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1. SeUage Mm Wiesdaüener Tagblatt.

Ko. 330. Morgen-Ausgabe.

Donnerstag, den 19. Juli.

48. Ia!)rgang. 1900.

(52. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

XXXl.

Auf Grünmeide.

Roman von K. H'akmv-Z'aysen.

Ihr fieberhaft aufhorchendes Ohr hörie den eiligen Fuß des Verfolgers in unablässiger Gleichmäßigkeit hinter sich. Immer dachte sie, der Augenblick würde kommen, wo er seine hageren, sehnigen Arme nach ihr ausstrccken, sie festhallcn würde mit der zermalmenden Kraft, mit welcher er vorhin den Baum geschüttelt. Was er für Ideen verfolge, darüber war sie gar nicht fähig, nachzudenken, nur im Stande, den einen Gedanken zu fassen, nach Menschen ansznspähen, da sie instinktmäßig fühlte, daß ihr irgend eine gräßliche Ge­fahr drohe. Bis in die Schläfen hinein klopfte ihr das Herz, ihre Brust athmete schwer und mühsam u!>d der Fuß wankte zuletzt unsicher über die Sträuchcr des Bodens. Sie stand athemlos still, denn das Wiescnthal war nun durch­schritten, ins Endlose vor sich, erstreckte sich die baumlose, menschenleere Haide, oder gehörten jene schattenhaften Um­risse einer menschlichen Gestalt, die weit ab, im fahlen Lichte des Abends, sich gegen den Horizont abhoben? Sie wollte rufen, ihre Stimme zu lautem Hülfegeschrci erheben, aber der Ton erstickte im Entstehen. Wie eiserne Schrauben hatten sich die Finger des Wahnsinnigen um ihr Hand­gelenk geschlossen.

„Still, kein Ton, kein Wort," rief er. „Ich wollte Ihnen ja erzählen, — sagen, — zeigte ich Ihnen nicht vorhin vom Thurm herunter den hellglänzenden Wasser­streifen? — das Meer ist es nicht, — das Meer liegt zu weit. — Aber den Weiher werden mir erreichen, heute noch — bald, bald! — Fürchten Sie sich vor Wasser? — Nein, Sie fürchten nur Flammen, sagten Sie nickt so? — Still! hörten Sie nichts — eine Stimme, ein Nus? Ter alte Narr! hier sucht er mich nicht. Und es wird dunkel, der Abend ist da."

Marietta hatte auf das Durcheinander dieser Reden kein Wort der Erwiderung über die trockenen, zitternden Lippen bringen können. Ihre Augen irrten mit dem Ausdruck sinn­loser Angst zurück, wo auch sie eine rufende Stimme zu vernehmen geglaubt. Es war ein Jrrthnm. Auch jene Schattengestalten, die sie vorhin in der Ferne bemerkt, schienen verschwunden zu sein oder das Dunkel hatte sie ein­gehüllt, denn der Wahnsinnige hatte Recht, .der Abend war da. Die Ferne versank mehr und mehr in ungewisse Linien; schwarz, unheimlich hob sich seitwärts, wie ein riesiger Koloß, der Wald, hinter welchem die Sonne gesunken, von dem Westen ab. Nachtfalter, Fledermäuse huschten schattenhaft über die Häupter, für das zirpende Heimchen im Grase er­hoben sich andere Stimmen. Das Käuzchen mit seinem einförmigen Geschrei, andere Nachtvögel in Menge, in der Höhe der schwache Sckrei des Kranichs, schwächer noch und ferner her der Ruf der Unken vom Weiher.

Nicht lange mehr und Alles, auch das Nächste versank in Schwarz und Schatten, doch von Osten her, da, wo wolkenbelastet der Himmel ein aufziehendes Gewitter zeigte, zuckte manchmal eine kalte, heißrothe Flamme ans, intensiver und begrenzter, je dunkler das Gewand des Abends wurde.

Dann lag die Haide auf Sekunden im Feuerschein, und aufglänzend zeigte sich näher und näher der Spiegel des düsteren Wassers und auf Augenblicke das von wilder Leidenschaft verzerrte Gesicht des Irren.

Marietta wußte es jetzt, daß sie von der Hand eines Wahnsinnigen an das versteckte Gewässer des Weihers ge zogen wurde.

Es lag Reimer heute wie ein schwerer Druck vor der Stirn und im Gemüth. Nicht nur die erregte Stunde in seinem Zimmer vor deni Ritt nach dem Vorwerk war es, die ihn'in der Erinnerung schmerzlich beschäftigte, cs ge­sellten sich ganz gestaltlose, aber beängstigende Ahnungen dazu, die ihn, den nichts weniger als sentimenialcn Mann beunruhigend verfolgten. Er verfrühte daher de» Heimritt, auch weil ihm sein wetterkundiges Auge ein in der Ferne langsam aufsteigcndes Unwetter zeigte, und bald nachdeni seine Leute und Arbeiter von den Feldern zurückgekchrt, langte auch er ans Grünweide an.

Er saß ab und beabsichtigte eben ins Haus zu treten, als ihn ein eigenthümlichcs Geräusch in der Nähe aufhorchen machte, das sich nun deutlich als ein Klopfen hcrausstellte. Mit wenigen Schritten war er am Erdgeschoß des Thurmes. aus dem zu seiner Verwunderung die rufende Stimme des alten Christian erscholl. Die verschlossene Thür konnte nicht geöffnet werden, da der Schlüssel fehlte; er war daher ge- iiöthigt. die von außen eingehakten Jalonsieen zu öffnen, um den Alten ans seiner seltsamen Lage, für die er nicht so­gleich eine Erklärung finden konnte, zu befreien.

„Nun," rief er verstimmt, als der Alte durchs Fenster stieg, um ins Freie zu gelangen, „wer mag Dir den Streich gespielt haben, alter Christian? — Dich wird die drückende Schwüle müde gemacht, Du wirst geschlafen haben und — nun, was ist da?"

Christian hatte, während der Gutsherr sprach, die äußere Thurmthür zurückgeschlagen und deutete mit einer Gebcrde des Schreckens auf die'angelehnte Treppenthür, welche zu jeder Zeit von ihm geschlossen gehalten wurde.

„Die Thür offen und die meinige verschlossen — was hat das zu bedeuten, Herr Reimer?" sprach er verwirrt.

Reimer wechselte die Farbe.

„Du denkst, daß Herr Gottfried dies gethan? — Hast Du etwa die Thür zu schließen vergessen, wie damals. Du wirst Dich entsinnen, beim Brande —?"

„Nein, beim heiligen Gott, nein," rief der Alte außer sich, „ick hing den Schlüssel draußen an,_ es muß Jemand von außen in den Thurm gedrungen sein. Aber warum mich einschließen?"

Er befand sich bereits auf der Treppe, um nach Oben zu eilen, aber Reimer überholte den allen erregten Mann.

„Gottfried! Gottfried!" rief er. Keine Antwort erfolgte, daS Arbeitszimmer war leer und in dem einige Stufen höher gelegenen Kabinette wurde der Gesuchte nicht angetroffen.

Nun eilte der Gutsherr auf die Zinne. Auch diese war leer.

„Entflohen!" kam es zitternd über die blassen Lippen des erschreckten alten Dieners, „vielleicht in den Garten. Herr Reimer, — mein Gott, was fehlt Ihnen? Es ist ja keine Gefahr dabei, mir werden ihn wiedcrfinden, ich kann unmöglich lange geschlafen haben, freilich, ich habe lange geklopft und gelärmt. Niemand hörte mich, — was ist Ihnen? — was —" . ^ .

Er kam nicht weiter. Ihm erstarb das Wort auf der Lippe, er wurde ebenso fahlblaß wie der sonst so nerven­starke, unerschrockene Mann, der dem Tode noch kürzlich mit dem ganzen Muth und völliger Selbstvergessenheit ins Ant­litz geschaut, als es galt, ein Menschenleben zu retten, und jetzt die hohe elastische Gestalt fast kraftlos gegen die Thurm- wand lehnte, das Auge in starrem Entsetzen auf den Sockel der Marmorstatue gerichtet. Dort, auf grünblttttrigcm Epheu, zwischen Rosen und Myrten, lag ein weißer, runder Mädchen­hut, dessen Helle Bänder an die Gestalt der friedvoll

lächelnden, vom Abendlicht himmlisch bestrahlten Psyche

hinaufflalterten. ,

Es herrschte eine sekundenlange, entsetzliche Stille. Die Gedanken der Beiden trafen zusammen, erzeugt wie in einem Kopfe.

Dann fuhr Reimer auf, trat an die Brüstung und, den Arm ausstrcckend, sprach er heiseren Tones: „Da hinaus — glaubst Du anderes?"

„Aber, wie mag das gekommen sein?" fragte der Alte. „Um Gottes Willen, keine Fragen, kein Zögern. Wir wisse», es ist geschchcu, das ist genug —"

Er war die Treppe hinuntergestürzt; unten im Erdgeschoß blieb er, die Hände an die Stirn gepreßt, stehen.

Mit ihr! mit ihr!" murmelte er. „fort — vielleicht —" er konnte den Gedanken nicht ausdenken. „Alter Christian," rief er außer sich, „denke einmal für mich, ich bin wie von Sinnen, — was zuerst thun, wohin znerst —"

Diese Fassungslosigkeit dauerte indessen nur Augenblicke, als er bemerkte, daß der alte Diener eine nicht minder rath­lose Verzweiflung zeigte. Zeit durfte nicht verloren werden. Reimer konnte wissen, wohin die kranken Geistesideen den

welchem Ort dem geliebten Der Weg dahin mußte den wenn — es nicht bereits zu

kranken Bruder geführt, an Wesen Gefahr drohen könne.

Beiden abgeschnitten werden, spät geworden.

Er trat auf den Hof hinaus und sein Blick flog mit Blitzesschnelle darüber hin. Soeben trat der Stallknecht, der sein Pferd abgesattelt, aus dem Pfcrdestall. Reimer befahl ihm, sogleich wieder zu satteln, und als der Mann zögernd fortging, wiederholte er den Auftrag, heftig, herrisch, wie dieser seinen Herrn sonst niemals hatte sprechen hören; dem alten Christian aber sagte er, er möge ini Wagen folgen, er selbst ginge voran, nehme den Weg über die Felder nach Haide und Wald, seine Unruhe gestalte ihm nicht zu warten.

Und Reimer schritt fort, fliegenden Fußes, die Lippen zusammengepreßt, mit dem Ausdruck höchster Seclenangst in den farblosen Zügen. Draußen im Dorf begegnete ihm der Volontär.

„Wo kommen Sie her?" rief er ihm mit harter, trockener Stimme entgegen.

Bohne wollte langsam und umständlich antworten.

„Um Gottes Willen. Mensch, antworten Sie schnell, verständlich," rief Reimer aufgeregt, heftig. „Sind Ihnen Menschen begegnet? ich meine, — haben Sie Fräulem Marietta Tonelli gesehen?"

Bohne starrte ihn befremdet an.

„Allerdings, ja, — vorhin," stotterte er, „in der Ent. fernung, mit Ihnen, nicht wahr?"

„Wo. frage ich!" rief der Gutsherr. Er mußte an sich halten, seine Hände ballten sich krampfhaft, den^ jungen Menschen mit seinem gleichgültigen, ruhigen Gesichte zu schütteln. Vermehrend hingen seine Blicke an den Lippen des Phlegmatischen,' als könne er dort die Worte ablesen, die er

zu hören fürchtete. , „ m „

„Auf dem Weg, der durchs Wicsenthal geht, dem Walde

zu, ich —" , „ , _ ci

Reimer hörte die Schlußworte nicht mehr. Er mar fort-

gceilt. Der Weg durchs Wicsenthal, er wußte es, wohin der führte, aber cs war von dort eine weitere Strecke zum Walde, als die schräge Richtung vom Dorfe über die Felder. Er hatte dies bald hinter sich, ihm freilich dünkte es endlose Zeit.

(Fortsctzung folgt.)

Lolcal-Sterbe-Versicherunfls-Kasse.

Samstag, de« 21. Juli d. I., Abends 8-/- Uhr, im „Deutschen Hof", Goldgasse:

General-Versammlung.

Tagesordnung: 1. Vorlage der Rechnung für 1. Halbjahr 1900;'2. Bericht der Rechnungs-Prüfungs- Commission für 1699 und Entlastung des Cassirers;

8. Sonstiges. , ^ «> r , s 325

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