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«8. Jahrgang.

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Abend-Ausgabe.

Japan.

Die Aufmerksamkeit der Welt ist jetzt auf den fernen Osten gerichtet, die strrchtbaren Vorgänge in China haben alles Andere in den Hintergrund gedrängt, und das früher so große Interesse für die um ihre Unabhängigkeit kämpfenden Buren, für die Filipinos, die das amerikanische ^och nickt auf sich nehmen wollen, ist zwar nicht erloschen, glimmt aber nur noch schwach. Man denkt eben allein an dashimmlische Reich" das nun das Grab so vieler unserer Landsleute geworden ist und noch wird, dessen Schicksal dieser Krieg aber wohl endgültig besiegeln düiffte. Wenn auch die Aus- theilung Chinas noch nicht erfolgt, es ist doch der Anfang vom Ende der bisherigen Zustände.

Seite an Seite mit den europäischen Staaten kainpfl eine Macht, die in dem Sinne, welchen mir öfter damit verknüpften, längst nicht mehr verdient, eine asiatische ge­nannt zu werden.. Wenn China dem Beispiel des kteiueren, einst von ihm so verachteten Japan gefolgt, dem Ansturm der Civilisation, dem nicht mehr zu wehren war, freiwillig Thür und Thor geöffnet hätte, dann wäre es ein großer Staat geblieben, und all das Furchtbare, was geschehen, hätte sich nicht ereignet.

Gänzlich aus eigenem Antriebe hat allerdings auch Japan die Fremde« nicht bei sich ausgenommen. Noch nicht 40 Jahre ist es her, da mußten die vereinigten Flotten Englands, Frankreichs, Hollands 'und der Vereinigten Staaten sich mit ihren Kanonen den Eingang zur M.eerenge von Schimonoseki erzwingen. Jetzt durcheilen die Schiffe aller Nationen sie ungehindert, wenigstens am Tage, denn während der Nacht ist der gefährliche Durchgang durch diese enge Straße untersagt.

Trotzdem ist Japan aber natürlich ein durchaus eigen- thümlichcs Land geblieben, wenn auch die Spuren europäischer Kultur sich so vielfach bemerkbar machen; häufig ist sogar der Kontrast -zwischen den Einrichtungen . modernster Art und den noch bestehenden ursprünglichen ein höchst überraschender. Steigt man z.'B. in Nagasaki ans Land, so wird man entzückt sein über den fremdartigen reiz­vollen Anblick, der sich da bietet: Eine wundervolle Land, schaft mit grünen Bergen im Hintergrund, Wäldern die mit bestellten Feldern .abwechseln und- dazwischen kleine Holzhäuschen, durch mit weißem Papier überzogenen Rahmen geschlossen. Felsige Insel», von Tannen gekrönt, aber nicht von den steifen und geraden, wie die unserigen es sind, sondern von Bäumen von graziöser Form, deren herabhängende Ziveige sich dem Meere zu- neigen. Fischerdschunken verlassen den Hafen und beleben das Bild, das unserem Auge so unwirklich erscheint, daß man einen riesigen Wandschirm vor sich zu haben meint. Aber da sieht man den Rauch ans einem Fabrikschornstein aufsteigen, das Geräusch von Maschinen wird hörbar, an

das Schiff, das uns gebracht, komnien mit Kohlen beladene

Boote heran, denn Nagasaki versieht den ganzen fernen Osten mit diesem Brennmaterial. In den Lüden sind alle möglichen Dinge zu kaufen, die Japan Europa verdankt: Petroleumlampen, Glasspiegcl, die cs früher garuicht kannte, Uhren re. rc. c _, .,.

Und die Merkmale des Fortschritts mindern sich nicht, je mehr man in das Innere des Landes dringt, sondern wachsen im Gegentheil mit der Bedeutung der Städte und machen sich daher naturgemäß in Tokio am meisten bemerk­bar, das ja nicht nur die Residenz, sondern auch der größte Platz des Reiches ist. Es zählt ca. Millionen Ein­wohner, dehnt sich aber ähnlich den englischen Städten un­geheuer weit aus, da ja jede Familie ein Häuschen für sich bewohnt. Gewöhnlich haben diese Bchnnsungcn nur ein Stockwerk, und wenn sich noch ein zweites darüber erhebt, so bedeckt cs doch das untere nur zum Theil; ein kleiner Garten fehlt fast nie. Das kaiserliche Palais ist von einem riesigen Park umgeben und bietet einen sehr pittoresken Anblick, der allerdings durch die in der Nähe befindtichen Telezraphenstangen beeinträchtigt wird. Die westliche Civilisation erweist sich ja als sehr nützlich, erhöht aber nicht gerade das Romantische.

Trotzdem benutzen die Japaner ihre Errungenschaften in ausgiebigster Weise, Telegraph, Telephon, Gas. elektrisches Licht findet möglichst viel Anwendung. In den Hänschen, die, wenn die mit Papier beklebten Rahmen zurnckgcschobcn, fast ganz offen sind, kann nian die Arbeiter des Abends auf den Matten, die den Fußboden bedecken, sitzen sehen, beim Licht einer Glühlampe ihre Beschäftigung verrichtend. Wo Gas und Elektricität nicht vorhanden, da bedient mau sich der Petroleumlampen.

Die Feurrsgefahr, die in ganz ans Holz gebauten Städten stets so drohend, wird durch diese Bclcuchtungs- methode von der Elektricität abgesehen natürlich noch vergrößert, aber der Schaden, den ein Brand anrichtet, ist meist gering, da die Behausungen nur wenige Möbelstücke enthalten und es natürlich ein Leichtes ist, aus denselben ins Freie zu gelangen.

So sucht jetzt Japan Alles, was der Erfiudungsgeist in anderen Ländern schafft, sich zu Nutze zu machen, lange aber ist es noch, wie bemerkt, nicht her, daß es den Fremden den Eingang gestaltet. Auch dort haben die schrecklichsten Verfolgungen derselben stattgrfunden, noch in 1868 erließ der Mikado ein Edikt gegen alle Christen. Erst in 1872 wurde auf ernstliche Vorstellungen der Mächte die religiöse Toleranz dekretirt und seitdem hat sich nie wieder ein Akt der Feindseligkeit gegen Andersgläubige bemerkbar gemacht.

Hoffen wir, daß, wenn erst China wieder beruhigt und auch für dieses Land eine neue Aera anbricht, die schrecklichen Vorgänge dort wenigstens die Früchte tragen, daß cs der Knltur gewonnen und nicht ferner mehr daS Grab opfer­williger Männer wird, die dahin gegangen, um ihm die Segnungen der Civilisation zu bringen.

Der Aufstand in China.

Das beunruhigende, zu Rüstungen auffordernde Dekret der Regierung in Peking, das der Vicekönig von Kanton veröffentlicht hat, ist vom selben Tage, dem 19. Juli, datirt, an dem der Kaiser von China (welcher Kaiser, weiß man nicht) durch den Gouverneur von Schantung den Präsidenten Loubet um freundschaftliche Vermittelung anflehte. Der Gegensatz zwischen dieser heuchlerischen Bitte und den gleich­zeitigen Kriegsvorbereitungen der Centralregierung ist geeignet, die ' chinesische Politik in ihrer ganzen Doppel­züngigkeit und Tücke zu charakterisiren. Die Hoffnung, daß an den chinestschen Versicherungen, wonach die Gesandten leben, doch noch etwas Wahres sein könnte, muß hiernach immer mehr schwinden. Offenbar läßt jetzt auch Li - Hung - Tschang die Maske fallen. Wenn er es vorzicht, in Shanghai zu bleiben und von dort aus die Verhandlungen zu führen, so macht das durchaus den Eindruck, als ob überhaupt nichts verhandelt, sondern nur die Gelegenheit zur Vervollständigung der Rüstungen wahr- genommcn werden soll, während zur selben Zeit die Mächte verhindert werden sollen, den Vorinarsch nach Peking zu beginnen. Die Weigerung der Konsuln in Shanghai, mit Li-Hung-Tschang in Erörterungen einzntreten, bevor nicht über das Schicksal der Gesandten Beruhigung gewährt werden könne, wird in Berlin als korrekte Handlung gewürdigt. Die Versicherung Li-Huug-Tschangs, daß die kaiserliche Regierung jetzt vorbereitet sei. den Gesandten und den anderen Fremden freies Geleit nach Tientsin zu geben, kann nur als Spiegelfechterei angesehen werden. Was die Gesandten- frage anbelrifft, so ist es nach allen vorliegenden Meldungen nahezu zweifellos, daß die chinesischen Beamten eine grobe Fälschung wagten, als sie Congers chiffrirte Depesche mit dem Datum des 18. Juli versahen. Jede seitdem ge­kommene Nachricht über den Zustand in Peking bedeutet eine Steigerung der Befürchtungen, daß ein allgemeines Gemetzel sämmtlichc Fremden dahingerafft hat. Wie unter diesen traurigen Umständen die Staatsmänner in Washington noch Hoffnungen hegen können, wäre schwer verständlich, wenn nicht die letzte Kabeldcpesche über die Stimmung in den leitenden amerikanischen Kreisen die unliebsamste Auf­klärung brächte. Es ist kaum noch ein Zweifel daran, daß man in Washington beabsichtigt, die eigene Sache von der­jenigen der übrigen Kabi'.lette zu trennen und von einem Zusammengehen mitChina Vortheile zu erlangen,die im Anschluß au das Konzert der Mächte allerdings nicht erreichbar sein würden. Und zu dieser Stellungnahme entschließt man sich jenseits des Atlantischen Occans, obwohl man dort wahr­scheinlich bald ebenso wie hier den Mord des Gesandten und seines Personals z» beklagen haben wird! Auch die Differenzen unter den Admiralen vor Taku find ein höchst unerfreuliches Symptom tiefgehender Meinnngsgegensätze. Plan muß wiederholen: Die Chinesen haben mit ihrem Ränkespiel offenbar schon erreicht, daß die politischen Hinder-

(Nachdruck verboten.)

Gin Kantor der Thomasschnle.

Zum 150. Todestage Joh. Seb. Bachs (ff am 28. Juli 1750).

Von I>r. Erwin L. Helm.

Ein Riesengeist ans musikalischem Gebiete ist es, dessen Todestag wir morgen in Ehrfurcht und Bewunderung be­gehen, eigentlich nicht seinen Todestag denn ein Geist wie dieser überdauert Aeonen, sondern den Tag, da er zur Unsterblichkeit einging, da er cinzog aus den, begrenzten Kreise seiner Zeit in die Unendlichkeit seiner ewigen Geltung.

Johann Sebastian Bach ist einer der größten Mcistcr der Muskk, die die Erde bis auf den heutigen Tag hervor­gebracht hat. Er ist einer von denen, welche schlechterdings nicht mehr übertroffen werden können, weil er das Höchste geleistet, was einem Menschengeist ans diesem Gebiete der Kunst zu leisten möglich resp. gegeben ist. Eine ganz be­sondere Bedeutung, eine beispiellose Größe gewinnt er da­durch, daß in ihm die Slilgattungen zweier verschiedener Zeitalter zugleich zn der höchsten Blüthe gelangt sind, sodaß er gleichsam wie ein Merkstein zwischen beiden steht, in beide aber riesengroß hineinragt. Mit gleichem Rechte darf ihn die hinter ihm liegende Periode der polyphonen Musik, des kontrapunktischen, imitatorischen Stils, wie die Periode der harmonischen Musik beanspruchen.

Das einzige Genie Bachs vereinigt die Eigenthümlich- keitcn beider Stilgattungen in einer Weise, welche auch für unsere Zukunftsmusik noch erstrcbenswerlh erscheint. Bachs Musik kann daher in dem Klingelklangel der Modernen überlärmt werden; veralten kann sie nie. Höchstens könnte einiges äußerliche, rein accessorische Beiwerk, wie Cadenzen, Verzierungen u. dergl., worin auch Bach eben ein Kind seiner Zeit ist. an die Vergangenheit gemahnen. Seine Melodik aber ist so urgcwaltig, so originell, so urgesund und unerschöpflich, seine Rhythmik so lebendig und mannig­faltig, seine Harmonik so garnicht gesucht und doch frap- pirend, so gewählt, so kühn und doch so klar und durch­

sichtig, daß auch unsere heutigenUebermenschen" ans dem Gebiete der Musik nicht umhin können, seine Werke eifrig zu studiren, seinem Thun nachzueifern, und daß auch die Zukunst des zwanzigsten Säkulums noch Stoff genug zur Bewunderung finden wird.

Nicht minder staunenswerth, wie die Größe Bach'schen Genies, ist die Schlichtheit und Einfachheit seines äußeren LebenSganges.

AlS Sohn eines simpelu Stadtmnsikers Ambrosius Bach und seiner Gattin Elisabeth, geb. Lümmerhirt, wurde Johann Sebastian am 21. Mürz 1685 zn Eisenach geboren. Mit neu» Jahren schon verlor er seine Mutter, mit zehn Jahren seinen Vater. Sein Bruder Johann Christoph, damals Organist in Ohrdruf, leitete die Erziehmig des armen Waisenknaben, bis er im Jahre 1700 eine Freistelle ans der Michaelisschule zn Lüneburg erhielt, von wo er mehrere Ausflüge zu Fnß nach Hamburg machte, um hier die damals berühmten Organisten Reinkens und Lübeck zn hören. Die erste Anstellung erhielt er im Alter von 18 Jahren als Violinist in der Privatkapelle des Prinzen Joh. Emst von Sachse» zu Weimar, blieb indes; nur wenige Monate da­selbst, da er die Organistenstelle an der neuen Kirche in Arnstadt annahm.

Von hier aus machte er die Fußrcise nach Lübeck zu Dietrich Buxtehude, dem berühmten Orgclmeistcr, welche ihn. in Konflikt mit seiner Vorgesetzten Behörde brachte, da er seinen Urlaub ungebührlich ausdehnte. Zum Bruch hätte es kommen sollen, aber es kam nicht, da man den genialen Jüngling nicht gerne laufen lassen wollte.

Da wurde durch den Tod des Joh. G. Ahle die Organistenstclle zn St. Blasius in Mühlhausen vakant im Jahre 1706, und 1707 rückte Bach in dieselbe ein, nach­dem er sich mit seiner Base Maria Barbara, der Tochter Joh. Michael Bachs, verehelicht hatte. Die musikalischen Verhältnisse Mühlhausens sagten ihm indcß nicht zu, obwohl sie nicht gerade unerfreulich und jedenfalls größer und bedeutender waren als zu Arnstadt, und so ging er nach

einem Jahre schon fort und übernahm die Stelle eines Hoforganistcn und Kammermusikns des regierenden Herzogs von Sachsen-Weimar in dieser Stadt. Hier wurde er 1714 zum Hofkonzerlmeister ernannt.

Das Jahr 1717 findet ihn in Köthen als Kapellmeister und Kammermusikdirektor des Fürsten Leopold von Anhalt, eine Stellung ganz anderer Art, als er sie bisher inne gehabt, denn er hatte dort weder eine Orgel zu spielen, noch einen Chor zu leiten, und war gänzlich.auf Orchester und Kammer­musik angewiesen. ,

Wie die verschiedenen Stellungen, die er auszufullen gehabt hatte, immer in besonderer Weise bestimmend auf die Richtung seiner Kompositionsthätigkeit wirkten, so schrieb er auch in Köthen deshalb überwiegend Werke für Kammer­musik. ..

Die vollste Schaffenskraft aber entfaltete er erst recht in Leipzig, wohin er 1723 als Kantor der Thomasschule und städtischer Musikdirektor kam. Unter dem Namen des Kantor der Thomasschule" ist er uns auch heute am ge­läufigsten. In dieser Stellung starb er nach 27-jährigim Wirken. Die letzten drei Jahre seines Lebens wurden ihm sehr verbittert. Eine die Sehkraft allmählich gänzlich ver­nichtende Augcnkrankheit stellte sich 1747 mit solcher Hart­näckigkeit ein, daß er kurz vor seinem Tode völlig erblindete. Er starb am 28. Juli 1750 und hinterließ 6 Söhne und 4 Töchter, 5 Söhne und 5 Töchter waren schon vor ihm heimgegangen. .. ....

Diesen Riesen ans seinen Werken zu würdigen, muffen wir uns, des beschränkten Raumes wegen, leider versagen. Wer sich über die Bedeutung Bachs als Musiker gründlich klar werden will, der muß die Bibliothek zu Hülse nehmen, muß die Litteratur über sein Leben und sein Wirken nach Bänden durchstudiren und vor allen Dingen selbst eine musikalische Ader besitzen, sonst wird er seine Größe me ganz erfassen und meinen, wir hätten des Lobes über ihn zu viel gespendet. Einige Worte seien dennoch gewagt, um dem Leser wenigstens eine schwache Idee zu geben von der