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erläge prm Wresbaükirrr Taghlalt.
(Nachdruck verboten.)
JungUiu.
Roma» von Zf. W. Itobinsou.
I.
Die geistige Atmosphäre der Grovestraße war stark mit Elektrizität geladen. Die heitere und heiisamc Ocrtlichkeit befand sich an diesem Juliabend nicht in der gewohnten Verfassung, es lag etwas in der Luft. Bärbeißige finstere Gesellen standen auf dem Fußsteig. im Rinnstein oder auch unter ihren HauLthüren, als ob sie auf irgend ein Gescheh- nist warteten oder auf einen Bekannten, der tobt oder lebendig etwas weiter oben in der Straße zum Vorschein
kommen müßte. .
Und weiter oben war auch der eigentliche Mittelpunkt des Vorgangs in Gestalt einer großen, hohläugigen, grauhaarigen Frau, die von den meisten Bewohnern der Grove- straße lieber aus einiger Entfernung betrachtet wurde. Niemand hatte je Lust gezeigt, in ihre , unmittelbare Nähe zu gelangen und Niemand war auch ;e durch Wort oder Blick oder freundnachbarlichen Gruß dazu veranlaßt worden.
An diesem Julrnbend erwartete sie ihren Mann, eine Beschäftigung, die eigentlich ihr ganzes Leben ausfullte und der sie niemals mit freundlichem Lächeln oder gar freudiger Erwartung oblag. Die Frau sah mit den farblosen schmalen Lippen und den hängenden Mundwinkeln allerdings recht verbittert und böse auS, aber der Himmel weiß, daß fie auch Grund genug dazu hatte, wenngleich die öffentliche Meinung der Grovestraße nicht auf ihrer Seite stand. Frau Pickcrsons Charakter, ihr Aussehen und ihr Wesen, ihre Zurückhaltung und Vornehmthnerei fanden in der Grobe- straße gar keinen Anklang. Die Grovestraße verstand Frau Pickerson nicht und Frau Pickerson hatte sich auch nie im Geringsten bemüht, Verständniß für die Grovestraße zu zeigen oder zu erlangen. Wozu auch? Sie war viel zu beschäftigt, zu vergrämt und zu aufgeregt, um ihren Nachbarn nachzufragen; fie hielt sich also für sich, so weit eine Straße, die stets zu plötzlicher Freundschaft oder auch zu jähem Haß geneigt ist, Zurückgezogenheit duldet. In der Grovestraße herrschte das irische Blut vor; die Arbeiter einer benachbarten Eisengießerei wohnten größtentheils in dieser Straße und ihren Seitengäßchen und ein großer Thcil dieser rußigen, sehnigen, von der grünen Insel stammenden Gesellen in braunen Sammcthosen hatte heißes Blut und erzeugte heißblütige Kinder, die rasch dabei waren, mit Steinen um sich zu werfen und mit Wörtern, die man vergebens in einem englischen Wörterbuch nachschlagen würde. Es war nach vieler Leute Ansicht eine gräuliche Straße und auch eine gefährliche, wo die Schutzleute an Sonnabenden nur paarweise auftraten oder' auch gleich in Rotten, wenn irgend ein Handgemenge ausbrach, ,worin jeder als treuer Sohn feiner Heimatherde seine Meinung kund gab.
Herr Pickerson, dessen Ankunft jetzt jeden Augenblick erfolgen konnte, war aber kein Irländer und hatte daher keine nationalen Sympathicen zu beanspruchen für die „Unglücksfälle", die ihn betroffen und die in einex dreimonatlichen Haft gegipfelt hatten, aber er war „ein guter Kerl", der auch Anderen Schnaps gönnte, wenn er bei Kasse war — leider ein seltener Fall — und er war ein Manu, an den! sich die eigene Frau schwer vergangen hatte. Daß sie ihn
der Härte des Gesetzes preisgcgeben hatte, war in den Augen aller männlichen und auch der meisten weiblichen Bewohner der Grovestraße eine Todsünde. Was brauchte ie sich so „zu haben"? An Püffe und Prügel war man in dieser Gegend gewöhnt und Feuerzangen und Bügeleisen logen gelegentlich wie die Schneeflocken am Nenjahrstag durch die Luft!
Heute also kam Pickerson heim und die halbe Grovc- traße wartete mit ebenso zäher Ausdauer, ivie die Gattin 'clbst auf ihn, gleich dieser mit dem Gedanken beschäftigt, was Pickerson wohl lhun werde, tveun sich die Hausthür von Nr. 45 hinter ihrem häuslichen Glück geschlossen haben würde. Wenn Pickerson genügend Rum, sein Licblings- geträuk, „inne" hatte, war es ziemlich gewiß, wie das Wiedersehen mit der Gattin verlaufen würde, wenn aber die Freunde, die ihn hatten abholen wollen, den richtigen Augenblick verpaßt oder nicht genügend Geld zu sich gesteckt hatten, dann bot dies Wiedersehen der Phantasie weiten Spielraum, denn der nüchterne Pickerson war vom betrunkenen Pickerson gründlich verschieden. . ^ _,
Hub er kam — und zwar nüchtern! Durch welch wunderliches Zusammentreffen von Umstünden Samuel Pickerson dem Versucher Widerstand geleistet hatte, läßt sich weder feststelleu noch errathen, aber sicher war, daß er mit den Händen in den Hosentaschen, die breiten runden Schultern zum „Bibelrücken" gewölbt, als ein Bild unnatürlichen Ernstes und innerer Gedrücktheit einherkam, ei» Anblick, der wirklich noch unangenehmer war als der deS betrunkenen Pickerson. Unter der Hausthür von Nr. 45 war nun noch der Saum einer nicht sehr reinlichen Schürze sichtbar, denn Frau Pickerson war znrückgetreten, um in das rechts davon liegende Zimmer zu ebener Erde hineinzurnfen: „Kitty . .. er kommt!"
„So — endlich?" klang es scharf zurück. „Desoffen oder nicht?"
Er ist nicht . . . besoffen," versetzte Frau Pickerson zögernd, als ob ihr das herbe Wort nicht recht über die Lippen gewollt hätte. „Ganz gerade geht er."
„So — das läßt sich ja gut an."
„Nicht wahr?"
„Dann begreift er vielleicht, was ich ihm zu sagen habe, und das wäre immerhin ein Segen, Mutter."
Frau Pickerson trat jetzt ganz ins Haus, drückte die Thür nach der Straße sachte hinter sich zu und ging in das armselige, schlecht eingerichtete Stübchen, wo ein knisterndes Feuer brannte. Sie' trat zu der Tochter, die iu Mantel und Hut mit übergeschlagenen Knieen vor dem Kamin saß und sich am Anblick der Ringe weidete, die iu reicher Auswahl ihre Finger bedeckten, und zum zehnten Theil sogar echte Steine trugen.
„Meinst Du nicht, Kitty, wir svlltcn's noch einmal mit ihm probiren?" begann die Mutter überredend. „Eine harte Lehre hat er ..." , „
„Geschah ihm reichlich recht!" fiel ihr Kitty ins Wort.
„Das streit' ich auch nicht, ich sag' ja auch nicht, daß er kein wildes Vieh sei, aber weißt Du . . . wenn er sich jetzt die Lehre wirklich zu Herzen genommen hätte. .. hm?
„Bei Dir hat sie jedenfalls nichts gefruchtet," versetzte die Tochter schonungslos, „und wenn Du wieder mit den alten Dummheiten kommen willst, so mach ich einfach Kehrt! Aber das sag' ich Dir, wieder kommen thu' ich nicht, nie
mehr, magst Du mir noch so viel vorwinseln in Briefen. Eher laß ich mich todtschlagen, als daß ich wieder komme. .. jetzt weißt Du, woran Du bist!"
Die Mutter sah traurig und mißbilligend auf ihre Ihat« kräftige Tochter. Sie zerknüllte mit zitternden Fingern ihre Schürze und schreckte leicht in sich zusammen, als ob Kittys Redeweise gar nicht nach ihrem Geschmack wäre, und doch hatte sie in ihrem elenden Leben nichts Besseres und viel Schlimmeres zu hören bekommen! Wie kam sie dazu, von diesem hübschen dunkelhaarigen Wesen mit dcnr breiten Kinn und den funkelnden Augen einer echten Zigeunerin Zartgefühl und Bildung zu erwarten?
„Ich weiß ja, daß Du recht hast, Kitty, aber mir tft
nur so . . ."
„Als ob Du Dich lächerlich machen wolltest mit Deinem Alten," siel ihr die Tochter unwirsch ins Wort.
„Das mag ja sein ... cs sind eben doch bald fünf« undzivauzig Jahre, daß Pickerson und ich . . ."
„Ich hätte ihn in fünfundzwanzig Minuten vergiftet gehabt!" rief Kitty mit Ueberzeugung.
„Aber Kitty! Spricht mau so vom Vater?"
„Vater! Ist er etwa mein Vater?" rief die Tochter entrüstet. „Willst Du Deine erste Liebe vergessen haben?"
Kitty brach in lautes, aber wohltönendes Lachen aus, wobei sie eine Reihe großer, blendend weißer Zähne zeigte.
O Gott, wenn er jetzt kommt, hört er Dich lachen! Nein, was bist Du für ein Mädchen! Gerade wie Dein Vater — der hat auch über alle Welt gelacht!"
„Kurz hat er gelebt, aber lustig, der arme Tropf, und so will ich's auch halten!" bemerkte Kitty.
„Das dauert aber lauge bis er kommt ... er war doch schon in der Straße," bemerkte Frau Pickerson.
Seine würdigen Freunde werden ihn wohl erst oe- grüßen müssen, den ekligen Kerl," bemerkte Herrn Pick-rsons
Stieftochter. .
„Ja, beliebt war er immer sehr . . . mein Sam!
„Gewiß, schon seiner Schönheit wegen," höhnte Kitty.
Jetzt endlich wurde der Thürklopfer laut und nachdrücklich in Bewegung gesetzt, Frau Pickerson schreckte zusammen, daß die eben zurechtgcrückte Haube wieder schief zu sitzen kam. Sie warf einen fragenden Blick auf die Tochter, und als diese keine Miene machte, aufznstehen, ging sie mit leisem Hüsteln hinaus, um dem breitschultrigen, großen Mann die Hausthür zu öffnen.
„Da bist Du ja wieder, Pickerson," sagte fie nn zartesten Piano ihrer dünnen blechernen Sopranstimme.
,Da bin ich," klang es im tiefsten, rauhesten Baß ziiruck.
HWillst Du so gut sein, die Thür zu schließen," setzte Frau Pickerson mit einem drolligen Anflug von Würde hinzu, wie eine Frau, die wenigstens vor einem Zeugen wie ihre Tochter um jeden Preis eine gewisse Charakterstärke zeigen will.
Sie ging ihm voran in die Wohnstube und Pickerson warf die Hausthür dröhnend ins Schloß zum großen Mißvergnügen von etlichen neugierigen Nachbarn und zwei Hunden, die ihm als steiwillige Sicherheitsmache gefolgt waren. Im Wohnzimmer harrte seiner die erste der Ueber- raschungen, die ihm dieser Abend bringen sollte.
Oho!" brummte er, seine Stieftochter verwundert ansehend. „Was will das Weibsbild in meinem Haus? Wer heißt sie, ihre Nase iu anderer Leute Geschäfte stecken?"
(Fortsetzung folgt.)
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