I
MN
Tügblntt.
No. 342. Morgen-Ansgabe.
Donnerstag, den 23 . Juli.
<1. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Jung Mn.
Noinan von Zi. ZS. Itokinson.
II.
Kitty Bude, oder wie sie mit ihrem Artistennamen hieß, Kitty Sonett» — „eine der reizenden, geschmeidigen Schwestern Sonetta" sagten die Anschlagczcttel und Zeitungsannoncen der Tingel-Tangcl — fühlte sich von der Begrüßung keineswegs verletzt. Sie war an Herrn Samnel Pickersons Ausdrucksmeise gewöhnt, sic kannte und verstand ihren Stiefvater gründlich und hatte ihm, seit sie den Ohrfeigen und Prügeln entwachsen war, auch immer tapferen Widerpart gehalten. Ein paar Mal hatte sie ihn! wie jetzt die Mutter, „ins Loch" geliefert, und vor zwei Jahren hatie sie das väterliche Dach endgültig verlassen, mit Zustimmung der Mutter und gegen den Willen des Vaters ihre Stiefschwester mit sich nehmend.
Sam Pickerson hatte damals keinen Versuch gemacht, sein einziges Kind gesetzlich znrückzufordern, denn es schwante ihm einigermaßen, was für einen Bescheid vre Behörde geben würde, auch, wußte er nicht, ob Frau Pickerson ans seine Seite treten würde, und schließlich erkannte er den Vorthcil. den diese Entführung für ihn hatte. Einen Mund weniger füttern zu müssen hatte ja sein Tröstliches. Trotzdem trug er dieser Kitty den Strcich.nach: er hatte sie nie geliebt und sie war immer ein Pfahl in seinem Fleisch gewesen.
„Ja wohl, steck' ich meine Nase wieder in Deine Schmierfinkenhöhle, Sam Pickerson," versetzte die Stieftochter. „und Du kannst Dich setzen und hören, was ich.zu sagen habe."
„Dein Geschimpf schenk' ich Dir," entgegnete Pickerson brummig, aber ergeben. „Wenn Du was zu sagen hast, so laß hören, wenn Du auch kein Recht hast dazu."
„Doch, ich Hab' ein Recht."
„Nein,- Du hast keins."
Rach dieser Feststellung seines Standpunkts riß Pickerson die braune Sammetkappe mit Ohrklappen vom Kopf, schleuderte sie in einen Winkel, gerade auf den Rücken der große» getigerten Katze, die unangefochten weiter schlief, versenkte seine Hände' in die Hosentaschen und faßte statt der redehereiten jungen Dame sein.e Frau ins Auge.
Frau Pickerson wich seinem Blick mit einer gewissen Scheu aus, denn das erste Wiedersehen mit einem Gatten, der das Vergnügen, sie die Treppe hinunterzuwerfen, mit drei Monaten Haft gebüßt hat, ist ja für die Frau etwas peinlich: man ist wirklich nicht sicher, welche Gefühle ihn bei einer solchen Heimkehr bewegen.
Wäre Pickerson betrunken heimgekommen, so hätte er sich vermuthlich auf der Stelle der Gefahr einer zweiten Verhaftung und einer härteren Strafe ausgesetzt, denn Vorsicht war nicht seine Sache, und daß Kitty Bude heute gekomnicn war, um der Mucker beizustehen, zeugte von ungewöhnlichem Math. Sie wußte, was sie wollte, und trotz Frau Pickersons feigem Versuch, sie ihren Vorsätzen ungetreu zu machen, war sie fest entschlossen, diese auszusühren.
Diese Entschlossenheit sprach so deutlich ans Kittys Zügen, daß Samuel Pickerson vorzog, ihren Anblick zu meiden. Sie erinnerte ihn ohnedies immer an ein Bild des Napoleon, das er irgendwo gesehen hatte, und heute kam ihm ihr Kinn noch viereckiger vor als sonst und die funkelnden Augen blickten noch stätiger und kühner als je. Obwohl er diese Schwäche niemals zugestanden hätte, fühlte er sich in
ihrem Bann und wußte zum Voraus, daß sie ihren Willen durchsetzen werde, um was cs sich auch handeln mochte. _
Er war auch heute gar nicht in der Stimmung, ihr kräftig entgegenzntrcten, ihm war entsetzlich flau zu Muthe, Alles^ was er thnn konnte, war, brummig zu sein und mit einem kurz geschorenen Haar dazusitzcn wie ein Büffel, der eine ungeheure Kraft absichtlich verhält, denn er durfte bei Leibe nichts von seinem Ruhm einbüßen. In einer Viertelende mußte er ja den Kumpanen im „Spanischen Patrioten" dramatisch darstcllen. wie er Mutier und Tochter als zürnender Zeus in berechtigter Wuth ins Bockshorn gejagt habe! Und wie er dann als der gute Kerl, der er trotz einiger kleinen Schwächen eben sei, dem Weib verziehen und sie wieder an die braune Sammetjnppe geschlossen habe! Ja, er hatte viel zu erzählen im „Spanischen Patrioten", wohin er mehrere Spießgesellen aus der Grovestraße auf den späteren Abend geladen hatte.
Es fehlte gegenwärtig an Arbeit und an Geld, und so war diese Einladung doppelt freudig augeuommeu worden, auch standen diese Gäste längst draußen auf dem Fußsteig, um den Augenblick ja nicht zu verpassen, wo er heraustreten würde. Sie versprachen sich auch viel von dem Geschrei und den Schimpfworten, die zum Fenster herausdringen würden, ja man hoffte auf eingeschlagenc Scheiben und fliegende Feuerzangen, es blieb jedoch verhältnißmäßig still in Nr. 45.
„Ans den Busch zu schlagen, ist bei Dir nicht der Mühe werth, Pickerson," hatte Kitty ihren Vortrag in verächtlichem Ton cingeleitet, „und cs wird Dir nur angenehm sein, so schnell als möglich zu erfahren, weshalb ich hier bin."
„Stimmt," sagte Pickerson und setzte, mit den, zurückgebogenen Daumen auf die Gattin weisend, Hinz»: „Die und ich, wir wären jedenfalls ohne Dich besser ausgekommeu heut' Abend."
„Wohl möglich," gab Kitty zu, „und wenn ich wüßte, daß cs von Dauer sein könnte, wär' ich geblieben, wo ich war. Daß Du nüchtern heimkämest, könnt' ich nicht wissen."
„Hättest Dir's denken können."
„Ich hätte auf das Gcgentheil gewettet!"
„Wetten ist bei uns nicht Mode und von so etwas ist zwischen uns nicht die Rede."
„Wovon denn?"
„Der Teufel soll mich holen, wenn ich's weiß."
„Sam," mischte sich Frau Pickerson kläglich ins Gespräch, „wir wollen uns bei diesem wichtigen Anlaß keine bösen Reden geben — ich kann's nicht aushalten."
„Du hältst nicht viel aus, Alte," bemerkte Pickerson beinahe zärtlich.
Wahrscheinlich dachte er daran, wie leicht es ihm geworden war, sie die Treppe hinnnterzuwerfcn — er hatte sie nur mit dem Finger gestreift, wenigstens seiner Aussage bei Gericht nach. Er hatte sich überhaupt des ganzen Vorgangs und des Streits, der ihn verursacht hatte, nicht erinnert, und erst von der Zeugenbank her aus dem Munde seiner Frau davon erfahren, deren allezeit dünne und zitterige Stimme hinter Heftpflaster und einen, großen weißen Verband fast unhörbar gepiepst hatte.
Sieh', Pickerson, je weniger wir zwei miteinander reden, desto besser für uns Beide," erklärte Kitty. „Darum will ich Dir gleich sagen, was los ist — ich nehme die Mutter mit fort!"
„Was . . . was thust Du?" fragte Pickerson, dem diese unverblümte Mittheilung denn doch ein wenig den Athen,
benahm. t ... „
„Hier und bei Dir kann sie nicht bleiben, das ,st klar
wie Spülwasser," erläuterte Kitty den Fall. „Bei einem Trunkenbold wie Du ist sie ihres Lebens nicht sicher und drum nehm' ich sie zu mir und verhalte sic — das heißt, so lang ich eben kann."
„Wann?" . .
„Heule . . . um drei Viertel auf neun Uhr wird ein Gefährt hier sein für sie und mich."
„Oho, ein Geführt . . . solche wie Du geben's nobel," warf Herr Pickerson höhnisch hin, setzte aber dann ernsthaft hinzu: „Was aus mir werden soll, darum scheert sich wohl Keine von Euch Beiden?"
„Mit Dir kann kein anständiger Mensch leben,, drum gleit sie's auf, wie ich's aufgegeben habe. Das ist für beide Theile am Besten."
„Des sch' ich denn doch nicht ein!"
„Sie hat Ruhe vor Dir und Du bist wenigstens sicher, nicht eines schönen Tags ihretwegen am Galgen zu baumeln."
„Nette Manieren! Das sieht Dir ähnlich, aber . . ."
„Halt! Das kommt schon! Für Dich allein kannst Du doch schließlich genug verdienen und von heute an hast Du für Niemand mehr zu sorgen, begreifst Du das nicht?"
„So ungefähr schon!"
„Du bist eine Last los, die Mutter eine Plage, da also wüßte ich nicht, wer klagen sollte! Ihr habt einander bodensatt, je bälder Ihr auseinander kommt, desto besser."
„Aha! Du hast Deinen Mann auch „bodensait" gehabt und jetzt soll die Alte Dein schönes Beispiel nachmachen."
„Das ist verlogen," entgegnete sie rasch. „Bude hat mich satt gehabt, wenn Dn's wissen willst, und drum hat er linksum gemacht nach Amerika. Ich nehm's ihm nicht übel, wenn er auch ein bischen rasch war. Wenn zwei nicht zusammen taugen — auseinander mit ihnen, findest Du nicht auch, Pickerson?"
„Und glaubst Du denn, das alte Knochengerüst werde bei Dir vergnügter sein, als bei mir?" — Der Daumen zielte wieder nach seiner besseren Hälfte. — „Willst Du mir weiß machen, sie könne überhaupt vergnügt sein?"
„Sie kann's ja einmal probiren. Abwechslung thut wohl; geht's nicht, so kommt sie halt wieder!"
„Zu mir aber nicht, das laßt Euch gesagt sein!" nef Pickerson energisch.
„Gut. Meiner Meinung nach ist auch alles Andere besser — Armenhaus, Kirchhof oder Narrenhaus! — Alles besser, als zu Dir." ^ _ .
Kitty Bude war anfgestanden und stand, die Arme aus dem Rücken gekreuzt, vor dem Stiefvater. Sie war groß und gut gewachsen und Pickerson fühlte unklar, daß es eigentlich doch brav von ihr sei, sich der Alten so anzunehmen. Vielleicht hatte sie auch Recht und am Ende war's ihm auch wohler ohne Frau Pickerson. Hätte Kitty ihm Zeit gelassen, er würde sogar dieser Ansicht Ausdruck gegeben haben, denn im nüchternen Zustand machte er hie und da die Bekanntschaft seines Gewissens, und er war jetzt drei Monate lang schmachvoll nüchtern gewesen. _ .
„Jetzt wollen wir noch das Geschäftliche mit Dir abmachen. ehe wir gehen," erklärte Kitty rasch.
„Was für Geschäftliches?"
„Natürlich verdienst Du ja nicht viel, Pickerson. da Dn die meiste Zeit arbeitsunfähig bist, und da will ich Dir fünfzehn Schilling die Woche geben, vorausgesetzt, daß Du die Mutter ungeschoren läßt. Fünfzehn Schilling, wenn Du uns aus dem Weg gehst — sobald Du anfängst, ihr nachzustellen und vorzuheulen, keinen Heller!"
(Fortsetzung folgt.)
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