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Wegen Untätig

sämmtlicher

Sommerwaaren

zu jedem annehmbaren l*rels.

Ernst Schestowitz, Grosse Burgstrasse 6

Mage Min Wiesbadener Tagklatt.

334. Morgen Ansgadr.

(54. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

Ans Griinweide.

Roman von H'akmö-H'aysen.

Ein leiser Wind hatte sich erhoben und rauschte un­heimlich, drohend an dem tannenbestandenen Waldcsrand entlang, geisterhaft leise strich der Flügelschlag eines,Nacht­vogels vorüber, ja ihre überreizte Phantasie bildete sich ein, das Rauschen des nahen, unheimlichen Gewässers zu hören, oder plötzlich wieder die schrille Stimme des Irren, der ihr dort das Grab, den Tod bereiten wollte. In der Nach­wirkung des Schreckens schrie sie auf, als ein Ruf, und nun deutlich ihr Name ertönte. Sie richtete sich auf, starrte mit »roßen, wirren Augen umher, auf die schwacherhcllle Fläche, die durch das unausgesetzte Wetterleuchten, nach jedem neuen Blitzstrahl momentan wieder dunkler als zuvor erschien und suchte auf die Füße zu kommen, als Reinier in ungewissem Dunkel nach ihr suchend, ihren Namen rief, mit einer Stimme, mit einem Ton, nicht wie ein Bruder nach der Schwester oder der Vater nach einem Kinde ruft, ein Ton, ans heißer, von Liebe durchzitterter Seele, wie ihn nur der Liebende für das Geschöpf seines Herzens findet. Er traf das Mädchen trotz der unsäglichen Angst ins Herz wie eme Erleuchtung. Sie flog auf ihn zu und warf sich in seine ausgebreiteten Arme, an seine stürmisch klopfende Brust.

Mein Liebling! mein Herz! sag' um Gottes Barm­herzigkeit sprich, hat Dir der llnglückliche, der Arme ein Leid gethan? - Wie kam es nein, nein, sprich nicht fcaöon" er unterbrach sich, legte sanft seine Hand auf ihr weinendes Haupt und sagte:Weine, mein Liebling,

weine; Thränen werden Dir wohlthun "

Sie wollte ihre Hände von seinem Halse losen, schwankte aber und fühlte sich plötzlich umschlungen, wie ein Kind von seinem Arm getragen. Am Waldesrand auf einer moos­bewachsenen Bodenerhöhung ließ er sie nieder. Dort lehnte sie ihr weißes Antlitz gegen den Stamm eines Baumes, t* war ihr, nun da der Ansturm aller der erwarteten Schreck­nisse vorüber, wie ein Traum. Sie sah, wie er ihr weißes Tuch im Wasser näßte, sich neben sie setzte, cs sanft aus ihre brennende Stirn drückte und ihre heiße Hand m dre seine nahm. Da ein leiser' Schauer wiederholt ihre Gestalt durchzitterte, fragte er:Fürchtest Du Dich, Marietta?"

Ein leises Lächeln flog um ihre Lippen.

Fürchten? wo Du bei mir bist! Nein!

Dabei öffneten'sich ihre Augen, und als diese das nn Mondstrahl aufglttzernde Gewässer des Weihers trafen, setzte sie mit leisem Beben hinzu:Doch laß uns von hier fort,

laß uns nach Hause gehen!" . . , ., . .

Nach Hause gehen! wie anheimelnd, wie schmeichelnd

ihm das Wort zu Herzen drang. , , .

Er willfahrte ihr schweigend, und da sie langsam und unsicher dahinschwankte, legte er seinen Arm um ihren Leib, während seine Linke ihren Arm ergriff.

Es war Marietta mit jedem. Schritt, der sie weiter von dem Orte des Schreckens entfernte, als wachse ihre Kraft, Muth und Ruhe. Ueber ihre blassen, schluchzenden Lippen bebte in abgerissenen Worten das ' Erlebte der letzten Stunden. Reimer unterbrach sie selten.

..Mein armer Liebling," sagte er manchmal oder ein leiser Druck seiner Hand zeigte ihr die Bewegtheit seines Innern, und wenn die Blitzlohe vor ihnen über die Haide

Samstag, den 21. Juli.

fuhr^sah er auf sie nieder, auf ihr thränenüberströmteS Antl'itz, und manchmal trafen sich ihre Blicke, wenn auch sie zu ihm aüfsah. So wandelten sie aueinandcrgclehiit am WaldeSsanm entlang, von Herzen zu Herzen sprechend ohne daß aus diesem das Wort der Liebe tönte, das ttnaussprech- lichc, das in Blick und Ton lag.

Doch das tödtlich übermüdete Mädchen hatte seine Kraft überschätzt. Der wieder znrückkchrende Wagen langte noch früh genug an, um Beide sicher und schnell ans Ziel zu bringen. Als das Haus erreicht, die besorgte Sophie in größter Angst dem geliebten Mädchen entgegencilte, erfaßle Marietta eine besiiinuiigslose Schwäche, die zu beherrschen sie sich bereits auf dem ganzen Wege bemüht. Jetzt erst gab sie sich derselben kraftlos hin. Sie glitt, wirre Worte stammelnd, auf die Erde nieder. Von Reimers starken Armen wurde sie auf ihr Zimmer und Lager getragen. Mit dem Ausdruck tiefster, zärtlichster Besorgniß beugte er sich, ehe er schied, über das vom Mondlichte hell übergoffene, schlunimerstillc, weiße Antlitz. ,

Himmlischer Gott, erhalte sie uns, erhalte sie mir, flüsterte er, und leise und scheu berührten seine Lippen ihren dunklen Scheitel.

Sophie war ungesehene Zuschauerin gewesen, sie kannte es nun, da? ängstlich verborgen gehaltene Hcrzensgeheimniß, wußte es, wem ihre Sorge und Pflege galt Wochen hindurch.

XXXII.

Heute waren gerade zwei Monate seit der letzten auf­regenden Begebenheit verflossen. Der Sommer mit seinem Staub, seiner Glnth und seiner Ernte war dahin. Ein Herbsttag war's von sanfter Milde, der seinen Sounengruß aus die kahlen Felder, in die geöffneten Fenster des Herren­hauses sandte. t .

Lange war es her, daß Sonnenschein und Luft so un gehindert überall hereindringeu durften. Von einer schweren Krankheit, einem nervösen Fieber, war die junge, noch etwas leidend aussehende Marietta erst jetzt genesen. Sie saß vor dem offenen Fenster, mit Wonne die köstlich frische Luft cinathmeud. Auch der alten Dame, die mit sorglich liebender Hand jetzt ein Tuch um die Genesende legte, sah man cs an, daß sie trübe, schwere Zeiten zu durchkämpfen gehabt. Aber heiterer doch blickten heute die hellen Augen aus dem gefurchten Gesicht; der Arzt hatte den letzten Besuch gemacht, es gab demnach nur einen Kranken noch und dieser weilte nicht hier, sondern fern in der Anstalt, die ihn schon cinnial

beherbergt. . , .,. r , .

Der Gutsherr hatte seinen Bruder damals nicht sofort dieser überliefert. Es vergingen noch Wochen, ehe dessen körperlichen Kräfte eine Reise gestatteten, erst als diese sich eingestellt, der frühere Körper- und Geisteszustand wieder eingetreten war und Reimer auch für das junge, geliebte Wesen im Hause keine Gefahr zu befürchten hatte, erst dann unternahm er mit dem alten Diener den schweren Gang, von dem er noch nicht zurückgekehrt, da sich bei dem Geistes­kranken bald wieder ein fieberhafter Zustand eingestellt hacke, welchen die Aerzte, in Anbetracht der äußerst geringen Lebenskraft des leidenden Körpers, als nicht ungefährlich bezeichneleu. Depeschen und Briefe hatten demnach seine Rückkehr nach Grünweide als unbestimmt hingestellt.

Seit jenem entsetzlichen, unvergeßlichen Abend hatte das junge Mädchen ihren Vormund nicht wiedergcsehen. Tage­lang lag sie bcsinnuilgslos in hefiigsten Fieberphantasieen

da, und als endlich die elastische, jugendliche Natur über die Krankheit gesiegt, fesselte das Krankenlager den langsam ge- riefenden Körper lange noch an sich. Dann trat bei ihr ein Gefühl der zurückkehrenden Kräfte, in dem Versenken der sich klärenden Erinnerungen, von denen Alles Schatten­schwarze, Störende gewaltsam zurückgedrängt wurde, ein Zustand wunderbar glücklicher Ruhe ein, ein Träumen »nt wache» Auge», ein himmlisches Gedankenleben, das Stunden, Tage kürzte, äußerlich nur erkennbar durch ein sinnendes, schönes Lächeln, durch ein süßes Errötheu, wenn etwa der Name dessen über die Lippen der alten liebevollen Kranken­pflegerin trat, die niit diesem tiefempfundenen Ueberglück im engsten Zusammenhänge stand.

Doch auch die Vergangenheit forderte ihr Recht, .ihre Schatten fielen gar ernst auf dies stille Jugendträumen.

Alles, ivas dem jungen Mädchen von den Schicksalen des unglücklichen Thurmbewohners verborgen und unverständlich geblieben, war ihr in einsamen Stunden von Sophie auf­geklärt und umständlich erläutert worden. ....

Heute an dem stillen Herbstuachmittage, da zu erledigende Briefschaften die alte Dame au das eigene Zimmer fesselten, durchlas Marietta die vergilbten Tagebuchblätler, die sic nn Geiste in weltverlorene Strecken, in unermeßlich große Natur, in die gluthvolle Pracht der südlichen Zone führten.

Die Sonne war bereits niedergegangen, Dämmerung ivebte überall ihre Schleier, als sich ihre thränenfeuchten Augen zu Sophiens nicht minder bewegtem Gesicht erhoben.

Die alte Dame stand mit einem eben empfangenen Briefe

Ü ° lIch weiß," sagte sie,mit welchem Wehruf jene Zeilen enden, der so schmerzvolle Erhörung gefunden. Ein Lebcn^- jahrzchnt ist auch uns dadurch zu bitterstem Leid gewandelt, es hat nun ein wehmüthiges Ende erreicht durch dte Um* theilung dieses Schreibens. Lies auch dies."

Bewegt legte Sophie dasselbe in Manettas Hände. Es waren Reimers Schriftzüge. Ihm, dem treuen und liebe­volle» Pfleger des geliebten Bruders, war cs vergönnt ge­wesen, dem Sterbensmüden die Augen zu schließen, als der umnachtete Geist, verklärt und von allem ErdenMimer^ be­freit. lichten himmlischen Höhen zuschwebte. Dw schrille Dissonanz des Wehs hatte ihre Auflösung gefunden durch die Elegie des Todes.-

XXXIII.

Wieder war cs Weihnachten st/worden.

Aeußerlich hatte sich im Laufe der letzten Monate aus Grünweide nichts verändert. Nachtwachen, Krankenstuben gab es dort nicht mehr. Die Geschäfte des Hauses gingen alle wieder den gewohnten Gang. Dennoch lag in dem Thun Aller etwas Besonderes, eine frohe Erwartung,^ eme bewegliche, freudige Unruhe, die nicht nur allein dcw schone

Fest verursucht zu haben schien.

Man erwartete den Hausherrn, der langer als ein Vierteljahr abwesend gewesen, heute zurück. Daher die fleißig- Nührigkeil, das Streben der Leute ,n Haus und Hof, vom Verwalter an bis zum Stalliungen herab. Alle wünschten ihrem hochgeschätzten geliebten Gutsherrn die Freude über seine Rückkehr auch äußerlich kund zu thun

und schmückten deshalb mit Tannengrün den Eingang des

Hauses, die Treppen, die Zimnckr. Allüberall wehte Weihnacht- sicher, frischkräftiger harziger Tannenduft.

(Fortsetzung folgt.)

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