:«h*'
48 . Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgabe». — Bezugs PrciS: durch den Verlag L» Pfg. monatlich, durch die Post » Mk. ««» Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
ZV,OOO Abonnenten.
Llrizcigen-PreiSr
Die einspaltige Petitzeilc für locale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeige» 25 Pjg. — Reklamen die Petitzcile für Wiesbaden 50 Pjg, für Auswärts 75 Pfg.
Anzeiger»-Annahme
für die Slbettd-Ausgabe bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen«AnSgab« bi« 8 Uhr Nachmittags, nächsterscheincnden Ausgabe wird keine Gewähr übernonnnen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
— Für die Aufnahme später eiugercichter Anzeigen zur
N». 339.
Fernsprecher No. 52.
Dienstag, den 24. Inli.
Fernsprecher No. 52.
1900.
Abendausgabe.
Der internationale ArbeiterschntzKongreß.
Vom 25. bis zum 29. Juli tagt in Paris ein internationaler Arbeiterschntzkongreß. dessen Verhandlungen, ob man sich nun anch von ihnen mehr oder weniger versprechen mag, jedenfalls allgemeines Interesse und eingehende Beachtung verdienen nzerden. Die Vorläuferin dieser internationalen Arbeiterschutzkongresse war die internationale Arbeiterschutzkonferenz, welche vor einem Jahrzehnt in Berlin getagt hat. Die Konferenz trat damals am 15. März 1890 auf die Initiative Kaiser Wilhelms 11. zusammen und es waren auf ihr die meisten Länder Europas vertreten. Der Konferenz gingen die kaiserlichen Erlasse vom 5. Februar 1890 voran, in denen es als die Ausgabe der Staatsgewalt bezeichnet wurde, „die Zeit, die Dauer und die Art der Arbeit so zu regeln, daß die Erhaltung der Gesundheit, die Gebote der Sittlichkeit, die wirlhschaftlichen Bedürfnisse der Arbeit-rund ihr Anspruch auf gesetzliche Gleichberechtigung gewahrt
bleiben? _ „ ,
Wenn jene Konferenz auch nicht die Fruchte getragen hat, die vielfach von ihr erhofft wurden, so sind doch aus ihr viele hochbedeutsame Anregungen hervorgegangcn, die sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern inannig- fache Bestimmungen zum Schutz der Arbeiter veranlaßt haben. Der direkte Vorgänger des demnächst in Paris jusammentretenden Kongresses mar der internationale Arbeilerschutzkongreß,, welcher 1897 in Brüssel getagt hat. Auf diesem ersten Arbeiterschutzkongreß ist besonders die Begründung einer internationalen-Vereinigung für den gesetzlichen Arbeiterschntz angeregt worden. Seit der Zeit sind in vielen Ländern nationale Gruppen zur Förderung dieses Gedankens ins Leben gerufen worden, und man hofft, «ns dem jetzigen. Kongreß die Begründung der geplanten internationalen Vereinigung zu erreichen.
Man braucht keineswegs alle von dem Kongreß ausgestellten und aufznstcllendcn Ziele zu billigen oder für erreichbar zu halten und kann es, doch, als höchst erfreulich begrüßen, daß nach Möglichkeit' eine interuationake Verständigung über die Fragen des Arbeiterschutzes erreicht wird.' Mit Recht hieß es hierüber in den schon erwähnten Erlassen vom Jal,re 1890: „Die in 'dev internationalen
Konkurrenz begründeten Schivierigkciten der.Besserung der Lage unserer Arbeiter lassen sich nur durch internationale Verständigung der an der Beherrschung des Weltmarktes bc- theiligten Länder wenn nicht überwinden, so dach abschwächen". In der That kann es nur zur Klärung und zur Förderung der Frage des Arbeiterschutzes dienen, wenn durch eine Art internationaler Aussprache der Stand dieser Frage in den einzelnen Ländern erforscht und festgestellt wird, was hier erreicht, was dort nicht erreicht worden ist.
Deutschland hat jedenfalls keine Ursache, einen solchen Vergleich zu scheuen, denn das Deutsche Reich darf sich mit Stolz als Pionier und Bahnbrecher ans dem Gebiet der modernen Socialpolitik bezeichnen. Mit der Botschaft Kaiser Wilhelms I. vom 17. November 1881, in der verkündet wurde, daß „den Hülfsbedürftigen größere Sicherheit und Ergiebigkeit des Beistandes, auf den sie Anspruch haben," verschafft werden solle, hat Deutschland auf dem
Gebiet der Socialpolitik eine Bahn betreten, auf der ihm seitdem viele Staaten nachgcfolgt sind, auf der es aber von keinem erreicht worden ist. Durch die im großartigen Stil ausgeführte Arbeiterversichcrung, die noch jetzt ununterbrochen weiter ausgebaut wird, ist den lMndarbeitenden Klassen ein gesetzlicher Anspruch ans ärztliche Behandlung und Krankengeld im Falle der Erkrankung und ans Renteubczüge im Fall der Erwerbslosigkeit durch Unfall, Invalidität und Alter zugqprochcn morden. In diesem großartigen Maßstabe wie in Deutschland ist die Arbeiterversicherung bisher noch in keinem einzigen anderen Staat durchgeführt worden. In einzelnen Staaten ist nian zur Einführung der Krankenversicherung und zum Theil anch der Unfallversicherung übergegangen oder im Begriff, dies zu thun, aber einer Jnvaliditäts- und Altersversicherung, wie sie in Deutschland durchgeführt wird, können sich die Arbeiler keines Landes rühmen.
Eben diese Frage der Arbeiterversicherung, deren Erörterung gezeigt hätte, wie sehr die anderen Staaten in dcr Fürsorge für den Arbeiter noch hinter Deutschland zurück sind, vermissen wir auf dem Programm der Konferenz. Das Programm beschränkt sich auf die Fragen der gesetzlichen Beschränkung der Arbeitszeit, des Verbots der Nachtarbeit und der Gcwerbeaufsicht. Die Arbeitszeit für erwachsene Männer unterliegt bisher in Deutschland wie in den meisten Industriestaaten keiner Beschränkung, nur in Oesterreich, Frankreich, der Schweiz und Rußland hat man einen Normalarbeitstag von 11 bis 12 Stunden. In Deutschland und England hat man sich darauf beschränkt, die Arbeitszeit in gesundheilsgefährUchen Betrieben einzuschrünken.
Der Einführung eines Maximalardcitstages und einem Verbot der Nachtarbeit stellen sich in der Praxis außerordentliche Schmierigkeiten entgegen, und es lassen sich sehr gewichtige Bedenken dagegen geltend machen. Aber das eigene Interesse der Arbeitgeber hat ganz von selbst dazu geführt und wird weiter dazu führen, die Arbeitszeit zu verkürzen und die Nachtarbeiten nach Möglichkeit einzu- schränkcn. Jedenfalls kann cs nur von Werth sein, wenn diese Fragen ans dem Kongreß einer gründlichen Erörterung unterzogen werden. Was die Frage der Fabrikaufsicht betrifft, so wird festgestellt werden können, daß Deutschland hier in erster Reihe marschirt. Ob der Kongreß praktische Ergebnisse zeitigen wird, bleibt abzuwarten. Jedenfalls dürfen wir von ihm werthvolle Anregungen erwarten, und deshalb können wir ihm mit lebhaftem Interesse entgegcnsehen. p.
Deutsches Reich.
F ü r st H o h c n l o h e.
Daß Fürst Hohenlohe ein Palais Unter den Linden gemiethct hat, war für seine „Freunde" auf der Rechten ein beinahe vollgültiger Beweis dafür, daß im Kanzlerpalais demnächst ein großes Kofferpacken beginnen werde. Es ist aber nichts damit. Der Reichskanzler hat jenes Haus nur gcmiethet, um die sehr bedeutende Einrichtung des Schlosses Werk!, nach Auflösung des dortigen Haushaltes, unter- bringen zu können. Seine Dienstwohnrurg hätte nicht Raum genug dafür geboten. Erklärt sich hiernach die Mieths- geschichte unpolitisch harmlos, so verdient es bemerkt zu werden, daß außerhalb des engsten Bündlerkreises,
wo man die Hoffnung gern als Gewißheit nahm, eine rechte Krisenstimmung ans Anlaß der Nachricht von dem Miethen einer neuen Wohnung doch nicht hat
aufkommen wollen. Man rveiß überall, daß eine wirkliche Kanzlerkrise nicht zu erwarten ist, daß das
Ausscheiden des Fürsten Hohenlohe ans dem Dienst in anderen Formen als denen eines politischen Gegensatzes vor sich gehen wird. Man weiß auch, soweit sich das eben wissen läßt, wer der Nachfolger sein wird, und daß er im Grund genommen bereits amtirt. Die Angabe der Gründe, aus denen Fürst Hohenlohe hier ein Palais gemieihet hat, zeigt jedenfalls, daß sich der Personenwechsel doch nicht so bald vollziehen wird.
* * *
* Kof- und Person,it-Dtachrichten. Wie die „Post" er- fädrt, wird sich der Reichskanzler Fürst Hohenlohe demnächst nach Werkt begeben, um leinen dortigen Haushalt aufziilöjcn. Er bat Unter den Linden in Berlin eine Villa gcnüeihet, in der die Einrichtungen des Schlosses in Werkt n»d die umfangreichen Sammlungen von Jagdtrophäen Aufstellung finden werden. — Der Reichstags- und Landtagsabgeordnete für'den Wahlkreis Randow» Grcifcnhagcn, M a n t c u f f e l, ist gestorben. — Die Kaiserin wird von ihrer Seereise nicht mehr nach Honiburg zurückkehren. Die Prinzen und die Prinzessin bleiben bis zum 3. August in dem Hamburger Schloß.
Der Attfstmrd in China.
Das Mißtrauen in die chinesischen Versicherungen, daß die Gesandten noch leben, beruht vor Allem darauf, daß die Regierung in Peking den Gesandten nicht die Möglichkeit gewährt, in unmittelbaren Verkehr mit ihren Regierungen zu treten. Es liegen uns keine Meldungen vor, die die Behauptung, daß die fremden Diplomaten wohlbehalten seien, irgendwie unterstützen könnten, freilich anch keine, die als Widerlegung dienen müßten. Die seit Samstag einigermaßen berechtigt erscheiueicde Hoffnung will man nicht fahren lassen, aber Beweise fehlen gänzlich. Sind die Gesandten am Leben und werben sie von der Regierung nicht gefangen gehalten, so wird man wohl bald von ihnen hören müssen. Die beruhigenden Erklärungen der chinesischen Diplomaten in Europa sind allerdings eher geeignet, jeden Argwohn noch zu bekräftigen, so, wenn versichert wird, daß die Tclegraphendrähte zerrissen seien, daß die Aufständischen die Straßen gesperrt hätten und anch die Läufer nicht passiren ließen, daß sich die Dinge seit dein 18. Juli gewendet hätten, und daß demnächst die Gesandten, nach Ausbesserung des Tclegraphcnnetzcs. direkt an ihre Negierungen tcle- graphiren werden. Man fragt sich, woher die chinesischen Gesandten und ihre Sekretäre das Alles wissen können, wenn die telegraphische Verbindung mit der Hauptstadt wirklich unterbrochen ist. Ist sic cs aber nicht, dann brauchen die Gesandten, falls sie leben, nicht erst auf die Wiederherstellung der Drähte zu warten, es sei denn, daß sie Gefangene der Kaiserin-Wittwe oder sonst einer Gewalt sind und am Sprechen in Zukunft wie bisher verhindert werden. — Zur Frage des Oberkommandos über die verbündeten Truppen liegen in auswärtigen Blättern Nachrichten vor, die man an Berliner maßgebenden Stellen einfach als Erfindung bezeichnet. In diese Reihe gehört die Meldung des „Gaulois", wonach Kaiser Wilhelm einen französischen General an der Spitze der internationalen Landtruppen sehen möchte, was die französische Negierung jedoch dankend abgelehnt habe. Wenn nun aber weiter bemerkt wird, daß
(Nachdruck verboten.)
berliner Kries.
(Von unserem eigenen Berichterstatter.) Unsere China-Krieger. — Die große Hitze. — Mondscheinfahrten. - Die ObcrsPree. — Elektrische Volll>ahnen. — Di« Laubenstädte. — Ein sinisches Orchester. — Eine jüdische Operngesellschast.
Es giebt eigentlich nur zwei Dinge, von denen man gegenwärtig in Berlin spricht: China und die Hitze. Der Atlas und das Thermometer sind die Gegenstände, die man am meisten studirt. Wenn auch Don den mit fieberhafter Eile betriebenen Kriegsvorbereitungen in Berlin selbst nichts oder jedenfalls nicht viel zu bemerken ist — denn Spandau und Haselhorst, die Orte, in denen die Herstellung der Transportkisten und die Verpackung stattfindet, liegen zu weit abseits vom allgemeinen Verkehr —, so hat Berlin dafür in den letzten Tagen Gelegenheit gehabt, einen Theil der nach China gehenden Freiwilligen zu begrüßen, und bei dieser Gelegenheit schlug die Flamme deutscher Kainpfbegeisterung. kräftig in die Höhe. Tausende begleiteten die nach Spandau zum Waffenempfang abrückenden Truppen, und bei den Konzerten, welche von der „ostasiatischen" Kapelle in einem großen Restaurationsgarten veranstaltet wurden, herrschte die gehobenste Stimmung. Es ist fast, als hätte man in dieser „Expedition" nach China das Ventil für eine lange latent gewesene Kriegsfreude gefunden, als sei man — umgekehrt wie Kaiser und Kaizerin in Bürgers Lenore — des langen Friedens müde! Die im Interesse der Politik doch nun einmal dringend notwendige Fiktion, daß wir uns nicht im Kriegszustände
mit China befinden, will dem Berliner nicht in den Kopf.
Ein wenig hat sich übrigens jetzt auch das Straßenbild in Berlin verändert. Man sieht öfter als sonst fremde Uniformen. Neulich beobachtete ich drei wackere ostasiatische Infanteristen, wie sie bereits hier, im alten Europa, auf „Eroberungen" ausgingen: sie hatten einen Milchwagen, den sie wohl im Eifer des Gefechts für einen Marketenderwagen hielten, regelrecht belagert, sodaß die hübsche kleine Führerin völlig ^»geschlossen war. Es schien ihr jedoch gar nicht unbehaglich in ihrer Lage zu sein, und sie schaute nicht nach „Entsatz" ans. Die Khaki-Anzüge — richtiger braunen Drillich-Anzüge — sind ebenso kleidsam wie praktisch. Durch die Strohhüte erhalten die Soldaten ein sehr charakteristisches Aussehen, doch müssen wir uns erst an den etwas fremdartigen Anblick gewöhnen, der für uns zunächst etwas Unmilitärisches an sich hat.
Die gegenwärtig in Berlin herrschende Temperatur bietet unseren Ostasiaten jedenfalls vortreffliche Gelegenheit, die Ausrüstung zu erproben, denn wir haben in der That tropische Temperatnrgrade zu verzeichnen. Die Pferdebahn- und Omnibus-Gesellschaften haben der Hitze gegen
über zu einem sehr empfehlenswerthen Hülfsmittel gegriffen: sie umwickeln den geplagten Gäulen den
Kopf mit nassen Tüchern, die oft erneuert werden.
Beneidenswerthe Geschöpfe! Auf den Bureaus der
Zeitungsredaktionen laufen nicht nur die Herren, denen das Tropen-Ressort unterstellt ist, sondern Alle, mit Ausnahme des stets zum Empfange etwaiger Besucherinnen gerüsteten Feuilletonisten, in einer Tracht herum, die nur unter dem Aequator salonfähig sein dürfte, und selbst der korrekteste
Kanzleirath fühlt jetzt manchmal den rebellischen Wunsch, ohne Stehkragen gebaren zu sein. Nur die Esel scheinen nicht unter der allgemeinen Ermattung zn leiden, und, wie ich Ihnen bereits früher einmal schrieb, giebt es jetzt in Berlin mehr Esel als sonst. Man hat im letzten Jahre zahlreiche Esel eingeführt, und sie haben sich schnell an das Berliner Klima accomodirt. Der Fremde wundere sich also nicht, daß es in Berlin so viel Esel giebt: es sind keine Berliner, sondern auswärtige . . . Abends sehnt sich natürlich Jeder — ich spreche jctzt nicht von den Eseln — aus dem großen Brutofen Berlin ins Freie hinaus. Ganz besonders beliebt sind die Wasserfahrten an" ' »r Oberspree. Poetische Unternehmer, die Praxis und Poesie ><.. wohl miteinander zu vereinen wissen, haben seit einigen Jabre > nächtliche Dampferfahrten unter dem verlockenden dr. m „Mondschein
fahr tcn" eingerichtet, die bei der sentimental veranlagten Bevölkerung des so nüchtern ausschauenden Berliner Ostens lebhaft Anklang finden. Die Ufer der Obersprce bieten freilich nur bescheidene Reize, aber man lernt diese weiten Wasserflächen mit den langsam dahinziehenden, tiefgehenden Segelkähnen, den sogen. „Zellen", mit den melancholischen Kiefernwäldern und leicht geschwungenen Hügelketten, wie sie Leistikow gern malt, mit der Zeit lieben. Am Abend entfaltet sie erst ganz ihre tiefe Schönheit. Die großen ruhigen Linien, die Silhouetten der schwarzen Wälder, die gegen den gelb-grünen Abendhimmel scharf abschneiden, gebende» Landschaft im Verein mit der weiten stillen Fläche der seeartig erweiterten Spree etwas weihevoll Ruhiges, das auf kein empfängliches Gemüth ohne Wirkung bleibt. Aber an einem Sonntage, wie beut letztvergangenen, darf man diese
