1. Beilage nun Mieslmüener Taglilatt.
Ua. 326. Worgen-Ansgabe.
Dienstag» den 17. Juli.
18. Jahrgang. I960.
(LS. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Auf Griinweide.
Roman von K. H»akmö- H»aysen.
Statt dessen wurden hinter der Thür, welche die gewundene Treppe von dem unteren Raum abschloß, knarrende Tritte hörbar, als wenn Jemand die Stiegen nicderging, sogleich In nächster Nähe die Stimme des Irren.
„Die Thür ist verschlossen, nicht so! Ich vergaß oben den Schlüssel, suchen Sie nach Christian seinem, er wird daneben au der Wand hängen."
Marietta öffnete und stand dem Sprecher gegenüber, der flch langsam umwandte und ihr den Weg in sein Zimmer wies. Nun stand sie dort oben in dem kleinen runden Gemache, von welchem sie in ihr eigenes Hineinblicken konnte. Die fremdartige Umgebung, die Gegenwart desjenigen Mannes, dessen Bekanntschaft zu machen sie sich Monate lang gesehnt, die Erwartung und Spannring auf das, was sie hören, sehen sollte, zog sie unbewußt ans dem Kreislauf der eigenen quälenden Empfindungen. Mit großen, ernsten Augen blickte sie die interessante, hohe Gestalt des Thurmbewohners an, nicht ohne Erstaunen, denn in so unmittelbarer Nähe bot dieses wachsgelbc, von Leidenschaft zerwühlte Angesicht mit den sorrdcrbaren Augen, zu den frischen, männlichen Zügen des Zwillingsbrnders einen unendlich traurigen Kontrast/ Unwillkürlich zuckte ihre Hand zusammen, als zum Gruße sich seine kalten, hageren Finger darum legten; es tag auch etwas in seinem Blick, in seinem Ton, das sie zusammcnschaucrn machte. Doch nur auf Sekunden. Ueberall trafen ihre Blicke des Sonderbaren in Fülle. Statt in eine Gelehrtenschule zu treten, die mir Büchern überfüllt war, verrieth das Zimmer einzig die Physiognomie der sonderbaren Beschäftigung, von welchem der Besitzer gesprochen. Tiegel sah sie, mit unförmlichen Klumpen geschmolzener Metalle der verschiedensten Spccies, große und kleine Retorten von Glas, die theils in Reih' und Glied oben auf den Schränken, auch auf der Erde in den Ecken umherstanden, angefüllt fast alle mit farbigen Flüssigkeiten. Ueber bem grüntuchcnen Schreibtisch, mit dickbändigen Büchern belegt, hingen nahe dem Fenster die Bilder der berühmtesten Alchymisten des 13. und 14. Jahrhunderts, mit ihren Namen: Raininndos Lullus und Basilius Balentinns und mit leuchtend goldenen Buchstaben an dem Buchrücken das erste geschriebene Werk von Geber.
Es lag ein Hauch der Mystik, des Geheimnißvollen über Allem, selbst in dem eigenthüinlichen Geruch, der allen Dingen auhaftete. Man konnte sich einbilden, in dem Laboratorium eines Magikers zu weilen, denn auch die Figur des Bewohners paßte hinein. Das Unerklärliche, wie ein gelehrter, klarer Denker seine Zeit, sein Leben vergeuden konnte an die Chimäre des Goldmachens, lag nahe, und die Frage drängte sich Marietta aus dem Herzen über die Lippe.
Es war eine entsetzliche Frage, die wie ein Mcsserschnitr tief in die Seelenmunden des Manyes hineintraf. Er blitzte sie an mit seinen erloschenen, jetzt aufglänzenden Augen, blieb einen Augenblick stumm und sagte dann langsam und dumpf:
„Sie' fragen viel mit wenigen Worten, junges Kind- Kommen Sie, ich will Ihnen unter freiem Himmel darauf antworten."
Er trat aus dem engen Raum des Gemaches hinaus imb wollte die höher hinaufführende Treppe ersteigen, wandte sich aber plötzlich um und sagte: „Gehen Sie voran, ich folge Ihnen."
Es lag in seinem Ton und seiner Bewegung etwas unwiderstehlich Gebietendes, etwas, das Mariettas Willen beeinflußte, weshalb sie entgegnungslos that, was er ihr hieß, auch nicht darüber nachsann, wie es kam, daß dieser ernste Hypochonder zu ihr, dem jungen Weltkinde, das ihm fremd, zu ihm nur durch den verstorbenen Vater in Beziehung stand, so schnell und umfassend Vertrauen und Zuneigung erhalten, daß er gewillt war, sie in die Welt seines Geistes blicken zu lassen.
So schritt sie, unfähig zu reflektiren, wo ihre äußeren Sinne unausgesetzt in Anspruch genommen wurden, die Stufen der vielgewundenen Treppe hinan, während der Irre mit leisen, fast unhörbaren Schritten folgte.
Eine Thür trennte die offene Zinne von dem inneren Thurmraume. Als Marietta dieselbe aufschlug, strömten ihr Wcllen warmer Blüthendüfie entgegen. Trat sie in eine exotische Welt? Wie ein Märchenwunder schwebte hier in hohen Lüften, übcrschimmert von Sounengold, ein kleines Eden, ein abgerissenes Stückchen der hängenden Gärten Semiramis. Myrthe und Oleander, und der dunkle Lorbeer neigten sich über sie. Von außen her, in wildem Gerank, streckte vielarmiger Ephcu seine Ranken herüber und Kletterrosen ohne Zahl nickten ihren vornehmen Schwestern, der blassen Theerose, der rosigen Ccntifolie Grüße zu, die zwischen großen uitd kleinen Topfgewächsen sich an die Füße einer blendend schönen Marmorstatue schmiegten, ein klassisches Kunstwerk hier oben auf der ausgerisseuen Zinne des in grauer Vorzeit entstandenen Thurmes. Lachender Farben- reichthnm, wonnig süßer Duft und darüber wie eine unermeßliche blauschimmernde Glocke der Himmel, und drunten Wiesen, Felder, Häuser und Menschen, winzig klein, eine zu Füßen gesunkene Welt.
Marietta stand da mit weitausschauendem Auge, die Hand schattend darübergelegt, sprachlos, hingerissen, ergriffen. O, hier in der einsamen Höhe, wo Kunst und Natur vereinigt ineinander flösse», hierher paßte die lyrische Sprache der Geige, die in so mancher Nacht niederrauschte in ihr lauschendes Ohr. Hierher das Lied eines vereinsamien Herzens, das ihr plötzlich so ergreifend verständlich geworden!
Er lächelte mitleidig über die Frage, ob er hier Abends die Geige spiele.
„Ich die Geige spielen? Was denken Sie? Dazu fehlt mir die Zeit. Ich habe Tage und Nächte an meinen Werken praktisch und theoretisch zu arbeiten, es ist vollendet und wozu dies, das wollte ich Ihnen ja erzählen."
Marietta sah ihn sprachlos erstaunt an.
„Aber wer spielt denn die Geige, wenn Sie es nicht thun?" fragte sie.
Es machte ihn ungeduldig.
„Wer? nun, mein Bruder Reimer. Lassen wir das, es ist nebensächlich. Wissen Sie, warum-ich Sie hier heranf- geführt habe?"
Er wartete keine Antwort ob, sondern trat an die Brüstung neben das verwirrte Mädchen, und den Arm nach Westen streckend, fuhr er fort:
„Ich wollte Ihnen jenen stahlgranen, glitzernden Streifen
zeigen, der aussieht in der Ferne wie das Aufblitzen des Meeres. Sehen Sie ihn? Da, wo die dunkle Masse des Waldes sich vereng: und die Haide beginnt."
„Ja, ich sehe ihn. Was mag es sein?"
Er senkte die Stimme, die fast geheimnißvoll klang, als er erwiderte:
„Ich weiß es. Es ist der Weiher, er erstreckt sich weit in den Wald hinein, einsam und still, wie ich die Natur liebe. Kennen Sie den Ort?"
„Ja, was wollen Sie mir davon erzählen, Herr Gottfried?"
Marietta blickte noch in die Ferne, nicht auf den Sprechenden, sonst hätte sie der veränderte Ausdruck auf seinen: Gesicht, der Farbenmechsel, die weitaufgehenden brennenden Augen erschreckt, die Ahnung einer entsetzlichen Wahrheit in ihr erzeugt. Sie fand sein Wesen, seine Sprechweise auffällig, zerfahren und eigenthümlich, anders als sie cs sich vorgestellt, aber wiederum durch das jahrelang einsiedlerische Leben erklärt.
„Wenn ich Ihnen von diesem Weiher, von dem Golde erzählen sott, so er brach plötzlich ab, strich sich mit der mageren weißen Hand über die Stirn und athmete hastig: „Kennen Sie Liebe, wissen Sie, was Liebe ist?" fragte er, wie aus einem veränderten Gedankcngange heraus. ^
lieber Mariettas Antlitz strömie eine Blutwclle^. Sie wandte sich ab und die heiße Stirn an den kalten Marmor der Psyche pressend, sagte sie leisen Tones, in dem die Thränen des heutiger: Tages nachzitterten: „Ja, ich kenne Liebe, leidvolle Liebe!"
Ein Strahl milder Freude schoß auf in seinem großen Auge.
„Ah," stieß er hervor, „das ist mehr, als ich erwartete, Sie werden inich verstehen. Kommen Sie hier fort, . die Sonne, die Hitze ist unerträglich — es liegt ein Gewitter in der Luft. Wir wollen einen Gang durch den Garten machen."
„In den Garten? ich glaubte, daß Sie niemals den Thurm verlassen."
„Sellen und ohne Veranlassung niemals," sagte der Irre, — ein schneller, lauernder Seitenblick streifte die Fragende, „heute treibt mich die erstickende Schwüle hinaus. Unter Bäumen muß es kühl sein. Wollen Sie mich begleiten? Sie wissen, wir wollten von der Vergangenheit — ja, sollte ich Ihnen nicht von Tonelli erzählen?"
„Wollen Sie nicht zuvor mit Christian sprechen?"
„Ah. Christian! An Christian dacht ich nicht. Sre haben Recht, mit dem werde ich darüber reden. Warten Sie, ich bin sogleich wieder da."
Er schritt schnell der Thür zu, ehe er aber hinaustrat, wandte er sich nochmals um, als müsse er sich versichern, daß sie ihm nicht folge. ES war nnnöthige Besorgniß. Marietta lehnte, den Rücken ihm zuweudend, an der Brüstung des Thurmes. Leise aufflatternd, im ersten Luftzug des herannaheuden Abends, wehte das weiße Sommerkleid auf, — eine geisterhafte Erinnerung für den Irren. Er drückte beide Hände an die hohlen Schläfen, als könne er dadurch Klarheit in sein Denkvermögen hineinbringen, daun mit einem leisen, kurzen Auflacheu eilte er unhörbaren Schrittes die Treppe hinunter, behutsam die letzte Thür öffnend, aus der man in das Erdgeschoß trat.
(Fortsetzung folgt.)
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