
„Ja wohl, Alter ... paß nur gut auf!
Ich verbitte mir, von Dir Alter genannt zit werden, brummte er mit den ersten Anzeichen des Zorns an diesem Tag. „Wir könnten zur Abwechslung einmal im Guten
auscinandergehen." .
„Hab's auch gut gemeint," erwiderte Kitty beinah ent-
^"^Sanniel ... ich gehe jetzt." piepste Frau Pickerson mit einem scheuen Blick auf ihren Ehehcrrn.
„Deine Schuld ist's, wenn's schlecht ausfallt, versetzte er, krächzend wie ein Unglücksrabe. ^ ...
Ich weiß es wohl, Sam, und ich glaub auch nicht, daß "ich sehr glücklich sein werde, wen» ich immer denken muß, was Du wohl thust, aber wenigstens krieg' ich keine Püffe mehr. Dafür bin ich zu alt geworden "
„Geschwätz! Bist um kein Haar schwächlicher als ich. " 3 a, wenn Du mir versprechen wolltest, noch jetzt..." hob Frau Pickerson an, aber Kitty rief kreischend:
„Versprechen kann er viel, halten thut er nichts! So war's und so wird's bleiben, drum mach, daß Du fort- kommst!"
Ein kräftiger Fluch als Versicherung künftiger Tugend, ein Gelübde der Besserung, und Pickerson hätte noch rn elfter Stunde alle Pläne und guten Absichten seiner Töchter über den Hänfen werfen können, aber er war mit sich selbst nicht recht im Klaren. Das Anerbieten von fünfzehn Schilling in der Woche hatte ihn verwirrt, geblendet. Einen derartigen Zuschuß zu seinem etwas unsichern Erwerb hatte er seit Jahren nicht gehabt und schon dämmerte ihm die Gewißheit, daß er ohne Frau Pickerson glücklicher sein werde, keinen Widerspruch, keine Nörgeleien mehr!
„Je bülder Ihr die Anker lichtet, desto lieber ,st mir S." brummte er mürrisch und wurde sofort beim Wort genommen. t . ,
Als sie aus die Hausthür zugingen, wurde draußen Hnfschlag und Näderrollen hörbar, dazu ein Gejohle von Kindern, Vcrwunderungsruse aus männlichen und weiblichen Kehlen ' . Was in aller Welt kounle denn die Grove-
straße derart erregen? . ...
Pickerson riß die Hauslhür auf und trat barhäuptig hinaus; die beiden Frauen folgten ihm. Eine Coups hielt vor dem Haufe mit hochbeinigen Carossicrs bespannt, Kutscher und Diener in zwctschgenblauer Livree mit goldenen Knöpfen, am Wagenschlag ein Wappen mit Krone Das ganze Gefährt von einem Schimmer der Hoheit umflossen, wie die Grovestraße seil Königin Viktorias Krönung nicht erblickt hatte, und damals waren die Wagen in der Richtung nach der Westminster-Ablei nicht einmal durch die Grove-
straße gefahren! „ , .
Was zum . . ." stieß Pickerson heraus, um dann mit offenem Mund gleich seinen Nachbarn schweigend die weitere Entivicklung der Ereignisse abzuwarten.
Das nächste war, daß die Coupethür aufsprang, und
daß ein schlanker junger Mann in Hellem Sportsanzug, mit übernaiürlich hohem Kragen mit der Behendigkeit eines Bajazzo heraussprang und vor Kitty und ihrer Mutter den Hut zog.
„Hoffentlich habe ich nicht warten lassen! Wir sind gefahren, was das Zeug hielt, haben aber drei Mal einen falschen Weg gemacht! Greulich mit diesen Gassen . . . sehen einander verflucht ähnlich," sagte er mit näselnder Stimme, die ganz so klang, als ob er Brei im Mund hätte.
„Schon gut, Hansell Aber was bringst Du diesen Kasten?" erwiderte Kitty vorwurfsvoll. „Nur daß die Nachbarschaft Maul und Nase aufsperren soll?"
Ist meines Alte» Mausefall und war gerade zu haben . . . nahm sie. um Zeit zu gewinnen, dachte auch
n ' d)t etciq ein, Mutter," drängte Kitty, ihm weitere Erklärungen erlassend, „daß wir fortkommen. Das ist meine Mutter," setzte sie. auf das geweihte Haupt unter oem schwarzrothcu Filzhut deutend, hinzu.
„Sehr erfreut," versicherte „Hansel", den Hut schwuug. voll lüftend. „Sehr erfreut, Sie kennen zu lernen . . .
Dam!? hob er Frau Pickerson in den Wagen, wo sie wild um sich starrend auf den Sitz sank, im Stillen uberzeugt, daß dieses Fahrzeug sie ins nächstgelegene Narrenhau» befördern werde. Kitty folgte mit einem Sprung, der das Coups ins Schwanken brachte, dann schlug der junge Mann die Thür hinter ihnen zu.
„Was treibst Du denn? Steig doch ein!" ries Kitty herrisch durchs offene Fenster.
„Nein, Kitty . . . wenn Du erlaubst . .
„Was erlaub' ich?" , . _ . „
„So bleib ich noch ein wenig hier, bei Deinem Vater.
Ich "hab's Nin versprochen." _
„Nin ist verrückt und Du auch!" kreischte Kitty. „Du wirst uns die ganze Geschichte verhunzen!"
„Gewiß nicht . . . ich sagte Dir ja, ich hab's Nin versprochen! Wir sehen uns heute Abend noch ... laß Mich
„Nette^Dummheiten wirst Du machen!" rief Kitty wuth-
^ „Es ist ganz gewiß das Nichtige . . . Nin sagt es. Und ich mache mir auch gar nichts daraus und habe eS Nin . . ."
„Der Kuckuck hole sie!"
„Ich muß ... ich hab's versprochen !
Nun gut. Hansel, mach Dich nur nicht lächerlicher, als nöth'ig ist," bcschied ihn Kitty, mit geübter Hand das WSgen- fenster heraufziehcnd und auf beiden Seiten die Vorhänge
"„Hansel" gab dem Kutscher ein Zeichen und der Wagen rollte davon, eine gute Strecke weit von der johlenden
Gassenjugend verfolgt. .
Der junge Mann klemmte sein Augenglas ein und sah sich im Kreis, der ihn umdrängenden Grovesträßler um:
„Ja . . . ja . . . wer von den Herren ist nun Herr
Ich bin Samuel Pickerson," erklärte der verlassene Gatte (Fortsktzung folgt..
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