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** Jahrgang.

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Verlag: Langgasie 27.

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Abend»Ausgabe«

Die Aufgabe der Mächte in China.

Gleiches Leid eint weit schneller, als gleiche Freude! Wir wollen hoffen, daß dieser alte Erfahrnngssatz sich auch bei dem Verhalten der Mächte gegenüber China bewahrheite und daß aus dem entsetzlichen Blutbad in Peking wenigstens ein Gutes hcrvorgchcn möge: die rückhaltslost Einigkeit der Mächte, die bisher nur zu sehr vermißt werden mußte. Das furchtbare Gemetzel in Peking bildet eine Herausforderung an alle Staaten, an die gesammte civilisirte Welt, und diese Welt wird jetzt zu zeigen haben, daß sie stark und einig genug ist, um die Civilisation gegen die Bedrohung durch die gelbe Rasse zu schützen.

Nur durch eine rücksichtslose Einigkeit der Mächte, nur durch den entschlossenen Willen jeder Macht, die für sie verfügbaren Streitkräfle nnqesüumt in Aktion treten zu lassen, kann an eine baldige Niederschlagung des Aufstandes gedacht und die Ausbreitung desselben über das ungeheure Riesenreich verhindert werden. Diese Gefahr aber liegt vor, denn nicht nur in der Mandschurei, sondern auch in anderen Theilen des Reiches ist der Aufstand in voller Entfaltung begriffen und selbst im Süden, der bisher .verhältnißmäßig ruhig war, erhebt die aufrührerische Bewegung ihr Haupt. Es ist Gefahr im Verzug, eine ungeheure, eine unabsehbare Gefahr, der nur durch ein schleuniges Zusammenraffen aller irgendwie verfügbaren Kräfte mit Erfolg begegnet werden kann.

Hierbei aber fällt Japan zunächst die.erste Rolle zu, denn dieses ist am schnellsten in der Lage, stärkere Truppen­massen nach China hinüber zu werfe». Es wird Sache der Diplomatie sein, die Japaner zur Abscndung größerer Streitkräfte zu veranlassen. Und Japan wird sich nicht weigern können, einem solchen Verlangen nachzukommen, denn wenn es angesichts der jetzigen Lage ein Händeln und Feilschen um dasHonorar" für diese Leistungen beginnen wollte, so würde die Kulturmission, die zu erfüllen es be­rufen zu sein behauptet, in einem eigenthümlichcn Lichte er­scheinen. Der Preis, der Japan zu Theil werden wird, wird sich von selbst ergeben in Gestalt eines größeren und entscheidenden Einflusses auf. die ostasialischcn Angelegen­heiten. Diese Verstärkung der Position Japans ergiebt sich ganz von selbst durch den Niedergang Chinas, und wir find die Letzten, welche den Japanern diesen Erfolg mißgönnen wollen.

Aber wenn auch die Japaner in der Lage sind, zuerst .größere Verstärkungen nach China zu schaffe», so ist es doch ganz selbstverständlich, daß dies nichts an der Verpflichtung der übrigen Mächte ändert, sich mit allen Kräften an der gemeinsamen Aktion gegen China zu betheiligcn. Wir sagen gegen China, denn die nachgerade sonderbar erscheinende Fiktion, als ob der Krieg sich nur gegen die Boxer und nicht gegen das offizielle China richtet, wird auch Seitens der Regierungen nicht mehr ernsthaft festgehalten, wenn auch das Verlassen des bisherigen Standpunktes aus praktischen Gründen erst dann offiziell verkündet werden soll, wenn die Mächte mit stärkeren Truppenmassen in China auftreten können.

Seitdem aber die Mächte zu der Erkenntniß gelaugt sind, daß sie sich, wenn auch zur Zeit noch nicht formell, so doch lhatsächlich mit China im Kriege befinden, hat die Situation in China ein ganz anderes, ein weit ernsteres Gesicht bekommen. Die Mächte sehen sich damit einem Volke von nahezu 400 Millionen gegenüber. Und mag auch die Masse der Chinesen feig sein, so darf doch nicht übersehen werden, daß Fanatismus und Religionshaß znm Theil den mangelnden Muth zu ersetzen verniögen. Auch haben die Ereignisse in Tientsin, wo die Truppen der Verbündeten Wochen hindurch mit schweren Opfern gekämpft haben, bis es ihnen gelang, entscheidende Erfolge über die Chinesen zu erringen, gezeigt, daß diese oder wenigstens ein Theil ihrer Truppen einen keineswegs zu unterschätzenden Gegner bilden.

Schnelles Vorgehen ist deshalb »othwendig, damit der Aufruhr tiiedergcschlagen wird, bevor er die Hauptmasse der ungeheuren chinesischen Volksmasse mit sich reiht. Dieses schnelle Vorgehen aber ist nur möglich, wenn alle Mächte ihren Eifersüchteleien und Sonderbestrebnugen entsagen und sich ihrer gemeinsamen Aufgabe in China bewußt werden. Diese Aufgabe wird auch niit der Niederschlagung der chinesischen Volkserhebung nicht erschöpft sein. Zu der ParoleChina den Chinesen!" können die Mächte sich nicht mehr bekennen, denn der chinesische Staat hat das Recht der Selbständigkeit verwirkt. Es ist unumgänglich, daß der chinesische Staat in irgend einer Form, über die sich eine Einigung erzielen lassen kann, unter die Vormundschaft der Mächte gestellt wird. Diese Vormundschaft wird aber auf lange Zeit hinaus, wenn nicht für immer militärische Besatzungen in den Hanptortcn Chinas nothwendig machen. Aber nicht die Auftheilung, sondern die Erschließung Chinas muß das Programm der Mächte sein. Diejenige Macht, welche jetzt oder im späteren Verlauf der chinesischen Aktion die Frage der Auftheilung Chinas anschnitte, würde eine ungeheure Verantwortung nuf sich nehmen, denn in dem Augenblick, wo die Sondcrinteressen der Mächte auf- einanderplatztcn, könnte die chinesische Frage nur zu leicht einen Wcltbrand von unübersehbarer Bedeutung entzünden. Noch weit schwerer als der militärische ist der diplomatische Theil der Aufgabe, welche den Machtet: in China gestellt ist, und wir wollen nur hoffen, daß alle Mächte sich dieser Aufgabe gewachsen zeigen.

Der Aufstand in China.

Kerli». 18. Juli.

Die chinesische Gesandtschaft wird gleichsam unter Klausur gehalten, indem Graf Bülow ihr bis auf Weiteres verboten hat, chiffrirte oder in verabredeter Sprache abgefaßte Tele­gramme abzusenden. Offene Telegramnic aber muffen vor der Absendung dem Staatssekretär zur Genehmigung der Beförderung vorgelegt werden. Aus dieser Mittheilung geht hervor, daß der Gesandte chiffrirte Depeschen einstweilen noch ausgehändigt bekommt. Dieser einseitige Verkehr wird offenbar darum nicht gehindert, weil auf solche Weise denn doch Nachrichten aus China hergclangen können, die man zwar stets mit gebotenem Mißtrauen aufnchmen wird, die aber auch benutzbar sein könnten. Die Maßregel des

Grafen Bülow würde wirksamer sein, wen» sie in alten Hauptstädten in gleicher Weise erfolgte. Denn jetzt hindert nichts den hiesigen chinesischen Gesandten, seine Depeschen durch Kurier etwa nach Brüssel zu schicken, von wo sie mit nur 12-stündiger Verspätung ebenso gut ivie von Berlin abgehen könnten. Dw Pariser Meldung eines hiesigen Blattes, betreffend Verhandlungen der Kabinette über die Festsetzung der Kontingente für China inrt, über sonstige Einzelheiten der Vereinbarung einer be­waffneten Intervention, haben keine thatsüchliche Unterlage. Wie sich bisher schon gezeigt hat, ist keine Macht in der Bestimmung der zu entsendenden Truppenzahl beschränkt. Die falsche Meldung ist offenbar nur der Widerhall des ebenso unbegründeten Gerüchts, wonach eine Konferenz der Großmächte zur Regelung der sogenannten Vorfragen zusammentrclen sollte. Der Versuch einer Dementirung des Gemetzels in Peking durch den chinesischen Telegraphen­direktor Scheng findet hier keinen Glauben. Augen­scheinlich bedeutet dieser Versuch nur ein neues Glied in der Kette des chinesischen Systems, die Energie der Mächte in der Vorbereitung der Sühne-Expedition durch verwirrende Nachrichten z» lähmen. Scharfes Augenmerk hat man hier besonders auf Li-Hung-Tschang, dessen nun­mehr doch erfolgende Reise nach Peking in ihren Motiven wie in ihren möglichen Ergebnissen gleichnwise unklar ist. Man weiß nicht, gegen wen Lis Schwarzflaggen operiren sollen, man muß damit rechnen, daß seine Entfernung die Lage im Süden nur kompliziren wird. Die Nachricht, daß Prinz Tuau 950,000 Manu mobil mache (warum nicht gleich eine runde Plillion?), ist gewiß gewaltig übertrieben, enthält aber jedenfalls so viel thalsächlichen Kern, daß sie abermals die ungeheure Größe der den Mächten gestellte Aufgabe bciveist. lieber die Ereignisse an der russische» Grenze fehlt noch jede Aufklärung, aber auch diese Meldungen zeigen im Zusammenhang mit den Vorgängen im Centrnm und im Süden des Reichs, daß eine allgemeine Erhebung planmäßig vorbereitet worden ist und jetzt mit achtung­gebietender Offensivkraft durchgeführt wird.

Die Vorgänge in China.

wb. Brüssel, 18. Juli. Der belgische Konsul in Shanghai meldet: Die Fremden in Peking sollen zufolge Nachrichten ans chinesischer Quelle in den Palast des Prinzen Tsching geflüchtet sein. (Die Nachrichten aus chinesischer Quelle sind sehr unwahrscheinlich. Der Massenmord in Peking ist als Thatsache anzunehmcn. D. R.)

vt>. Tschifu, 18. Juli. (Ruff. Tel.-Ag.) Prinz Tnon mobilisirte bis 950,000 (?) Man», die in mebrere Corps gctheilt werden. Dos nördliche Corps bot den Befehl, die Fremden vom Amur zu vertreiben. Seine Pekinger Armee ist in vier Corps ge- theilt. 'Dos erste bot gegen Mnkden zu marschiren, ein Theil des­selben die Strotzen zwischen Peking und Shonhnikwon zu besetzen. Do« zweite Corps wird bei Tientsin, dos dritte bei Peking, dos vierte bei Nanking konzcntrirt. Ein Theil des dritten Corps wird in einer Stärke von 40,000 Mitnn gegen Wei-hoi-wci und Tsingtnu dirioirt. Noch einer Meldung on« Shonghoi ist die chiiicsische Flotte im chinesischen Meere konzcntrirt, ' wo Feindseligkeiten erwartet werden. Eine Nachricht aus Nanking besagt, dotz infolge von Befehlen des Prinzen Tnon eine grotze militärische Bewegung herrsche. Die aufständische Bewegung bemächtige sich Sndchrnos. Die Fremden in Tschnontschn und Jntschu würden angegriffen. Es herrsche eine allgemeine Panik.

(Nachdruck verboten.)

Berliner Krief.

(Von unserem eigenen Berichterstatter.)

Berlin im Sommer. Die große Leere. Ferien- Extrazug. Der Cyinakrieg und die VolkSstimmnng. Die Geisha. Rhodope.GeschmackSverflachnug. Das Neberbrett'i".

Kerlin. 15. Juli.

Dieser Tage ist der zweite Ferienzug nach Süd-Deutsch­land abgegangen, und wiederum sind die Straßen um ein gut Theil leerer geworden. Das heißt, verstehen Sie mich recht: für den Nicht-Eingeweihten, den Exoteriker, ist eine Abnahme des Siraßenverkehrs natürlich nicht merkbar. Für den aber, dessen Heimath etwa der Westen ist, und der täglich seinen bestimmten Weg zu machen hat durch be­stimmte Straßen zu bestimmter Stunde, erscheint Berlin jetzt geradezu entvölkert. Noch mehr trifft dieses Gefühl für die Anwohner der Stadt- und Vorortbahn zu, die ge­wöhnt sind, nicht bloß alle Morgen und Mittage zur be­stimmten Minute denselben Zug zu benutzen, sondern die auch ihr bestimmtes Coups haben, in dem sie jedes Mal die gleichen Insassen treffeneine Gewohnheit, die bei manchen Coupe-Genossenschaften" so weit geht, daß ein zufälliger fremder Eindringling wie ein Feind behandelt wird. In diese Coupe-Genossenschaften reißt die jetzige Zeit große Lücken. Der Kommerzienrath, der alle Morgen mit dem­selben Börsenwitz ankommt und zum Lohn dafür mit den­selben Anzapfungen alsZweig des Giftbaumes" regalirt wird, sucht jetzt auf Amrum Erholung. Der Geheimrath aus dem Ministerium des Innern, der den ganzen Winter hindurch mit dröhnender Stimme von seinen Hochtouren renommirt hat, zeigt sich nun den staunenden Bewohnern^

des Zillerthals als sportgerechter Kraxler in gemsledernen Kniehosen, Wadelstrümpfcn, Nagelschuhen und statt des würdevollen spiegelglatten Cylinders einen verwaschenen Lodenhut mit Spiclhahnfeder ans dem Kopf, statt der Akten­mappe mit dein verschlissenen Rucksack, statt des Stocks mit dem Elfenbeingriff den handfesten Bergstock in der nervigen Rechten. Der bescheidenere Rechnnngsrath, der gewohnt ist, den Erzählungen seines Oberkollegen voll stiller Ehrfurcht zu lauschen, stndirt in Spindelmühl im Riesengebirge den Unterschied zwischen dem Aktenstaub seines Büreaus und der würzigen Bergluft und stählt seinen Muth in der Vorstellung einer Besteigung der Schneekoppe über den schmalen Grat des Ziegenrückens, der ihm ein würdig Seitenstück zu dem vielgenannten Zugspitzgrat des Herrn Oberkollegen dünkt. Der reiche Rentner Meyer, dessen Ipsilon fürdas Coups" eine stete Quelle des Witzes ist, und der eigentlich nur ans alter Gewohnheit jeden Morgen in die Stadt fährt, erholt sich nebst derJatlin" wahrscheinlich jetzt bereits von dem anstrengenden Pariser Aufenthalt in Ostende, derweil seine hübsche Villa am Fichtenberg in Steglitz und der schattige Garten nur dem Dienstpersonal zur Belustigung dient. Wie gern würde der fünfte der Coupegenossen, der sich in seinem heimathlichen Steglitz die Bekannten glauben ihn in der Hohen Tatra von der Arbeit mit Klcistertopf und Scheere erholt, diesen Garten des Herrn Meyer während seines vier- wöchentlichen Urlaubs benutzen! Noch lieber freilich wäre er mit dem Geheimrath im Ferien-Extrazug nach Kufstein gefahren. Aber leider erlaubt ihm sein Etat selbst die Be­nutzung dieser so ungewöhnlich billigen Gelegenheit nicht. Sehr vielen Berliner Familien aber, denen bei dem gewöhnlichen Tarif das Hochgebirge verschlossen war, können eS jetzt bei einem Preise von einigen

dreißig Mark für die Nückfahrtkarte Berlin-Kufstein schon riskiren. Und daher sind denn diese seit einigen Jahren eingerichteten Fericuzüge auch stets bis aiff den letzten Platz gefüllt, trotzdem die Fahrzeit von Berlin bis München statt der 13 Schnellzugstundeu ganze vier Stunden mehr beträgt. Von allen Seiten kommen sie herangerollt, die Damen im flotten Reiseklcid, das Geld­täschchen nmgehängt, uiit flatterndem Stanbmantel und mit merkwürdig wenig Handgepäck, die Herren meist schon mit dem Rucksack und auf den Lippen bereits das erste Jodeln. Ein hübsches Bild, dieser Anhaltcr Bahnhof, trotz des betäubenden Lärmens und des beängstigenden Gewühles. Die traurige Wehmuth des Abschieds sucht man hier ver­geblich, denn dieses Abschiednehmen bringt keinen Schmerz, frohe Erwartung liegt auf allen Zügen, und auch Denen, die in dem glühenden Backofen Berlin ausharren müssen, theilt sich diese frohe Stimmung mit, obgleich einem jetzt Berlin ein recht wenig verlockender Aufenthalt ist.

Daß jetzt in so mancher Familie eine andere schmerzliche Abschiedsstunde schlägt, daß in den Frieden auch so manchen Berliner Heimes durch den chinesischen Krieg eine bittere Störung getreten ist, das merkt man an der äußeren Erscheinung der Reichshauptstadt nicht im Geringsten. In Spandau freilich und im kaiserlichen Proviant-Amt in der Köpenickerstraße geht es lebhaft, fieberhaft lebhaft zu. In der Stadt aber, auf den Straßen ist nichts zu spüren, daß wir uns zu einem sehr ernsthaften Krieg rüsten. Auch von einer erbitterten Volksstimmung gegen China kann man trotz aller Entrüstung über die Greuel-Nachrichten, die von den Sensationsblüttern immer noch geflissentlich grell gefärbt werden, nicht eigentlich reden. Ich glaube wenigstens, wenn eine solche vorhanden wäre, so würde die Aufführung eines