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N». 32».
Fernsprecher No. 52.
Mittwoch, den 18. Juli.
Fernsprecher No. 52.
1900.
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Ans Cis nnd Trans.
(Von unserem Korrespondenten.)
Wien, 16. Juli.
Die Staatslcnker Oesterreich-Ungarns weilen zur Zeit in der Sommerfrische im grünen Ischl. Doch nicht sommerliche Erholung ist dort ihr Ziel. Herr 1)r. v. Körber und Herr v. SM haben nur der Berufung der Krone Folge geleistet. Zum letzten Male wurden jetzt in Ischl all die Mittel durchberathcn, die evcnttiell noch vorhanden waren, um das Parlament arbeitsfähig zu machen, ohne die Verfassung ändern zu müssen, lieber die positiven Ergebnisse der Jschlcr Audienzen wird offiziell wohl nichts verlautbart, aber so viel erfährt man doch, daß von einem Sprachen- Oktroi nichts beabsichtigt sei, da man die Ergebniß- ,'osigkeit derartiger Schritte eingesehen, daß man jedoch ein HauSordnungs-Okiroi projektirt, welclxS nach französischem, englischem und selbst ungarischem Muster ruhigere Bc- rathungen ermöglichen soll. DieS ist allerdings herzlich wenig, aber „freuen thut's Einem doch", wie die Wiener sagen, wenn — wenn cs nämlich zu Stande käme. Das Ucbrige — läge in der Hand der Parteien, die in neuester Zeit thalsächlich gewisse Anknüpfungen zu einander suchen. Die klerikalen und die tschechischen Parteiführer verhandeln miteinander und versuchen cs gegenseitig, einander um den Bart herumzugehen, in der bleichen Furcht, das), wenn ihre Versuche zur Bildung einer . neuerlichen Majorität Schiffbruch leiden, das ganze österreichische Parlament in'die Brüche geht. Für diesen Fall ist auch, wie ich ans bester Quelle vernehme, Hr. v. Körber mit allerhöchsten Ermächtigungen in Ischl versehen worden. Und auch die Berufung Herrn v. SMS war auS diesem Gesichtspunkte erfolgt. Der ungarische Kabiuetlschef sollte den Monarchen bezüglich der Folgen der Auflösung des Wiener Parlaments, was Ungarn betrifft, beruhigen. Dies soll dem ungarischen Premier übrigens nicht vollkommen gelungen sein, denn eS ist gewiß, daß die ungarische Opposition eine Aendcrung der österreichischen Verfassung zum Ausgangspunkt der heftigsten staatsrechtlichen Angriffe und Kämpfe machen würde. l)r. v. Körber hat also wohl die Auslösung des NcichSralhcs in der Tasche, aber er hat zugleich die gemessensten Ordres, 'Alles aufznbietcn, um von der Ermächtigung zur Auflösung keinen Gebrauch machen zn müssen. Auch das heißt man bei uns in Oesterreich: Die Politik der starken Hand. Uns aber will es erscheinen, daß diese Politik viel besser mit dem Wo»te zu kennzeichnen wäre: „Wasch mir den Pelz und mache mich nicht naß! . . . ." Es verlautet, der Monarch habe jetzt wieder in Ischl gesagt:
„Nur keine Erschütterungen l. Ich will Frieden,
nichts als Frieden!" Dieser so löbliche Wunsch des greisen Fürsten ist wohl Jedermann verständlich, wie aber die Operation an dem schwerkrankcn Oesterreich vollzogen werden soll, ohne daß man das Messer an die Wunde setzt, das ist eine Frage, über die sich auch die geschicktesten Herren Eonstliarii wohl vergeblich die Köpfe zerbrechen würden, und man fern» also auch in diesem Falle nichts Klügeres sagen, als das übliche: Gott besscr's!
(Schluß.) (Nachdruck verboten.)
Die Geschichte von Ki-Kmrg-Tschang.
Von 6. Loguitz.
Li-tzung-Tschang und die Kaiserin-Wittwe Tsi-Thsi.
Es war im Januar 1875. Der Sohn der Kaiserin, der junge Kaiser Tung-Ehe, lag todtkrank, als sich eine mächtige' Partei, wozu auch mehrere Mitglieder des Kaiserhauses gehörten, bildete mit der Absicht, die Kaiserin Tsi und ihre Freunde zn stürzen, sobald Tung-Ehe die Angen geschlossen. Die Kaiserin erfuhr es und sandte sofort eine heimliche Botschaft an Li in Tientsin. Dieser brach sogleich in aller Stille mit 4000 europäisch ausgebildetcn Soldaten nach Peking auf und stand nach Verlauf von 36 Stunden um Mitternacht vor dem Thor der Stadtmauer, wo die Kaiserin-Wittwe nach Verabredung einen ihrer Anhänger als wachthabenden Kommandeur eingesetzt hatte. Mit allen Vorsichtsmaßregeln marschirte Li mit seiner Garde lautlos in die Stadt, empfangen von den Dienern der Kaiserin, die ihm den Weg nach den Baracken zeigten, wo die verdächtige Abtheilung der Garnison sich aufhielt. Ohne Widerstand wurden die Soldaten entwaffnet und gefangen genommen, ebenso mehrere Führer der revolutionären Partei. Die Ueberraschung war vollständig und als Tung- Ehe am 12. Januar starb, wurde der Neffe der Kaiserin- Wittwe. ein Kind von 4 Jahren, unter dem Namen Kuang- tzsü zum Kaiser proklamirt. Nachdem dies geschehen war, marschirte Li-tzung-Tschang mit seinen Truppen in der Stille der Nacht wieder nach Tientsin zurück. Alles war
Der Aufstand in China.
Kerlin, 17. Juli.
Das furchtbare Wachsthum der aufständischen Bewegung in China läßt kaum noch die Hoffnung auf Lokalisirung zu. Jede neue Nachricht bedeutet gleichsam ein Glied in der entsetzlich logischen Kette einer gewaltigen Erhebung des chinesischen Volksgeistes gegen die Fremden, und das Bedrohlichste ist, daß die höchsten Beamten des Reichs beinahe durchweg (vielleicht sollte man besser sagen: ausnahmslos) als Träger dieser nationalen Erhebung gellen müssen. Bisher war man in verzeihlicher Hoffnungsseligkeit geneigt, die anscheinend sensationell aufgeputztcn Nachrichten Londoner Blätter über die Einzelheiten der Entwickelung der Dinge als Ucbertreibungen abznlehnen, aber inzwischen hat sich leider hcransgestellt, daß so gut wie Alles, was diese Blätter nnd Telegraphenbüreaus gebracht haben, durch die Wirklichkeit eher noch überlroffen worden ist. So muß denn befürchtet werden, daß das bisher noch nicht Bestätigte ebenfalls seine böse Bestätigung erhallen wird. Wenn die Viceköuige der mittleren Provinzen bereits den Anschluß an den Aufstand gesucht haben, wenn die Boxer sich in starken Massen nach dem Süden wenden, so heißt das, daß ein sorgfältig überlegter Plan jetzt ausgeführt wird, und die Befürchtung hat nur allzu guten Grund, daß auch Li-H»ng- Tschang alsbald sein wahres Gesicht zeigen und mit den Aufständischen gemeinsame Sache machen könnte. Zum Mindesten fehlt jede glaubwürdige Andentnug darüber, daß die von ihm bewirkte Entsendung von 50,000 Schwarz- flaggen nach dem Norden in fremdenfreundlicher Absicht geschieht. Vor Allem aber geht ans der laugen Verheimlichung des Blutbades von Peking durch' die Groß- würdcnlräger hervor, daß diese Männer sich genau bewußt waren, welche» Schaden sie dadurch den Mächten zusügtcn. Denn, indem die Ungewißheit über das Schicksal der Gesandtschaften in Peking künstlich durch lügenhafte Berichte der Knstengonverncnrc erhalten wurde, konnte die Organisation des Ausstandes hinter diesem Schleier von Verdunkelungen umso planmäßiger betrieben werden, und es ist sicher kein zufälliges Zusammentreffen, daß gleichzeitig mit den Schreckensnachrichten aus Peking die Nachrichten über die unheimlich schnelle Ausbreitung des Aufstandes zu uns gelangen. Unter solchen Umständen muß die Sorge wachsen, ob cs den Mächten selbst nach Heranziehung der jetzt unterwegs befindlichen Truppen gelingen kann, dcS an Zahl so unendlich überlegenen Feindes Herr zu werden. Wie ernst diese Aufgabe, die jetzt der Lösung harrt, in militärischen Kreisen selber genommen wird, dafür liegt heute ein bcmerkenswcrthes Zengniß in einem Artikel der „Krenzzcitung" vor, der offenbar von einem Offizier herrührt. Hier wird mit schlecht verhehltem Unmuth die europäische Diplomatie, und zwar nach den Darlegungen im Rundschreiben des Grafen Bülow, wiederholt beschuldigt, gerade keine glänzende Voraussicht bewiesen zn haben; jetzt aber müßten die Armeen wieder gutmachen, waS in Peking kurzsichtiger Weise unterlassen worden ist. Selbstverständlich ist nicht zn befürchten, daß solche Stimmungen die Energie der deutschen Kriegführung irgendwie beeinträchtigen werden, aber erfreulich ist es wahrhaftig nicht, daß Derartiges ausgesprochen wcrden kann. Umso angenehmer wirkt es dann wieder, daß dieser Militär davor warnt, die deutsche Aktion
so heimlich vor sich gegangen, daß nur die an dem Staatsstreich direkt Jntercssirtcn von den Ereignissen in Peking erfuhren. Ein Bürgerkrieg oder wenigstens eine blutige Palastrevolution war abgewcndet, des Vicekönigs Ansehen hatte eine ungeheure Höhe erreicht nnd hätte Li-Hnng- Tschaug es gewünscht, würde er sich mit Leichtigkeit auf den Thron gesetzt haben. Das wußte die Kaiscrin- Wittwe und zur Belohnung für seine Treue hat sie stets ihre mächtige Hand schützend über sein Haupt gehalten.
Li-Hnng-Tschang seit dem Japanischen Krieg.
Zwanzig Jahre vergingen, bis wieder eine ähnliche Winternacht kam, es war im Krieg mit Japan.
Nie war China so von militärischen Kapazitäten entblößt wie damals. Die im Aufstand der Taipinger und gegen Turkestan siegreichen Führer hatten den Drachen bestiegen und waren gen Himmel gefahren, nur Li-Hnng-Tschang lebte, überbürdet mit Verwaltungspflichtcn und zn alt, mit Heer und Flotte, seinen eigensten Schöpfungen, ins Feld zn ziehen. Das Vorgehen der Japaner auf Korea brachte endlich Li-Hung-Tschangs zahlreiche Neider und Feinde in die Front der Pekinger Hofkreise. Der allmächtige Satrap, der sich stets von der Arena der Palastintriguantcn — dem glücklichen Jagdgrund der Konkubinen — ferngehakten und das chinesische Staatsschiff durch die gefährlichen Klippen der brandenden See gesteuert hatte, sollte gestürzt werden, weil er sich allzuhoch über die Pygmäen in der Nähe des Kaisers erhob. Trotz der Anstrengungen der Kaiserin-Wittwe gelang es den alten stockkonservativcn Bürcankraten in Peking, ein kaiserliches Dekret zu
über Dasjenige hinaus fortzusetzen, was zur Wahrung der verletzten deutschen Ehre allerdings nolhwcndig ist.
Taku und Tientsin.
red. Kvttd«»», 17. Juli. Das „Reuter sehe Bureau" meldet aus Tientsin vom 13. d. M.: Alle verbündeten Truppen, ausgenommen die zum Schutz der Niederlassungen gebrauchten Schutzmannschaftcn, griffen gemeinsam die Chinesenstadt und die schweren Geschütze der Chinesen im Osten an. Bei Tagesanbruch eröffncten 42 Geschütze der Verbündeten das Feuer ans die Sladt und richteten furchtbare Verheerungen an. Große Gebäudekomplcxe geriethen in Brand, fast alle Geschütze der Chinesen in der Stadt wurden zum Schweigen gebracht. Gleichzeitig griffen 1500 Russen, unterstützt von kleineren deutschen und französischen Truppenkörpern, 8 Geschütze des Feindes, die er im Osten der Stadt an der Einbettung der Bahnlinie ausgestellt hatte, an. Die Geschütze wurde» genommen, ebenso eine Befestigung, die der Feind errichtet nnd mit fünf Kanonen versehen halte. Ein Magazin wurde von den Franzosen in die Luft gesprengt. Zu gleicher Zeit machten alle verfügbaren britischen, amerikanischen, japanischen und österreichischen Truppen, denen sich die übrigen Franzosen anschlossen, einen Vorstoß und griffen das Westarsenal von Neuem an, das die Chinesen nach der kürzlichcn Niederlage wieder in Besitz genommen hatten. Nach dreistündigem, bisher dem erbittertstem Kampf, gelang cs durch das ununterbrochene Feuer der japanischen, britischen und französischen Feldartillerie und die britischen Maschinen- gcschützc, den Feind zn vertreiben. Nachdem das Arsenal geräumt war, gingen die Amerikaner, Franzosen, Japaner und die walisischen Füsiliere auf die Chinesenstadt vor. Es bestand die Absicht, die Sladt durch einen konzentrischen Angriff aller Truppen zu nehmen. Die japanische Infanterie und Artillerie gelangte, unterstützt durch Amerikaner, französische Infanterie und britische Verstärkungen, an die Stadtwälle. Da ein sofortiges Eindringen in die Stadt unmöglich war, lagen die Truppen davor. Morgen steht ein neuer Angriff bevor. Die Verluste der Verbündeten sind änßcrst schwer. Besonders litten die Franzosen, Amerikaner und Japaner. Einzelheiten sollen morgen bekannt gegeben werden. Der Feind hat augenscheinlich kein rauchloses Pulver mehr, er schießt mit gewöhnlichem.
1,6. Kerliit, 17. Juli. Die verschiedenen Gerüchte über die Erstürmung Tientsins am 13. d. M. werden durch ein vom Gc- schwader-Chef aus Taku an die hiesige amtliche Stelle gesandtes Telegramm wie folgt ergänzt: Alle Forts von Tientsin sind bis auf eins genommen. Auch dieses letztere dürfte nicht niehr lange widerstehen können, da die unterwegs befindlichen russischen Geschütze sehr bald eintreffen müssen. Nack, der Einuahuic von Tientsin soll der Angriff auf Peking vorbereitet werden. — Auch in den maßgebenden Kreisen erkennt man jetzt au, daß der einzige Unterschied zwischen den chinesischen Soldaten und Boxern lediglich in der Kleidung zu suchen ist. — lieber diplomatische Verhandlungen wegen der Ernennung eines Oberbefehlshabers für die europäischen Truppen in Ostasicn ist, wir wir zuverlässig erfahren, hier nichts bekannt. — Von Taku ist eine kleine Äbtheilung deutscher Truppen nach Kiautschou zurückgesandt worden, um dortige» ctivaigen NuIMörnugcu ztworzukommen.
Korrdsrr, 17. Juli. Der „Daily Mail" werden, nach der „Franks. Ztg.", ans Shanghai vom 16. Juli Abends folgende Einzelheiten über die Schlappe der Verbündeten bei Tienlsin gemeldet: „Das Gewehr-und Geschütz- fcner der Chinesen war während -der letzten Tage so andauernd, daß die Kommandanten der Verbündeten znsammen- kamen und beschlossen, die nminancrte Chinesenstadt zu
erhalten, das den Zweck hatte, den alten Patrioten daran zu erinnern, daß er nur ein Unterthan sei — und nicht ein Sohn des Himmels. Das Dekret, vom 17. Scpt. 1894 dalirt, demselben Tage, an dem Li-Hung-Tschangs Flotte ihren ehrenvollen Kampf am Ualu ausfocht, lautete: „Als die Wo-jön (Zwergvolk, als Bezeichnung der Japaner) Korea überfielen, fanden wir ein Heer, um unserem kleinen Tribulstaat zu helfen. Die ganze Verantwortung ruhte auf dem kaiserlichen Obcrkommissar Li-Hnng-Tschang, da er die Oberleitung über die Strcitkräfte der Provinz Petschili hatte. Doch ist er nicht im Stande gewesen, mit der nöthigen Schnelligkeit zu handeln. Die Zeit ist ohne weiteres Resultat vergangen nnd daher hat er Unser Vertrauen verscherzt. Wir befehlen, daß ihm die dreiäugige Pfauenfeder und die gelbe Reiljacke genommen werden als eine milde Strafe. Es ist nöthig, daß der genannte Obcrkommissar sich auf das Acnßerste anstrengt, ein größeres Heer zn sammeln, um den Feind zu verjagen. Auf diese Weise kann Li-Hnng-Tschang wieder gut machen, was er verbrochen hat. Knang-Hsü."
Man kann sich denken, daß der alte Staatsmann diese naive Epistel mit seinem wohlbekannten ironischen Lächeln durchlas. Wußte er doch, daß von seiner Seite Alles geschehen war zur Abwendung der von Japan drohenden Gefahr. Die Befestigungswerke Petschilis, das Heer und die Flotte, die Häfen Port Arthur und Wei-hai-wei, Alles war ja die Frucht seiner unbeugsamen Energie. Aber wie sollte er allein den Kampf mit Hülfe- von unehrlichen Beamten führen? Diese Aufgabe war zu schwer und die kriegerische Macht der Japaner zu groß. Der Krieg endete
