r » —a n Morgen-Veilage des Wiesbadener Tagblatts, l--■)
Nr. 92, Mittwoch» 2t. April.
(Schluß.)
Herrscher der Ozeans.
Novelle von Marcello Nogge.
Jede Mahnung Skottwells, Ruhe zu bewahren, war vergeblich, und mit Mühe und Not gelang es Ethel endlich, sich durch die aufgeregten Massen einen Weg zu bahnen und ihre Kabine auf dem dritten Deck zu erreichen. Nur ein Gedanke lebte in ihr, — ihr krankes Kind. Die Zofe hatte bereits in dem allgemeinen Wirr- warr und ersten Schrecken ihren Posten verlassen. Die Kabinentür stand offen. Außer sich und halb verzehrt von Angst am ihren Liebling stürzte die Mutter durch die schmale Nebentür. Das rosige Licht brannte dort mit gleichmäßigem traulichen Schein, und Klein-Elsie lag fest schlafend rn den Weichen Kissen. Das zarte Mündchen ein wenig geöffnet, die kleinen Fäuste geballt, ging der Atem in ruhigen tiefen Zügen auf und nieder. Ethel achtete nicht des kostbaren Kleides und sank, die Schrecken dort oben vergessend, am Bett ihres Kindes in die Knie, den Diund aus die kleinen Händchen gedrückt. Die brüllenden Signale der Dampfpfeifen, dazwischen die schrillen Bootspfiffe und das wilde Lärmen der sich in die Boote begebenden aufgeregten Passagiere, — nichts hörte sie mchr.
Wie lange Ethel neben ihrem friedlich schlafenden Kinde gelegen haben mochte, wußte sie wohl kaum an- zugÄen. Plötzlich Schritte. Die junge Frau fährt auf: — sollte gar ihr Mann jetzt kommen, nach ihr zu suchen? Sie wollte ihn nicht sehen. In dieser Stunde nicht. Eine laute, doch angenehm klingende Männerstimme schallt hinter ihr. Ein Matrose steht in der geöffneten Tür zum Kabinengang. Deutsche Laute sind es, die an ihr Ohr schlagen: „Halloh. meine Dame, nun aber man schnell. Knappe zehn Minuten, und von den: verdaminten Kasten hier ist nichts mehr übrig." Ein Schauer geht durch Ethels schlanke Gestalt. Sie antwortet in deutscher Sprache: „Ich kann nicht weg. Mein Kind ist krank!" Der Maat ist kurzerhand em- getreten und schaut gutmütig lächelnd auf die Frau und das Kind im Bettchen nieder. „Es gcht aber nicht anders. Wir werden Sie doch nicht mit der Kleinen hier elond wie zwei Ratzen versaufen lassen. Nim kommen Sie schon. — Wir packen das Kind eben hübsch warm ein." Und ehe Ethel etwas erwidern kann, hebt der bi^ere Bursch das erwachende Kind, das ihn mit großen erstaunten Augen anblickt, aus dem Kissen und wickelt Elfte in eine große warme Wolldecke, daß das Körperchen der Kleinen, die gar keine Angst zu spüren scheint und sogar ein ganz klein bißchen lacht, als er ihr gutmütig lächelnd über das zierliche Naschen streicht, fast darin verschwindet. „Nun nehmen Sie auch so ein warmes Tuch um, meine Dame", wendet sich -der Maat an die fassungslos dabeistehende Ethel, ihr ausgeschnittenes Gesellschaftskleid nachdenklich musternd. „Es wird draußen eklig kalt werden, und zwei Stunden können gut vergehen, bis das englische, Schiff hier ist, wenn sie nicht eher schon die Küste erreicht haben." Sie läßt es mechanisch geschehen, daß er ihr einen großen Schal um die Schultern legt. Alles andere muß hier
liegen bleiben. Es ist höchste Zeit. Die letzten Signal« oben an Deck niahnen zur Eile.
Der riesige Maat schreitet, das Kind vorsichtig aui dem Arm tragend, voran. Die Gänge hinauf und wieder hinunter bis zum Bootsdeck. Niemand begegnet ihnen imd die dahin eilen, haben mit sich selbst genug» zu tun. . .
Endlich treten sie durch eine Seitentür ms Frei« hinaus. Dichter Nebel schlägt ihnen entgegen. Der Lichtschein eines elektrischen Reflektors rinnt wie ein gespenstischer weißer Strom durch die unsichtige Nacht und läßt das Reeling erkennen, von dem oben die letzten Passagiere und die Offiziere das Riesenschiff verlassen. Im blassen Licht des Scheinwerfers sieht Ethel in diesen: Augenblick als eine scharfe Silhouette sich die Gestalt eines schlanken Mannes abzeichnen. Ein unerklärliches Gefühl des Schreckens und der Hoffnung zugleich durchzuckt Ethels Seele, als von dort her eine ruhig -männlichsclwne Stimme aus dem Nebel klingt: „Höchste Zeit, Klausmann! — Haben sich noch Leute unter Deck gefunden?" —
„Zu Befehl, Herr Kapitänleutnant, — eine Frau
und ein Kind."
„Gut, dann kann das -Boot hinunter."
Jetzt wendet er das Gesicht Ethel zu, und ein halb' unterdrückter Schrei entringt sich den Lippen des jungen Weibes: „Walther . . .1"
Sie ist dicht an ihn herangetreten. Auch der Offizier scheint überrascht und greift grüßend an die Mütze, „Meine Name ist allerdings Walther, gnädige Frau. — Walther Ahrensen .. ." .
„Sie kennen mich nicht mehr. Sie wisien nicht mehr damals, — drüben in Deutschland . . ." Ein Gedanke blitzt in Ethel wie ein letzter Hoffnungsschimmer auf. Sie hebt beschwörend ihre Hand, das duirkle Tuch fallt acht- los von ihren lveißen Schultern und ihr rotblondes Haar flammt im Licht des Scheinwerfers wie gleißendes Gold auf. . . ^
„Walther, bei allem, was Sie mir danrals schworen,
— bei meinem kranken Kinde, Walther, — seien Sie gnädig mit uns und diesem unglücklichen Schiff. — Ja, ich will es Ihnen in dieser furchtbaren Stunde sage in
— ich liebte Sie, Walther! — O, glaiibcn Sie nicht, daß ich wirklich schlecht war, als ich mein Versprechen brach . . . ."
Es kam ihr von den Lippen, sie wußte es selbst nicht. Nie hätte die stolze Ethel Herryman dies einem Manii gesagt, — doch noch koiinte sie vielleicht alles retten Er würde sich erbitten lassen. Mit dem feinen werblichen Instinkte hatte sie bemerkt, wie Ahronsens Augen einige Sekunden wie bewundernd über ihr Haar und ihre Gestalt geglitten waren, um die das Tuch ottf iin Tpirftfon Seewind wie ein dunkler Schatten
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Sie vermochte seine Hand zu ergreifen. Emen Augenblick lang lagen ihre Finger in den seinen, — wie damals; sie glaubte zu fühlen, daß seine .Hand ein
