Wiesbadener Tsgblsti
«8. Jahrgang.
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Abend-Ausgabe.
Zlür August unö Septembev
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„Wiesbadener Tagblatt"
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Deutsches Deich.
Fürst Hohenlohe.
L. Kerli», 20. Juli.
Der thatsächliche Zustand in Deutschland ist seit Wochen der daß die Geschäfte, soweit sie in das Gebiet der auswärtigen Politik fallen, vom Grafen Bulow geführt werden und nicht vom Fürsten Hohenlohe. Der Reichskanzler l,t viel aus Reisen, bald in der Schweiz, bald im Badischen, bald bei seinem Schwiegersohn auf Schloß Pommersfcldcn. In den nächsten Tagen wird er seine Guter m Rußland besuchen. Etwa Milte August erst will er wieder m Berlin einlreffen. Es ist jedenfalls ein ungewöhnliches Verhalliuß, daß der verfassungsmäßig verantwortliche Reichekanzler in einer so schwierigen Zeit seine Thätigkeit auf ein Miinest- maß beschränkt. Man kann nicht sagen, daß die Geschäfte selbst durch die Umstünde, unter denen sie geführt werden, Schaden nehmen, und es muß andererseits ledem ernsten Be- urtheiler fern liegen, aus dem gegenwärtigen Zustand Schlüsse zu ziehen, die etwas Verletzendes für den greisen Fürsten Hohenlohe haben könnten. Die in langen Jahrzehnten unter oft schmierigen Verhältnissen bewährten Eigenschaften des Reichskanzlers sichern ihm die Achtung und Anerkennung rn allen politischen Lagern, sodaß es keineswegs der Rücksicht auf seine hohen Jahre bedarf, um ihm zu geben, was lhm gebührt: verdienle Werthschätzung. Es ist denn auch, abgesehen von einigen zu gequältem Humor aufgelegten rechte- stehenden Blättern, nirgends bisher, versucht worden, d,e allerdings eigentjümliche Lage kn bequem sich darbietender humoristisch sein sollender Manier auszunutzcn. indessen kann an der Thatsache, di- auch ohne, weitere Beziehung zu den persönlichen Momenten ihre starken Sonderbarkeiten hat, unmöglich auf die Dauer stillschweigend voruber- geaangen werden. Vom rein formalen Standpmckt ans betrachtet, ist ja Alles in guter Ordnung. Der Staatssekretär des Auswärtigen ist der Vertreter beS Reichskanzlers wie es die anderen Staatssekretäre m ihren Ressorts' auch sind, und wie bisher, kann auch ferner die Fiktion herhalten, daß die oberste Leitung der Geschäfte doch immer in den Händen des allein verantwortlichen Beamten bleibt, nur. daß diese Fiktion heute weniger denn ,e geglaubt wird. Es gehört keine besonders kühne Phantasie dazu, sich den heutigen Zustand dahin erweitert zu denken, daß statt der Staatssekretäre Reichsminister ,m Amte sind.
Eigentlich ist praktisch doch schon die Kollegialverfassung da. Die Staatssekretäre unterstehen nur dem Buch- siaben »ach einem übergeordneten Willen. Thalsüch- lich muffen sie sich in allen Fragen, die über die Ressortgrcnzcu hinansgehen, schon jetzt so miteinander verständigen, als wären sie nebeugeordnete selbständige Minister. Man sieht aus alledem: Es geht auch so. Und daß cs so geht, dies giebt der Sache ihre Wichtigkeit unabhängig von den eigenlhümlichen Umständen, die sich in dem hohen Alter des Fürste» Hohenlohe und den besonderen Gewohnheiten darbietcn, mit denen er sein Amt mehr wie ein Monarch als wie ein verantwortlicher Minister ausübt. Man muß schließlich dankbar dafür sein, wenn jetzt ein Experiment gemacht werden kann, das sich später mit Nutzen verallgemeinern und zugleich vertiefen lassen wird.
*
* Hof- und Perfonal-Uachrichten. Der Kaiser wird,
dem rllner Tngedlatt' zufolge, nach den neueslen Bestimmungen bereits am 25. d. M. von der Nordlaudrcife wieder rn Kiel eni- treffcn Der Monarch beabsichtigt, sich von den vom 28. d. M. ab mit den Llonddampfern nach China abgeliendeii Truppen persönlich zu verabschiede», zu welchem Behuf ein Besuch des Kaisers in Bremerbavcil rcsp. in Bremen in Anssicht steht.
* Graf Kallestrem. Auf Grund des hundertjährigen Be
stehens seines Majorats hat der NelchstagSvräsident Graf BaUestrem dem Vorstande des Kameradschaftlichen Vereins mitgethellt, dap derselbe altjährliche Zuwendungen aus den Ueberschuffen seines Grubenbetriebs erhalten solff Die diesjährige Zuwendung betragt 100,000 Mk, die als Sparknssen-Einlagen für die Arbeiter verwendet werden. _
Der Anfstnnd in China
Die Voigänge in China.
hd. Serlltt, 20. Juli. Die „VossischeZeitung« meldet aus London: Der Shanghaicr Vertreter des „Daily Expreß" meldet: Ein chinesischer Kaufmann habe ihm die Einzelheiten der Scene» in Peking miigetheilt, deren Augenzeuge er während der jüngsten Metzeleien gewesen sei. Darnach wurden die europäischen Frauen von den Boxern auf die Straße geschleppt, entkleidet und in Stücke zerhackt. Die einzelnen Glieder wurden unter die Menge geworfen. Einige der Frauen waren bereits todt, weiljie von ihren Beschützern erschossen worden waren. Chinesische Soldaten trugen Leichen weißer Kinder auf Speerspitzen einher, airdere Soldaten schossen daranf, bis der weiße Leib durch Blut roth gefärbt war. Manche Einzelheiten lassen sich nicht miedergeben. Der Kaufmann berichtete auch, daß rund um Peking 300,000 chinesische Truppen und Boxer, alle mit den besten und modernsten Waffen versehen, ständen. Ueberall erklärten sie den Krieg bis zum Tod gegeil alle Fremden im Innern, wie in allen Vertragshäfcn. Für jede» weißen Kopf sei eine Belohnung ausgesetzt und reiche Beute sei Allen versprochen. Besonderer Nachdruck wurde von Tuans Generalen darauf gelegt, daß di- Truppen Gelegenheit haben würden, sich der weißen Frauen zu bemächtigen.
wb. Washington. 20. Juli. Eine Depesche des amerikanischen Konsuls in T s ch i f u besagt, der Gouverneur von Schantuug
telegraphirc, er habe soeben endgültige tschr unglaubwürdige. D. R.) Nachrichten erhalten, daß die Gesandten in Peking gesund .und wohlbehalten seien und die Behörden Mittel zu, ihrer Beste,mw und Bcschütznng suchten. — Staatssekretär Hat, übermittelt. Corpeis Depesche an die amerikanischcn Gesandten und wies die letzteren an, die betreffenden Negiernngeu z» bewegen, zum sofortigen Entsatz Pekings mitzuwirke».
wb Washington, 20. Juli. Da? Staatsdeparteiwnt veröffentlicht ,olge»de Mitihcilnng: Das Staatsdepartement erließ am 11 Juli eine kurze Anfrage nach Nachrichten der amerikanischen Gesandtschaft in Peking in der bei dem Staatsdcpartcmcns gebräuchlichen Cbiffreschrift. Der hiesige chinesische Gesandte übernahm es. die Depesche dem Gesandten Conger zustellen zu lassen. ES gelang ihm. dies zu thnn. Heute Früh erhielt das Staatsdepartement folgende Telegramme des amcrikanischen Konsuls m Shanghai: Der Gouverneur von Schantung benachrichtigt mich, datz er heute eine vom 19. Jiili datirte chiffrirte Depesche des Gesandten Conger erhalten habe. Wenige Minuten später erschien mit einem Telegramm des Eisenbahn-Taotai shcug vom 20. d.M. der chinesische Gesandte Wu-ting-fang. das dieser heute Früh 8" llhr erhalten hatte, und das lautet: Ihr Telegramm ist befördert worden und ich sende Ihnen, wie gewünscht, vom Tsungli-Aamen folgende Antwort: Ihr Tclegraunn vom 15. Tage dieses Monats ist hier eingegangen (11.Juli). DasTclcgramm des amerikanischen Staatsdepartements ist dem Gesandten Conger übermittelt worden. Hier ist seine Aniwort: „In der englischen Gesandtschaft, unter fortwährendem Gewehr- und Geschutzteuer der chinesischen Truppen. Schnelle Hülfe kann allein allgemeines Massacre verhindern " Diese Antwort war in der bei dem Staatsdepartement gebräuchlichen Chiffrirschrift abgefaßt und wird von, Staatsdepartement als wahr angesehen, da Betrügereien nnter^diesen Umständen ausgeschlossen z» sein scheine». Das Staals- dcparteuiciit veröffentlicht ferner folgende Bekanntmachung: „Der Staatssekretär empfing heute Früh folgende( Depcfche des amerikanischen Konsuls in Tschifn, vom 19. >)ull, Nachts 12 Uhr, botirt: Ein Blatt aus Shanqhai behauptete, am 16. Jnlt seren alle Ausländer in Peking getödtet worden. Ich habe deswegen an dev Gouverneur telegraphirt uiid gefragt, ob diese Meldung wahr sei. Der Gouverneur antwortete, sein Kurier habe Peking am 11. Juli verlassen lind au diesem Tage feien StUe wohlbehalten gewest». Der östliche Theil der Stadt Peking sei an diesem Tage von den Aufständischen genommen worden, in der Absicht, die Ausländer zu tödten. Sobald Congers Telegramm entziffert war, wurde ein Kabinettsrath nach dem Bureau des Staatssekretärs berufen.
,ui Berlin. 2l. Juli. Der „Lokal-Anzeiger" meldet aus Paris: In leitenden Kreisen wird die durch Vermittelung des Schantunger Vicekönigs hierher gelangte Depesche dcs darin nicht niit Namen, sondern iiur mit seinem Titel bezcichneten Kauers von China als eine List Li-Hung-Tschangs angesehen. Derfelbe muß in den n Offen Tagen die von den Europäern gesteckten Limen passireu und um freies Geleit nachsuche», um über Ticiitfin hinaus- znkolnnien. Die französische Negiernng durchschaute dieses Manöver sofort und gab die einzig korrekte Antwort. Der chlnesische Gesandte erklärte sich außer Stande, über das Schicksal Pichongs Aufklärung zu geben, da die Kaiser-Depesche davon nichts enthalte. Dieses beredte Schweigen des Kaisers ist das erste osstzielte Ge- ftändniß der furchtbaren Pekinger Katastrophe.
hd Wien, 21. Juli. Auf allen hiesigen Botschaften wid an maßgebender Stell- sind keinerlei positive Nachrichten über Pie Situation in Peking eingctrossen, weshalb die neuesten dunesichen Depeschen an die französische Negiernng und an den chinesischen Gesandten in Washington als gefälscht betrachtet und als em Versuch Li-Hung-Tschangs angesehen werden, die diploinatische Situation zu verwirren und die militärische Aktion der Machte
mitä X U So„eh<M,0, 20. Juli. (Ncnter-Mclduiig.) Nach Meldungen aus Kanton sind all- tartarischen Truppen rn das Roäns-Fort und in die übrigen Außenforts verlegt worden. Einige Schwarzflaggen sind in das Hauptquartier des ^.artaiengenerals
(Nachdruck verboten.)
Streihüge durch die Pariser Weltausstellung.
Von Paul Lindcuberg.
XII.
Weitere Durchwandrrung der Straße der fremden Nationen. - Englands Schlößchen. - Belgien. — Der Pavillon Norwegens. — Die deutsche Weiinrusstellnng. — Der kvanifche Palast. — Monaco. — Schwede»,. — Griechenland und Serbien.— Rumänien. Die übrigen Pavillons.
An den ungarischen Pavillon schließt sich derjenige Englands an in ansprechend-einfacher, dabei doch sehr gefälliger Form, den englischen Schioßbaustil des 17. Jahr- Hunderts vertretend und in seiner ganzen Änlage dem Kingston-House in Bradfort am Aven nachgebildct. Auch das Innere zeigt uns ein vornehmes englisches Heim, wenig Luxus, noch weniger Blendwerk in der Ausstattung, bnfi'u ein sicherer künstlerischer Geschmack, verbunden mit einer nach deutschen und französischen Begriffen gar zu schlichten Behaglichkeit. Daneben aber welche Sauberkeit in jedem Winkel, welch sorgsame Ausführung der kleinsten Einzel- theile, welche Wohlhabenheit in den verschiedenerlei Ausstattungsstücken des täglichen Gebrauchs, dennAlles ist derart eingerichtet, daß das Haus jeden Tag von dem Punzen von Wales bezogen werden kann, dem es als Aufenthalt dienen soll, falls er nach Paris kommt. Den kostbarsten Schmuck aber erhielt der Pavillon durch eine Anzahl den englischen Museen entstammender Gemälde der besten Maler des vorletzten und letzten Jahrhunderts, darunter die Meisterwerke eines Reynolds, Constable, Hogarth, Hophner, Burne- Jones, Turner und Anderer, eine so harmonisch mit der Umgebung zusammengepaßte Sammlung, daß jeder Kunstfreund gern wieder und wieder seine Schritte hierher lenkt.
Englands Haus, so einfach sich gebend, hat's eben in sich, was man von dem benachbarten Belgien nicht sagen
kann, das dafür desto stattlicher und würdevoller, nach außen auftritt, in treuer, imposanter Nachahmung des Nalhhauses von Ondenaarde, jenes wunderbaren Bauwerks der reizvollen Spätgothik: das spitzgehcnde Dach, weithin überragt von dem schlanken Glockenthnrm, die vier Fronten mit den zahlreichen rundbogigen Fenstern überzogen wie von einem steinernen Spi^enichleier, das untere Stockwerk von zierlichen Arkaden umschlossen. Innen ist's dunkel und nnfre»ndlich, es verlohnt nicht hincinzugucken, denn belgische Zeitungen und Photographieen kann man auch anderswo sehen.
Nur aus Holz errichtet ist der Norwegische Pavillon in schmuckem, braunem Gewände erscheinend, das sich fröhlich dem luftigen Bau mit seinen Giebeldächern, den keck daraus emporst-eigenden Thürmchen, den schmalen Veranden anpaßt. Auch das Innere ist ebenso flott und ansprechend gehalten mit seiner Holz-Architektur und den sich an der Decke und den oberen.Seitentheilen ausspanneuden Fischernetzen, Tauen und Fahnen, den Dioramen der Fjords an den unteren Wänden und den mannigsacheil Gruppen ausqestopfter Thiere, unter ihnen riesige Eisbären, gewaltige Walrosse, mächtige Elche. Die Ausstellungsgegenstände, die hübsch gruppirt sind, vertreien Jagd, Fischfang und Nettung.,- wesen zur See, fle werden durch reiche naiurgeschichtiiche Sammlungen auf der oberen Gallerie ergänzt. Das Hauptinteresse erregt auch hier wieder die effektvoll mit Büsten, Bildern, rühmenden Worten in Scene gesetzte Nanfen- Ausstellung mit dem Modell der „Fram", dem leder- nmspannten Eskimo-Boot, den Hundeschlitten mw aus- gestopften Hunden des kühnen Forschers, seinem Schlafsack, endlich einem ganzen Berg ungebrauchter Konservenbüchsen. An drei oder vier anderen Orten habe ich während der letzten Jahre schon genau dieselbe Nansen-Ausstellung bewundern können; allmählich wirkt dies Zurschaustellen der Berühmtheit und diese Konservenbüchsen-Reklame doch sehr lächerlich und ist eines so ernsten, tüchtigen Mannes wie Nansen unwürdig.
gelegt MoSchwärzflägg en mit ihrem Führer befinden' sich in
Dck4 sich an den Norwegischen Pavillon anschließenden Deulscheu Hauses ist ja bereits in einem besonderen Aufsatz gedacht worden. Hinzuzufügen ist, daß seit Kurzem die deutsche Wein anSstellung eröffnet worden ist, wie es sich gehört, in einem kellerarligen Raum, der sich neben dem deutschen Weinrestaurant befindet. „Weinausstellnng" ist eigentlich etwas Diel gesagt, richtiger ist: Fässer- und Gläser-Ausstellnng, denn darauf läuft die ganze Sache hinaus: in einem merkwürdig kleinen Gewölbe, dessen obere Wandflüchen mit einem Bacchuszuge und Rhein- wieMosel- landschaflen hübsch bemalt sind, sicht man die schon- geschuitzten, wappenverzierten Vorderseiten von sechs großen Fässern, die den Weinbau von Württemberg, Hessen. Bayern, Elsaß-Lothringen, Baden, Preußen vertreten, und in zwei Schränken eine beträchiiiche Zahl von Weingläsern (von L. Felmer-Mainz), welche sehr geschickt und originell römischen, fränkischen und mittelalterlichen Gläsern nachgebildet sind und viel Beachtung erwecken. Ach, jvle hilbsch müßten sich daraus an einem so heißen Sommertage all die guten Sorten kosten lassen, solch Winkeler Hasensprung, oder Steinsberger Riesling, ein flüssiger Josephhöfer oder gar Schloß Johannisberger Kabinettwein, jene edlen Gaben, die der dicke Reichs-Kalalog protzeuhaft in langer Reihe ausführt. Aber vergeblich wetzt man sich danach die Zunge. Diese ganze Weinausstellnng ist nur eine Altrappe — und was nützt dem Dursiigeil die schönste Etikette, wenn nichts in der Flasche ist! Wer prvbiren will, der thue Geld in seinen Beutel (aber nicht zu knapp!) und gehe einige Schritte weiter in das deutsche Weinrestaurant, ich glaube, gegenwärtig der einzige Ort in Paris, wo am wenigsten deutsch gesprochen wird, denn die vornehmste französische Gesellschaft hat von diesen ebenso geschmackvoll wie behaglich auSgestatteten Räumen Besitz ergriffen und tafelt hier tont liebsten und ausdauerndsten. Ärmer deutscher Fremdling, der Du zur Dinerzeit Lust nach einem guten Tropfen (und
